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Interview 70 von 111

:: Wie steht es um den Krieg der Zivilisationen?

Gespräch mit dem somalischen Muslim Abdulkarim Ahmed Guleid - von Rupert Neudeck.
Wir trafen unseren alten Freund Abdulkarim Ahmed Guleid in München wieder. Dort hatte er mit Hilfe von Luitgard Wiest eine Operation hinter sich bringen können. Er hatte in Deutschland, wo er 1974 eintraf, studiert und eine gute Position bei Siemens bekommen. Doch als Menschen in Ostafrika, am Horn von Afrika und dann noch Somalis in hunderttausender Zahlen aus dem äthiopischen Ogaden nach Somalia zogen und dort bar jeder Versorgung waren, kämpfte er in Deutschland um eine Unterstützung für seine Landsleute. Wir vertrauten ihm, schickten ein Vorausteam. Abdulkarim Guleid wurde unser Freund und Mitarbeiter. Von Anfang an - 1980 - war mir bewusst: Abdulkarim ist ein gläubiger Muslim und er ist unser (bis heute) bester Freund in Afrika. Wir haben unsere beiden Religions-Überzeugungen und unsere religiöse Praxis nie als eine Ausgrenzung oder Abgrenzung verstanden. Im Gegenteil, wir sind der festen Überzeugung, dass wir gerade als Gläubige mehr füreinander und für andere tun sollten.

Es ist eine Freundschaft, die jetzt schon 26 Jahre hält. In dieser Zeit hat Abdulkarim fünf ganze Jahre unentgeltlich Somalia gewidmet. Abdulkarim ist dann ganz nach Somaliland zurückgegangen, hat unter den Unzulänglichkeiten des somalischen Widerstandes gegen die Diktatur des Siad Barre sehr gelitten. Er hatte sich dann bei der ausgehenden Mengistu Zeit nach Äthiopien zurückgezogen, obwohl er in den 80er Jahren noch in Äthiopien gefährdet war.

Dann hörten wir von einer deutschen Ärztin, die wir dorthin geschickt hatten: Abdulkarim sei im Gefängnis. Es hatte ihn jemand ins Gefängnis gebracht, der ihm seine guten Beziehungen nach Deutschland geneidet hat.

Wir waren verzweifelt. Was konnten wir hier in Deutschland tun. Wir hatten damals ein großes Vertrauen zu dem deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Ich schrieb ihm am 13. Juli 1990 einen Brief. Ich sagte dem Präsidenten: Wenn es nur um formale Kriterien gehen würde, könnte er diesen Brief gleich in den Papierkorb werfen. Aber dieser Abdulkarim Ahmed Guleid sei „ein Ehrendeutscher“. Er habe über 5 Jahre für die deutschen Humanitären in Somalia gearbeitet, habe seine gute Position bei Siemens verlassen.

Dann kam schon zehn Tage (23. Juli 1990) später ein Brief, den ich nur zitternd aufmachte. Der Bundespräsident hatte darin geschrieben: „Ihrem Anliegen entsprechend habe ich mich an die zuständigen Stellen der Bundesregierung mit der Bitte gewandt, sich für Herrn Abdulkarim Guleid einzusetzen. Es ist meine feste Überzeugung, dass getan werden muss, was möglich ist.“ Zwei Wochen später lief eine Nachricht von Abdulkarim bei uns über den Ticker: „Ich bin frei“.
 
Er kam frei, weil jemand von der deutschen Botschaft das Interesse des deutschen Bundespräsidenten an diesem Abdulkarim Guleid betont hatte. Abdulkarim und Rupert Neudeck haben gestern dem Alt-Bundespräsidenten von Weizsäcker einen Brief geschrieben und ihm ihren großen tiefen Dank ausgesprochen für diese unkonventionelle Art der Politik. Eine solche Politik war der Vorgriff auf eine Zeit, die in der Politik noch nicht da ist: dass alle Menschen gleich sind. Heute sind Somalis mit schwarzer Hautfarbe und einem schlechten Paß noch lange nicht so wertvoll wie wir Deutschen.
Ich fragte Abdulkarim, der z.Zt in München lebt, wie er das sähe. In Europa und in weiten Teilen der westlichen Welt könne man den Eindruck gewinnen, es sei ein neuer Weltgegner nach dem Verlust des Gegners Moskau und die Sowjetunion gefunden worden und der heiße Islam. Wie steht das mit dem Krieg der Zivilisationen?

Abdulkarim: „Der Feind ist doch nicht der Islam, der Feind ist der Krieg selbst, der so furchtbar viel Leid über die Menschen bringt. Der Feind ist der Terror selbst, der Akt des Terrors. Und diese Terrorakte haben doch nichts zu tun mit der Religion. Alle gläubigen Muslime und alle gläubigen Christen verurteilen und verdammen diese Akte des Terrors und jede Form von Terror, die gegenüber Menschen ausgeübt wird.

Was bedeutet Frieden? Frieden bedeutet in einfacher Klarheit Koexistenz. Das bedeutet Sprechen und Verstehen miteinander und untereinander. Der Konflikt startet immer mit dem Nicht-Verstehen und dem Miss- oder Antiverstehen. Wo man sich verständigen kann, gibt es keinen Konflikt. Und wenn Frieden Koexistenz bedeutet, dann ist der Weg dahin durch Verhandlungen und Gespräche gepflastert. Durch was sonst? Und wenn irgendwas im Fortschritt der Menschen und der Entwicklung der Völker geschehen kann, dann durch den Dialog. Aber doch nicht durch das Gewehr. Frieden ist viel stärker als Gewehrkugeln.

Ich denke, je mehr wir uns im Krieg einrichten, desto mehr sind wir in Gefahr, unsere eigenen Leute und ihr Fortkommen aus den Augen zu verlieren. Je mehr wir auf den Krieg setzen, desto mehr arbeiten wir gegen unser eigenes Land. Und es ist nicht das Gewehr, das den Krieg eigentlich macht. Es ist die Absicht im Kopfe dessen, der das Gewehr hat und es dann auch so benutzt. Die Gewehre können, wenn sie richtig verwandt werden, benutzt werden, um die Würde und Ehre von Menschen zu verteidigen.

Was wir brauchen sind Menschen und Gläubige, die sich mit anderen zusammentun und die ganze Völker nahe zusammenbringen. Zu einer Koexistenz der Völker und Religionen.“


R.Neudeck: Was sagst Du zu denen, die meinen, alle Muslime sind Terroristen?

Abdulkarim: „Und wer immer sagt, Christen seien Terroristen, und wer sagt, die Muslime sind Terroristen, der baut eine eiserne Mauer in seinem Kopf. Damit hat jemand sich abgespalten von dem anderen und hat ihn fixiert auf das, wer er meint, er sei es. Bei Verhandlungen und Gesprächen geht dann nichts mehr, weil dann ja kein Raum mehr für Argumente ist.
 

R.Neudeck: Was ist das besondere in dem Wollo-Distrikt?

Abdulkarim: „Dieser Distrikt ist ein glänzender Beweis dafür, dass das nicht so sein muss. Also, wer immer behauptet, Christen und Muslime könnten nicht zusammenleben, der soll einfach diese Menschen dort besuchen. Wer das meint, der soll nach Äthiopien kommen und dort die Region Wollo im Norden besuchen. In diesem Distrikt leben Mitglieder ein und derselben Familie zusammen als Muslime und als Christen. Manchmal ist der Vater ein Christ, die Mutter eine Muslimin, sie haben die erste Tochter als eine Christin und der zweite Sohn ist ein Muslim. Sie gehen sowohl zur Kirche wie zur Moschee und haben keine Probleme miteinander. Ich bin da öfter gewesen und habe miterlebt, wie eng diese Menschen zusammenleben. Der Muslim ist stark in seinem Glauben und der Christ ist es ebenso. Sie sprechen zueinander als Brüder und Schwestern, und sie geben Wert und Würde sich gegeneinander als Menschen, als menschliche Wesen und Bürger Äthiopiens. Sie haben nichts mit Überlegungen darüber am Hut, welche Religion stärker als die andere ist. Wenn es keine Toleranz und keine Koexistenz gibt, wenn man sich nicht gegenseitig annimmt und erträgt, dann geht man nach einiger Zeit auseinander. Was gebraucht wird in Europa und in den USA, das sind Koexistenz und Toleranz.

Die Frage stellt sich für mich nicht nach dem Muslim. Alle Muslime, die gegen Osama Bin Laden waren, die halten ihn alle nicht für einen Helden. Wer kennt ihn denn, wer sorgt sich um ihn? Die Amerikaner haben ihn ja bekannt gemacht und auch berühmt.“


Wir gingen zurück zum Bahnhof in München und haben vereinbart, 2007 werden wir uns gemeinsam in den Wollo-Distrikt begeben. Und dort ein Fanal, ein Zeichen für die Welt setzen, dass das, was die Politik nicht für möglich hält, wirklich ist. Kein „Clash of Civilizations“, sondern Frieden und Koexistenz zwischen den Religionen und Völkern Äthiopiens.
Quelle:
Rupert Neudeck 2006
Grünhelme 2006
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