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:: BERLINALE: "Wer wenn nicht wir"

Der Regisseur Andres Veiel erzählt von einem Land, das ich kenne: Von der Bundesrepublik der 60er Jahre. Es war ein verklemmtes, ein verdruckstes Land. Das große Schweigen über die Jahre zuvor, die verschämt und heroisierend zugleich die "Kriegsjahre" genannt wurden, lastete auf diesem Land.

Der Begriff Jude tauchte nur auf, wenn es um "Unordnung wie in einer Judenschule" ging, oder darum wie betrügerisch schlau die Juden angeblich sein sollten. Dem Vater von Bernward (August Diehl), dem Nazi-Dichter Will Vesper, fällt in Veiels Film "Wer wenn nicht wir" sogar ein, dass "die Katze der Jude unter unter den Tieren" sei, immerhin fräße sie deutsche Nachtigallen. Wenn die Väter und Mütter jener Zeit miteinander schlafen, dann nur im Dunklen. Wer unverheiratete Paare beherbergt kann wegen Kuppelei ins Gefängnis kommen.

 

Im Elternhaus von Gudrun Ensslin ( Lena Lauzemis) findet der Vater, ein protestantischer Pfarrer, leisere Töne. Aber auch dort herrscht die gute deutsche Ordnung und das Verschweigen. Als Ensslin und Vesper aufeinander treffen, wissen sie anfänglich nur, was sie nicht wollen: Nicht die Verklemmung des des Landes, nicht die elterlichen Regeln, irgend etwas, das jenseits der wirtschaftlich prosperierenden Republik und ihrer sonntäglichen Autowäsche liegt. Und vor allem wollen sie sich lieben, leidenschaftlich besinnungslos und ohne Ende. Es gibt zu Beginn des Films eine Schlüsselszene, in der die Lauzemis die Kraft der Gudrun Ensslin zeigt und auch ihre eigene, jene Aura von schauspielerischer Urgewalt, die den ganzen Film beherrschen wird: Sie zieht sich vor Bernward aus und nimmt den Mann, der eigentlich mit ihrer Freundin zusammen ist.

 

Bernward Vesper, der mit den Blut-und-Boden-Büchern seines Vaters Geld machen will, entdeckt jene sehr persönliche Freiheit - lange bevor er an die Freiheit aller denken mag - die in der Sexualität liegen kann: Die Zahl der Frauen mit denen er schläft mehrt sich. Und während die Ensslin darunter leidet, sind die beiden doch mehr als ein Liebespaar. Ihr kleiner Verlag bringt eine Anthologie gegen den Atomtod heraus. Auch wenn der Film das Thema nur streift: Der Kampf gegen die atomare Aufrüstung - im Zuge der Spaltung der Welt in die guten, weil demokratischen USA und deren Freunden einerseits, und den Ostblock mit der bösen Sowjetunion an der Spitze- ist die erste Regung einer linken Bewegung in Westdeutschland. Eine Ahnung von einem anderen Land streift durch die Republik. Und der Eichmannprozess, den Veiel als eine der vielen Dokumentarbilder aus der Zeit einspielt, wird das bürokratische Böse enthüllen und die Schweigelügen auch.

 

Das Paar muss raus aus der kleinen Stadt Tübingen in der es studiert. Wie viele andere junge Leute flieht es aus der Provinz nach Westberlin, in die Stadt zwischen West und Ost, deren fragile Existenz Neuanfänge zu versprechen scheint. In diesem Berlin scheint vieles möglich: Ensslin und Vesper, deren Liebe ohne Bedingung zu weiteren, bedingungslosen Lieben führt, wollen die Änderung der Republik, ohne zu wissen wohin sie sich ändern soll. Der Schriftsteller Klaus Roehler wird ihr Verbindungsmann zum SPD-Wahlkontor werden, jener intellektuellen Ideenschmiede, die eine Transformation der Republik von der CDU-Verkrustung zum Mehr-Demokratie-Wagen begleiten wird. Veiels Film guckt genau hin, er zeigt das strahlend junge Paar, erinnert an die tiefen Wunden, die dieser Generation zugefügt wurde, an deren Empathie mit dem kleinen Vietnam, der Hass des alten West-Deutschland auf das Neue, die Polizei, deren Knüppel die häusliche, schwarzen Pädagogik bis in die Öffentlichkeit verlängert. Er zeigt die Verstörungen einer Jugend, die den Schmerz der Unterdrückung überall auf der Welt als den eigenen empfindet.

 

Spätestens mit der ersten Großen Koalition, in der die SPD ab 1966 den Ex-Nazi Kiesinger als Kanzler mitträgt, radikalisiert sich das linke Milieu. Die hilflose Frage nach einer Alternative drängt zu dem, was man später die 68er Bewegung nennen wird: Zur Ablehnung aller Autoritäten, zum Zerbrechen jener Ketten, mit der die nachwachsende Generation an die Verbrechen ihrer Eltern geschmiedet war. Weil die Wände, gegen die man anrennt, nicht unmittelbar zu überwinden sind, richtet sich ein Teil der bewegten Jugend auf den "langen Marsch der Institutionen" ein. Andere lehnen den Marsch, die Debatte, das zähe Ringen um Veränderungen ab. Zu den Kurzschlüssigen, die sofort Ergebnisse haben wollen, die das Land am Rande des Faschismus sehen, gehört auch Andreas Baader. Der Film präsentiert ihn in all seiner posierenden Erbärmlichkeit und verlängert die alte Frage ins Heute: Warum hat sich die kluge, sensible Gudrun Ensslin mit diesem Phrasen dreschenden Arschloch zusammen getan, warum hat sie mit ihm den aussichtslosen Weg des Anzündens, Bombens, Schießens genommen? Vielleicht, weil das Erbe der gewalttätigen Nazi-Zeit in den Nachgeborenen ein Echo neuer Gewalt auslöste, einen psychologischen Reflex, der in der Verkleidung der sozialen Revolution auftrat. Die RAF war geboren.

 

Neben den außerordentlich dichten Bildern des Films ( Kamera: Judith Kaufmann) und der präzisen Einfühlung des Regisseurs in eine Zeit, die er nicht bewusst miterlebt hat, gilt es zwei herausragende Zitate zu erwähnen. Da ist zum einen die Mutter Vespers, die ihn mahnt, er habe doch dem "Führer" viel zu verdanken, denn sein Vater, der keine Kinder wollte, habe sich nur dem Wunsch Hitlers nach Kindern gebeugt. Wen solche Mütter aufzogen, dem war der Weg in die Irre gebahnt. Das andere wichtige Wort spricht der Vater von Gudrun Ensslin, als sie auf der Flucht vor ihrer ersten Verurteilung im elterlichen Haus Station machte: "Was ist, wenn der Faschismus (den die Ensslin in der Bundesrepublik an die Wand gemalt sah) nicht kommt?" Wie wir wissen kam er nicht und das wäre damals durchaus erkennbar gewesen. So bleibt der Film auch eine anrührende Erinnerung an die großen Talente, die mit Gudrun Ensslin oder Ulrike Meinhof die Sackgasse der Scheinrevolution nicht lebend verlassen haben.

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Wer den Film verpasst hat - hier der LINK zu youtube

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