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:: Vor 50 Jahren musste der Dalai Lama fliehen

Vor 50 Jahren musste der Dalai Lama Tibet verlassen. Am 17. März 1959, zehn Tage nach Beginn des Aufstands der Tibeter gegen die chinesischen Besatzer, floh der Dalai Lama aus seiner Heimat nach Indien. Zum Jahrestag ein Themenschwerpunkt von Franz Alt.

Die Flucht

Auch vor der Besetzung durch China im Jahr 1949 war Tibet kein Paradies. Das „Schneeland“ war jahrhundertelang von mächtigen Klöstern beherrscht und regionale Adelsfamilien übten eine feudale Herrschaft aus. Der heutige Dalai Lama, der 14. in Tibets Geschichte, hat sein Land nie in so romantischen Farben gemalt wie es seine westlichen Anhänger oft tun: „Es gab himmelschreiendes Unrecht, die tiefe Ergebenheit in den Buddhismus hatte auch Schattenseiten, es ging den Äbten oft nur um Prunk und Einfluss“.

 

Das historische Tibet war kein gesellschaftliches Modell für Friedfertigkeit, Nächstenliebe, Demokratie und Umweltbewusstsein. Im tibetischen Feudalreich bekämpften sich Klöster oft blutig und mehrere Dalai Lamas starben keines natürlichen Todes, sondern wurden vergiftet. Der 14. Dalai Lama hat in den fünfziger Jahren die demokratischen Reformen seines Vorgängers vorangetrieben – bis ausgerechnet die Kommunisten mit ihrem Einmarsch damit ein Ende machten und Tibets „Gottkönig“ ins Exil trieben. China wurde unter Mao Tse-tung eine grausige Diktatur und auch in Tibet herrschten fortan diktatorische Zustände.

 

Wenn die chinesische Politik heute behauptet, Tibet 1949 „befreit“ zu haben, glaubt ihnen das kein Tibeter. Im Gegenteil: Als meine Frau und ich in Tibet heimlich und ohne chinesische Aufpasser  einen Fernsehfilm drehten, hörten wir ohne Ausnahme solche Aussagen: „Der Dalai Lama soll zurückkommen“, „Die Chinesen haben unsere Seele geraubt“, „Die Chinesen behandeln uns schlimmer als Tiere“.

 

Der Dalai Lama wirft der chinesischen Regierung in Tibet „kulturellen Völkermord“ vor. Das heißt, die chinesische Besatzung will eine der ältesten Hochkulturen der Welt ausrotten. Dagegen wehren sich Tibeter auch 50 Jahre nach der Flucht ihres Dalai Lama. Ein etwa 50-jähriger Mönch sagte uns in die Kamera: „Was sind schon einige Jahrzehnte Kommunismus gegenüber 1.300 Jahren Buddhismus!“.

 

Vor 50 Jahren, am 10. März 1959, rebellierten Zehntausende Tibeter gegen Chinas Gewaltherrschaft. Zuvor hatte der Dalai Lama in Peking 10mal Mao Tse-tung getroffen und im Dialog eine Verbesserung der Lebensverhältnisse für sein Volk sowie mehr kulturelle und religiöse Freiheit für die Tibeter zu erreichen versucht. Vergeblich.

 

Chinas Terror hatte sich immer mehr verschärft. Es gab schon damals tausende politische Gefangene. Und das chinesische Militär setzte tibetische Eltern unter Druck, damit sie ihre Kinder nicht mehr in Klosterschulen, sondern in chinesische Staatsschulen zur kommunistischen Indoktrination schicken. Doch die meisten tibetischen Buddhisten wollten ihre Kinder lieber in tibetischer Kultur und Religion unterrichten lassen. Auf dem Dach der Welt herrschte ein Kulturkampf. Die Tibeter vermissten damals wie heute Respekt vor ihrer Tradition und Respekt vor ihrem Dalai Lama durch die Chinesen.

 

In diesen Auseinandersetzungen wurden Männer gefangen genommen, Frauen vergewaltigt und Kinder mussten sich öffentlich von ihren Eltern lossagen und sie denunzieren. Wer den Terror überlebte, wurde im Straßenbau eingesetzt. Eine internationale Juristenkommission schätzt, dass damals 15.000 tibetische Kinder nach China verschleppt wurden.

 

In dieser Situation wagten die Tibeter einen Aufstand gegen die Besatzer. Und als das chinesische Militär den Dalai Lama Anfang März 1959 zu einer chinesischen Theateraufführung einlud, fürchteten die Tibeter um sein Leben. Sie vermuteten, ihr „Gottkönig“ sollte entführt werden.

 

Als Dienstbote über die Berge

Zehntausende Menschen aus Lhasa, Tibets Hauptstadt, und Umgebung bildeten einen Schutzschild um den Palast des Dalai Lama. Und Tibets geistlichem und weltlichem Herrscher blieb nur die Flucht.

 

Am Nachmittag des 17. März entschloss sich der Dalai Lama zur Flucht nach Indien. Bei Schneestürmen und eisiger Kälte erreichte er nach 32 Tagen und Nächten indisches Territorium. Seine Familie, seine wichtigsten Mitarbeiter, Mitglieder seiner Regierung und Äbte der großen Klöster begleiteten den damals 23-jährigen. Vier Flüchtlingsgruppen verließen im Abstand von 30 Minuten den Palast in Lhasa.

 

Abends um neun, im Schutz der Dunkelheit, hatte die verwegene Flucht begonnen. Alle waren wie Dienstboten verkleidet. Schon am Tag danach kam es in Tibets Hauptstadt zu Kämpfen zwischen Aufständischen und chinesischen Soldaten. Nach zwei Tagen waren die Tibeter, die den Palast des Dalai Lama zum Schein immer noch umzingelt hielten, geschlagen. Doch der Dalai Lama blieb für Chinas Militär unauffindbar. Ein tibetischer Augenzeuge: „Nach der Kapitulation unserer Kämpfer stürmten die chinesischen Soldaten den Potala-Palast. Überall suchten sie nach dem Dalai Lama. Sie durchkämmten jeden Raum, betrachteten jeden am Boden liegenden Mönch genau, ob er tot oder lebendig sei. Sie wollten unbedingt den Dalai Lama finden und wurden sehr wütend als sie merkten, dass er geflohen war.“

 

Der von chinesischen Soldaten verzweifelt Gesuchte war schon weit genug entfernt von Lhasa unterwegs in Richtung Indien. Zehntausende Flüchtlinge folgten ihm in den nächsten Monaten. Indiens Ministerpräsident Nehru gewährte dem Dalai Lama und den anderen Flüchtlingen Asyl. Seither versucht der prominenteste Flüchtling der Welt überall auf unserem Planeten das Schicksal seiner Landleute zu erleichtern. Bislang vergebens. Doch heute glaubt er, noch zu seinen Lebzeiten Erfolg zu haben. Schon vor seiner Flucht hatte der Dalai Lama mit dem Gedanken gespielt, sich von der Politik fernzuhalten: „Wie gerne hätte ich mich von der Politik, die ich zu verabscheuen begann, zurückgezogen. Aber da war meine Pflicht, die ich meinem Volk gegenüber zu erfüllen hatte.“

 

Bis heute ist er froh, wenn er zur Spiritualität und nicht zur Politik gefragt wird. Doch in Tibets Denken und Philosophie hängt nun mal für den höchsten Repräsentanten des Landes beides eng zusammen. Später schrieb er über seine Flucht: „Das Überschreiten der Grenze hatte nichts Dramatisches an sich. Das Land war auf beiden Seiten der Grenze öde und unbewohnt. Ich sah es nur durch einen Nebel, denn ich war krank, erschöpft und unglücklich – viel unglücklicher als ich es zu sagen vermag.“

 

Und ausgerechnet dieser unglücklich Geflohene hält heute weltweit Vorträge über das Glück und sagt: „Der Sinn unseres Hierseins auf dieser Erde, ist, dass wir glücklich werden“. Er verabscheut Personenkult, aber Tibets Buddhisten sehen in ihm den wiedergeborenen „Buddha des Mitgefühls“. Und überall auf der Welt kommen Zehntausende, um ihn zu hören. Für Millionen ist der „Ozean der Weisheit“ der bedeutendste spirituelle Führer unserer Zeit,  die geistige Großmacht des 21. Jahrhunderts - bescheiden, liberal, humorvoll und erstaunlich selbstkritisch. In Deutschland hat der Dalai Lama ein weit höheres Ansehen als der deutsche Papst. Er gibt nicht vor, unfehlbar zu sein und er will niemand bekehren. Aber das Lebenshilfewerk „Die fünf Tibeter“ stand in Deutschland fast 400 Wochen lang auf der Bestsellerliste des „Spiegel“. Der „Papst des Ostens“ passt sehr gut in das Denken des heutigen Westens.

 

Im Westen wird Tibets „Gottkönig“ mindestens so verehrt wie die chinesischen Kommunisten ihn hassen. Doch der Dalai Lama sagt:“Ich bete für die Führer der Kommunistischen Partei Chinas.“ Der tibetische Friedensnobelpreisträger verkörpert heute weltweit die Macht der Ohnmacht. Doch was wäre er am liebsten? „Ein einfacher Mönch“. Er träumt von einer tibetischen Demokratie ohne Gottkönig.

 

Heute, 50 Jahre nach seiner Flucht, versucht die chinesische Regierung nach wie vor Geschichtsfälschung, indem sie den Dalai Lama als Repräsentanten des alten, feudalen Tibet darstellt, als „Chefrepräsentanten der feudalen Sklavenhalter“. Wer die Bescheidenheit des Dalai Lama kennt und um seine Freiheitsliebe weiß, kann über solchen ideologischen Unsinn nur lachen. Der oberste Repräsentant Tibets bemüht sich seit 50 Jahren um mehrreligiöse und kulturelle Autonomie für sein Land und wünscht sich nichts mehr als die Einführung einer parlamentarischen Demokratie nach westlichem Vorbild in Tibet. Aber genau davor hat die alte kommunistische Führung in Peking am meisten Angst.

 

Teil 2: Brutale Menschenrechtsverletzungen in Tibet mehr

Quelle:

© Franz Alt 2009

Erstveröffentlichung "Salzburger Nachrichten" | 07.03.2009

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