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24.12.2019

Der Eine für Alle

Was nur haben die Kirchen und ihre Theologen in den vergangenen 2000 Jahren aus dem großen Heiler, diesem einzigartigen Wanderprediger und Gottsucher gemacht? Seine ganze Weihnachtsbotschaft lässt sich in dieser Erkenntnis zusammenfassen: Das Leben ist heilig – wir alle sind als Kinder Gottes Schwestern und Brüder - auf Einer Erde sind wir Eine Menschheit unter Einer Sonne. Von Franz Alt

In seiner Bergpredigt kämpft Jesus für eine universelle Menschlichkeit durch eine Revolution unseres Mitgefühls. 

Der wunderbare junge Mann aus Nazareth ist der bedeutendste Mensch aller Zeiten. Für niemand wurden mehr Gedichte geschrieben und mehr Lieder komponiert als für Jesus. Für niemand wurden so viele Gebäude (Kirchen), Kreuze und Denkmäler errichtet wie für den Nazarener. Über niemand erschienen so viele Bücher wie über ihn – täglich drei neue, das sind etwa 1.000 jedes Jahr, in fast allen Sprachen der Welt. Und das 2.000 Jahre nach seinem Tod. Das ist ein einmaliges und einzigartiges Phänomen.

Was ist das Geheimnis dieses Mannes? Wie ist es zu erklären, dass mit Berufung auf diesen Friedensfürsten und konsequenten Pazifisten der Bergpredigt sogar Kriege geführt wurden wie die Kreuzzüge oder der 30-jährige Krieg oder die beiden Weltkriege zwischen deutschen und französischen Christen oder der Bürgerkrieg in Nordirland zwischen Katholiken und Protestanten bis in unsere Zeit? Warum die riesige Kluft zwischen nur geglaubtem Glauben und dem tatsächlich gelebtem Glauben? Ist das der Grund warum allein in Deutschland jedes Jahr etwa eine halbe Million Christen aus den beiden großen Kirchen austreten?

Was haben die Kirchen und ihre Theologen in den letzten 2.000 Jahren aus dem  großen Heiler, einzigartigen Wanderprediger und Gottsucher Jesus gemacht?  Das „liebe Jesulein“ unserer Weihnachtsgrippen hat mit dem wirkmächtigsten Menschen aller Zeiten nur wenig gemein. Immerhin bekennen sich heute über zwei Milliarden Menschen zu ihm – zumindest formal.

Was Jesus hauptsächlich wollte, war eine Wandlung unserer Lebenseinstellung durch die Überwindung unserer Ängste und die Erlösung aus unserer Aggressionen durch mehr Liebe, mehr Frieden, mehr Gerechtigkeit und durch einen achtsamen Umgang mit der Schöpfung. Wie dramatisch aktuell ist doch diese Botschaft an Weihnachten 2019 in den Zeiten der Klimazerstörung und eines erneuten atomaren Wettrüstens sowie einer menschenunwürdigen Kluft zwischen dem armen Süden und dem reichen Norden.

In seiner Bergpredigt kämpft Jesus für eine universelle Menschlichkeit durch eine Revolution unseres Mitgefühls. Seine ganze Weihnachtsbotschaft lässt sich in dieser Erkenntnis zusammenfassen: Das Leben ist heilig – wir alle sind als Kinder Gottes Schwestern und Brüder - auf Einer Erde sind wir Eine Menschheit unter Einer  Sonne.

Der Jude aus Nazareth hat die Grundlage geschaffen für die Erneuerung unseres Lebens und für die Erneuerung der Welt. Jesus ist freilich umsonst geboren, wenn er nicht in uns neu geboren wird. Eine wirkliche jesuanische Revolution kommt weder aus Wittenberg noch aus Rom, sie kann nur i n  uns, über den Ur-Jesus, kommen. Dieser sprach freilich nicht griechisch, die Sprache, aus der alle Bibeln der Welt übersetzt sind, er sprach aramäisch. Deshalb ist etwa jedes zweite Jesus-Wort in unseren Evangelien falsch übersetzt oder unverständlich. Wenn aber die Worte nicht stimmen, ist die ganze Botschaft falsch. Ein Beispiel: In unserer offiziellen Bibel steht der schreckliche Jesus-Satz: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert“. Doch in seiner Muttersprache hat Jesus tatsächlich gesagt: „Ich bin nicht gekommen, Harmonie zu verbreiten, sondern Streitgespräche zu führen.“ Das ist Jesus original.

Die Botschaft des aramäischen Jesus ist ein einziges Liebes-Gedicht: „Selig sind die Friedensstifter“, „Selig sind die für Gerechtigkeit kämpfen“, „Selig sind die Toleranz üben“. Das war schon vor 2.000 Jahren eine unerhörte Botschaft. Als dieser begnadete Provokateur verkündete „Ich mache alles neu“ waren die Vertreter des Alten nicht gerade entzückt. Dieser Jesus musste beseitigt werden. Wer weiß wie schwer es der bescheidene heutige Revolutionär Franziskus im Vatikan hat, der kann sich ungefähr vorstellen, wie es Jesus heute im Vatikan ergehen würde. Er wäre der ewige Störenfried, der er schon damals war.

Der Bergprediger würde heute fordern: „Frau Kramp-Karrenbauer, abrüsten statt aufrüsten. Sicherheit neu denken. Frieden schaffen mit immer weniger Waffen, hat schon euer Helmut Kohl gefordert, ihr lieben Christdemokraten! Steckt das viele Militär-Geld in die Entwicklung und Bildung der Armen und in den Klimaschutz. Macht keine frommen Sprüche mehr, sondern handelt in Geiste meiner Bergpredigt. Schluss mit euren Waffenexporten. Nur so kann wirkliche Sicherheit entstehen.“

Jesus hat die Liebenden, die Friedensstifter, die Umweltfreunde „selig“ gepriesen. S i e  sind „selig vor Glück“, ein Hinweis darauf, dass äußerer Frieden nur durch viel mehr inneren Frieden erreicht werden kann. Eine neue Glücksbotschaft und ein neues Gottesbild gegenüber dem alten Rache-, Kriegs- und Strafe-Gott.  Eine neue Botschaft und eine neue Hoffnung in einer zerstrittenen, ungerechten, friedlosen, frauenfeindlichen und von Ausbeutung beherrschten Welt – damals wie heute.

Der Mann aus Nazareth hat mit diesem Programm eine ganz andere Klasse als die vielen selbsternannten „Erlöser“, die damals in Palästina herumliefen. Er war für viele Frauen der Traum von einem neuen Mann. Besonders viel lernte er von seiner reichen und gebildeten Gefährtin und Freundin Maria Magdalena. Vor allem in ihrer Schule wurde er der erste prominente neue Mann der Weltgeschichte. Herkömmliche Politik und Religion waren ihm dabei ziemlich gleichgültig. Sein großes Thema hieß und heißt noch immer: Mensch-Sein heißt Mensch-Werden. Es ist kein Fehler, Fehler zu machen. Dafür sind wir Menschen. Aber es ist ein ganz großer Fehler, wenn wir aus Fehlern nichts lernen. So Jesu Weihnachtsbotschaft.

Das damalige Judentum war eine Gesetzesreligion mit 613 komplizierten Vorschriften – ähnlich dem heutigen Kirchenrecht: eine Supermoral, die der Jude Jesus ablehnte. Der Nazarener kannte nur eine wirkliche Religion: Ein gutes menschliches Herz. Dieser Religion Jesu stimmen heute meine buddhistischen Freunde, meine muslimischen Freunde, meine hinduistischen Freunde, aber auch meine atheistischen und agnostischen Freunde uneingeschränkt zu. Und genau so sagt es auch der Dalai Lama. Jesus ist nicht der Begründer einer neuen Religion, er ist der Überwinder aller klassischen Religionsgrenzen. Beim Dalai Lama heißt das: „Ethik ist wichtiger als Religion“.

Für die Theologen seiner Zeit war dieses Jesustum identisch mit „Volksverdummung“. Eine so einfache Lehre stellte ja ihre ganze Macht und Herrlichkeit in Frage, aber auch ihre hochkomplizierte Theologie. Das wollten sie sich nicht bieten lassen. Aus ihrer Sicht musste dieser gefährliche Mann beseitigt werden. Jesus war ein Meister der Freiheit und der heilenden Liebe, kein Meister des Zwangs oder einer unheilvollen Moral.  Er hatte keine Angst vor Autoritäten. Für ihn gab es nur eine Sünde: Die Sünde gegen den Geist der Menschlichkeit. In der ganzen Weihnachtsseligkeit dieser Tage sollten wir nicht vergessen, was dieses Jesus-Kind für seine Konsequenz und sein Gott-Vertrauen am Karfreitag auf sich nahm. Seine Gegner wollten sich vor ihm schützen, indem sie ihn töteten.

Dieser Jesus hatte es gewagt, den ausbeuterischen Zuständen seiner Welt und unserer Welt eine einfache und glaubwürdige Vision vom gerechten „Reich Gottes“ entgegenzusetzen. Er hatte den großen Traum von einer besseren Welt so wie ihn bis heute Millionen Menschen in seiner Nachfolge weiterträumen, unabhängig von Religion, Nation oder Konfession. So wurde er das Vorbild vieler und der Archetyp, das Urbild, aller.

Dieses Weihnachtskind war ausgezeichnet mit schöpferischer Phantasie, einmaliger Originalität und außergewöhnlicher Empathie. Deshalb nenne ich Jesus den außergewöhnlichsten Menschen aller Zeiten, der für die Glaubwürdigkeit seiner tiefsten Überzeugung bewusst in den Tod ging. Der Christ Martin Luther King war mit seinem Traum von der Gleichheit aller Menschen sein Schüler, aber ebenso der Hindu Mahatma Ghandi oder Bertha von Suttner, Albert Schweitzer und Nelson Mandela mit ihrer Lehre von der Gewaltfreiheit oder auch die Bürgerrechtler in der DDR vor 30 Jahren mit ihrem Ruf „Keine Gewalt“. 1989 erlebten wir in Deutschland eine jesuanische Revolution.

Die Energie spendende Kraft dieser Jesuslehre mit der Möglichkeit eines guten Lebens für alle geht von einer neuen Vision aus: Ihr könnt die alten Motivationen durch eine neue Wirklichkeit überwinden – durch die Wirklichkeit der Selbstliebe, der Nächstenliebe, der Gottesliebe, der Feindesliebe. Jesu Feindesliebe heißt nicht: Lass dir alles bieten. Feindesliebe heißt vielmehr: Sei klüger als dein Feind. Der aramäische Jesus hat Feindesliebe so definiert: „Dein Feind – er ist wie du“. In der Schule dieses großen Lehr- und Lebensmeisters können wir lernen: teilen statt ausbeuten, verstehen statt verurteilen, Sein statt Haben, leben statt fremdbestimmt gelebt werden. Menschen begleiten statt sie beherrschen! So kann der radikal humanistische Geist Jesu auch heute ganz konkret und praktisch gelebt werden. So kann Weihnachten werden.

Im Aramäischen hat Jesus sein Vaterunser so gebetet: „Abba, lieber mütterlicher Vater! Deine Gegenwart - lass geheiligt werden! Deine Herrschaft – lass sich ausbreiten! Deinen Willen – lass geschehen! Lass geben uns unsere Nahrung! Lass vergeben uns unsere Sünden! Lass retten uns aus unserer Versuchung.“ So hat es der renommierte Aramäisch-Forscher Günther Schwarz ins Deutsche übersetzt.

Der Beter aus Nazareth versteht es meisterlich, die heilenden, seelischen Kräfte in uns zu mobilisieren. Er lehrt auch, dass Menschen sich die Visionen ihrer Jugend als Träume des Alters erhalten können.

Mit der Geburt Jesu hat eine neue Weltordnung begonnen. Dieser Gottesträumer  wollte, dass unsere Welt eine Wohnstatt des Wohlwollens werde. Vielleicht müssen wir das Kind in uns wieder entdecken, das Uranfängliche in uns zurückgewinnen, um seine Botschaft in ihrer Tiefe zu verstehen. Wir können „Menschen guten Willens“ werden. Eine Welt des Friedens halte ich spätestens jetzt im Atomzeitalter für realer als die Welt der ewigen Kriege der „Realisten“.

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Quelle   Franz Alt / Weihnachten 2019 | Erstveröffentlichung "DIE WELT" am 24.12.2019

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