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:: Wachstumsdebatte: Suffizienz als Überlebensfrage

Allein mit Effizienz und neuen Technologien lässt sich das Energie- und Klimaproblem nicht lösen. Nach den gängigen Energiewende- und Klimaschutzszenarien sind bei einer geschickten Politik keine Einschnitte im Lebensstandard zu erwarten. Doch ohne den Konsum von fossilen Kraft- und Brennstoffen sowie von Fleischprodukten zu begrenzen, ist die Wende nicht zu schaffen. Auch wenn politische Mehrheiten für eine Suffizienzstrategie noch nicht absehbar sind, müssen die Grundlagen dafür jetzt erarbeitet werden. Von Manfred Linz, Wuppertal Institut.

Es ist das aufgeklärte Eigeninteresse der früh industrialisierten Länder, bis zur Mitte des Jahrhunderts eine emissionsfreie Energienutzung zu erreichen. Inzwischen ist es auch in Deutschland Konsens, dass Energie bis 2050 fast ohne Emissionen von Treibhausgasen bereitgestellt werden muss. Nur dann ist das Zwei-Grad-Ziel erreichbar. Das ist mit erneuerbaren Energien und höherer Energieeffizienz allein aber nicht zu erreichen. Dazu gehört auch die Verringerung des Energiebedarfs. Diese kann aber nur mit einer Politik der Suffizienz gelingen.

 

Suffizienz als Nachhaltigkeitsstrategie

Als die drei Strategien der Nachhaltigkeit werden gern Effizienz, Konsistenz und Suffizienz genannt. Effizienz und Konsistenz machen im Ernstfall keine Schwierigkeiten. Mehr aus den Ressourcen herauszuholen entspricht der wirtschaftlichen Logik. Auch die Vereinbarkeit von Natur und Technik in einer Industrial Ecology als Konsistenzstrategie erfreut sich großer Zustimmung und lässt sich mit der Erhaltung und Steigerung des materiellen Wohlstands verbinden.

 

Anders die Suffizienz. Sie ist auf Maßhalten, auf Selbstbegrenzung und damit auf ein weniger materiell bestimmtes Verständnis von Wohlstand gerichtet. Soweit sie nicht überhaupt als Kümmerform der Nachhaltigkeit verachtet ist, wird Suffizienz der kulturellen Dimension der Gesellschaft zugewiesen und damit der Einsicht des Einzelnen und einem allmählichen Wandel der Lebensstile. Für ihre Durchsetzung setzt man auf das Vorbild einer Avantgarde: Einige fangen an und nach und nach bildet sich die kritische Masse, die einen dauerhaften Wandel bewirkt. Nur hat sich diese Erwartung bisher nicht erfüllt. Eine sich selbst tragende Bewegung ist nicht in Sicht. Eine allmähliche Veränderung, eine auf wenigstens zwei Generationen gerichtete Erwartung kultureller Erneuerung ist auch nicht vereinbar mit der kurzen Zeitspanne, die noch zum Umsteuern bleibt.

 

Das bedeutet, dass sich sowohl die Technologie als auch das Verhalten ändern müssen. Das Nicht-in-Anspruch-Nehmen von Energiedienstleistungen muss für alle verbindlich gemacht werden. So fundamental es ist, das gesamte Energiesystem umzustellen, von Kohle, Öl und Erdgas zu lösen und auf erneuerbare Energiequellen auszurichten – darüber hinaus müssen auch Bedarf und Bedürfnisse der Menschen mit Grenzen versehen werden. Es müssen sich neue Gewohnheiten bilden. Damit wird Suffizienz zum Gegenstand politischer Regelsetzungen.

 

Die Lücken der Energieszenarien

Viele Energieszenarien gehen davon aus, dass die emissionsfreie Energieerzeugung und -nutzung in Deutschland bis 2050 ohne wesentliche Einbußen am heutigen Lebensstandard und am gewohnten Lebensstil erreichbar ist. Für die gewaltige Steigerung der Energieproduktivität und die volle Durchsetzung der erneuerbaren Energien müssten lediglich Effizienz- und Konsistenztechnologien schnell und konsequent aufgebaut werden. Wirtschaftswachstum bleibt möglich, wird sogar stimuliert, neue Arbeitsplätze entstehen.

 

Einige dieser Szenarien rechnen noch mit Atomkraft und mit CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) für die Übergangszeit oder aber mit einem problematisch hohen Anteil an Biomasse. Andere aber sind sich sicher, dass das 2050-Ziel allein mit dem Wechsel zu umweltfreundlichen Energieformen erreichbar ist. Die dafür empfohlenen Strategien sind höchst unterschiedlich. Für die einen ist die entscheidende Energiequelle die Windkraft, für die anderen die Sonne, für die dritten eine Mixtur aus allen verfügbaren Quellen. Die einen möchten den Strom möglichst dezentral erzeugen, die anderen setzen auf Großtechnik und ein mindestens europaweites Netz. Die für alle Systeme notwendigen Stromspeicher finden die einen in Norwegens Wasserkraft, die anderen in der Umwandlung von Strom in Wasserstoff oder Methan.

 

Natürlich muss ein solcher Systemwechsel stattfinden. Nur sind diese Szenarien von einer irritierenden Zuversicht und Technologiegläubigkeit geprägt. Die Anforderungen an Kapitalinvestitionen, an die Bereitschaft zu einer vollständigen Umstellung des Energiesystems, an gemeinsame europäische Lösungen sind jedoch enorm hoch. Und da müssen erhebliche Zweifel auf drei Problemebenen aufkommen: bei der Bereitstellung des Kapitals, beim technologischen Gelingen und bei der politischen Durchsetzbarkeit. Außerdem bedenkt keines der Szenarien ernsthaft den Rebound-Effekt, der allen Energieeinsparungen durch einen höheren Gesamtverbrauch entgegenwirkt.

 

Wollen die früh industrialisierten Länder am Klimaziel festhalten, müssen Effizienz und Konsistenz durch Vorgaben zum Minderverbrauch von Energie ergänzt werden. Einer solchen Politik der Energiesuffizienz stehen vor allem zwei Mittel zur Verfügung: Begrenzung und Preissteuerung. Bei allen Maßnahmen muss aber genau geprüft werden, wie stark sich der Energiebedarf damit mindern lässt und welche sozialen Auswirkungen sie haben. Die Verpflichtungen müssen die Reichen härter treffen als die Armen. Zu prüfen ist auch, was national zu erreichen ist und was nur EU-weit Sinn hat. Und es müssen für die BürgerInnen akzeptable Vorschläge sein.

 

Begrenzen und Verteuern

Das bekannteste Instrument sind die Ökosteuern, über deren Umfang, Nutzen und Ertrag, Schwächen und Auswirkungen es breite Diskussionen gibt. Bei aller notwendigen Abwägung wird die Besteuerung fossiler Energie unverzichtbar sein, wobei für ihre Akzeptanz entscheidend ist, die stärkere Belastung der sozial Schwachen auszugleichen.

 

Besonders wirksam sind Maßnahmen, die Effizienz und Suffizienz kombinieren. Der Emissionshandel bei gleichzeitig periodisch abgesenkter Obergrenze („Cap“) ist ein solches Instrument. Mit der Begrenzung verteuert der Emissionshandel die Kilowattstunde und lädt mit der kontinuierlichen Nötigung zu mehr Energieproduktivität auch zur Verkleinerung der Gefährte und Geräte ein. Entscheidend ist, dass alle Unternehmen einbezogen werden, dass die Verschmutzungsrechte zur Gänze kostenpflichtig werden und dass die Absenkung der Obergrenze nicht ermäßigt oder ausgesetzt wird.

 

Auch im Verkehr ist Suffizienz unentbehrlich, weil dort am längsten fossile Energie benötigt wird. So wird eine Begrenzung des Flottenverbrauchs der Autobauer eine maßvolle Modellpalette begünstigen oder auch erzwingen. Im Verkehr sind außerdem eine ganze Reihe von Einzelmaßnahmen suffizienzfördernd: Kerosinsteuer und Luftverkehrsgebühren, Belastung des Schwerölverbrauchs der Schiffe, Kfz-Steuer nach Verbrauch, Tempolimit, Ende des Dienstwagenprivilegs, allmähliche Reduzierung der Pendlerpauschale, wohl auch eine Pkw-Maut. Im Gegenzug lassen sich der öffentliche Nahverkehr und das Carsharing steuerlich begünstigen. Neben der Mobilität ruft vor allem die Ernährung nach Veränderung. Der Fleischverzehr bedroht die Welternährung, weil die Erzeugung von Fleisch ein Vielfaches an Getreide verschlingt. Vor allem die Massentierhaltung belastet durch den CO2- und Methanausstoß der Tiere das Klima. Aus diesen Gründen, der Ernährungssicherung und dem Klimaschutz, ist der Fleischverbrauch, der in Deutschland inzwischen bei 88 Kilogramm pro Person und Jahr liegt, drastisch zu senken. Vor allem die Produktion billigen, schlechten Fleisches muss entmutigt werden – vermutlich wohl durch eine Fleischsteuer. Und auch Milch, Käse und Eier werden von einer solchen Besteuerung nicht auszunehmen sein.

 

Noch wenig Aussichten für Suffizienz?

Zur Verwirklichung einer solchen Politik bestehen kaum gute Aussichten. Es sind ja nicht nur die Szenarien, die eine schöne neue Welt des Energiereichtums voraussagen. Die Mobilitätsindustrie meldet starke Zuwächse im Autoexport, die Fahrgastzahlen im Luftverkehr steigen. Dafür sinken die geschönten Arbeitslosenzahlen, sogar die Hoffnung auf Vollbeschäftigung kehrt wieder. Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko hat die Tiefseebohrungen paradoxerweise eher intensiviert. US-Präsident Barack Obama scheitert beim Klimaschutz, was auch China und Indien weiter abwarten lässt. Und wenn diese großen Länder den Klimaschutz nicht ernst nehmen, warum sollte Deutschland sich am Zwei- Grad-Ziel abarbeiten? Wenn Energiesuffizienz eine echte politische Option werden soll, müssen bestimmte Umstände vorliegen. Die sind allerdings längst in Sicht.

 

Zum einen wird der Klimawandel immer mehr Schäden verursachen, auch bei uns in den gemäßigten Zonen, vor allem aber in den Entwicklungsländern. Die schroffe Alternative heißt darum: Schutz der Lebensgrundlagen oder forciertes Wirtschaftswachstum mit unbegrenztem Energieverbrauch. Hier helfen nur bindende Verträge. Dabei werden die früh industrialisierten Länder zeigen müssen, ob sie ihren fairen Teil beitragen, nämlich den völligen Verzicht auf Emissionen aus fossilen Energieträgern.

 

Es gibt genügend Indizien für eine schon in ein oder zwei Jahrzehnten sehr angespannte Klimasituation. Die Ernährungssituation ist schon heute schwierig. Es wird sich erweisen, dass Technologie die Vertragsbedingungen allein nicht herstellen kann. Eine Politik der Energiesuffizienz heute zu bedenken, ist Vorsorge. Erst wenn klar wird, dass die Elementarien ihres Lebens bedroht sind, werden die meisten Menschen in Grenzen einwilligen, um jedenfalls ihre Grundbedürfnisse zu sichern. Aber da es zur Vorsorge keine vernunftgeleitete Alternative gibt, ist es richtig, sich von der Kunst des Verdrängens nicht mürbe machen zu lassen und jetzt über das Notwendige nachzudenken.

 

Die Ergebnisse einer Suffizienzpolitik – weniger Produktion und Konsum, stagnierendes oder leicht schrumpfendes Wirtschaftsprodukt, sinkende Staatseinnahmen – werfen natürlich Fragen auf. Möglichkeiten wie die Teilung der Erwerbsarbeit oder ein Grundeinkommen müssen diskutiert werden. Ebenso, woher die Milliarden kommen sollen, die die armen Länder für die Klimaanpassung erhalten müssen. Doch unbeantwortete Fragen gehören zu der jetzt erforderlichen Realitätsnähe. Sie sollen die entschlossene Arbeit an den gestellten Aufgaben nicht beeinträchtigen.

 

Die Lösung allein in technischer Effizienz zu suchen, führt jedenfalls nicht weiter.

Quelle:

Mit freundlicher Genehmigung: Manfred Linz | Wuppertal Institut 2012

Dr. Manfred Linz ist freier wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wuppertal Institut in Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Ökosuffizienz und Lebensqualität sowie soziales Lernen.

Erstveröffentlichung "umwelt aktuell" 4/2012

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