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24.03.2020

"Wir brauchen einen Klima-Corona-Vertrag"

Über einen positiven Klimaeffekt der Coronakrise kann sich niemand freuen, schließlich ist der Preis dafür zu hoch, sagt Hans Joachim Schellnhuber. Der Klimaforscher über die Lehren aus der Viruskrise und die Dringlichkeit, den "Green Deal" jetzt zu realisieren. Von Joachim Wille

Klimareporter°: Herr Schellnhuber, ist die Coronakrise wenigstens gut fürs Klima?

Hans Joachim Schellnhuber: Nicht wirklich. Es ist denkbar, dass der globale Treibhausgas-Ausstoß in diesem Jahr um ein paar Milliarden Tonnen niedriger liegen wird als ohne Pandemie. Aber weil der weitere Verlauf der Virus-Krise völlig offen ist, sind die Größenordnungen der dadurch verursachten Emissionsreduktionen reine Spekulation.

Sicher, in der 2007 beginnenden Finanzkrise ging der weltweite CO2-Ausstoß einige Zeit stark zurück – diese Erfahrung haben wir schon gemacht. Aber niemand kann sich jetzt über einen positiven Klimaeffekt freuen, denn der dafür zu zahlende Preis ist unglaublich hoch – wegen der einbrechenden Wirtschaftsleistung, der persönlichen und sozialen Kosten und vor allem wegen des menschlichen Leids, das die Pandemie verursacht. Teurer könnte die Vermeidung zusätzlicher Tonnen von CO2 gar nicht sein.

Sinnvoll ist es dagegen, jetzt schon zu überlegen, welche Lehren wir aus dieser dramatischen Entwicklung für den Umgang mit der Klimakrise ziehen können.

Und die sind?

Die Hauptlehre ist: Man sollte den Experten gut zuhören, statt Horoskope zu lesen oder im Netz nach Verschwörungstheorien zu suchen.

Bei Covid-19 haben manche Politiker anfangs versucht, die Gefahr herunterzuspielen, sie auszusitzen, Gelassenheit zu demonstrieren – und konnten sich am Ende der Einsicht doch nicht verschließen, dass hier eine exponentielle Ansteckungsdynamik vorliegt.

Beim menschengemachten Klimawandel droht ebenfalls ein Verlauf, der sich mit den Standardpraktiken des politischen Geschäfts nicht mehr beherrschen lässt. Die Wissenschaft kann dies klar belegen, und man sollte sie wie bei der Corona-Pandemie endlich ernst nehmen. Das könnte dann ein Kipppunkt für den Umgang mit der Erderwärmung sein.

Gibt es Parallelen von Corona- und Klimakrise?

Die Parallelen sind frappierend: Das Virus macht genauso wie CO2 nicht an den nationalen Grenzen halt – wir haben ein Menschheitsproblem. Es gibt eindeutige wissenschaftliche Erkenntnisse, die man wie beim Klima nicht dauerhaft wegschwindeln kann.

Und wir haben bei der Pandemie einen Verzögerungseffekt, nämlich durch Inkubationszeiten und Symptomlosigkeit mancher Infizierter – ähnlich wie beim Klima, wo zum Beispiel die großen Eisschilde derzeit möglicherweise schon ins irreversible Schmelzen geraten, ohne dass man das direkt beobachten kann.

Die Lehre daraus: Richtiges Timing ist alles. Man muss handeln, bevor die Sache eskaliert, nicht erst, wenn man schon mitten im Schlamassel steckt.

Was folgt daraus?

Beispielsweise, dass die EU ihren grandiosen Green Deal tatsächlich realisieren muss.

Ich möchte aber in diesem Zusammenhang einen unorthodoxen Gedanken formulieren: Mir schwebt eine Art "Klima-Corona-Vertrag" vor, der insbesondere das Verhältnis der Generationen zueinander symbolisiert.

Derzeit wird sehr zu Recht von den jüngeren Teilen der Bevölkerung Solidarität mit den Älteren eingefordert, die ja viel stärker durch das Virus gefährdet sind. Umgekehrt sollten die Älteren beim Klima Solidarität mit den Jüngeren üben, denn Letztere werden die Folgen der Erderhitzung in ihrem Leben viel stärker spüren.

Die Solidarität muss also wechselseitig sein. Man könnte es plakativ so ausdrücken: Wer achtlos das Virus weitergibt, gefährdet das Leben meiner Großeltern. Wer achtlos CO2 freisetzt, gefährdet das Leben meiner Enkel.

Glauben Sie nicht, dass das Klima-Thema aus der öffentlichen Debatte lange Zeit verdrängt sein wird?

Hier können Sie das Interview weiterlesen

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Quelle   Das Interview wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Joachim Wille) 2020 verfasst - der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden! 

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