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:: Rudolf Bahro - Die Prüfung durch die ökologische Krise

Neues Buch von Franz Alt, Rudolf Bahro und Marko Ferst: Über 80 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass die ökologische Krise die größte Herausforderung für die Menschheit im 21. Jahrhundert ist.
RUDOLF BAHRO
Die Idee des Homo integralis - oder ob wir eine neue Politteia stiften können


Wir erinnern uns: Platons "Staat" hieß "Politeia". Die Polis steckt darin, d.h. es ist jedenfalls kein bürokratischer, sondern ein gesellschaftlicher, genauer gesagt ein gemeinwesenhafter Begriff, und auch die Gesetze, die Nomoi, sind für ihn notwendiger Rahmen guter Gesellschaft. Mich interessiert hier nicht, wie er das im einzelnen dachte, patriarchaler Aristokrat, der er war, sondern ich finde seine Art, den Staat zu denken als die innere Ordnung, die der gesellschaftliche Mensch, die das zoon politikon braucht, anregend wie je. Er denkt ihn von einer mehr als naturwüchsigen, d.h. zumindest nicht nur naturwüchsigen Bestimmung des Menschen her. Und da ist eine Voraussetzung: dass das Gemeinwesen noch nicht völlig der Herz-Insuffizienz anheimgefallen ist. Die Gesellschaft mit dem kalten Herzen ist erst im Kommen. Im mittelalterlichen Europa ist sie noch einmal aufgehalten, trotz aller Kruditäten. Ja, vor bloß 250 Jahren in den Kantaten Bachs ist noch alle Innigkeit und alles Pochen des liebesfähigen Herzens.

Ich frage mich seit gut dreißig Jahren, seit ich zu erkennen begann, dass wir in der sowjetisierten DDR auf dem Holzwege waren, nach der "neuen Politeia", die der Mensch nötig hätte, um sich unter den selbstgeschaffenen Verhältnissen sozialuniverseller Abhängigkeit ein warmes Haus zu bewahren. Ohne das wird die Erde nicht bewohnbar bleiben, ohne das werden wir unsere Lebensgrundlage nicht schützen können vor uns selbst. Wieviel ersatzweise Panzerung, in die hinein wir Welt verschwenden! Wenn wir die Erde in der Gestalt erhalten wollen, in der sie uns hervorgebracht hat, braucht es um den ganzen Planeten herum inneren und äußeren Frieden, und wenigstens "beinahe die Gerechtigkeit" (Brecht im "Kaukasischen Kreidekreis"), in jedem "Stamme" und weltweit.

Der Gedanke mag verrückt klingen, wo gerade alle möglichen alten und neuen Tiger zum Sprung ansetzen. Aber das wird das Ende, wenn wir die Regeln, die in diesem Zirkus gelten, nicht aussetzen können. Wir laden unsere geistverstärkte artinterne Aggression, unsere unfriedliche Grundeinstellung gegeneinander, die heute bis in die menschliche Kleingruppe hinein regiert, auf die Erde ab. Jetzt zeigt sich, "das Häuschen ist zu klein". So konfliktorientiert wie bisher werden wir nicht überleben. Und noch dazu steuern wir unsere agonistische Praxis durch ein System unbegrenzter Geld- und Machtvermehrung. Damit müssen wir scheitern, weil es gegen die universelle Harmonie verstößt.

Die Kämpfe zwischen den Völkern, und nicht zuletzt die inneren Klassenkämpfe bis "alle genug haben", sind eine Schraube ohne Ende, d.h. der Konfliktaustrag in seiner vorherrschenden Form muss storniert werden. Wir sind jetzt bald 6 Milliarden, um 2050 werden wir anscheinend doppelt so viele sein. Oder ein kleiner Rest findet schon vor der Mitte des nächsten Jahrhunderts "unter einer Eiche" Platz, wie es biblisch prophezeit ist. Wenn aber alles so weitergeht, werden diese den ahumanen Mächten des Weltmarkts ausgelieferten Menschen, und zwar auch hier bei uns, in keinem vollgültigen sozialen Zusammenhang gehalten, von den Standards der westlichen Zivilisation angesteckt und herausgefordert, ein übriges Mal düpiert sein. Johan Galtung hat gezeigt, jetzt schon verbraucht das erste Zehntel von uns hundert mal soviel wie das letzte Zehntel.

Aggressive Eliten werden tausendfach versuchen, die Menschen zu organisieren und aufzurüsten, um in den Kampf um die Verteilung der letzten Ressourcen einzugreifen, von dem Migrationsdruck zu schweigen. Ist es unmöglich, rechtzeitig aus dieser Logik auszubrechen? Die drohenden Engpässe des 21. Jahrhunderts sind nur zu bewältigen, wenn wir uns nicht um jeden Durchgang schlagen. Es gilt den Konflikt so weit wie irgend möglich auf die Ebene der notwendigen Auseinandersetzung um die neue Bewusstseinsverfassung zu transportieren.

Jetzt erschrecken wir in den reichsten Ländern Europas, die das Karussell in diese unaufhaltsame Beschleunigung versetzt haben, unter dem Stichwort der "Globalisierung" darüber, dass uns schließlich ein Rückschlag ins Haus steht. Wenn wir ihn doch anzunehmen wüssten! Schon vor zweihundert Jahren hatte Friedrich Hölderlin eine Vision, die jetzt, so naiv sie klingt, das Programm des Lebens und Überlebens ist: "Versöhnung ist mitten im Streit, und alles Getrennte findet sich wieder . Von Kinderharmonie sind einst die Völker ausgegangen. Die Harmonie der Geister wird der Anfang eines neuen Zeitalters sein." Die Zurücknahme der eigenen Aggression, das Wagnis in dieser Richtung wird die charakteristische innere Konfliktachse der unmittelbaren Zukunft bestimmen.

Nun leben wir in Massengesellschaften, an der Schwelle zu einer freilich völlig entfremdeten Weltgesellschaft. Die Polis war klein, und praktisch ist Platon selbst in dieser fast noch elementaren Dimension exemplarisch am Politischen und im Politischen gescheitert. Wir haben es mit hunderten Nationen bzw. Staaten, tausenden Ethnien zu tun, in die wir uns als Teilhaber am Menschsein untergliedert finden bei einer Chancenungleichheit, die angesichts der Möglichkeiten ein täglich von uns tolerierter Skandal ohnegleichen ist. Ob es eine Lösung gibt, das dürfte davon abhängen, ob sich die Gattung Mensch eine in ihrer Vielfalt einige kulturelle Gestalt geben kann, ob sie auf dieser Grundlage politisch handelndes Subjekt werden kann, vom Lokalen bis zum Planetarischen und zurück, und ob wir Privilegierten dabei nicht am meisten im Wege sein werden.

Wir wissen bis heute nicht wirklich, wo den einen und wo den anderen Individuen natürliche Entfaltungsgrenzen gesetzt sind, wo es die sozialen Umstände sind, die sie auf ein Leben der Subalternität und des Ressentiments festlegen. Wie oft es Verelendung ist, das wissen wir. Es kommt so sehr darauf an, dass sich die Mehrheiten überall zu selbstlosem Urteil und Willen erheben. Zugleich kulminiert die Tragödie der Gegenwart darin, dass so viele Menschen wie nie zuvor durch den Selbstlauf der gefühllosen und asozialen Konkurrenz um Profit und Technologie physisch an den Rand gedrängt, von der Kultur ausgeschlossen und in ihrer Menschenwürde verkürzt werden.

Macht und Gesetz decken genau diejenigen Mechanismen, an die die Menschenmehrheit ausgeliefert ist, nicht nur in den Peripherien, auch in den Metropolen. Was wir bisher an Weltorganisation haben, reicht ja höchstens aus, die verschiedenen Ausbrüche des Weltbürgerkriegs ein wenig zu moderieren. Die Menschheit würde sich im Idealfall durch eine Art allgemeines Kalifat - jeder und jede in der Würde der Stellvertretung für das Ganze - regieren. Umso furchtbarer dieser Ausschlussprozess, den unsere herrschenden Strukturen gegen die Menschenmehrheit exekutieren. Darin tradiert sich die älteste Schicht sozialen Unheils. Sie muss weggeräumt werden, wenn so etwas wie Homo integralis - erst einmal das Prinzip des Einschlusses! - tatsächlich sich ereignen soll. Sonst ist Diktatur, sonst regiert der Totalitarismus der faktischen Mächte. Deshalb eben muss, gerade angesichts der ökonomischen Globalisierung, auch das Problem einer sanktionsfähigen internationalen Rechtsordnung gelöst werden.

Das heißt, verlangt ist eine ungeheure Kulturleistung. Ich übersehe keineswegs, sondern das gibt mir gerade den Anstoß, dass wir mit unserer der Geldvermehrung gesteuerten Bewusstseinsindustrie systematisch und umfassend den Abbau, die Zerstörung der subjektiven Kultur, die Reduktion des Geistes auf die niedrigsten Frequenzen betreiben. Nur noch ausnahmsweise wie als Alibi bietet sie Gehalte. Massenhaft haben wir die Multiplikation von Infantilismus, Dummheit und Gewalt, und dies alles unter dem Namen von Liberalität und Demokratie. Es ist verbrecherisch, und wir sind, sozial gesehen und griechisch gedacht, buchstäblich Idioten, das hinzunehmen. Das Gemeinwesen, in seiner gegebenen Verfasstheit, erweist sich schon darin als verloren, dass es diese selbstzerstörerische Alltäglichkeit nicht zu unterbrechen vermag.

Und dennoch, vielleicht ist dies ein historischer, ich meine damit ein reversibler Unfall. Wir müssen es erst einmal hoffen. Und ich möchte eben von der genannten Idee her die Ursache ins Auge fassen - falls noch erlaubt ist, doch auch an Kausalität zu denken. Warum zerstört der Mensch Erde und Leben, zuvor und zuletzt sich selbst? Wieso reussiert anstelle des Bewusstseins diese Ersatzindustrie, die in einem durchaus nicht bloß symbolischen Sinne des Teufels ist? Und geben wir erst einmal zu, in welchem Grade wir, wie abhängig auch immer (und umso schlimmer für uns, die wir der Freiheit verlustig gingen), mitspielen, korrumpiert und Komplizen sind. Auch der Zynismus wie die Resignation sind unerlaubt. Wollen wir diesen erneut und verschärft "spätrömischen" Zuständen wirklich nichts entgegensetzen? Ihnen Uns nicht entgegensetzen, anstatt sie mit zu zelebrieren, damit unser Ich den Tag überlebt? [.]


Rudolf Bahro - geboren 1935 in Bad Flinsberg (heute: Swieradow Zdroj) in Niederschlesien, Philosophiestudium in Berlin an der Humboldt-Universität,. 1965-1967 stellvertretender Chefredakteur des "Forum". Dort wurde er entlassen, weil er den Urlaub des Chefs nutzte, um die Erzählung "Kipper Paul Bauch" von Volker Braun abzudrucken. 1967-1977 ingenieurökonomische Rationalisierungsarbeit in der Industrie. Seit 1972 arbeitete Bahro an dem Buch "Die Alternative". Nach der Veröffentlichung eines Artikels über Bahro und eines Auszuges aus dem Buch im "Spiegel" verhaftete ihn der Staatssicherheitsdienst am 23. August 1977 wegen des Verdachts "nachrichtendienstlicher Tätigkeit". Am 30. Juni 1978 Verurteilung zu acht Jahren Freiheitsentzug. Die Verhaftung Bahros und das fragwürdige Urteil gegen ihn bewirkten weltweite Solidaritätsbekundungen und hatten seine Freilassung im Herbst 1979 zur Folge.

1979 konnte Bahro nach Westdeutschland übersiedeln. Dort begründete er die grüne Partei mit, verließ sie jedoch 1985 wieder und brachte 1987 sein zweites Hauptwerk "Logik der Rettung" heraus. 1989 kehrte er in die DDR zurück. Er erhielt eine Professur und begann 1990 seine Vorlesungsreihe für "Sozialökologie als Studium generale" an der Berliner Humboldt-Universität, die er mit Unterbrechungen bis zum Sommer 1997 hielt. Am 5. Dezember 1997 starb er in Berlin an Blutkrebs.
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