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24.04.2020

Zum Tod von Norbert Blüm

„Wenn 500 Millionen Europäer nicht mehr fünf Millionen arme Flüchtlinge aufnehmen können, dann schließen wir doch den Laden Europa wegen moralischer Insolvenz." (Norbert Blüm)

„Gute Reise, lieber Norbert“

Der am Anfang zitierte Satz ist eine der letzten öffentlichen Äußerungen des CDU-Sozialpolitikers Norbert Blüm. Der Ausnahmepolitiker orientierte sich sein Leben lang am jesuanischen Gleichnis vom „Barmherzigen Samariter“ und nahm es wörtlich ernst. Solidarität war für ihn die politische Form der jesuanischen Nächstenliebe.

Anfang der 80-iger Jahre besuchte ich zusammen mit ihm den überzeugten Sozialisten und Regime-Kritiker Robert Havemann – damals noch in der DDR. Es ist mir unvergesslich wie der Christdemokrat aus dem Westen und der demokratische Sozialist aus dem Osten bis morgens um 4.30 Uhr über die bessere Ordnung - soziale Marktwirtschaft oder demokratischer Sozialismus? - gestritten haben - heftig, leidenschaftlich, aber immer auch tolerant und mit großem Respekt voreinander. Danach duzten sie sich. „Wir sind doch beide Genossen“, lachte Blüm.

Der kleine Norbert, 1.64 Zentimeter, und der viel größere Robert stritten auf Augenhöhe. Es war ein einmaliger intellektueller Genuss, dabei Zeuge sein zu dürfen. Wir wussten, dass die Stasi alles mitschneiden wird. „Das schadet denen gar nichts, wenn sie mal so etwas hören“, meinte Blüm anschließend auf der Heimfahrt ins Hotel in Ostberlin. Es ging gerade die Sonne auf.

„Nobby“ nannten sie ihn bei der CDA, dem christsozialen linken Flügel der CDU, deren Vorsitzender er viele Jahre war. Mein Freund Norbert konnte sehr menschlich sein und deshalb auch sehr zornig. Auch wenn er sich ungerecht behandelt fühlte. Das habe auch ich manchmal zu spüren bekommen. Oder auch ein anderer Freund von ihm, Rupert Neudeck, Retter der Boatpeople.

Mit ihm zusammen waren Norbert Blüm und sein ebenfalls sozial engagierter  Parteifreund Heiner Geißler wochenlang und per Fuß in den äthiopischen Nuba-Bergen, um dort Flüchtlingen zu helfen. Die lebensrettenden Medikamente schleppten sie auf dem Rücken zu den Ärmsten der Armen. Sie übernachteten im Freien auf dem Boden. Aber auch mit seinem Freund Neudeck konnte er kräftig streiten.

Keinem Streit ging der unbequeme Christdemokrat aus dem Weg. „Ach wären doch meine Christdemokraten wirklich christlich“ hat er mir mehr als einmal sorgenvoll, aber auch augenzwinkernd gesagt. Er stritt mit Franz Josef Strauß, mit Vorständen der Deutschen Bank, dem Wirtschaftsflügel der CDU oder auch mit dem chilenischen Diktator Pinochet.

Blüm besuchte den Ex-General in Chile Mitte der Siebziger. Sein erster Satz zu Pinochet: „Herr Präsident, Sie sind ein Folterknecht“. Der Hitler-Bewunderer in Chile zeigte Blüm eine Liste mit 16 Oppositionellen, die er allesamt töten lassen wollte. „Wenn Deutschland diesen Leuten Asyl gewährt, dann verzichte ich auf die Hinrichtung.“ Blüm erreichte, dass sein Parteifreund Ernst Albrecht alle 16 in Niedersachsen aufnahm und sie vor der Hinrichtung bewahrte. „Jesus-Nachfolge ist immer konkret oder sie ist gar nicht,“ war er überzeugt und handelte entsprechend.

16 Jahre war er unter Kanzler Helmut Kohl Arbeitsminister – loyal bis an die Schmerzgrenze. Als Kohl unter der Parteispendenaffäre als Ehrenvorsitzender der CDU abtreten musste, wollte Blüm mit ihm telefonieren und ihm seine Loyalität persönlich aufkündigen. Doch Kohl nahm das Telefon nicht ab. Blüm bat um Rückruf. Dieser kam nie, was Blüm bis zu seinem Tod sehr schmerzte.

Norbert Blüm blieb auch nach seiner politischen Karriere politisch und menschenrechtlich aktiv. In der Flüchtlingskrise stand er auf der Seite von Angela Merkel und widmete ihr dafür auch sein Flüchtlings-Buch (Aufschrei!: Wider die erbarmungslose Geldgesellschaft“).

Als danach auch viele Christdemokraten die Zusammenführung von getrennten Flüchtlingsfamilien verweigerten, meinte er in einem Kommentar der „Welt“: „Diesen Parteifreunden soll künftig das Wort Familie im Hals stecken bleiben.“ So war er und so sprach er. Unerschrocken gegenüber Freund und Feind.

Und witzig war er. „Sei nett zu Tieren,“ sagte er oft: „Du könntest selbst eines sein.“

Norbert, auch Taufpate unserer Tochter,  ist gestern Abend gestorben. Die Corona-Krise hat verhindert, dass wir Abschied nehmen konnten.

Gute Reise, lieber Norbert, Du hast in Deinem hiesigen Leben ein sehr großes Human-Konto in der geistigen Welt angesammelt. Dein Freund Jesus hat Dir eine schöne Heimat versprochen.

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Quelle   Franz Alt 2020

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