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25.04.2020

Der Dalai Lama: Katastrophen können unsere Lernhelfer werden

Das Oberhaupt der tibetischen Buddhisten fordert in einem neuen Buch, das er zusammen mit Franz Alt soeben publiziert hat, eine Wende zu hundert Prozent erneuerbarer Energie. Nur so sei der Klimawandel noch zu stoppen. Wer an Wiedergeburt glaube, für den sei es wichtig, dass unser Planet gesund bleibe, denn wir kommen ja wieder. Ein Interview mit Franz Alt - geführt von Sonja Hauenstein.

Herr Alt, Sie sind es gewöhnt viel unterwegs zu sein. Wie schwer treffen Sie die Beschränkungen in Zeiten von Corona?

In den letzten Wochen habe ich etwa 20 Veranstaltungen absagen müssen und zwar zwischen Deutschland, Österreich, der Schweiz und Japan. Einige Termine konnten per Video-Konferenz stattfinden, aber das ist natürlich nur ein Ersatz. Da wird in der Nach-Korona-Zeit viel nachzuholen sein.  

Sie kennen den Dalai Lama seit fast vier Jahrzehnten. Sie sind Freunde. Beschreiben Sie ihn kurz, was ist er für ein Mensch?

Als Journalist begegnet man vielen Menschen. Das Dalai Lama ist einer der weisesten und humorvollsten, die ich je kennenlernen durfte. Zudem lebt er sehr bescheiden. Er gilt weltweit bei allen Umfragen als der sympathischste Mensch unserer Zeit. Zurecht wie ich finde.

Die 17-jährige Schwedin Greta Thunberg ist ein Symbol für die Jugend und das Erstarken einer Klimabewegung im neuen Jahrzehnt. Für die einen ist sie ein Vorbild, für die anderen wurde sie bereits zur Hassfigur. Greta formuliert es ganz einfach. „Unser Haus brennt. Ohne gutes Klima kein Leben.“ Der Dalai Lama fühlt sich Greta Thunberg verbunden. Wie formuliert er diesen Weckruf an die Menschheit?

Die junge Schwedin ist auch für den Dalai Lama ein Symbol der Hoffnung für das Überleben der Menschheit und auch ein Zeichen dafür, dass jeder Mensch etwas für den Klimaschutz tun kann. In einem Brief an Greta Thunberg hat er sie ermuntert, weiterzumachen und Druck auf die Politik auszuüben. Denn nur dann werden Politiker die jetzt notwendigen Beschlüsse für eine rasche, hundertprozentige Energiewende fassen. Wer Greta hasst, zeigt nur, dass sie Recht hat.

Nennen Sie uns ein paar Ideen, wie könnte der Weg zur Rettung aus der Klimakrise aussehen?

Rasch auf erneuerbare Energien umsteigen, weniger Autofahren, mehr öffentliche Verkehrsmittel benutzen, weniger Fleisch essen, Urlaub in Deutschland. Jeder Leser und jede Leserin Ihrer Zeitung kann das tun. Es gibt keine Ausreden mehr. Die Corona-Krise zeigt, dass Menschen ihre Gewohnheiten ändern können. Die Politik braucht mehr Mut zur Wahrheit und muss – wie bei der Corona-Krise – endlich mehr auf die Wissenschaft hören.

Die Politiker tun Ihnen und dem Dalai Lama noch viel zu wenig, um Anreize für die Nutzung mehr erneuerbarer Energien zu schaffen. Wie können wir die Politik dazu bringen, mehr zu tun und die 2015 im Pariser Abkommen beschlossenen Klimaziele auch einzuhalten?

Die Corona-Krise zeigt, dass Politiker wie wir auch erst durch Katastrophen aufwachen. Katastrophen sind unsere besten Lernhelfer. Aber diese Krise zeigt auch, dass Menschen bereit sind, sich zu ändern. Zur Zeit rotten wir jeden Tag 150 bis 180 Tier-und Pflanzenarten aus. Heute, morgen, übermorgen. Wir erleben das dramatischte Artensterben der Geschichte. Wenn das so weiter geht, verlieren wir bis 2050 über eine Million Tier-und Pflanzenarten. Aber ohne Tiere und ohne Pflanzen wird es Menschen nicht geben. Unser krankes Verhältnis zu Tieren ist auch die eigentliche Ursache der Corona-Krise. Riesige Märkte für Wildtiere – das ist einfach pervers. Und der Wildtier-Markt in Wuhan ist soeben wieder eröffnet worden. Ein Wahnsinn. Wenn die alten Parteien diese Zusammenhänge nicht begreifen, dann müssen wir anders wählen als bisher. Der Dalai Lama sagt in unserem neuen Buch: „Ich würde in Europa die Grünen wählen. Auch Buddha war ein Grüner“.

Sieben Milliarden Menschen gibt es auf der Erde,  der Dalai Lama sagt: „Wir müssen lernen zusammenzuleben.“ Glauben Sie, dass die Corona-Krise etwas verändert  und dabei hilft dieser Forderung näher zu kommen?

Ich habe soeben Wissenschaftler sagen hören, dass sie in einer bisher nie gekannten Art und Weise international zusammenarbeiten, um einen Impfstoff gegen Corona zu entwickeln. „America first“ ist von vorgestern. Das ist die alte Welt, in die auch noch die AfD verhaftet ist.  In einer neuen Welt nach Corona müssen wir endlich die alten egoistischen Nationalismen überwinden und lernen, dass alle Menschen auf einer Erde, unter einer Sonne als eine  Menschheit leben. Als Kinder Gottes sind wir alle Brüder und Schwestern. Nur dann wird die Welt besser und friedlicher. Wir brauchen jetzt keine neuen Waffen und keine neuen modernisierten Kampfflieger – wir brauchen neue Impfstoffe für die gesamte Menschheit und mehr Hilfe für die Ärmsten. Nationalismus bedeutete immer Krieg. Dies ist altes Denken.

Ist diese weltweite Pandemie das Ergebnis unseres gewissenlosen Umgangs mit der Schöpfung?

Der Bundespräsident hat es in seiner Osterbotschaft so gesagt: „Vielleicht haben wir zu lange geglaubt, dass wir unverwundbar sind, dass es immer nur höher, schneller, weiter geht. Das war ein Irrtum“. Es liegt an uns, diesen Irrtum jetzt zu korrigieren. Wir müssen endlich lernen, dass wir ein Teil der Natur sind und dass es die Natur immer besser weiß. Darauf hat der Papst in seiner Umwelt-Enzyklika „Laudato Si“ hingewiesen und er hat auch gesagt: „Diese Wirtschaft tötet“. Das erleben wir gerade. Und die Klimakatstrophe könnte gar das Ende der Menschheit bedeuten. Aber noch haben wir eine Gnadenfrist von vielleicht  fünfzehn oder zwanzig Jahren. Nutzen wir sie! Deshalb unser Buch.

Der Dalai Lama hat die Vision das Potenzial an Sonnenenergie zu nutzen und damit Entsalzungsanlagen zu betreiben. Das so gewonnene Süßwasser könnte die Wüste fruchtbar machen. Das klingt wie ein Wunder, glauben Sie es könnte sich jemand finden, der in dieses Projekt investiert?

Die Sonne schickt uns 15.000mal mehr Energie als die Menschheit zurzeit verbraucht. In den letzten fünf Jahren haben weltweit Großinvestoren bereits weit mehr Geld in erneuerbare Energiesysteme gesteckt als in alte und umweltfeindliche Energien. Es  geht also. Alle Technologien für den Umstieg sind bereits da und bekannt. Das ist ganz anders als bei Corona. Aber wir müssen das Tempo des Umstiegs beschleunigen. Dass auch das geht, beweist Deutschland. In diesem Frühjahr produzieren wir hierzulande schon 52% Ökostrom. Island und Costa Rica sind bereits zu 100% erneuerbar. Oder ein positives Beispiel aus Afrika: Durch eine Großinitiative hat die Regierung im armen Äthiopien an einem einzigen Tag 350 Millionen Bäume pflanzen lassen. Alle Äthiopier haben sich beteiligt. Also nochmal: Bäume statt Waffen, Impfstoffe statt Waffen. Israel zeigt schon seit Jahrzehnten, dass aus Meerwasser trinkbares Wasser gewonnen werden kann. Es fehlt weder an Geld noch an Technologien, sondern ausschließlich am politischen Willen. Aber da können und müssen wir Wähler nachhelfen.

Wenn wir so weitermachen wie bisher droht uns die Apokalypse. In 80 Jahren könnte die Welt eine Wüste werden, schreiben Sie in Ihrem Buch. Neben Politikern -  könnten Religionsführer nicht mehr tun, um einen intakten Planeten für kommende Generationen  zu erhalten?

Sie haben recht: Es reicht nicht, wenn der Papst oder der Dalai Lama schöne Bücher zu diesen Themen schreiben. Wir Menschen müssen die  Möglichkeiten zur Rettung auch nutzen. Vor allem wir in den reichen Ländern. Wir Europäer verbrauchen im Schnitt etwa 30 mal mehr Energie pro Kopf als die Afrikaner. Allein im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen werden mehr Autos gefahren als in allen 56 afrikanischen Ländern zusammen. Das Problem sind wir, nicht die Afrikaner oder die Inder.

Wie gehen Sie mit dem Egoismus mancher Menschen um, die sagen: „Für mich reicht es noch. Nach mir die Sintflut!“ oder jenen, die den Klimawandel immer noch leugnen?

Das ist die Frage aller Fragen: Sind Menschen lernfähig oder bleiben sie für immer bei ihren alten Verhaltensweisen? Wenn wir nicht lernfähig sind oder werden, werden wir verschwinden. Buddhisten glauben an Wiedergeburt und sind schon deshalb an einem schönen Planeten auch in ihrer nächsten Wiedergeburt interessiert. Darauf weist der Dalai Lama in unserem Buch mehrfach hin. Auch Jesus sprach in seiner Muttersprache Aramäisch in den alten Schriften achtmal von Wiedergeburt. Doch die Theologen haben diese wichtigen Hinweise allesamt gestrichen. Deshalb plädiere ich in mehreren Büchern für den aramäischen Jesus. Der könnte uns heute ökologisch so sehr helfen wie die Wiedergeburtsvorstellungen von Buddha oder des Dalai Lama.

Wer den Klimawandel noch immer leugnet, ist einfach dumm. Dem ist nicht zu helfen.

Der Dalai Lama spricht von einem Jahrhundert des Mitgefühls – was können wir uns darunter vorstellen?

Mitgefühl ist für Buddhisten das, was wir Christen unter Nächstenliebe verstehen. Das ist aber mehr als eine schöne Theorie. Religion, sagt der Dalai Lama, muss mehr sein als fromme Sprüche machen. „Ethik ist wichtiger als Religion“ heißt ja unser vorletztes gemeinsames Buch. Gebetet haben wir ja 2.000 Jahre und dann oft das Gegenteil gemacht. Alle Religionen beten für Frieden und machen dann mit bei Kriegen. Religion war der Hauptkriegsgrund in der gesamten Menschheitsgeschichte. „Beten allein reicht nicht“, sagt der Dalai Lama auch in der Corona-Krise, es kommt einzig darauf an, dass wir jetzt anders und richtig handeln. Christentum ist ein Christentum der Tat oder es ist keines. Das gilt für alle Religionen.

Die Jugendlichen des 21. Jahrhunderts verkörpern jetzt die Menschheit des Planeten. Wie sollte mehr Mitsprache für die Jugend aussehen?

Fridays for Future ist bereits eine sehr politische Bewegung. Das lässt hoffen. Aber die Jungen allein sind zu wenige. Sie brauchen unsere Solidarität, sagt der Dalai Lama. Das Wichtigste ist, dass die Politik mehr als bisher auf den Schrei der Jugend hört und entsprechend handelt.

Als tibetischer, buddhistischer Mönch tritt der Dalai Lama für eine Mäßigung des Konsumverhaltens ein. Ein verantwortungsvolles Leben sei ein einfaches und zufriedenes Leben. Müssen wir alle kürzer treten und was denken Sie ist wirklich wichtig im Leben?

Jede und jeder ist heute ein Teil des Problems. Wir wollen mit unserem Buch dazu beitragen, dass sich jede und jeder als Teil der Lösung begreift. Dann bekommen wir eine bessere Welt und eine lebenswerte Zukunft für Kinder und Enkel. Dazu gehört natürlich auch ein verantwortungsvolles Konsumverhalten. Unser heutiges Konsumverhalten ist nicht enkeltauglich. Wir verbrauchen heute an e i n e m  Tag so viel Kohle, Gas, Benzin und Öl wie die Natur in einer Million Tagen angesammelt hat. Das kann nicht gut gehen. Der Sinn unseres Hierseins auf diesem Planeten ist: Mitarbeiten an der Bewahrung der Schöpfung.

Global denken, aber lokal handeln: Wie könnte man klein anfangen – privat und in der Kommune, um uns vor dem Super-Gau zu bewahren?

Wir leben auf einem sehr reichen Planeten. Die Natur sorgt für alles, was alle Menschen brauchen, um ein gutes Leben zu führen. Der Dalai Lama zitiert sein großes Vorbild Mahatma Gandhi. Dieser große weise Inder hat auf ihre Frage, liebe Kollegin, so geantwortet: „Es reicht für Jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für Jedermanns Habgier“.

 Dieses Gespräch führte Sonja Hauenstein

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Quelle   Straubinger Tagblatt | Sonja Hauenstein 2020

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