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:: Leben ist Brückenschlagen

West-östliches Glaubensgelände. Franz-Josef Kuschel stellt uns Vorbilder für den Frieden unter den Weltreligionen vor. Von Rupert Neudeck

Das ist ein bewunderungswürdiges Buch. Es macht Mut, in der Zweitgeschichte der Religionen und der Gläubigen gibt es mehr charismatische Menschen, die zu bewundern als zu verachten sind. Das Buch macht munter und gibt Zuversicht, weil man sich bei jedem neuen Kapitel wieder auf eine neue Bahn geleitet fühlt, in der man sich sein Leben fruchtbar und menschenfreundlich auch vorstellen könnte.

 

Und diese großen Menschen sind keine Religionsstifter mit einem Heiligenschein, sie sind auch Menschen mit Fehlern, mit Ticks und Tricks und Eitelkeiten. Schließlich mündet sein Buch nun in dem Lob und Preis des Professoren-Kollegen vom Weltethos in Tübingen, Hans Küng. „Wieviel wäre den betroffenen Völkern und der übrigen Welt erspart geblieben, wenn die Religionen ihre Verantwortung für Frieden, Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit früher erkannt hätten“, wenn sie Konflikte gelöst statt geschürt hätten. Und das „nach dem Beispiel des Hindu Mahatma Gandhi, des Christen Dag Hammerskjoeld, des Muslimen Anwar el-Sadat und des Buddhisten U Thant, die alle aus religiöser Grundüberzeugung Friedenspolitiker betrieben“.

 

Am Ende ist klar, warum Hans Küng mit seiner auch politik- und wirkungsträchtigen Stiftung Weltethos den Ausklang bildet. Es kann keinen Weltfrieden ohne einen Frieden der Weltreligionen geben, das ist die Kernbotschaft von Hans Küng. Und es kann keinen Frieden unter den Weltreligionen ohne einen Frieden unter den christlichen Kirchen geben. Der Autor geht dabei keiner Frage und auch keiner Kritik an seinen Vorkämpfern für den Weltfrieden aus dem Weg. Er schließt das Buch mit dem Dokument von 1987 „Gibt es die eine wahre Religion?“, in dem Küng auch noch mal seine religiöse Grundüberzeugung zusammenfasst.

 

Wohin werde das alles führen?, fragt sich Küng selbst. Nach vorne offen sei der interreligiöse Dialog. „Wie die Christologie, Koranologie oder Buddhologie, wie die Kirche, die Umma, die Sangha des Jahres 2087 aussehen wird, wer weiß das?“ Am Ende sowohl der Menschheit wird nicht Buddhismus oder Hinduismus stehen, auch nicht Islam und nicht das Judentum. Auch nicht das Christentum. „Am Ende wird überhaupt keine Religion stehen, sondern der eine Unaussprechliche selbst, auf den alle Religion sich richtet“.

 

Das erste große Kapitel gilt der Entdeckungsreise Europas, um die Religionen der Welt zu erkunden. Dann gibt Kuschel in elf großen Monographien, die alle aufeinander verweisen, den Weg frei für exemplarische Friedenswege und Vorbilder. Es beginnt mit Svami Vivekananda, „Indien kommt in den Westen“. Dann wird Richard Williams vorgestellt, der vom China-Missionar Europas zu Chinas ‚Missionar’ in Europa wurde. Ein großes ganz überraschendes Kapitel ist Hermann Hesse gewidmet: „Auf der Suche nach der geistigen Einheit der Welt“. Ein ebenso mächtiges dem Versöhner Mahatma Gandhi, der die Religionen aus dem Geist des Hinduismus zusammenbringen wollte – und scheiterte.

 

In dem Kapitel über den Vorkämpfer eines „sozial engagierten Buddhismus“ gibt Kuschel einiges über seine eigene Sozialisation in der 68er Studentenbewegung preis: Thich Nhat Hanh. Mit Hugo Enomiya-Lassale begegnen wir einem Jesuiten, der das Christentum und den Zen-Buddhismus versöhnen wollte, was ähnlich und weitergefasst auch die selbstgestellte Aufgabe des Trappistenmönches in Gethsemani, Kentucky Thomas Merton ist und war. Ein ganz großes Kapitel gönnt Kuschel in seinem Buch dem unvergessenen und so dringend gebrauchten und benötigten Martin Buber, der auch heute noch – posthum gleichsam - die israelische Politik von der Militarisierung und der ausgefuchsten Feindschaft zu den Arabern erlösen könnte. Abraham Joshua Heschel stellt das Buch vor in dem Bemühen, den Interreligiösen Dialog aus dem Geist des Judentums zu befreien.

 

Dann lese ich das dramatische Kapitel über den französischen Theologen Louis Massignon, das zugleich ein kühner Rückgriff ist auf die „kopernikanische Wende im Verhältnis von Juden, Muslimen, Christen im Geiste sowohl des Franz von Assisi wie des französischen Armee-Offiziers und späteren Ordensgründer Charles de Foucauld“.  Franz von Assisi trifft im September 1219 in Ägypten den Sultan Kamil. Der Sultan hört in Damiette, wo die beiden Nilarme zusammenkommen, dem wunderbaren Menschen Franziskus zu. Er soll Franziskus mit den Worten verabschiedet haben: „Bitte für mich, dass Gott das Gesetz und den Glauben, der ihm mehr gefällt, mir zu offenbaren geruht“. Er lässt Franziskus sicher und ehrenvoll in das Lager der Christen zurückgeleiten.

 

Man stelle sich vor, Franziskus wäre der Vordenker und Vorkämpfer des neuen alten Europa gewesen statt des Kreuzzugstheologen Bernhard von Clairvaux? Franziskus hat Mission als Friedensdienst aufgefasst. Primäre Missionsmethode ist die einfache und friedvolle Präsenz der Franziskaner unter den Andersgläubigen. Ausdrücklich war keine Absicht und kein Ziel damit verbunden.

 

Man könnte in Fortsetzung des Buches sich den Film „Von Menschen und Göttern“ anschauen, der genau dieses Prinzip verwirklicht sieht in der Anwesenheit der kleinen Trappisten-Gemeinschaft in dem algerischen Ort Tibhirine. Sieben der Trappisten werden 1996 grausam ermordet, geköpft. Bis heute ist nicht aufgeklärt, ob sie von der extremistischen Guerilla der GIA oder dem algerisch(-französischen) Geheimdienst ermordet wurden.

 

Fast noch zeitgemäßer für unsere Weltkonflikte ist die Geschichte des Charles de Foucauld, der als Rabbiner und Jude verkleidet sich in Marokko herumtreibt. Charles de Foucauld spürt mit welcher Gottesenergie die Muslime sich in den Kampf stürzen und wie stark ihre Praxis als Gläubige ist. Er schämt sich für die Christen. „Der Islam hat eine tiefgreifende Umwälzung in mir bewirkt. Der Anblick dieses Glaubens, dieser in der ständigen Gegenwart Gottes lebenden Wesen ließ mich ahnen, dass es etwas Größeres und Wahrhaftigeres gäbe als das Treiben der Welt“. De Foucauld erlebt seinen ersten Lagerplatz in der Sahara. Er begann den Glauben der Araber an eine geheimnisvolle Nacht, Leila el Kedr zu begreifen, „in der sich der Himmel auftut, die Engel herabsteigen auf die Erde, das Meerwasser süß wird und alles Unbeseelte in der Natur sich neigt, um seinen Schöpfer anzubeten“.

 

Scheitern ist oft mit solchen wunderbaren Erfahrungen und Versuchen verbunden. Der Abt und Vorsteher der Trappistengemeinde Christian de Cherge wird ermordet mit seinen sechs Mitbrüdern, obwohl er mit dem Evangelium und gleichzeitig mit dem Koran gelebt hat. Und Charles de Foucauld verlässt den Trappistenorden, weil er eine eigene Lebensform für sich und die Kleinen Brüder und Schwestern sucht. Er lebt später sein Apostolat der Güte bei den Tuareg. In einem Brief kurz vor seiner Ermordung am 1. Dezember 1916 fasst er zusammen, wie er sich den Umgang mit Muslimen als Christ vorstellt: „Wir müssen die Muslime dazu bringen, uns ihre Anerkennung zu schenken. Wir müssen verlässliche Freunde für sie werden, Freunde, an die man sich wendet. Wenn man in Schmerz und Zweifel ist“. Und wenn dann Vertrautheit gewachsen sei, „spreche ich immer vom gütigen Gott, und zwar nur kurz, in dem ich dem einzelnen nicht mehr zumute, als er aufnehmen kann“.

 

Foucauld lernte arabisch und die Sprache der Berber. Muslimen wollte er wie Franz von Assisi nur durch radikale Demut Zeugnis ablegen. Wer andere für etwas „gewinnen“ will, muss sich ganz klein machen. Nach dem Ausbruch des furchtbaren ersten Weltkriegs lebt Foucauld in der kleinen Einsiedelei in Tamanrasset – wie später die Trappisten in Tibhirine. Ein Trupp der kriegerischen Senussi, die mit den Tuareg rivalisieren, nimmt Charles de Foucauld gefangen. Ein fünfzehnjähriger soll ihn bewachen. Als zwei Kamelreiter sich nähern, weiß der Wachbursche nichts besseres als den Gefangenen zu erschießen. Es ist der 1. Dezember 1916.

 

Massignon erklärt zur gleichen Zeit, dass er seinen muslimischen Freunden dankbar ist. Es sei richtig, dass er seine Rückkehr zum Glauben vor 30 Jahren – nach fünf Jahren des Unglaubens – muslimischen Freunde aus Bagdad, den Alussis, zu verdanken habe. „Auf arabisch habe ich 1908 meine Bekehrung durchlebt“. Daher rühre die tiefe Dankbarkeit, die er dem Islam gegenüber habe.

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