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Interview 45 von 113

:: Die Klimafrage ist die wichtigste Herausforderung der Menschheit

"Wer sagt, Windräder verschandeln die Landschaft, muss die Frage beantworten, wie sexy Atomkraftwerke in der Landschaft sind."
win[d]: Herr Dr. Alt, wie sind Sie auf die Erneuerbare Energie gekommen? Solch eine Leidenschaft ergreift einen ja nicht zufällig. Kann man bei Ihrem Engagement von „Mission“ sprechen?
Franz Alt: Ich bin durch die Tschernobyl-Katastrophe aufgewacht und war danach zunächst gegen Atomenergie – in meinen Fernsehsendungen und persönlich. Doch bald habe ich begriffen, dass es nicht reicht gegen etwas zu sein. Genau so wichtig ist es, klarzumachen, wofür man ist. Über die Bücher von Hermann Scheer habe ich dann rasch die Vorteile der Erneuerbaren Energien kennen und schätzen gelernt.
 
 
win[d]: „Ich fange da an, wo Al Gore aufhört!“ sagen Sie von sich. Was ist die Schnittstelle zwischen Al Gore und Ihnen?
Franz Alt: Wie Al Gore sehe ich, dass die Energie- und Klimafrage die wichtigste Herausforderung der Menschheit in den nächsten Jahrzehnten ist. Aber im Gegensatz zu Al Gore bleibe ich nicht überwiegend beim Beschreiben der Katastrophe stehen, sondern zeige ganz konkret und praktisch Wege zur Lösung. Nicht zufällig heißt mein neues Buch „Sonnige Aussichten-wie Klimaschutz zum Gewinn für alle wird.“
 
win[d]: Die neue Energiewirtschaft bezeichnen Sie als „Garant für den Wohlstand aller!“ Ist das nicht ein bisschen viel Erwartung an die Erneuerbaren: Nicht nur ökologisch, auch ökonomisch die Welt retten?
Franz Alt: Wir werden lernen müssen, dass die Ökologie die intelligentere Ökonomie im 21. Jahrhundert ist. Nachhaltig wirtschaften heißt ganz wesentlich: Immense Folgekosten vermeiden. Die alte Ökonomie ist am Ende. Vor allem wegen der immer höheren Energiekosten. Das hat der ehemalige Chefvolkswirt der Weltbank, Sir Niclas Stern, vorgerechnet: Klimaschutz kostet ein Zehntel dessen, was wir aufbringen müssen, wenn wir das Klima nicht schützen. Und Klimaschutz heißt im Wesentlichen: 100 % Umstieg auf Erneuerbare Energien und Energieeffizienz.
 
Der große ökonomische Vorteil der künftigen Versorgung mit Erneuerbaren Energien ist, dass Sonne und Wind und Geothermie keine Rechnung schicken, während die alten Energieträger immer teurer werden. Diese ökonomischen Vorteile sollten die Vertreter der Erneuerbaren viel offensiver vertreten. Und mit diesen Vorteilen können die heute noch armen Länder ihre Entwicklung organisieren. Afrika und die Sonne: Welch eine Chance, den Hunger zu überwinden! Ohne Energie aber wird es keine positive Entwicklung in den Hungerländern geben können.
 
Sie haben Recht, es geht nicht allein mit Erneuerbaren Energien. Die drei Pfeiler, auf denen die Entwicklung in den Dritte-Welt-Ländern gelingen kann, heißen Erneuerbare Energien, Wasser und Bildung.
 
 
 
win[d]: Sie fordern eine Änderung der Energiepolitik. Was muss sich konkret ändern? Gibt es Vorbilder?
Franz Alt: Das Erneuerbare- Energien-Gesetz ist ein wichtiger Schritt. Auf dieser Basis kann realisiert werden, was Andrea Ypsilanti und Hermann Scheer im hessischen Wahlkampf angekündigt haben: Hessen bis 2030 zu hundert Prozent erneuerbar. Das ist vorbildlich und machbar und die Wähler machen mit wie man am Wahlergebnis sieht Oder: Die neuseeländische Regierung hat angekündigt, dass ihr Land bis 2025 zu 100% erneuerbar ist. Oder: Die schwedische Regierung hat angekündigt, dass in Schweden bis 2020 kein Erdöl mehr verbraucht wird. Oder: Sechs bayertische Landkreise haben angekündigt, bis 2030 zu 100% erneuerbar zu sein. Und etwa ein Dutzend Kommunen in Deutschland sind schon heute zu 100 % oder auch mehr erneuerbar oder zumindest in wenigen Jahren.
 
 
win[d]: Sie halten das EEG für intelligent. Auch die geplante Novellierung?
Franz Alt: Da sehe ich an einigen Stellen eine leichte Verschlechterung im Regierungsentwurf, zum Beispiel bei der Reduktion der Einspeisevergütung für Photovoltaik und Windrädern an Land. Aber auch hier gilt: Kein Gesetz kommt aus dem Bundestag so wie es rein ging.  Parlamentarier aus allen Parteien wollen noch nachbessern. Darauf hoffe ich.
 
 
win[d]: Landschaften wie der Schwarzwald erfahren durch die WEAs eine „prägnante Akzentuierung“, findet der Freiburger Künstler und Soziologe Richard Schindler. Mit welchen Augen sehen Sie Windräder, wenn Sie bei Ihren Reisen durch deutsche Lande reisen?
Franz Alt: Ich finde Windräder schön. Je mehr Windräder, desto weniger hohe Strommasten. Das wird ein Gewinn für die Landschaft. Ohne Erneuerbare Energien – und dazu gehören Windräder – können wir Landschaftschutz vergessen. Der Klimawandel ist doch das Problem für den Landschaftsschutz und nicht die Windräder! Welch eine absurde Logik! Wer sagt, Windräder verschandeln die Landschaft, muss die Frage beantworten, wie sexy Atomkraftwerke in der Landschaft sind.
 
 
 
win[d]: Windkraft ist die dynamischste aller Energieträger in Deutschland, auch wenn der Markt aktuell um 25 Prozent eingebrochen ist. Noch ist Deutschland Windweltmeister. Wie sieht die Perspektive Ihrer Meinung nach bis 2020 aus? Was muss Deutschland tun, damit das so bleibt?
Franz Alt: Wir müssen weiterhin Windräder auch an Land aufstellen. Hessen, Bayern und Baden-Württemberg sind Windländer, aber produzieren weniger als 2% ihres Stroms über Windkraft. Was geht, zeigt zum Beispiel Sachsen-Anhalt. In diesem Binnenland wird bereits 36 % des Stroms über Windräder produziert. Das ist vorbildlich. Die typisch deutschen Bedenkenträger dürfen mit ihrer Technik-Ignoranz nicht länger die öffentliche Diskussion bestimmen. Sie verhindern die Zukunftsfähigkeit unseres Landes mit lächerlichen und längst widerlegten Argumenten.
 
 
win[d]: Sie schreiben in einem Ihrer Bücher: „Jedes Windrad ist ein Zeichen des Friedens und ein Geschenk des Himmels.“ Das sehen andere natürlich anders. Für andere ist es Teufelswerk... wie zum Beispiel in Baden-Württemberg. Im Windpark Nordschwarzwald laufen seit Juni 2007 14 Vestas-Windenergieanlagen – eine ziemliche Sensation in diesem Bundesland. Ein Tropfen auf den heißen Stein... oder ein Anfang, der Mut macht?
Franz Alt: Ein Anfang der Mut macht und zeigt, dass auch in Bundesländern, in denen die Atomlobby das Sagen hat, die Vernunft nicht ganz ausgeschaltete werden kann
 
win[d]: Ihre Frau Bigi teilt offenbar Ihre Begeisterung für die Erneuerbaren und verschickt jeden Sonntag den „Sonnenseite“ Newsletter von Ihrer sehr informativen Website in alle Welt. Wie setzen Sie im Privatleben Ihr ökologisches Engagement um?
Franz Alt: Wir haben zwei Solaranlagen auf dem Dach, eine Pelletheizung ist bestellt und über 90 % unserer Wege in Deutschland fahren wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln, unsere Kinder haben wir angesteckt.
 
win[d]: Herr Dr. Alt, wenn wir richtig gerechnet haben, werden Sie in diesem Jahr 70! Sie halten jedes Jahr auf der ganzen Welt Vorträge, allein im März waren es über 20! Sie schreiben unablässig Bücher, eröffnen Windparks, Solaranlagen und Biomasse-Kraftwerke. Sind Sie selbst ein Erneuerbarer? Wie schaffen Sie das?
Franz Alt: Mit Hilfe meiner Frau, dem Verständnis unserer Kinder sowie mit Energie von innen und von oben. Die wichtigsten Erneuerbare Energien sind Menschen, die sich für Erneuerbare Energien begeistern.
 
win[d]: Was haben Sie in diesem Jahr noch vor?
Franz Alt: Ich werde dieses Jahr über 200 Vorträge in Europa, Nordamerika, Südamerika und Afrika halten und auch weltweit Regierungen und Firmen beraten. Die Arbeit macht mir Freude. Ich heiße Alt, bin im besten Alter, lebe gern und habe Lust auf Zukunft.
Quelle:
Win[d] 2008
Vestas 2008
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