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Interview 103 von 178

:: Der Dalai Lama: "Tibet ist ein Teil Chinas"

Erstmals sagt der Dalai Lama ohne Wenn und Aber, "Tibet ist völkerrechtlich ein Teil Chinas". In einem Interview mit dem Fernsehjournalisten Franz Alt in der ARD sagte das geistliche und weltliche Oberhaupt der Tibeter wörtlich: "Die indische Regierung hat von Anfang an gesagt, dass Tibet eine autonome Region innerhalb von China ist - und das ist richtig. Das ist eine ganz korrekte Bezeichnung. Juristisch stimmt das. Das ist völlig hieb- und stichfest."
Franz Alt: Heiligkeit, in Tibet herrscht Pressezensur. Ihre Exilregierung sagt: Bei den jüngsten Unruhen seien über 200 Tibeter getötet worden, über 1000 verletzt und mehr als 5000 verhaftet. Wie ist jetzt die aktuelle Menschenrechtssituation in Tibet? 
Dalai Lama: Die Menschenrechtslage in Tibet ist grundsätzlich schlecht und zwar schon immer. Als die Demonstrationen  am 10. März begonnen hatten, gingen die chinesischen Sicherheitskräfte brutal dagegen vor. Es kam zu Schießereien.


Franz Alt: Wer hat denn mit der Gewalt angefangen Tibeter oder die Chinesen?
Dalai Lama: Da gibt es zwei Versionen. Am besten wäre es, wenn einmal eine neutrale, internationale Kommission alle Details untersuchen könnte - und zwar direkt vor Ort. Danach müsste medizinische Hilfe für die Verletzten geleistet werden. Ich weiß nur, dass es viele Tote gab. Aber die genauen Ursachen kenne auch ich nicht.
 

Franz Alt: Sie selbst haben ja mit Rücktritt gedroht. Das kann doch nur heißen, dass auch Tibeter an der Gewalt beteiligt waren.
Dalai Lama: Das ist nicht neu in Tibet: Auch früher schon gab es gewalttätige Auseinandersetzungen in unserem Land. Auch unter den Tibetern gibt es Hitzköpfe. Aber in den letzten Jahren haben sich die Tibeter  weitgehend gewaltfrei benommen. Aber dieses mal sind zuerst Mönche festgenommen worden. Ich kenne einen alten Abt eines Klosters. Dieser friedliche Mann wurde festgenommen und brutal geschlagen. Er hatte lediglich die chinesische Regierung darum gebeten, die Festgenommenen freizulassen. Es gibt viel Folter.
 

Franz Alt: Sie haben den Chinesen "kulturellen Völkermord" vorgeworfen - ein starker Vorwurf. Was aber heißt das konkret.?
Dalai Lama: Was die Chinesen in Tibet machen ist - absichtlich oder unabsichtlich - tatsächlich ein kultureller Völkermord. Nur noch wenig junge Leute dürfen in die Klöster. Früher hatten wir tausende Mönche. Heute nur noch wenige hundert. Unsere Klöster haben Nachwuchssorgen. Es gibt auch keine erfahrenen theologischen Lehrer mehr. Unsere Kultur und unsere Religion werden ausgeblutet. Außerdem werden die wenigen Mönche politisch indoktriniert und einer Art Gehirnwäsche unterzogen. Tibetische Geschichte darf  selbst an der Universität in Lhasa nicht mehr gelehrt werden. Unsere Studenten dürfen keine Tempel mehr besuchen. Hinzu kommt, dass die Tibeter im eigenen Land bald eine Minderheit sind. In Lhasa gibt es schon vielmehr Chinesen als Tibeter. Das tägliche Leben der Tibeter muss sich nach den Chinesen richten. Die tibetische Sprache wird in Tibet kaum noch benutzt. Unser kulturelles Erbe stirbt.
 
Wenn sich tibetische Mönche der chinesischen Umerziehung widersetzen, kommen sie ins Gefängnis.


Franz Alt: Warum sind Sie auch noch nach den jüngsten Ereignissen felsenfest davon überzeugt, dass die Politik der Gewaltfreiheit in Tibet erfolgreicher ist, als eine Politik der Gewalt, die von immer mehr jungen Tibetern gefordert wird?
Dalai Lama: Es gibt einige wenige Gruppen die Gewalt befürworten, aber es sind wirklich nur ganz wenige. Das ist in der Tat eine kritische Situation. Meine Position ist klar: Gewalt ist gegen die menschliche Natur. Wenn man Gewalt anwendet, kann das gewalttätige Reaktionen auslösen. Schauen Sie auf den Irak-Krieg der USA oder auf Afghanistan. So kann man doch keine Konflikte lösen. Vielleicht stecken gute Absichten hinter der Irakpolitik - aber die Resultate sind eine Katastrophe.
 

Franz Alt: Warum schreien Chinas Politiker jedesmal auf, wenn Sie von einem deutschen Politiker empfangen werden. Wieviel Truppen hat der Dalai Lama? Warum haben die Chinesen soviel Angst vor Ihnen? Der Bundestagspräsident musste sich z. B. eine Stunde lang von Chinas Botschafter beschimpfen lassen, weil er gewagt hatte, Sie zu empfangen.
Dalai Lama: Ich weiß es nicht (lacht!) Vielleicht können Sie mal die Chinesen fragen, vielleicht bekommen Sie eine Antwort.
 

Franz Alt: Warum ist Ihnen denn ein Treffen mit den deutschen Politikern so wichtig?
Dalai Lama: (lacht wieder)... Ich freue mich natürlich darüber, dass ich mich mit vielen Persönlichkeiten treffen kann. Zum Beispiel habe ich mich sehr gefreut über das Gespräch mit der Bundeskanzlerin letztes Jahr ... darüber war ich sehr glücklich. Es tut mir leid, dass  nach diesen Gesprächen deutsche Politiker immer Schwierigkeiten bekommen. Für Tibets Sache ist es wichtig, dass ich immer wieder Journalisten wie Sie treffe. Wir sind ja schon alte Freunde und haben uns schon über 20mal getroffen. Solche Gespräche helfen den Tibetern und den Menschenrechten in Tibet.
 
Mein Hauptanliegen bei diesen Gesprächen ist, dass wir glücklichere Menschen und glücklichere Gesellschaften auf dieser Erde werden. Als religiöser Führer und Mönch will ich in erster Linie die Harmonie unter den Menschen fördern. Und dafür brauche ich die Kommunikation mit den verschiedenen Gesellschaften. Nur dann gibt es positive Fortschritte. Diese positiven Veränderungen müssen vom einzelnen Menschen und ihren Familien ausgehen. Dann wird die ganze Welt harmonischer.


Franz Alt: Was ist das Ziel der Verhandlungen, die Ihre Vertreter jetzt mit Vertretern der chinesischen Regierung führen.
Dalai Lama: Bis zum letzten Jahr haben wir seit 2002 mit der chinesischen Regierung bereits sechs Gespräche am Runden Tisch geführt. Leider hat nur ein Gespräch, das fünfte, Fortschritte gebracht. Dabei hat China zum ersten mal anerkannt, dass ich für Tibet keine Selbständigkeit als eigenes Land anstrebe, sondern lediglich kulturelle und religiöse Autonomie.
 
Leider hat sich das rasch wieder geändert und die Beschimpfungen gegen mich wie Lügner und Teufel gehen jetzt wieder munter weiter. Ich bin halt der Prügelknabe der chinesischen Regierung. Aber zum Glück gehen die Gespräche trotzdem weiter. Auch Präsident Hu will weitere Gespräche. Die Chinesen waren nicht zuletzt durch die weltweiten Proteste sehr beeindruckt. Dieser Druck hat uns sehr geholfen.


Franz Alt: Außenminister Steinmeier will eher die stille Diplomatie mit den Chinesen pflegen, also ohne Sie zu empfangen. Kann es sein, dass er durch seine stille Diplomatie mehr erreicht als durch einen öffentlichen Empfang des Dalai Lama?
Dalai Lama: Das ist natürlich ausschließlich seine Entscheidung. Ich glaube, Außenminister Steinmeier weiß selbst am besten wie er Tibet helfen kann. Und ich hoffe und wünsche, dass er Erfolg hat.
 

Franz Alt: Gerade weil wir uns schon so lange kennen, erbitte ich jetzt eine offene Antwort ohne Wenn und Aber: Ist Tibet völkerrechtlich heute ein Teil von China?
Dalai Lama: Ja, natürlich. Die indische Regierung hat von Anfang an gesagt, dass Tibet eine autonome Region innerhalb von China ist - und das ist richtig. Das ist eine ganz korrekte Bezeichnung. Juristisch stimmt das. Das ist völlig hieb- und stichfest.
 

Franz Alt: Wenn Sie von Autonomie für Tibet sprechen, welches Tibet meinen Sie? Das Tibet der drei Millionen Tibeter in der heutigen autonomen Region Tibet oder das Tibet der sechs MillionenTibeter innerhalb des alten Großtibet?
Dalai Lama: Wir sprechen immer über die Gesamtbevölkerung Tibets von sechs Millionen Menschen. Wir wollen keine Trennung innerhalb der Tibeter. Wir sind bereit innerhalb der Volksrepublik China zu bleiben, aber wir wollen die kulturelle und religiöse Autonomie aller Tibeter. Gerade in der jetzigen Krise hat es sich gezeigt, dass alle Tibeter, vor allem die außerhalb der autonomen Region Tibets, mit der derzeitigen Situation sehr unzufrieden sind. Diese Unzufriedenheit können wir aus moralischen Gründen einfach nicht ignorieren.
 

Franz Alt: Wenn Sie Autonomie fordern, heißt das auch, dass die chinesische Armee aus Tibet heraus muss?
Dalai Lama: Nein, eindeutig nein. Die Verteidigung liegt ganz klar bei der chinesischen Zentralregierung in Peking.
 

Franz Alt: Langfristig setzen Sie auf Veränderung und Liberalisierung in China. Können die olympischen Spiele dabei helfen?
Dalai Lama: In den letzten 60 Jahren hat sich viel geändert in China. Die Zeit von Deng Shao Ping war entschieden besser als die Jahre unter Mao Tse Tung und seither gab es große ökonomische Fortschritte. China ist heute weit offener als früher. Ökonomische Fortschritte gab es auch in Tibet. Die heutige Zeit ist weniger ideologisiert als die frühere. Heute ist die kommunistische Partei realistischer als früher. Präsident Hu will - genauso wie ich - eine harmonische Gesellschaft. Dieser neue Realismus führt auch zu einer neuen Politik. Dabei können die olympischen Spiele sehr helfen. Es ist gut, wenn tausende von Journalisten nach China kommen und darüber berichten.
 
Die chinesische Regierung wird sich ganz zwangsläufig auch gegenüber westlichen Journalisten mehr öffnen als bisher. Die olympischen Spiele können also eine große Hilfe für mehr Fortschritt sein. Und China als das größte Volk der Welt hat diese Spiele verdient. Ich hoffe, dass das Land bald transparenter wird.
 
In diesen Tagen der großen Naturkatastrophe sieht man, wie hilfreich Tranzparenz sein kann. Alle Menschen auf der ganzen Welt - auch ich und die Tibeter - sind tief betroffen und traurig ob dieser Naturkatastrophe bei meinen  chinesischen Brüdern und Schwestern.
 
Gerade bei diesem Unglück zeigt die chinesische Zentralregierung eine erstaunliche Offenheit. Das ist ein echter Fortschritt.
 

Franz Alt: Meine Schlussfrage: Wenn Chinas Regierung über ihren Schatten springen und Sie als Ehrengast zu den olympischen Spielen einladen würde: Würden Sie das Angebot annehmen und nach Peking fahren?
Dalai Lama: Das hängt natürlich ganz von der Situation ab. Wenn es in Tibet wirklich Verbesserungen bei den Menschenrechten gibt, wenn die Tibeter nicht mehr unterdrückt werden, dann kann ich mir das gut vorstellen. Aber wenn es bis dahin in Tibet keine Fortschritte gibt, kann ich nicht zu den olympischen Spielen fahren. Das könnten natürlich meine Landsleute nicht verstehen.                             
 
TV-Sendung:
Ein Gespräch von Franz Alt mit dem Dalai Lama
3sat | 19.05.08 | 21:00 Uhr mehr

Wiederholung:

SWR Fernsehen | 25.05.08 | 23.30 Uhr mehr 
Quelle:
Franz Alt 2008
ARD 2008
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