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07.01.2020

Bus auf Bestellung

Auf dem Land kommt man ohne das eigene Auto meist kaum vom Fleck. Denn entweder gibt es gar keinen Nahverkehr, oder Linienbusse fahren nur selten. 

Ein Team um den Physiker Stephan Herminghaus, Direktor am Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, hat deshalb mit dem EcoBus ein System entwickelt, bei dem Kunden einen Bus direkt vor ihre Tür bestellen können. Das Besondere: Anders als viele Rufsysteme soll der EcoBus dem Nahverkehr keine Kunden abgraben, sondern das bestehende Liniennetz ergänzen.

"Mensch, das ist der Jackpot heute, nur drei Minuten Wartezeit“, sagt der junge Mann, der am Ortseingang von Clausthal zusteigt. Sein Auto ist gerade in der Werkstatt, deshalb fährt er seit einigen Tagen morgens mit dem EcoBus zu seinem Kiosk unten in der Stadt. „Ich sehe den Bus hier immer vorbeifahren“, sagt er während der Fahrt, „und dachte mir, dass ich den einfach mal ausprobiere.“ Das sei ja schon super, meint er, für 2,70 Euro bringe ihn der Bus direkt vor die Tür.

Der kleine Bus kurvt die steile Straße hinab nach Clausthal hinein. Der junge Mann erzählt weiter: „Zu Hause in der Türkei gibt es so kleine Busse überall. Ist schon lustig, dass man hier erst jetzt auf die Idee kommt.“ Die Busse, die in der Türkei Dolmus¸ heißen, halten zwar auf Handzeichen überall, aber anders als der EcoBus nur an fixen Routen und nicht auf Vorbestellung. Der Kioskbesitzer bleibt jedenfalls nur wenige Minuten an Bord, bis der Bus unten in der Stadt vor seinem Lädchen hält. Beim Aussteigen winkt er kurz Torsten Keck zu, dem Busfahrer. „Schönen Tag noch.“

Torsten Keck fährt weiter durch die Straßen mit den hübschen Fachwerkhäusern zu seinem nächsten Stopp. Einen festen Fahrplan hat er nicht. Welche Haltestelle er als nächste ansteuert, liest er von einem Tablet ab, das rechts neben der Gangschaltung in einer Halterung klemmt. Torsten Keck wirft kurz einen Blick drauf. „Ah, okay, der nächste Fahrgast steigt hinter der Marktkirche ein.“

Der Bus kommt dorthin, wo man ihn braucht

Alle paar Minuten gibt das Tablet ein leises „Ping“ von sich, wenn sich ein neuer Kunde meldet, der irgendwo zwischen Clausthal, Goslar und Osterode abgeholt werden möchte. Die Fahrwünsche werden Torsten Keck von einem zentralen Server per Mobilfunk auf sein Tablet geschickt. „Das hier ist die Liste der nächsten Stopps“, erklärt er und tippt auf den Bildschirm. „Die neuen Kunden schiebt mir das System irgendwo hinein, wo ich in den nächsten Minuten vorbeikommen werde.“

Die EcoBusse sind seit Mitte August im Harz unterwegs. Derzeit sind es acht, jeder mit acht Sitzplätzen. Einige können sogar Rollstuhlfahrer mitnehmen. „Wir haben bereits Stammgäste, vor allem ältere Leute. Freitags und samstags steigen viele junge Leute zu“, sagt Torsten Keck. Dann sind die Busse bis zwei Uhr nachts unterwegs. Er hatte auch schon eine Gruppe junger Männer, die lauter Grillsachen eingeladen haben. Die hat er zu einer Grillhütte im Grünen gefahren. Der EcoBus hatte Ende 2018 rund 6500 registrierte Nutzer – mehr als zehn Prozent der Bevölkerung im Pilotgebiet. Die Kunden buchen die Fahrten per Smartphone-App, über die Website www.ecobus.jetzt oder per Telefon. Bislang ist der EcoBus noch ein Pilotprojekt, das ein Forscherteam des Göttinger Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation auf den Weg gebracht hat. Die Deutsche-Bahn-Tochter Regionalbus Braunschweig, der Zweckverband Verkehrsverbund Süd-Niedersachsen und der Regionalverband Großraum Braunschweig betreiben als Partner die Busse und stellen die Fahrer an.

Auf der Schiebetür der Busse steht der pfiffige Slogan: „Sie sind die Haltestelle!“

Der Spruch macht in wenigen Worten klar, worum es geht. Statt wie üblich zur Haltestelle zu laufen, um dort auf einen Linienbus zu warten, ruft man den Bus dorthin, wo man ihn braucht. Und da heute die meisten modernen Smartphones eine GPS-Funktion haben, kann man den Bus selbst an entlegene Orte bestellen: zu Wanderparkplätzen, zu Ausflugslokalen oder eben zu Grillhütten, die weitab der Hauptstraßen liegen.

„Letztlich wollen wir mit dem EcoBus dazu beitragen, den Verkehr mit privaten Autos zu verringern, indem sich mehrere Leute Fahrten teilen“, sagt Stephan Herminghaus, Physiker und Direktor am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. Er hatte die Idee zum EcoBus-Projekt. „Das Prinzip besteht darin, dass Fahrgäste auf einer Strecke zusteigen. Anders als beim Carsharing teilt man sich hier nicht ein Auto, sondern die Fahrt. Wir nennen das Ridesharing.“

Natürlich sei die Idee des Ridesharings nicht neu, räumt Stephan Herminghaus ein. So gebe es schon seit längerer Zeit Rufbusse, die nach einem ähnlichen Prinzip nacheinander Fahrgäste aufpicken. Und auch bei modernen Fahrdiensten wie Uber oder dem von Volkswagen betriebenen Moia könne man Fahrzeuge per Smartphone zu jeder Zeit an jeden Ort bestellen.

„Das Problem besteht darin, dass all diese Dienste weitere Fahrzeuge auf die Straße bringen. Letztlich wird der Straßenverkehr dadurch kaum entlastet“, sagt Herminghaus. Im Gegenteil: „Solche Angebote ziehen dem sehr umweltfreundlichen öffentlichen Personennahverkehr die Gäste ab und verlagern den Transport auf viele Autos.“ Welche Blüten dieser Trend treiben kann, weiß Stephan Herminghaus aus eigener Erfahrung, die er in der indischen Großstadt Bangalore gemacht hat. Einen großen Teil des Verkehrs machen dort seit einiger Zeit Leerfahrten von Autos aus, die für Uber oder das indische Pendant Ola unterwegs sind. „Das sind meist Fahrer, die auf dem Weg zu ihrem nächsten Kunden sind. Aber genau so sollte die Zukunft nicht aussehen.“

Der öffentliche Nahverkehr wird gestärkt 

Der EcoBus will das Gegenteil erreichen. Er soll die Menschen aus den Autos holen und zum öffentlichen Nahverkehr bringen. Dessen Busse sind bislang oft unattraktiv, weil manche Dörfer gar nicht an den Nahverkehr angebunden sind oder Busse selten fahren. Viele setzen daher aufs Auto. Und so sitzen heute in vielen großen Überlandbussen oftmals nur wenige Fahrgäste. Geisterbusse nennt die Branche solche Touren, bei denen die Nahverkehrsunternehmen eher draufzahlen. „Der EcoBus, den ich zum Wunschtermin an einen bestimmten Ort bestelle, kann diese Lücke in Zukunft füllen“, sagt Stephan Herminghaus. „Er dient nicht zuletzt als Zubringer zum etablierten Nahverkehrsnetz – zum Bahnhof oder zur nächsten Buslinie. Der öffentliche Nahverkehr wird dadurch gestärkt und eben nicht geschwächt.“ Deshalb wird der EcoBus auch von den Nahverkehrsunternehmen in Südniedersachsen selbst getragen. Er ergänzt das bestehende Netz.

AUF DEN PUNKT GEBRACHT

  • In ländlichen Gegenden fahren Linienbusse nur selten, wenn überhaupt. Weil viele Menschen dann lieber gleich das Auto nehmen, sind die Busse, die es gibt, kaum besetzt.
  • Forscher des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation haben daher den EcoBus entwickelt, um den öffentlichen Nahverkehr flexibler zu gestalten. Sie mussten dabei unter anderem ein besonders komplexes Problem der Routenfindung lösen. Niedersächsische Nahverkehrsbetriebe testen das System derzeit zwischen Goslar, Clausthal-Zellerfeld und Osterode am Harz.
  • Der EcoBus holt Menschen dort ab, wo sie zusteigen möchten, und bringt sie genau zu ihrem Ziel. Für die Fahrten kann das System derzeit zwar noch keine exakten Abfahrts- und Ankunftszeiten angeben, weil die Route ständig an neue Anfragen angepasst wird. In Kürze soll es aber verlässliche Ankunftszeiten zusagen können – nicht zuletzt damit die Kunden Anschlussbusse und -züge erreichen.
  • Der EcoBus will – anders als andere Rufbus-Systeme – die Anzahl der Fahrzeuge auf den Straßen reduzieren, weil er als Teil des öffentlichen Personennahverkehrs Linienbusse und Züge ergänzt.

Hier können Sie den Bericht weiterlesen

 

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Quelle   MAX-PLANCK-GESELLSCHAFT 2020

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