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:: Durch den Klimawandel drohen nie da gewesene Rückschläge für die menschliche Entwicklung

Der Klimawandel könnte zu nie da gewesenen Rückschlägen bei der Armutsbekämpfung, Ernährung, Gesundheit und Bildung führen. Deshalb sollte sich die Welt auf diese fatalen Wirkungen des Klimawandels auf die Entwicklung konzentrieren, mahnt der Bericht über die menschliche Entwicklung des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP).
Der Bericht mit dem Titel „Den Klimawandel bekämpfen: Menschliche Solidarität in einer geteilten Welt“zeigt deutlich die durch die Erderwärmung entstehenden Bedrohungen. In dem Bericht wird argumentiert, dass die Welt sich auf einen Scheidepunkt zu bewegt. Dies kann dazu führen, dass die ärmsten Länder der Welt und die ärmsten Bürgerinnen und Bürger dieser Länder in einer Abwärtsspirale gefangen gehalten werden. Hunderte Millionen Menschen wären dadurch mit Unterernährung, Wasserknappheit, Umweltbedrohungen und dem Verlust ihrer Lebensgrundlagen konfrontiert.
 
„Letztendlich bedroht der Klimawandel die gesamte Menschheit. Doch es sind die Armen – eine Gruppe, die keine Verantwortung für die ökologischen Schulden trägt, die wir anhäufen – die mit den unmittelbaren und schlimmsten menschlichen Kosten konfrontiert sind”, kommentierte UNDP-Administrator Kemal Derviş.
 
Der Bericht erscheint zu einem wichtigen Zeitpunkt in den Verhandlungen zur Gestaltung eines multilateralen Übereinkommens für die Zeit nach 2012. Zu dem Zeitpunkt laufen die gegenwärtigen Verpflichtungen unter dem Kyoto-Protokoll aus. Er ruft dazu auf, ‘zweigleisig’ zu fahren und stringente Vorbeugungsmaßnahmen zu ergreifen, um die Erderwärmung im 21. Jahrhundert nicht über zwei Grad Celsius ansteigen zu lassen, und gleichzeitig bei der Anpassung stärker international zu kooperieren.
 
Das Autorenteam ruft die entwickelten Länder auf, beim vorsorgenden Klimaschutz eine Führungsrolle zu übernehmen und die Emissionen an Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 um mindestens 80 Prozent zu senken, ausgehend vom Niveau von 1990. In dem Bericht wird eine Kombination aus der Besteuerung des CO2-Ausstoßes, stringenteren Emissionshandelsprogrammen, einer Regulierung des Energiesektors und internationaler Kohlendioxid-Ausstoß befürwortet.
 
Die unterschiedlichen Fähigkeiten im Umgang mit der Erderwärmung verstärkten die Ungleichheiten zwischen Ländern und innerhalb einzelner Länder, warnt der Bericht. Deshalb sollten die reichen Länder die Anpassung an den Klimawandel in den Mittelpunkt internationaler Partnerschaften zur Armutsbekämpfung stellen.
 
„Wir raten nicht zum Verzweifeln, wir rufen zum Handeln auf”, merkte Hauptautor Kevin Watkins an und fügte hinzu: „Indem wir entschlossen zusammenarbeiten, können wir den Kampf gegen den Klimawandel gewinnen. Lassen wir zu, dass sich das Fenster der Gelegenheit schließt, so wäre dies ein moralisches und politisches Versagen, wie es in der Geschichte der Menschheit noch nie vorgekommen ist.”
 
Der Bericht liefert Beweise für die Mechanismen, die die ökologischen Auswirkungen des Klimawandels auf die Armen verursachen werden. Die Autoren konzentrieren sich auf die 2,6 Milliarden Menschen, die mit weniger als zwei US-Dollar am Tag überleben müssen. Sie warnen, dass die Folgen des Klimawandels die über Generationen erzielten Fortschritte zuerst abschwächen und dann umkehren könnten. Unter anderem werden in dem Bericht Den Klimawandel bekämpfen folgende Gefahren für die menschliche Entwicklung identifiziert:
  • Der Zusammenbruch landwirtschaftlicher Systeme, da diese immer stärker Dürren, steigenden Temperaturen und unregelmäßiger auftretenden Niederschlägen ausgesetzt sind. Bis zu 600 Millionen Menschen zusätzlich könnten dadurch der Gefahr der Unterernährung ausgesetzt sein. Die semiariden Gebiete in Afrika südlich der Sahara, in denen sich die Armut besonders konzentriert, laufen Gefahr, bis 2060 etwa 26 Prozent ihrer Produktivität einzubüßen. 
  • Zusätzliche 1,8 Milliarden Menschen werden mit Wasserknappheit konfrontiert sein. In Folge der schrumpfenden Gletscher und veränderten Niederschlagsmuster stehen große Gebiete in Südasien und Nordchina vor einer schlimmen ökologischen Krise. 
  • Aufgrund von Überschwemmungen und Tropenstürmen könnten bis zu 332 Millionen Menschen an den Küsten und in niedrig gelegenen Regionen ihr Zuhause verlieren. Über 70 Millionen Bangladescher, 22 Millionen Vietnamesen und sechs Millionen Ägypter könnten von Überschwemmungen betroffen sein, die mit der Erderwärmung zusammenhängen. 
  • Die Gesundheitsrisiken nehmen zu. Zum Beispiel könnten bis zu 400 Millionen Menschen mehr der Malaria-Gefahr ausgesetzt sein. 
Ausgehend von den Ergebnissen neuerer Untersuchungen argumentieren die Autoren des Berichts über die menschliche Entwicklung, dass die potenziellen menschlichen Kosten des Klimawandels bislang untertrieben wurden. Sie weisen darauf hin, dass Klimaschocks wie Dürren, Überschwemmungen und Stürme, die mit dem Klimawandel häufiger und intensiver auftreten werden, bereits zu den stärksten Einflussfaktoren für Armut und Ungleichheit gehören – und dass sich durch die Erderwärmung die Auswirkungen noch verstärken werden.
 
„Für Millionen Menschen sind dies Ereignisse, die eine Einbahnstraße in die Armut darstellen und zu langfristigen, sich gegenseitig verstärkenden Benachteiligungen führen”, heißt es in dem Bericht. Sie bedrohen nicht nur Leben und verursachen Leid, sondern sie vernichten auch Vermögen, führen zu Unterernährung und dazu, dass Kinder aus der Schule genommen werden. In Äthiopien, so wird in dem Bericht festgestellt, sind Kinder, die in ihrer frühen Kindheit einer Dürre ausgesetzt waren, mit einer um 36 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit fünf Jahre später unterernährt – eine Zahl, die sich in zwei Millionen zusätzlichen Fällen von Unterernährung bei Kindern niederschlägt.

Der Bericht legt zwar den Schwerpunkt auf die unmittelbaren Bedrohungen für die Armen dieser Welt. Er warnt aber auch, dass ein Versagen im Umgang mit dem Klimawandel dazu führen könnte, dass zukünftige Generationen vor einer ökologischen Katastrophe stehen werden. Der Bericht beschreibt das Abtauen des westantarktischen Eisschilds, den Rückzug der Gletscher und die Belastungen mariner Ökosysteme als systemische Bedrohungen der Menschheit.
 
„Natürlich bestehen Unsicherheiten, doch angesichts der Risiken dieser Größenordnung ist Ungewissheit kein Grund dafür, nicht zu Handeln. Ehrgeizige Vorbeugungsmaßnahmen sind praktisch die Versicherung, die wir gegen potenziell sehr hohe Risiken abschließen müssen. Im Bericht Den Klimawandel bekämpfen geht es um unser heutiges Engagement für menschliche Entwicklung und es geht darum, eine Welt zu schaffen, die für unsere Kinder und deren Enkel ökologische Sicherheit bietet”, sagte Dervis.

Gefährliche Klimaänderungen vermeiden
Die Autoren des Berichts über menschliche Entwicklung rufen die Regierungen dazu auf, sich gemeinsam das Ziel zu setzen, gefährliche Klimaänderungen zu vermeiden. Sie sprechen sich dafür aus, eine Schwelle von zwei Grad Celsius über dem Niveau von vor der Industrialisierung festzulegen. Das gegenwärtige Niveau liegt bei 0,7 Grad Celsius.
 
Der Bericht bezieht sich auf ein neues Klimamodell und schlägt ein ‘Kohlenstoffbudget für das 21. Jahrhundert’ vor, um diese Schwelle nicht zu überschreiten. Das Budget quantifiziert das Gesamtniveau der Treibhausgas-Emissionen, das diesem Ziel entspricht. In einem Modellversuch, der das Ausmaß der vor uns liegenden Herausforderung erfasst, werden die Risiken beschrieben. Ein „Weitermachen wie bisher“ bei den gegenwärtigen Trends könnte dazu führen, dass das gesamte Budget für das 21. Jahrhundert bereits 2032 ausgeschöpft sein wird, prognostiziert der Bericht. Die Autoren warnen, dass es bei den gegenwärtigen Trends wahrscheinlicher ist, dass die Welt die Schwelle von vier Grad Celsius überschreitet, als dass sie unterhalb der Schwelle von zwei Grad Celsius bleibt.
 
Der Bericht über die menschliche Entwicklung widmet sich einigen der entscheidenden Fragen, vor denen die Verhandlungsführer in Bali stehen werden. Zwar erkennen die Autoren an, dass auch die zunehmenden Emissionen der größten Entwicklungsländer eine Bedrohung darstellen. Doch sie argumentieren, dass die Regierungen des Nordens die stärksten und schnellsten Reduktionen in die Wege leiten müssen. Sie weisen darauf hin, dass die reichen Länder eine überwältigende historische Verantwortung für das Problem tragen, dass sie pro Kopf einen sehr viel größeren CO2-Fußabdruck hinterlassen, und dass sie die finanziellen und technologischen Fähigkeiten haben, zu handeln.
 
„Wenn die Menschen in der sich entwickelnden Welt pro Kopf in gleichem Maße CO2-Emissionen produziert hätten wie die Menschen in Nordamerika, so bräuchten wir die Atmosphäre von neun Planeten, um mit den Konsequenzen fertig zu werden”, kommentierte Watkins.
 
Der Bericht über die menschliche Entwicklung verwendet einen anschaulichen Rahmen für eine mit der Vermeidung gefährlicher Klimaänderungen zu vereinbarende Emissionsentwicklung und schlägt vor, dass
  • die entwickelten Länder die Emissionen von Treibhausgasen bis 2020 um 30 Prozent und bis zum Jahr 2050 um mindestens 80 Prozent reduzieren sollten, ausgehend vom Niveau von 1990. 
  • die Entwicklungsländer die Emissionen bis zum Jahr 2050 um 20 Prozent reduzieren sollten, ausgehend vom Niveau von 1990. 
An diesen Bezugsgrößen gemessen stellen die Autoren fest, dass viele der Zielvorgaben, die sich die Regierungen der entwickelten Länder gesetzt haben, hinter den Anforderungen zurückfallen. Sie stellen auch fest, dass es den meisten entwickelten Ländern nicht gelungen ist, selbst die bescheidensten unter dem Kyoto-Protokoll vereinbarten Reduktionen – von durchschnittlich rund fünf Prozent, ausgehend vom Niveau von 1990 – zu schaffen. Selbst in den Fällen, in denen ehrgeizige Zielvorgaben festgelegt wurden, hätten, so der Bericht, nur wenige entwickelte Länder konkrete energiepolitische Handlungskonzepte mit den festgelegten Zielen zur Klimasicherheit in Einklang gebracht.
 
Szenarien bezüglich der zukünftigen Emissionen machen das Ausmaß der vor uns liegenden Herausforderung noch deutlicher. Es wird vorausgesagt, dass bei den gegenwärtigen Trends die CO2-Emissionen bis 2030 um 50 Prozent zunehmen werden – was gefährliche Klimaänderungen unvermeidlich machen würde. „Im Endeffekt steht das globale Energiesystem nicht im Einklang mit den ökologischen Systemen, die unseren Planeten am Leben erhalten”, kommentierte Watkins und fügte hinzu: „Beide in Einklang zu bringen erfordert grundlegende Veränderungen bei der Regulierung, den Marktanreizen und in der internationalen Zusammenarbeit.”
 
Der Bericht Den Klimawandel bekämpfen identifiziert ein Spektrum an politischen Handlungskonzepten, die erforderlich sind, um die Lücke zwischen den Erklärungen zur Klimasicherheit und den energiepolitischen Handlungskonzepten zur Vermeidung gefährlicher Klimaänderungen zu schließen. Zu den wichtigsten gehören:
  • Festlegung eines Preises für CO2-Emissionen. In dem Bericht wird argumentiert, dass sowohl die Besteuerung von CO2-Emissionen als auch Emissionshandelssysteme eine Rolle spielen müssen. Stufenweise steigende CO2-Abgaben wären ein wirkungsvolles Instrument, um die Anreize für Investoren strukturell zu ändern. Die Kombination von CO2-Abgaben und Emissionskontrollen sollte darauf abzielen, die Emissionen bis 2020 um rund 30 Prozent zu reduzieren. In dem Bericht wird auch betont, dass Abgaben auf CO2-Emissionen nicht bedeuten müssen, dass dadurch die Gesamtsteuerlast steigt, denn diese Abgaben könnten durch Lohnsteuererleichterungen ausgeglichen werden. 
  • Strengere Regulierungsstandards. Der Bericht ruft die Regierungen auf, strengere Standards bei Fahrzeugabgasen, Gebäuden und elektrischen Geräten festzulegen und durchzusetzen. 
  • Unterstützung der Entwicklung einer CO2-armen Energieversorgung. Der Bericht macht deutlich, wie der Anteil erneuerbarer Energien erhöht und das ungenutzte Potenzial bahnbrechender Technologien wie der Abscheidung und Sequestrierung von CO2 (CCS) besser ausgeschöpft werden kann. 
  • Internationale Kooperation bei der Finanzierung und beim Technologietransfer. In dem Bericht wird festgestellt, dass die Entwicklungsländer sich nicht an einem Übereinkommen beteiligen werden, das keine Anreize zum Einstieg bietet und die Energiekosten in die Höhe zu treiben droht. Die Autoren befürworten die Einrichtung einer integrierten Klimaschutzfazilität (Climate Change Mitigation Facility – CCMF), durch die jährlich 15 bis 20 Milliarden US-Dollar bereitgestellt werden sollen, um zusätzliche Investitionen in CO2-arme Energien in Entwicklungsländern, die mit der Erreichung der gemeinsamen Klimaziele im Einklang stehen, zu finanzieren. 
Der Bericht über die menschliche Entwicklung greift auf ökonomische Modelle zurück und unterstreicht die zentralen Erkenntnisse des Stern-Berichts. Er argumentiert, dass die Kosten der Stabilisierung der Treibhausgase bei 450 Teilen pro Million (ppm) bis 2030 auf durchschnittlich 1,6 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts begrenzt werden könnten. „Zwar sind dies tatsächlich anfallende Kosten, doch die Kosten des Nicht-Handels werden sehr viel höher sein, egal, ob man sie in wirtschaftlicher, gesellschaftlicher oder menschlicher Hinsicht misst” warnte Derviş. In dem Bericht wird darauf hingewiesen, dass die Kosten der Vermeidung gefährlicher Klimaänderungen weniger als zwei Drittel der derzeitigen globalen Militärausgaben ausmachen. 
 
Übersehene Anpassungsbemühungen
Zwar betont der Bericht mittelfristig die zentrale Rolle von Vorbeugungsmaßnahmen, doch er warnt auch, die Anpassungsherausforderungen nicht zu unterschätzen. Er weist darauf hin, dass die Welt selbst mit stringenter Vorbeugung in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts unweigerlich mit einer anhaltenden Erwärmung rechnen muss. Der Bericht unterstreicht, dass eine Anpassung nötig ist, um zu verhindern, dass der Klimawandel der menschlichen Entwicklung größere Rückschläge versetzt. Es müssten Vorkehrungen gegen die sehr reale Gefahr getroffen werden, dass die Vorbeugung womöglich nicht ausreichen könnte.
 
Der Bericht befürwortet Reformen, darunter:
  • zusätzliche Finanzierung, um die Infrastruktur ‘klimasicherer’ zu machen und die Widerstandsfähigkeit zu erhöhen. Die Regierungen des Nordens sollen bis 2015 dafür 86 Milliarden US-Dollar bereitstellen (rund 0,2 Prozent des voraussichtlichen Bruttoinlandsproduktes). 
  • Mehr internationale Unterstützung für Afrika südlich der Sahara zur Verbesserung der Klimabeobachtung und des öffentlichen Zugangs zu meteorologischen Informationen. 
  • Integration der Anpassungsplanung in umfassendere Strategien zur Minderung der Armut und extremer Ungleichheiten, darunter auch in die Strategiedokumente zur Armutsbekämpfung (PRSPs). 
Der Bericht Den Klimawandel bekämpfen kommt zu dem Schluss: „Eine der bittersten Lektionen, die uns der Klimawandel erteilt, ist die Erkenntnis, dass das kohlenstoffintensive Wirtschaftswachstum und der damit verbundene ungezügelte Konsum in den reichen Ländern ökologisch nicht tragbar sind”. Doch die Autoren argumentieren, dass es, „die richtigen Reformen vorausgesetzt, noch nicht zu spät ist, die Treibhausgasemissionen auf ein tragbares Niveau zu reduzieren, ohne auf Wirtschaftswachstum zu verzichten. Wachsender Wohlstand und Klimasicherheit sind keine unvereinbaren Zielsetzungen.” Drei Strategien sind notwendig. Die drei „E“-Strategie heißt: Energieeffizienz, Erneuerbare Energien und Energieeinsparungen.
Quelle:
UNDP 2008
Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. 2008
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