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Buch-Tipp 323 von 920

:: Abgeschaltet - Ein Buch als Reise in die Energie-Zukunft

Das Buch bietet sich an als eine Reise durch alle Häuser und Ebenen von erneuerbarer und alternativer Energiegewinnung.

Das Buch bietet sich an als eine Reise durch alle Häuser und Ebenen von erneuerbarer und alternativer Energiegewinnung. In dem gut lesbaren  Buch (für ältere und etwas Sehbehinderte z.B. viel zu kleinformatige Buchseiten mit engen Druckzeilen) fehlt eigentlich kein Feld, das hier nicht beackert wird. Das Buch beginnt mit dem Aufbruch zu einer Reise in die Energie-Zukunft und beschließt die Reise mit einem thesenartigen Resümee: Wie die Umstellung auf erneuerbare Energien gelingen kann?

 

Der Autor bleibt am Ende trotz aller realistischen Einwände Optimist. In den erneuerbaren Energien, in Sonne und Wind liegen gewaltige Potentiale. Und Sonne und Wind müssen nicht nur viel effizienter werden, sie können es auch. Doch sei die Diskrepanz zwischen installierter Leistung und tatsächlicher Stromproduktion immer noch groß bei Sonne und Wind. Er beschreibt in den dafür angelegten Kapiteln, wie stark die Stromerzeugung wetterabhängig sei, auch wie saisonal schwankend die Stromerzeugung gelinge.

 

Es soll wohl 2012 – also jetzt, in diesen Monaten! - zu Netzparitätskosten bei Solarstrom kommen. „Um allerdings international wettbewerbsfähig zu werden, wo es weniger oder überhaupt keine Subventionen für erneuerbare Energien gibt, ist er zu teuer“.

Wohlstand für die erwarteten acht oder gar neun Milliarden Menschen sei nicht durch Energiesparen allein zu erzielen. „Sondern durch mehr Energie, die wir auf sauberem Wege erzeugen.“  Und die Energien müssen ökologische Preise bekommen, damit die Welt gerettet wird.

 

Der Autor ist zu Recht skeptisch gegenüber Heilsbringern, die auch im Energiebereich nicht das halten, was sie visionär versprechen. Aber die von dem deutsche Konsortium Desertec projektierten Solarthermienkraftwerke sollten noch lange nicht abgeschrieben werden, auch wenn man von ihnen nicht viel hört. Sie würden eine weitgehend witterungsunabhängige permanente Stromversorgung bieten.

 

Zu Recht betont das Buch den politischen Friedens und Versöhnungsfaktor: Die großen ökologischen Fragen erlauben nicht mehr die Kriege und Konflikte, wie Nordkorea, wie Iran, wie Israel-Palästina, wie Somalia. Deshalb sagte der Autor: „Wie alle großen Infrastrukturprojekte sind die Wüstenkraftwerke allerdings auf staatsübergreifenden politische Zusammenarbeit angewiesen“.

 

Die größte Gefahr sieht Winterhagen in einer überzogenen Heilserwartung diesem oder jenem Technologiepfad gegenüber. Das führt nach dem Hosianna zu Enttäuschung und Ablehnung einer Technik, die einen wertvollen Beitrag zur Energieversorgung leisten wird.“

 

Nicht sicher bin ich mir, ob der Autor als Technologie-Freak bei dem Nachwuchsstar Geothermie-Kraftwerk nicht übers Ziel hinausschießt. Am Ende des Kapitels betont er ja auch die wissenschaftstheoretische Frage, die aber auch eine eminent politische und praktische ist. Gehört die Geothermie denn überhaupt zu den erneuerbaren Energien? In Unterhaching lässt er sie sich von dem Leiter und Geschäftsführer Wolfgang Geisinger vorführen, dessen Äußerungen aber interessegeleitet sind. Man weiss es noch nicht, ob die Geothermie das Potential hat, wesentlich zur deutschen Stromversorgung beizutragen.

 

Das Buch ist abgeschirmt gegen allzu viel akademische Glasperlenspiele. So ist die im Buch gestellte Frage, ob Geothermie erneuerbare Energie produziert, auch nur bedingt tauglich: In einem Universum, das zur Entropie neige, gibt es überhaupt keine unendliche verfügbare Energiequelle. Am weitesten reiche sicher die Sonne, die erst in fünf bis sechs Milliarden Jahren verlöschen wird.

 

Das sind dann Anlässe für theologische und philosophische Menschheitsfragen wie bei Immanuel Kant: „Der gestirnte Himmel über uns und das moralische Gesetz in uns“. Die alten Fragen und die alten Antworten, manchmal geht da nichts drüber.

 

Der Vorteil dieses Buches: der Autor hat sich überall an die Orte von neuen Technologien und neuen Pilotforschungsprojekten hinbegeben, er ist naturwissenschaftlich gut vorbereitet, um die Ergebnisse seiner Reisen zu erkennen und durchzurechnen.

 

Sehr eindrucksvoll die Beobachtungen im „Staudinger“, also dem nahe Hanau gelegenen 2000-Megawatt-Kraftwerk mit fünf großen Blöcken. Da gibt es eine Anlage mit dem wahren oder unrealistischen Kürzel CCS, das steht englisch unschuldig für „Carbon Capture Storage“. Also eine Waschmaschine für Kohlendioxid. Ob diese Anlage saubere Kohle produziert oder nur ein moderner Traum bleiben wird, erörtert der Autor an dieser CCS Pilotanlage. Das ist noch eine kleine Anlage, die nächsten Forschungsschritte müssten deutlich größer sein. Eine solche größere Anlage mache aber nur Sinn, wenn man das gefährliche Kohlendioxid auch speichern kann. Was nützen solche Anlagen, wenn man das Klimagas nicht  unterbringen oder verstauen kann.

 

Man muss auch nicht immer den Hybris-Weg des reinen Machens gehen, sondern manchmal auf – wie der Titel es sagt – Abschalten und weniger Verbrauchen gehen. Hermann Scheer sei dagegen nicht für diese 1,1 Megawatt-Blocks zur Kohlendioxidabscheidung gewesen. Scheer war nun der Vater der Einspeisevergütung für erneuerbare Energien. Gegen solche Neubauten führte er an, dass Staudinger als Grundlastkraftwerk ausgelegt sei. Denn das neue Steinkohle- Kraftwerk soll sehr groß sein „und Größe bedeutet bei thermischen Kraftwerken auch eine Trägheit bei Herauf und Herunterfahren der Last“.

 

Der Autor schließt seine Überlegungen nicht ab, wir sind an einer Zeitenwende auf der Schwelle zu einer neuen, in dem wir mehr Freude an der Natur, ihrer Betrachtung und nicht nur an ihrem Verbrauch und ihrem Nutzen für unsere Bankkonten haben sollten.

 

Bei seinem ausführlich beschriebenen Schlusskapitel, der Reise nach Samsö, geht es um die kleine dänische Insel im Kattegat mit nicht mehr als 4.000 Einwohnern. Samsö ist bei den Dänen bislang wegen der ersten Frühkartoffeln und als Ferienort. Die Nutzung fossiler Energien hat massiv abgenommen, aber „autark“ sei die Insel noch nicht. Und man entdeckt mit dem Autor: Eigene Umweltsünden kann man nicht allein mit dem Export sauberer Energie tilgen, die alte Frage des Ablasshandels kommt wieder hoch, sehr menschlich und theologisch falsch.

 

Das ist das vielleicht gewinnendste Kapitel des Buches, weil es in einigen Porträts beschreibt, wie man sein Leben sinnvoller und ausgeruhter und mit Freude führen kann. Porträts des Gärtners Kai Anderson, des Energieberaters Michael Kirtenson, der bis 2020 Samsö aus der Gefangenschaft der fossilen Energie befreien will. Dann der Lehrer Jörgen Hald, der die nächste Generation auf diese schöne Zukunft vorbereitet, die Malerin Marlene Lunden und der Kommunal-Politiker Per Urban Olson.

 

Der Autor schließt mit den beiden Sätzen, die zum Weitermachen des Buches animieren: „Das Nachdenken in den Kommunen hat längst eingesetzt“. Aber Nachdenken sei noch kein Handeln.  Und die Malerin sagt ihm: „Wo sind diejenigen, die praktische Maßnahmen ergreifen, um das Leben der Menschen zu verbessern?“

 

Der Autor ist sich der kommenden Katastrophen, die auf Grund unserer Profit und Luxus Sucht weiter kommen werden, wohl bewusst. Obama war sich dieser bewußt und hat dennoch kein wirkliches Stoppschuld gesetzt.

 

Obama benutzte zumindest nach dem Unglück von Deepwater Horizon Worte, die uns ins Stammbuch geschrieben sein sollten: Das Unglück zeige die „Kosten einer Kultur der Selbstzufriedenheit. Diese Selbstzufriedenheit betraf Regierung und Industrie gleichermaßen“.

 

Wenn Politik in der Durchführung doch manchmal so eindeutig wäre wie die Reden der Politiker, dann wäre schon viel gewonnen.

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