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:: Wasser wird kostbarer als Gold 1/3

Umweltexperte Franz Alt schreibt in drei Folgen für "HÖRZU" über unser Lebenselixier. Er fordert mehr Hochachtung vor dem Element Wasser.

Noch leiden wir in Mitteleuropa nicht an Durst – noch nicht! Aber in Afrika sind zurzeit  15 Millionen Menschen auf der Flucht nach der nächsten Wasserstelle. Weltweit haben 1,1 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Über 3 Milliarden könnten es bis zur Mitte des Jahrhunderts werden, schätzen die Vereinten Nationen. „Wasser wird kostbarer als Gold“ ist eine UNO-Studie über die Zukunft des Wassers überschrieben. In 40 Jahren leben 9 Milliarden Menschen. Die Welt steht vor einem historisch nie gekannten Wasserdefizit.  


Wassernot ist die logische Folge des Klimawandels, den Angela Merkel „die Überlebensfrage der Menschheit“ nennt. Die globale Erderwärmung verändert auch global die Wasserkreisläufe. In Australien hat es in den letzten 6 Jahren praktisch nicht mehr geregnet. Eine ähnliche Phase erlebte Südspanien in den Neunzigern des letzten Jahrhunderts – und Schwarzafrika seit Jahrzehnten. Millionen Afrikaner beten: „Gib uns unser täglich Wasser“.


Steigende Temperaturen und in deren Folge sinkende Wasserspiegel sind die größten globalen Probleme des 21. Jahrhunderts. Doch sogar die Umweltpolitik und die Umweltverbände haben die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Wassernotstand lange verdrängt.


Schon heute sterben täglich etwa 10.000 Menschen an Wassermangel, davon 5.000 Kinder an Infektionskrankheiten, die durch unsauberes Wasser hervorgerufen werden. Das Hungerproblem ist primär ein Wasserproblem. Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Kriegsflüchtlinge. Das 21. Jahrhundert wird ein Jahrhundert der Umwelt- und Wasserflüchtlinge. Ohne Wasser ist Leben nicht möglich. 


Wasser ist unser Lebenselixier – unser Lebensmittel Nummer eins. Wasser ist das Mittel zum Leben. Ohne Nahrungsmittel kann ein Mensch bis zu 70 Tagen überleben, aber ohne Wasser keine 70 Stunden. Wir müssen lernen, uns mit dem Wasser zu versöhnen.


 Viele Menschen meinen, Wasser sei im Überfluss vorhanden. Es regne ja ständig in Deutschland: im Sommer und im Winter, im Frühjahr und im Herbst – zu jeder Jahres- und Tageszeit. Wir trinken es, waschen uns damit und schwimmen darin – ganz selbstverständlich. 


Tatsächlich ist unser Planet zu 75 % mit Wasser bedeckt. Doch der äußere Schein trügt, denn nur bei 2,6 % der weltweiten Wasservorräte handelt es sich um Süßwasser und nur 0,6 % sind nutzbar. 2 % sind in Gletschern und Polkappen und im „ewigen“ Schnee gebunden.


Seen, Bäche, Flüsse verschwinden


Die absolute Wassermenge auf der Erde ist „ewig“ gleichbleibend. Es ist immer dasselbe Wasser, über das wir verfügen. Sollten die Saurier vor 65 Millionen Jahren über ihr Aussterben Tränen vergossen haben, dann nutzen wir heute dasselbe Wasser möglicherweise in unseren Capuccino-Tassen. Und das Wasser am See Genezareth, über das Jesus vor 2000 Jahren wandelte, dient uns heute eventuell als Erfrischungsgetränk. In der Zwischenzeit kann es freilich Konrad Adenauer zum Zähneputzen gedient haben.


Heute ist der Jordan noch wichtigster Wasserversorger von Israel und Palästina. Als in diesen Fluss zum ersten Mal sah, wurde mir erst bewusst, wie klein, schmal und schwach er ist. Anderswo wäre er ein Flüsschen. Vielleicht kann bald jedermann das „Wunder“ vollbringen, über den Jordan zu wandeln, wenn er ausgetrocknet sein wird. Schon heute verschwinden auf allen Kontinenten Seen, Bäche und Flüsse.


Vom Versickern des Regenwassers in die Erde bis zum Hervorsprudeln aus einer munteren Quelle können Jahrhunderte vergehen. Das in Deutschland immer mehr genutzte Tiefengrundwasser bis zu 4.000 Metern unter der Erde ist oft Tausende, ja Zehntausende von Jahren alt. Wir haben nur ein Wasser. Schon das Wort „Abwasser“ sagt, dass wir die Tatsache des einen Wassers ständig verdrängen. Wir können Wasser nicht vermehren und auch – anders als bei Energiequellen – durch nichts ersetzen!


Aber: Der Wasserverbrauch hat sich in den letzten 50 Jahren weltweit verdreifacht und steigt zurzeit doppelt so schnell wie die Weltbevölkerung. Ohne nachhaltigen Umgang mit dem Wasser sind Wasserkriege, Wasserkatastrophen und Massensterben von Menschen, Tieren und Pflanzen programmiert. (Darüber mehr in den nächsten Folgen.) Jeder Mensch nimmt pro Tag etwa vier Liter Wasser in irgendeiner Form zu sich – aber zur Herstellung unseres täglichen Lebensmittelbedarfs werden mindestens 2.000 Liter Wasser – 500 mal so viel – benötigt. Künftige Kriege um Wasser werden auch an Weizenbörsen stattfinden.


Wasser ist eine Meisterleistung der Natur und eine einzigartige Schöpferleistung unseres Planeten. Wasser ist Leben und Urgewalt und unser ständiger Begleiter – vom Mutterleib bis zu unserer letzten Sekunde. Früher betrachteten die Menschen aller Kulturen das Wasser als etwas Besonderes, ja als etwas Heiliges. Das heißt: als etwas Heiles und Heilendes. Meere, Flüsse und Seen waren von guten und bösen Geistern bewohnt. Unsere Vorfahren opferten den guten Geistern, bevor sie einen Fluss überquerten oder eine Reise antraten. Wir Heutigen lächeln über diesen „Aberglauben“ und werfen unsere Abfälle und unseren Überfluss in Bäche, Ströme und Seen. Allein die Menschen in den USA werfen jährlich 40 Millionen Tonnen Giftmüll in das Lebensblut ihrer Erde, in das Wasser. Unsere Ehrfurcht vor den Elementen ist fast verlorengegangen. Wirtschaft, Technik, Wissenschaft und Politiker als deren Handlanger haben sich des Wassers bemächtigt. Eine Heilung des Planeten wird es ohne ein neues Wasserbewusstsein und ohne eine neue Wasserpolitik und eine neue Wasserethik nicht geben.


Wasser ist also mehr als H2O. Das wussten alle Religionsstifter, Philosophen und Weisheitslehrer aller Zeiten in allen Kulturen. Der wunderbare junge Mann aus Nazareth, vor 2.000 Jahren schon ein Ökologe, sagte: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist neu geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Ein verantwortlicher Umgang mit Wasser ist Gottesdienst!. Denen, die ihm nachfolgen wollen, rief dieser ökologische Jesus zu: „Seid Quellen lebendigen Wassers.“ Von verschmutztem und verseuchtem Wasser sprach er nicht. Pfarrer Kneipp lehrte im 19. Jahrhundert: „Aqua sanat – Wasser heilt!“


In allen Religionen ist Wasser das Symbol der Wandlung. Der junge Jesus erfährt die wohl entscheidende Wandlung seines Lebens im Wasser – bei seiner Taufe am Jordan. Erst danach trat er öffentlich auf. Wasser hatte ihn inspiriert. In allen Schöpfungsmythen war am Anfang das Wasser – dann erst erscheint das Land.


„Wasser ist das Beste“, schrieb der griechische Philosoph Pindar. Sein Landsmann Thales sagte: „Das Prinzip aller Dinge ist das Wasser; aus Wasser ist alles; ins Wasser kehrt alles zurück.“ Alle heiligen Schriften der Menschheit bestätigen die reinigende Kraft des Wassers auf Körper, Geist und Seele. Weil auch unser kollektives Unbewusstes diese tiefe Wahrheit heute noch kennt, zieht es jährlich Millionen von Menschen in den Ferien ans Wasser.


Weihwasser und Todesbote


Franz von Assisi preist in seinem Sonnengesang „Schwester Wasser“. In Afrika sind eingeborene Seher und Medizinmänner bis heute eng mit der Mythologie des Wassers verbunden. In vielen afrikanischen Dörfern gilt Wasser als „Segen Gottes“. Erst der abendländisch-christliche Fortschritt führte mit oft zweifelhaften großtechnischen Projekten zu Wassermangel und Wasserverschmutzung.


Wer auf hoher See unterwegs ist, erhält in stillen Stunden tiefe Eindrücke durch die Kraft des Wassers. Wassermassen, tropischer Regen und Dammbrüche können aber auch große Ängste in uns auslösen. Wasser kann Weihwasser sein, aber sich auch in Tsunamis austoben.


Wasser ist einmalig


Es ist zugleich Sinnbild für Kraft und Gewalt, für Güte und Hoffnung. Wasser ist zwiespältig: Dem Verdurstenden ist es Lebensrettung, dem Ertrinkenden Tod. Für die Tsunami-Opfer – meist Fischer – war Wasser erst die Bedingung ihres Berufs – aber danach brachte es hunderttausendfachen Tod.


Neben Luft und Erde ist Wasser unser wichtigstes Nutzelement. Wellen und Sonne heilen auch kranke Seelen. Aqua vitae – das Wasser des Lebens symbolisiert jeden spirituellen und psychischen Wandlungsprozess. Nach einer heftigen Ehekrise hatte ich vor dem Neubeginn mit meiner Frau einen Wassertraum. Wasser ist das Symbol lebendiger Seelenkraft. Dieser Wassertraum war mein Schlüsseltraum für die zweite Hälfte meines Lebens.


Unsere „Schwester Wasser“ ist unsere Lebensgefährtin von der ersten bis zur letzten Sekunde unseres Hierseins. Sie will gut behandelt werden. Denn sie gibt uns Nahrung und Trinkwasser, sie wäscht unsere Wäsche, tränkt Wiesen und Bäume, Blumen, Vieh und Menschen, sie trägt unsere Lasten, sie ist uns Strom und bringt uns Strom und verarbeitet – zumindest bis zu einem gewissen Grad – sogar wie selbstverständlich unsere Abfälle. Wir dürfen nur nichts übertreiben. Und exakt hier liegt heute unser Problem. Wenn das Wasser sich nicht mehr selbst reinigen kann, ist alles Leben bedroht. Solange das Wasser gesund ist, findet unaufhörlich Schöpfung statt. Hermann Hesse nennt Wasser die Stimme des Lebens, die Stimme des Seienden, des ewig Werdenden.


Für mich ist Wasser immer mit einem kleinen Bach in meinem badischen Geburtsort Untergrombach bei Bruchsal verbunden. Wasser hieß in Kindheitstagen: spielen und Sonnenschein, Abenteuer und Aufregung, Freude und Freunde, glückliche Versunkenheit am kühlen kleinen Bachlauf von Ober- nach Untergrombach; Wolken und Wunder im Wasser.


Der sechste Weltkongress für Wasserreserven richtete an alle Regierungen den schlichten Aufruf: „Schafft die Hochrüstung ab; nutzt das Geld zum Leben, nicht zum Töten.“ Der Zugang zu sauberem Wasser ist ein Menschenrecht. In Europa haben wir noch genügend Wasser, um alle Menschen, Tiere und Pflanzen ausreichend zu versorgen. Aber in welcher Qualität? Und wie lange noch? Wie könnte ein Wasserwirtschaftswunder aussehen?


Nächste Woche: Wasser in Not 2/3 mehr

Quelle:

Franz Alt 2007

Erstveröffentlichung

HÖRZU Nr. 19 | 4.5.2007

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