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:: Deutschsein - Eine Aufklärungsschrift

Auf ewig in der FREMDE? Was läuft bei uns Deutschen verkehrt im Deutschsein? Zu einer gelungenen Streitschrift von Zafer Senocak. Von Rupert Neudeck

Das ist ein Buch, das uns Deutschen ohne andere Beimischungen (oder, wie man heute sagen würde, ohne jeden „fremden Hintergrund“) den Spiegel vorhält. Zafer Senocak klärt uns auf über unser Deutschsein. Seit es den Einwanderungsprozess gibt, weiche Deutschland aus, seien die Deutschen auf der Flucht.

 

Jahrzehntelang haben sie sich aufgeführt wie ungezogenen Kinder und immer trotzig gesagt: Nein, diese Einwanderungslandsuppe esse ich nicht. Als dann endlich die Suppe auf dem Tisch stand und man das, was vor uns abläuft, wenigstens als Einwanderung wahrnehmen durfte, hat man den Eingewanderten nichts weiter angeboten als einen „Aufruf zur Integration, die auf verzerrten Wahrnehmungen beruht“.

 

Der Autor hat einen deutschen Pass und meint, er sei Deutscher. Er „fällt zwar aus der Ausländerstatistik heraus, selten aber aus dem Raster des Fremden“. Der Autor plädiert für Ehrlichkeit. Besonders die Ehrlichkeit von uns Deutschen uns selbst gegenüber. Er beschreibt, wie er im Herbst 2007 am Münchener HBF aus dem ICE von Berlin aussteigt. Er kennt die Stadt, er ist dort zur Schule gegangen. Jetzt kommt er aus dem Staunen nicht heraus.

 

„So viele Menschen in Lodentrachten habe ich während der ganzen Jahre in München nicht gesehen: Die wunderbaren Hüte mit Federn. Alles bunt und fröhlich. Die Münchener tragen Heimat, zwei Wochen im Jahr. Auch die Jüngeren“. Was, wenn das die Tamilen, die Vietnamesen, die Ghanaer, die Somalis mit ihren Trachten so machen würden, mit uns vor uns?

 

Zafer Senocak erkennt. Es gibt eine nicht ausgesprochene Wahrheit: In Deutschland wird die gelungene Integration der Ausländer als Verschwinden fremder oder fremd empfundener Merkmale verstanden. Dabei sei  „die Integrationsfrage eine der deutschen Identität, eines über Jahrzehnte klein geschriebenen, gar unterdrückten Nationalgefühls“. Wir haben Probleme nach dem Zivilisationsbruch unter den Nazis mit unserer Identität, und das kommt dann hoch als Angst gegenüber Fremden, was dann schon wieder Anklänge an andere Zeiten bringt: „Türken raus!“.

 

Die deutsche Integrationsdebatte habe einen Adressaten, den sie ignoriert. Der Zivilisationsentwurf der Türken unter Mustafa Kemal war eine der „großen Kulturrevolutionen der Menschheitsgeschichte“. Und dieser Entwurf wird als störend empfunden. Denn dieser Entwurf passt nicht in die hausbackenen Erklärungen vom Innenminister Friedrich bis zum Limburger katholischen Bischof: Er konterkariert das Bild des Kampfes der Kulturen: Hier das christliche Abendland. Dort die rückständige Kultur des Islam, aus der es keine Befreiung gibt.

 

Manchmal wird er in seiner Analyse witzig. Was die Fremden angeht, würden wir Deutschen sie gern assimilieren. „Schweinefleisch verzehrende, Bier trinkende Muslime, die perfekt Deutsch und kein türkisch mehr sprechen“, wären vielleicht willkommen. „Ein frommer muslimischer Ingenieur, der hier friedlich und rechtschaffen lebt, aber darauf achtet, dass seine Kinder zweisprachig und bikulturell aufwachsen, ist es nicht“.

 

Immer wieder weist Senocak auf die Macken hin, die wir Deutsche im Jahr 66 nach 1945 haben. Oder die eine Macke. Wir sind die Erben des „Täterdeutschlands“, bemerkt er. Und diese Erben sehnen sich nach dem Opferstatus. So sei es bequemer, sich in einem Angstgefühl niederzulassen, das die eigene Gesellschaft als schwach und weinerlich erscheinen lässt, gegenüber einem aggressiven Islam, „gegenüber dem türkischen Eroberer, der ganz in der Tradition seiner Vorfahren früher oder später über das ganze Land einfallen wird.“

 

Der Autor geht nicht weiter in der Analyse. Es liegt der Auseinandersetzung mit den zu vielen Moscheen und den Minaretten natürlich auch unsere latente Befreiung von einem praktizierenden Christentum zugrunde. Wir bewundern gerade noch eine ex-Bischöfin, die betrunken am Steuer saß. Die Türken werden in ein Islambild hineingepresst, das sie mit Einwanderern aus anderen islamischen Ländern gleichsetzt, sie allzu oft zu Fundamentalisten und zu einer zivilisationsfernen Gruppe macht. Damit erweise man der Gruppe aus der Türkei, die überhaupt nicht homogen sei, einen „Bärendienst“, übrigens auch den Interessen Deutschlands.

 

Eine hochbegabte Frau in Niedersachsen mit den besten Examina wird Ministerin in Niedersachsen. Sie kann machen was sie will, immer wird sie auf die Muslimin reduziert. So wie wenn man die Angela Merkel zur evangelischen Bundeskanzlerin stutzen würde.

 

Ein Kapitel dieser gut zu lesenden, manchmal ironischen Streitschrift ist wichtiger als das andere. Es beginnt mit der Frage, ob eine Fremdsprache Geborgenheit und Heimat eröffnen kann? Dann erläutert der Autor die Sondersprache der Deutschen. Er befragt sich und uns, wie viel Fremdes wir in Deutschland ertragen? In einem Exkurskapitel geht es um die Thomas Manns Revision des deutschen Kulturbegriffs, in „Deutschsein am Bosporus“ variiert Senocak das Thema der Vieldeutigkeit von Identität. Er fragt sich und uns, ob es einen deutschen Traum gibt? Und kehrt am Ende zu der Frage zurück, die unsere Zukunft beherrschen wird: Festung oder Vorgarten, und beschreibt darin das Geheimnis des weltoffenen Deutschlands.

 

Manchmal lächelt der Autor gequält. Als diese Ministerin Aygül Özkan den Eid im niedersächsischen Parlament schwört, hat sie auch die Gottesformel benutzt: „So wahr mir Gott helfe“. Da gibt es tatsächlich Kirchenväter, sagt Senocak „die betonen müssen, dass der Gott, auf den die Frau Özkan sich berufen hat, ein anderer sei als der, den sie meinte. Woher sie das alles wissen? Gott wird es wissen, welcher auch immer“.

 

Die Eingangskapitel zur Sprache, zur Zweisprachigkeit für uns alle sind ganz wichtig. Denn hier sagt uns jemand etwas über das entscheidende Vehikel der Identität und der Heimat etwas, was wir beherzigen sollten.

 

Viele Deutsche wollen ja nicht nur, dass ’die anderen’ unsere Sprache sprechen, sondern dass sie ihre vergessen. Dabei ist ja die Zweisprachigkeit das große Geschenk. Wir sind immer nur bereit, das als Geschenk zu erkennen, wenn zweierlei vorliegt: Einmal, wenn die Fremden wieder in dem Land zu Hause sind, wohin sie zurückgeschickt gehören. Dass uns und unserer Wirtschaft das ganz zu Pass kommen kann, wenn wir in einem fremden Land tausende von deutsch sprechenden Dolmetschern haben. Das gilt dann für die alten der DDR befreundeten Ostblockländer wie Vietnam, wie Namibia, wie Mozambique wie Angola…

 

Der Autor hat mit großer Sensibilität herausgefunden, dass die Ausländer nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch das „gebrochene Deutsch“ der Deutschen lernen müssen. Die Sprache der Tabus. Tabu sei zu einem Modebegriff geworden und das häufige Auftauchen des Wortes ist vielsagend. Der Versuch, dieses gebrochene Deutsch in korrektes Deutsch zu verwandeln, beschreibt die Identitätsfindung der Deutschen seit der Wiedervereinigung. „Am Rande dieses Weges stehen Szenen aus der Geschichte, wie die Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa wie Bilder der Gegenwart, wie Moscheen wie fremdländisch gekleidete Menschen“.

 

Einer, der in Deutschland zu Hause sein will, braucht auch Sprachgefühl. Für jenen, der in Deutschland zu Hause sein möchte, kann die korrekte Sprache nicht ausreichend sein, er sehnt sich nach Heimat, nach Sprachgefühl.

 

Wie spannend die Übersetzung und das Lernen einer neuen Sprache sein kann, macht der Autor an einem Beispiel klar. „Nachtruhe“ – das Wort hört der junge eingewanderte Zafer Senocak. Er schreibt es in sein Heft, um es zu lernen. Nachtruhe gibt es nicht im Türkischen: „Geceye benzemek, gece gürültü yapmamak“ “Der Nacht ähnlich werden“. Eindeutsches Wort braucht mehrere türkische Wörter, um verstanden zu werden.

 

Ein heilsames Buch für uns alle, mit welchem „Hintergrund auch immer“.

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