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:: Welternährung und Energie bleiben große Herausforderungen

Gegenwärtig sendet der Markt die falschen Signale - Globales Wachstum und Produktivitätssteigerungen notwendig - Masterplan für die nächsten zehn Jahre erforderlich - Kommentar von Carl- Albrecht Bartmer (Präsident der DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft)).

Die Märkte geben gegenwärtig für die mittel- und langfristigen Entwicklungen die falschen Signale. Der Präsident der DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft) Carl- Albrecht Bartmer fordert Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf, angesichts der akuten Finanz- und Wirtschaftskrise das Thema Welternährung mit all seinen geopolitischen Konsequenzen nicht zu vernachlässigen. Wie Bartmer jetzt in Berlin vor der Presse erklärte, schätzt er die Voraussetzungen für die nächste globale Ernte nach der einzigartigen Jahrhunderternte 2008 als "deutlich schlechter" ein. Welternährung und Energie bleiben für ihn die größte Herausforderung der Weltgemeinschaft in den nächsten Jahren. "Die Befriedigung der steigenden Ansprüche einer wachsenden und energiehungrigen Bevölkerung auf dem knappsten aller Faktoren, der fruchtbaren landwirtschaftlichen Nutzfläche an allen Standorten, ist die größte Herausforderung. Dazu brauchen wir nachhaltige Produktivitätssteigerungen und das gerade auch auf einem der wichtigsten agrarischen Gunststandorte in Europa und Deutschland", erklärte Bartmer. Politik, Gesellschaft und Agrarbranche in Deutschland und Europa sieht er hier in besonderer Verantwortung.

 

Das Agrarjahr 2007/2008 bezeichnete Bartmer als "Zeigerjahr". Es hätte deutlich gemacht, wie scharf Märkte auf nicht ausreichende Lebensmittelangebote mit Preisexplosionen reagieren. "Es ist eine Illusion zu glauben, mit ad-hoc-Maßnahmen könne man im Fall der Fälle versäumte Anpassungen nachholen" Es werde dringend ein Masterplan für die nächsten zehn Jahre gebraucht, an dem sich die Agrarbranche orientieren und an dem sich die gesellschaftlichen, politischen und unternehmerischen Rahmenbedingungen ausrichten sollten.

 

Hierzu legte DLG-Präsident Bartmer seine Vorstellungen in sieben Eckpunkten vor:

 

1. Nachhaltige Produktivitätssteigerungen durch moderne Unternehmer

Es entspreche nicht dem Leitbild eines modernen landwirtschaftlichen Unternehmers, wirtschaftliche Aktivitäten auf die Optimierung staatlicher Eingriffe und dafür gewährter Honorierungen zu beschränken und sich in diesem Umfeld perfekt einzurichten. Strukturkonservierende Agrarpolitik werde es auf Dauer genauso wenig geben wie eine irgendwie geartete Abschottung vom Weltmarkt. Das Anforderungsprofil ist für Bartmer vielmehr gekennzeichnet durch Neugierde, aktive Kommunikation, unkonventionelles, in Erfahrungsnetzwerke eingebundenes Denken. Chancen erspähen, pragmatisch anpacken und professionell umsetzen, dieses gewährleiste eine erfolgreiche Entwicklung. Das Denken in den Kriterien einer Pflanze oder eines Tieres, um Verfahren zu optimieren und Innovationen zu ersinnen, führe seiner Meinung nach zu effizienten und nachhaltigen Verfahren. Für den DLG-Präsidenten ist Kompetenz die notwendige Bedingung für hohe Produktivität und Nachhaltigkeit zugleich, sei es die Tiergerechtheit oder die Minimierung ökologischer Belastungen. "Es ist der moderne landwirtschaftliche Unternehmer, der nachhaltige Produktivitätssteigerungen möglich macht", betonte Bartmer.

 

2. Nachhaltige Produktivitätssteigerung durch moderne Technologien und Vorleistungen

Eine nachhaltige, tiergerechte und ökologisch verantwortliche Intensivierung der Produktion sei nur über moderne Vorleistungen und Technologien zu erreichen. Für den DLG-Präsidenten sind sie die Instrumente für den erfolgreichen Unternehmer. Sie würden Freiräume schaffen, um neben den Zielen Ernährungs- und Energiesicherung auch das Ziel einer nachhaltigen Landschaftsgestaltung zu verfolgen. Erst eine durch Züchtung mit leistungsfähiger Genetik ausgestattete Pflanze, gesund erhalten, nicht übermäßiger Unkrautkonkurrenz ausgesetzt und angemessen ernährt könne ihr Potenzial nutzen. Dies gelte auch für Nutztiere in modernen, gut belüfteten, tiergerechten Ställen. Die Idealisierung von "bäuerlicher Idylle" mit einer mehr anthropogenen Definition von Tiergerechtheit, auch eine extrem hohe Risikobewertung, wie bei der neuen EU-Pflanzenschutzrichtlinie, hat in den Augen von Bartmer einen hohen Preis in Form von nicht erzeugten Lebensmitteln.

 

Für den DLG-Präsidenten ist eine neue Ernsthaftigkeit bei der Diskussion um moderne Technologien in der Landwirtschaft notwendig. Diese Technologien seien mehr als nur Fortschritt im technischen Sinn und mehr als die Gewinnchance einzelner Unternehmen. Innovationsfähigkeit ist seiner Meinung nach eine gesellschaftliche Grundeinstellung, die ihren Ausdruck im Mut zur Veränderung findet. Bartmer bezeichnete die Idealisierung von Stillstand als eine gefährliche Illusion. Sie mache sich schuldig, an den heute nicht ausreichend ernährten Menschen und an den nächsten Generationen, deren Lebensbedingungen durch Ineffizienz und übermäßigem Ressourcenverbrauch beschränkt werde.

 

3. Nachhaltige Produktivitätssteigerung durch Schutz landwirtschaftlicher Nutzflächen - Bodenschutz erhält eine neue Dimension

In Deutschland würden täglich über 100 ha landwirtschaftliche Nutzfläche unwiederbringlich zu Wohn- und Gewerbegebieten oder Straßen versiegelt. Gleichzeitig würden ökologische Ersatz- und Ausgleichsmaßnahmen bevorzugt auf angrenzenden Ackerflächen zu Feuchtbiotopen und ähnlichem platziert, während in Städten Industrie- und Siedlungsbrachen überhand nehmen. "Diese Abwägung zu Lasten des knappen Faktors 'fruchtbare Ackerfläche' ist unverantwortlich", sagte der DLG-Präsident. "Bodenschutz bekommt hier eine ganz neue Dimension."

 

4. Nachhaltige Produktivitätssteigerung durch Investition in Forschung und Lehre, Ausbildung und Qualifikation

Nur der, der die Prozesse im System Pflanze - Boden - Klima im Zusammenspiel mit den Eingriffen versteht, könne eine Pflanze zu höherem Ertrag führen. Daher müsse in Forschung und Lehre investiert werden. Das Stiefkind Agrarforschung braucht nach Ansicht des DLG-Präsidenten mehr Zuwendung. Ein weiterhin unkontrolliertes Abschmelzen von Lehrstühlen und Ausstattung, auch ungelöste Strukturfragen, würden die Arbeitsfähigkeit von Hochschulen gefährden. "Eine räumliche Konzentration von Forschung und Lehre, weniger und dafür gut ausgestattet, personell wie materiell, ist in unserer föderalen Struktur ein dringender Aufruf zur länderübergreifenden Kooperation", betonte Bartmer. "Warum gibt es kaum spin-offs aus Universitäten, wo ist im Agrarbereich das Technologie Transferzentrum Land- und Ernährungswirtschaft?". Das Beispiel Wageningen im Nachbarland Niederlande zeige, wie es gehen könnte. Hier werde durch Zusammenlegung und Vernetzung von Ressortforschung mit Lehre und wissenschaftlichen, zum Teil privatwirtschaftlichen Dienstleistungen, die kritische Masse an Wissen generiert, sowohl im Grundlagenbereich als auch in der angewandten Forschung.

 

5. Nachhaltige Produktivitätssteigerung durch leistungsfähige ländliche Räume

Mit Blick auf den Faktor "begrenzte Ackerfläche" gehören nach Bartmer öffentliche Anreizsysteme auf den Prüfstand, die nach wie vor dazu führen, dass Agrarstandorte in Europa nicht effizient, sondern bewusst extensiv genutzt werden. Planungen für eine angepasste Agrarpolitik nach 2013 würden gerade eine Stärkung dieses Politikfeldes (2. Säule) vorsehen. Der DLG-Präsident sprach sich deutlich für einen vielgestaltigen und wirtschaftlich leistungsfähigen, mit schnellen Breitband-Netzen kommunikativ erschlossenen ländlichen Raum aus. Er bezweifelte allerdings, dass die Instrumente der 2. Säule diesem Ziel gerecht werden, insbesondere unter Berücksichtigung der Aspekte Unschärfe und Missbrauchsanfälligkeit der Instrumente in der Vergangenheit. Eine vermeintlich fürsorgende Politik für den ländlichen Raum in Form einer Mischung aus Einkommenstransfer, Strukturkonservierung und Gestaltung idealisierter Landschaften führe nicht nur auf Dauer zur Behinderung seiner Entwicklung, sondern schaffe, begleitet von einem bürokratischen Ungetüm, eine immer größer werdende Abhängigkeit von öffentlichen Geldern. "Dieser ländliche Raum an den fruchtbarsten Standorten der Welt muss effizient produzieren, das ist praktizierte Nachhaltigkeit im globalen Kontext und dann auch die richtige Antwort gegen den Hunger dieser Welt", betonte der DLG-Präsident.

 

6. Nachhaltige Produktivitätssteigerung durch Effizienz bei Biodiversität, Natur- und Umweltschutz

Biodiversität, Natur- und Umweltschutz seien zu recht wichtig und unverzichtbar. Sie würden Flächen beanspruchen, die sonst für die Produktion von Agrarrohstoffen, auch für Lebensmittel, genutzt werden könnten. Hier könne es zu konkurrierenden Zielen kommen. Nach Ansicht von Bartmer müssten diese konkurrierenden Ziele miteinander optimiert werden. Dazu gehöre eine Quantifizierung, mit der am Beispiel Biodiversität das Ziel einer ausreichenden Artenvielfalt (Prinzip Arche) möglichst effizient erreicht werden könne.

 

7. Nachhaltige Produktivitätssteigerung durch angepasste politische Rahmenbedingungen

Von der Politik erwartet der DLG-Präsident mit Blick auf die Herausforderungen in den nächsten zehn Jahren die Initiierung eines sektoralen Masterplans. Weil gewichtige Teile öffentliche Güter darstellen (Forschung, Bildung, Umwelt, Naturschutz) und weil auch Märkte bestimmte Aufgaben nicht erfüllen (kurzfristig falsche Knappheitssignale), spielten politische Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle. Hier sieht Bartmer dringenden Handlungsbedarf. Ein vermeintlich förderndes Gentechnik-Gesetz, das den Anbau und zunehmend auch die Forschung am Standort Europa unmöglich mache, passe zu den neuen Herausforderungen so wenig wie eine Nachbauregelung für Saatgut, die geistiges Eigentum der Züchter nicht schütze. Eine von der DLG in Auftrag gegebene Umfrage beim Institut für Demoskopie Allensbach vom Dezember 2008 habe ergeben, dass ein Großteil der Gesellschaft über die neuen globalen Herausforderungen nicht informiert ist. Die Umfrage zeige allerdings, dass nach Aufklärung über die Zusammenhänge fast 50 Prozent der Befragten den Anbau angepasster gentechnischer Sorten in kargen Regionen befürworten würden. Dies zeige, dass der Politik ein wichtiger Informationsauftrag zukomme und nicht zuletzt gelegentlich ein breites Kreuz, sich auch einmal gegen den gesellschaftlichen Mainstream zu stellen.

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