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30.05.2019

Die Atomenergie wird immer bedrohlicher

Auch Deutschland ist gefährdet. Wir brauchen endlich einen weltweiten Ausstieg aus der Atomenergie. Von Hans-Josef Fell

Es ist mit mittlerweile fast zwei Wochen her, da hat der ehemalige Vorsitzende der US-Atomaufsichtsbehörde NRC (2009-2012), Gregory Jaczko einen Artikel – oder vielmehr einen Brandbrief – in der Washington Post veröffentlicht, es geht um die Atomindustrie. In seinem Artikel „I oversaw the U.S. nuclear power industry. Now I think it should be banned“ beschreibt Jaczko eindrucksvoll seinen Werdegang vom einflussreichen Fürsprecher der Nuklearenergie bis zum absoluten Atomgegner.

Als Wissenschaftler war er fasziniert von der Technologie und als er 1999 anfing PolitikerInnen in Washington D.C. zu beraten, schienen die Vorteile der angeblich klimaneutralen Atomenergie klar die Nachteile der fossilen Energieträger zu überwiegen und von Erneuerbaren war damals noch kaum die Rede. Im Jahr 2005 wurde Jaczko Mitglied der NRC und – wie er selbst schreibt – ab diesem Zeitpunkt begann sich seine bis dato rosige Sicht auf die Atomenergie zu verdunkeln, als er sah wie stark der politische Einfluss der Atomindustrie in den USA war ohne, dass Wirtschaftlichkeit und Gefahrenabwägung eine Rolle spielten.

Im Jahr 2009 wurde Jaczko schließlich von Obama zum Chef der Atomaufsichtsbehörde ernannt und musste nach Fukushima nur zwei Jahre später die verunsicherte US-amerikanische Bevölkerung davon überzeugen, dass Atomenergie sicher sei, insbesondere in den Vereinigten Staaten. Dazu schreibt er „Aber zu diesem Zeitpunkt zweifelte ich bereits an meinen eigenen Aussagen“. Mittlerweile ist er überzeugt, dass die Kosten der Atomenergie „in Leben und Dollar“ einfach viel zu hoch sind, um diese Form der Energiegewinnung noch weiter zu unterstützen oder überhaupt in Erwägung zu ziehen. Jaczko betont das außerordentliche und lebensgefährliche Risiko der Atomenergie und weißt eindrücklich auf die zusätzliche Gefahr der atomaren Bewaffnung hin.

Dieser Artikel eines geläuterten Atom-Fans macht deutlich, Atomenergie ist für sich genommen eine Umweltkatastrophe und birgt unkontrollierbare Risiken. Außerdem ist es derzeit eine der teuersten Formen der Energiegewinnung und Teil einer Industrie, die mit allen Mitteln versucht den Ausbau der Erneuerbaren Energien zu verhindern.

Dass die atomare Gefahr auch auf unserer Seite des Atlantiks nach wie vor akut ist, zeigt eine neue Studie Universität Genf und des Genfer „Institut Biosphère“, die im Auftrag der Organisation „Internationale Ärzte für die Verhütung eines Atomkriegs“ (IPPNW) erstellt wurde. Die Wissenschaftler simulierten einen großen Atomunfall in einem von vier Schweizer Atomkraftwerken. Die Ergebnisse sind erschreckend, allein 30%-40% der deutschen Bevölkerung wären in einem solchen Fall radioaktiver Kontamination ausgesetzt.

Diese Studie hat besondere Brisanz, da die besagten Atomkraftwerke zu den ältesten der Welt gehören, mit dem Atomreaktor in Bezanu beherbergt die Schweiz sogar den Dienstältesten, am Netz seit 1969. Besagtes Atomkraftwerk befindet sich auf einer erdbebengefährdeten Region, was beim Bau nicht berücksichtigt wurde und dennoch lockerte die Schweizer Atombehörde ENSI im Februar diesen Jahres die Sicherheitsbestimmungen, um den Weiterbetrieb der Atomreaktoren zu ermöglichen.

Diese Studie präsentiert nun wissenschaftlich unangreifbar und erschreckend anschaulich, dass die Gefahr eines „Schweizer Tschernobyls“ stetig wächst. Und eins dürfte klar sein, atomare Unfälle machen nicht an Landesgrenzen halt und so brauchen wir einen europa- und weltweiten Ausstieg aus dieser unverantwortlichen Hochrisikotechnologie. Die Gefahren der Atomkraft dürfen nicht mehr länger ignoriert werden, vor allem, weil die Atomenergie bereits heute keine wirtschaftliche tragbare Alternative zu den Erneuerbaren Energien bietet.

Die Energy Watch Group hat in Ihrer zu Studie „Globales Energiesystem mit 100% Erneuerbaren Energien“ zusammen mit der finnischen LUT University nachgewiesen, dass die Zukunft der Energieversorgung ausschließlich erneuerbar sein kann und dabei kostengünstiger und effizienter, als es die Atomkraft jemals sein kann.

Oder, um es abschließend mit den Worten von Gregory Jaczko zu sagen: „Die Atomenergie ist weder sinnvoll, um dem Klimawandel entgegenzuwirken, noch ist es eine wettbewerbsfähige Energiequelle. Sie ist gefährlich, teuer und unzuverlässig, und ein Atomausstieg führt nicht zur Klimakatastrophe. Wir haben die Wahl zwischen der Rettung des Planeten und der Rettung einer sterbenden Nuklearindustrie. Ich entscheide mich für unseren Planeten.“

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