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Interview 75 von 107

:: 20 Jahre nach dem Super-GAU: „Wer aus Tschernobyl nichts lernt, kriegt ein zweites!“

"Wer aus Tscher­nobyl nichts lernt, kriegt ein zweites. Alles, was technisch passieren kann, wird irgend­wann passieren. Wir haben 440 AKW weltweit - brauchen wir wirklich irgendwo ein zweites Tschernobyl? Und wie argumentieren jene, die jetzt für längere Laufzeiten sind, nach dem nächsten Unfall?" „zivil“-Interview mit dem Umweltjournalisten Franz Alt.
zivil: Herr Alt, der Super-GAU von Tschernobyl hat Sie zum entschiedenen Gegner der Atom­kraft gemacht - davor waren Sie Atomkraftbefürworter.
Alt: Das, stimmt, Tschernobyl war sozusagen mein energetisches Damaskus. Vor allem bin ich damals über mich selbst erschrocken! Darüber, dass ich einfach blind den Fachleuten ge­glaubt habe, die erzählt haben: Da kann nie et­was passieren, höchstens alle 10.000 Jahre mal. Nach Tschernobyl habe ich dann einfach intensiver recherchiert und festgestellt, was da alles passiert war vorher schon, ohne dass ich mich als Journalist darüber aufgeregt hätte.
 
Da war Tscheljabinsk, in der Nähe des Ural, das war 1957 schon, in der alten Sowjetunion. Das war völlig verschwiegen worden, dabei war der Unfall schlimmer als der in Tschernobyl. Nur: Der Wind ging damals nach Osten, deshalb wurde hier nichts gemessen.
 
Auch die englische Regierung hat einen großen Unfall verschwiegen, den von 1953 in Sellafield. Wir wissen heute, dass dort laut einer Studie, die im Auftrag der britischen Re­gierung entstand, die Zahl der krebskranken Kinder zehnmal höher ist, als im Landesdurch­schnitt.
 
Dann hatten wir Harrisburg in den USA, 1974, wo durch einen Riesenzufall der GAU ge­rade noch verhindert wurde, da waren schon zwei Millionen Menschen evakuiert... Also: Alle 10.000 Jahre sollte etwas passieren, alle 10 Jah­re ist etwas passiert. So schnell vergeht die Zeit!
 
 
„Statistisch liegt da etwas in der Luft"

zivil: Es beruhigt Sie also nicht, dass wir seit Tschernobyl zwei Jahrzehnte Ruhe hatten?  
Alt: Im Gegenteil: Rein statistisch liegt da wie­der etwas in der Luft.
 
 
zivil: Was konkret hat Ihnen seit Tschernobyl einen anderen Blick eröffnet?
Alt: Ich habe den Direktor für die Aufräumarbeiten kennen gelernt, das war ein Professor für Atomphysik, Wladimir Tschernousenko, ein glühender Anhänger der Atomenergie. Und er hat auch gesagt, er habe das verdrängt als Fachmann: Man hat einen gu­ten Arbeitsplatz - und dann schiebt man alle Einwände weg. Er ist dann durch die Tschernobyl-Katastrophe ein entschiedener Gegner der Atomenergie geworden. Er war von Gorbatschow berufen worden für die Aufräumarbeiten - und er wur­de dabei verstrahlt. Er hat dann später gegen Atomenergie Position bezogen. Er hatte alle westdeutschen AKW besucht und mir einmal ge­sagt: die sind vordergründig auf einem besseren Standard, aber ausschließen kann man nichts. Es gibt, sagte dieser Professor für Atomphysik, kein einziges inhärent sicheres Atomkraftwerk. Es gibt überall ein atomares Restrisiko - und das ist bekanntlich jenes Risiko, das uns jeden Tag den Rest geben kann, deshalb heißt es so.
 
 
zivil: Trotz allem wird gegenwärtig gefordert, die Laufzeiten der Atomkraftwerke zu verlän­gern.
Alt: Wir haben heute weltweit über 440 AKW, in Deutschland noch 17 in Betrieb. Jetzt eine Verlängerung der Laufzeiten zu fordern, halte ich für veraltetes Denken.
 
 
zivil: Vielen gilt dennoch die Atomkraft als „die Rettung' im Energiesektor: kein Klimawandel, keine Abhängigkeiten von Lieferanten, keine Verknappung in Sicht... 
Alt:  ...da sehen Sie, was das alles für Mythen sind. Erstens sind wir abhängig: Wir haben kein eigenes Uran, wir kriegen es aus Austra­lien hier her. Und zweitens: Der Weltenergierat in Paris sagt, in 50 Jahren gibt es kein Uran mehr. Wir müssen also ohnehin umsteigen. Außerdem: In Zeiten des Terrorismus ist jedes AKW eine potenzielle Einladung an Terroristen.
 
Ich kann nur sagen: Wer in dieser Situation für eine Verlängerung der Laufzeiten ist, der lebt im Wolkenkuckucksheim, der ist kein Realpolitiker, sondern ein gefährlicher Träumer. Und mit dem „C" im Parteinamen der Christlichen Demokraten, der Herren Oettinger, Stoiber oder Koch, halte ich das überhaupt nicht für vereinbar, Millionen von Menschenleben zu gefährden, nur weil wir uns den neuen Technologien ver­schließen, die längst da sind.
 
Wir haben alle Möglichkeiten, zu 100 Pro­zent auf erneuerbare Energien umzusteigen. Wenn ich weiß, dass ich umstellen muss, dass das Alte nur noch wenige Jahrzehnte hält, dann mach' ich es doch rechtzeitig, auch aus ökono­mischen Gründen: Wer zuerst die Nase vorne hat, macht die Geschäfte von morgen. Das ha­ben die Japaner und die Chinesen und die Ko­reaner viel schneller begriffen. Oder nehmen Sie Österreich. Die Österreicher haben vor 25 Jahren schon beschlossen, kein AKW mehr zu bauen, sie gewinnen heute schon 16 Prozent der Primärenergie aus nachwachsenden Roh­stoffen, das heißt, aus Ressourcen vor Ort. Das ist viel intelligenter, als 80 Prozent der Energie zu importieren, wie wir das heute tun - und da­durch abhängig zu sein. Schweden ist bei der Energiegewinnung aus Biomasse noch weiter als Österreich. Die schwedische Regierung will bis 2020 zu 100 Prozent weg vom Öl.
 
 
Die Gefahr von Ressourcenkriegen wächst

 
zivil: In Deutschland machen die erneuerbaren Energien gerade mal 11 Prozent des Stromver­brauches aus - warum geht der Wandel zu die­sen Neuen Energieformen so langsam voran?
Alt: Man muss sehen: Auf der Seite der konven­tionellen Energien stehen mächtige Milliarden-­Interessen. Und so, wie der genannte Atomphy­siker nicht sehen wollte, was ist, geht es vielen, die in den alten Strukturen drinhängen. Also angefangen vom Arbeitsplatz bis zu den Mil­liarden-Interessen gibt es viele Faktoren, die dafür wirken, dass die alten Systeme so lange wie möglich weiterlaufen. Das ist menschlich verständlich - aber nicht hilfreich - und es ist gefährlich.
 
Ich denke: es ist kein Fehler, wenn wir Men­schen Fehler machen. Aber es ist ein großer Fehler, wenn wir daraus nichts lernen, denn dann wiederholt sich alles. Wer aus Tscher­nobyl nichts lernt, kriegt ein zweites. Alles, was technisch passieren kann, wird irgend­wann passieren. Wir haben 440 AKW weltweit - brauchen wir wirklich irgendwo ein zweites Tschernobyl? Und wie argumentieren jene, die jetzt für längere Laufzeiten sind, nach dem nächsten Unfall?
 
 
zivil: Selbst für die Atomkraft gehen die Roh­stoffe zur Neige, bei anderen Energieträgern ist das bereits deutlicher sichtbar. In Bezug auf das Öl etwa befürchten viele, dass es künftig ver­stärkt Ressourcen-Kriege geben wird.
Alt: Durchaus. Das habe ich auch in meinem Buch „Krieg um Öl oder Frieden durch die Son­ne" aufgezeigt. Im Irak haben wir den zweiten Krieg um Öl. Der Vater-Bush hat ja auch einen Krieg um Öl mit 340.000 Toten auf dem Gewis­sen. Der junge Bush hat jetzt über 30.000 Tote auf dem Gewissen - das ist Massenmord. Das heißt, im amerikanischen Weißen Haus sitzen Massenmörder, die der Ressourcen wegen, weil sie sich nicht öffnen für die Sonne und das Licht, Kriege führen müssen. Iran könnte Bushs nächste Tankstelle werden.
 
Solange ich mich dem Klimaschutz ver­schließe, solange ich mich erneuerbaren Ener­gien verschließe, muss ich um die letzten Res­sourcenkriege führen, weil die ganze Welt sie heute noch braucht, weil Indien und China uns nachmachen wollen... Am Schluss werden nur noch die großen Atommächte die Verteilungs­kämpfe führen.
 
Ich habe einmal Michail Gorbatschow gefragt: Warum führt ihr diesen verbrecherischen Tschetschenienkrieg? Und er sagte: „Das ist kein Krieg um ein paar hunderttausend Tschetschenen. Ob die bei Russland sind oder nicht, das ist gar nicht so wichtig. Das ist ein Ressourcenkrieg.“
 
Im Süden Tschetscheniens haben die westlichen In­dustriestaaten ihre Pipelines und im Norden die Russen. Gorbatschow: „Wir können aus Ressourcengründen Tschetschenien nicht aufgeben.“ Der Sudankrieg: 30 Jahre Bürgerkrieg, zwei Millionen Tote - ja, es ging immer um Öl. Die ganzen Geschichten im Kongo sind Ressourcenkonflikte. Ebenso die Bürgerkriegssituation jetzt in Nigeria.
 
 
zivil: Ist es demnach auch zu befürchten, dass sich die entwickelten Staaten gegenseitig be­kriegen?
Alt: Ja, das werden sie müssen! Wenn wir nicht umsteigen, müssen sie Kriege führen um die letzten großen Ressourcen.
 
Die letzten großen noch nicht erschlossenen Ressourcen an Gas und Öl haben wir in Zen­tralasien: Kasachstan, Usbekistan, Aserbaidschan, und da wollen die Milliarden­völker Asiens, die Chinesen und die Inder, die jetzt industriell aufholen, genauso ran wie die westlichen Staaten. Die nächsten Konflikte sind längst vorprogrammiert.
 
Warum haben wir den Irankonflikt jetzt? Iran ist der viertgrößte Öllieferant der Welt - das steckt dahinter. Ob wir eine weitere Atom­macht haben oder nicht - bitte: Nordkorea hat bereits eine Bombe. George W. Bush droht Nordkorea nicht. Warum? Nordkorea hat kein Öl, das Land ist völlig uninteressant. Und wenn wir im Iran nicht aufpassen und uns reinziehen lassen, wird uns Hören und Sehen vergehen.
 
 
Das Brett vor der Sonne

 
zivil: Haben wir genug Potenzial zur Verfügung, um einen Wandel zu sauberen, regenerativen Energien hinzukriegen?
Alt: Die Sonne allein schickt uns jeden Tag 15.000 Mal mehr Energie als die ganze Mensch­heit verbraucht. Die Windenergie stellt uns theo­retisch 308 Mal mehr Energie zur Verfügung als die ganze Menschheit braucht. Allein die Biomasse - nachwachsende Rohstoffe-15 Mal mehr. Und die Wasserkraft alleine die Hälfte dessen, was wir zurzeit verbrauchen. Also, wir haben auch praktisch das x-fache dessen, was wir heute verbrauchen. Das ist überhaupt keine Frage für jeden, der sich ein bisschen mit erneuerbaren Energien beschäftigt.
 
Es ist hohe Zeit, dass wir uns endlich, auch als Verbraucher, intensiv um Alternativen be­mühen. Wir haben auf unserem Hausdach seit 15 Jahren zwei Solaranlagen. Und die Sonne schickt uns nie eine Rechnung. Die Technik, dafür muss die Politik sorgen, muss in Massen hergestellt werden, und dann werden auch die An­lagen preisgünstig. Die letzte Bundesregierung hat das Er­neuerbare-Energiengesetz verabschiedet, wo­nach alle erneuerbaren Energien sich rechnen, man kann sogar Geld damit verdienen. Die jet­zige Regierung hat dieses Gesetz übernommen, und deshalb haben wir zurzeit einen Boom in der gesamten Branche der erneuerbaren Ener­gien.
 
Hunderttausende Menschen haben schon umgestellt, werden plötzlich zu Botschaftern der erneuerbaren Energien und fragen sich: Warum hatten wir so lange ein Brett vor der Sonne?
 
 
zivil: Sie haben Hoffnung, dass die Energie­wende kommt?
Alt: Ich mache das, was ich als Journalist zu machen habe, nämlich aufzuklären. Und ich sehe durchaus einen Bewusstseinswandel und habe die Hoffnung, dass wir zumindest das Al­lerschlimmste noch verhindern. Aber: um eine globale Erwärmung von mindestens zwei Grad kommen wir gar nicht mehr herum. Im letzten Jahrhun­dert hatten wir nur 0,6 Grad Erwärmung. Aber in diesem Jahrhundert sind die zwei Grad schon programmiert, messbar wird das erst in 2o bis 30 Jahren sein.
 
Man muss Realist sein und sehen: Es wird Schlimmes passieren. Schauen Sie nur mal an, was die Münchener Rückversicherung befürchtet. Die sagen: Wenn das 50 Jahre so weiter geht mit den zunehmenden Naturschä­den, dann reicht das Gesamtbruttosozialpro­dukt der gesamten Menschheit nicht mehr aus, um die Schäden zu finanzieren. Wir müssen nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus ökonomischen Gründen die 100-prozentige Energiewende organisieren. Und wir haben ge­nug Beispiele auf der ganzen Welt, die bewei­sen, dass das geht. Biomasse-Energien werden in den nächsten Jahren ein großes Thema werden, dann kommt mittelfristig die Erdwärme hinzu. Allein das riesige Potenzial am Oberrheingraben, sagen uns die Fachleute, könnte ganz Deutsch­land und Frankreich für 1500 Jahre mit Energie versorgen. Also: Es ist kein Mengenproblem, es ist ein mentales Problem, es ist ein Informati­onsproblem - und ein Problem der politischen Abhängigkeiten.
 
Mit Franz Alt sprach Werner Schulz von "zivil"
 
 
Tschernobyl mahnt - für ein Europa ohne Atom
Eine gemeinsame Petition an den Deut­schen Bundestag haben Friedensgruppen anlässlich der Reaktorkatastrophe vor 20 Jahren formuliert. In dem Aufruf heißt es, Tschernobyl fordere heute dazu auf, rege­nerative Energien stärker zu fördern. Außerdem wird die Notwendigkeit eines För­derprogramms für Belarus und die Ukraine betont. Daran sollten sich auch die Energie­konzerne beteiligen.
 
Der Petitionstext sowie weitere Aufrufe zum Tschernobyl-Jahrestag sind abrufbar unter www.friedenskooperative.de. Die Website gibt auch einen ständig aktuali­sierten Überblick über Veranstaltungen zum Thema.
Quelle:
Franz Alt 2006
erschienen in "zivil" 2|2006
Zeitschrift für Frieden und Gewaltfreiheit
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