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17.04.2020

Regierungschefinnen mit Verantwortung - Regierungschefs ohne?

Es gibt ein Foto, das zu denken gibt: Sechs Regierungschefinnen aus Deutschland, Finnland, Dänemark, Neuseeland, Island und Belgien, die alle etwas gemeinsam haben: Sie gehen allesamt mit der Corona-Herausforderung besser und verantwortungsvoller um als manche Männer an der Spitze von Regierungen. Auf Anhieb fallen einem dazu ein die Herren Trump in den USA, Bolsonaro in Brasilien, Putin in Russland, Xi in China, Kim in Nordkorea und Johnson in England. Ein Kommentar von Franz Alt

Man könnte die genannten Frauen die Trümmerfrauen der Corona-Krise nennen.

Bringen Frauen auch an der Spitze von Regierungen mehr Mitgefühl und Fürsorge auf als viele Politiker an der Spitze von Regierungen?

Corona ist eine Pandemie, das heißt eine Weltplage. Bis Mitte April 2020 sind weltweit ca. 2,2 Millionen Menschen infiziert und über 145.000 gestorben. Wenn man sich die 196 Länder unseres Planeten auf einer Pandemie-Karte anschaut, stellt man fest: In einigen Ländern gehen Frauen als Regierungschefinnen tatsächlich nüchterner, rationaler, aber auch mit Gefühl und Verantwortung mit dieser Herausforderung um und sind dabei auch relativ erfolgreich wie zum Beispiel Angela Merkel in Deutschland, Jacinda Ardern in Neuseeland, Sophie Wilmes in Belgien, Sanna Marin in Finnland, Katrin Jakobsdotttir in Island und Mette Frederiksen in Dänemark oder auch Tsai Ing-wen in Taiwan.

In einigen anderen Ländern sind männliche Regierungschefs oft irrational, gefühllos und leider auch weniger erfolgreich an dieser Herausforderung gescheitert wie zum Beispiel Donald Trump in den USA.

China: Beginnen wir bei den negativen Beispielen beim größten Überwachungsstaat der Welt, China mit über 1,4 Milliarden Menschen. Im "Reich der Mitte" trat das Corona-Virus seinen "Siegeszug" rund um die Welt an. Der Arzt, der das tödliche Virus zuerst entdeckt und öffentlich vor ihm gewarnt hatte, wurde dafür ins Gefängnis gesteckt. Kurz danach starb er an seiner Corona-Infektion. Jede Diktatur hat Angst vor der Öffentlichkeit. Die kommunistische Partei Chinas wollte das Problem verstecken, verdrängen und verheimlichen. Inzwischen musste die chinesische Regierung die offiziellen Opferzahlen mehrmals erhöhen. Ebenso verantwortungslos ist, dass in Wuhan schon am 15. April der Wildtier-Markt wieder geöffnet wurde.

USA: Dann die USA unter Präsident Donald Trump: Wie so oft hat dieser Präsident auch bei dieser Krise große Reden gehalten, aber nicht rechtzeitig verantwortungsvoll gehandelt. Noch Ende Februar hat Trump behauptet, Corona werde "von selbst" verschwinden. Mitte April bereits sehen wir das kranke Amerika. Das militärisch stärkste Land der Welt steht sozial und mit seinem Gesundheitswesen am Rande einer Katastrophe: In immer längeren Schlangen an der staatlichen Essensausgabe, an Särgen in Massengräbern, 22 Millionen Arbeitslose innerhalb von vier Wochen und - schlimmer geht´s nimmer - kein Geld mehr für die Weltgesundheitsorganisation, WHO. Das ist die komplette moralische Bankrotterklärung einer Regierung in einem reichen, demokratischen Land.

England: Die älteste Demokratie der Welt unter dem Populisten und Brexit-Fanatiker Boris Johnson. Er wollte am Anfang eine "Herden-Immunität". Dann aber hat es den Leithammel selbst brutal erwischt. Er musste auf die Corona-Intensivstation. Erst danach hat er mit etwas Gefühl und Demut über die Corona-Krise gesprochen und seine Strategie geändert. Immerhin scheint er noch lernfähig zu sein. Das lässt hoffen.

Brasilien: Brasiliens Bolsonaro hingegen ist bis heute uneinsichtig. Mehrmals hat er die Corona-Infektion eine "kleine Grippe" genannt und am 15. April seinen Gesundheitsminister Henrique Manretta entlassen. Dieser hatte ihm als Arzt öffentlich widersprochen: von wegen kleine Grippe! Doch Bolsonaro veranstaltet lieber leichtsinnige Live-Experimente mit 200 Millionen Brasilianern als auf den Rat von medizinischen Fachleuten zu hören. Ein Politiker, der halt alles besser weiß, er ist ja der Präsident. Nicht nur eine Politiker-Krankheit. Aber bei Politikern ist die krankhafte Besserwisserei besonders gefährlich. Politikerinnen sind dafür offenbar weniger anfällig, wie die beiden Foto-Galerien zeigen. Freilich ist die Auswahl bei beiden nicht repräsentativ, aber doch bemerkenswert.

Russland: Auch Vladimir Putin hat am Beginn der Krise weit weniger Ansteckungen melden lassen als es tatsächlich gab. Auch hier wurde die Gefahr verdrängt und verschwiegen. Erst durch die nicht mehr zu verheimlichenden Infektions-und Todesraten wurde auf mehr Transparenz gesetzt.

Und schließlich Nordkorea: Der große Vorsitzende und göttergleiche Kim hat bis Anfang April behauptet, sein Land - an der Grenze zum hochinfizierten China - sei Corona-frei. Aber auf offiziellen Regierungs-Fotos sieht man Regierungsmitglieder mit Maske. Alle Nordkoreaner haben über Nacht Schutzmasken bekommen. Das Land hat ein ganz schlechtes Gesundheitssystem.

Militärische Aufrüstung ist Kim wichtiger als die Gesundheit seiner Mitbürger. Raketen statt Corona. In den letzten vier Wochen ließ er mehr Raketen testen als je zuvor. Auch so kann man ablenken von innenpolitischen Problemen. Seit etwa einer Woche hat Kim sein früheres Mantra, Nordkorea sei "Corona-frei", nicht mehr wiederholt. Seit dem 12. April gilt offiziell auch in Nordkorea: "Höchste Priorität dem Kampf gegen das Corona-Virus". Die WHO ging am 15. April von 709 Infizierten in Nordkorea aus.

Wirtschaft kann man nach der Krise wieder ankurbeln, Tote aber nicht wieder auferwecken

Die mehr an Wirtschaft als an Gesundheit interessierten Politiker drängen überall - auch in Deutschland - auf schnellen Lockerungen. Frauen hingegen taktieren vorsichtiger. Ihr Motto: Wirtschaft kann man nach der Krise wieder ankurbeln, Tote aber nicht wieder auferwecken.

Hat der Dalai Lama Recht, wenn er fordert, künftig sollte die ganze Welt nur noch von Frauen regiert werden? (Sofia Stril-Rever "Der neue Appell des Dalai Lama an die Welt - Seid Rebellen des Friedens) Weil sie dem Leben näher stehen und einfühlsamer sind als Männer. Fifty-Fifty wäre ja schon ein großer Fortschritt:  Die sechs abgebildeten Politikerinnen regieren etwas mehr als 100 Millionen Menschen, doch die sechs abgebildeten Männer mehr als zwei Milliarden. Auch in Corona-Zeiten gilt: Feminismus ist nötiger denn je.

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Quelle   Franz Alt 2020

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