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28.01.2020

NABU: Milder Winter schickt Brutvögel vorzeitig in Balzlaune

Vögel sind Indikatoren für Klimawandel.

Eigentlich hat im Januar der Frost die Natur fest im Griff. Doch auch in diesem Winter herrschen in Baden-Württemberg milde Temperaturen, teils im zweistelligen Bereich. Das Jahr 2019 war das drittwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Neun der zehn heißesten Jahre in Deutschland lagen in der abgelaufenen Dekade 2010 bis 2019. „Der Klimawandel heizt uns mächtig ein. Erste Effekte sind auch in der Vogelwelt nachweisbar“, sagt Dr. Stefan Bosch, Ornithologe und Fachbeauftragter des NABU Baden-Württemberg.

Für manche Vogelarten sei der Klimawandel ein weiterer Faktor, der die Art vollends an den Rand des Aussterbens drängt, so Bosch. Andere Vögel profitierten hingegen von milden Wintern und fehlendem Schnee. Sie können ihr Revier weiter ausdehnen. „Wärmeliebende, mediterrane Arten wie der papageienbunte Bienenfresser finden am Oberrhein und in Südbaden gute Bedingungen vor. So verschiebt sich das Verbreitungsgebiet beispielsweise von Wiedehopf und Bienenfresser jedes Jahr um zwei bis 20 Kilometern gen Norden. Wiesenpieper oder Bekassine sind dagegen gezwungen, in kühlere Gebiete auszuweichen. Vögel der Gebirge, wie Bergpieper, Ringdrossel oder Zitronenzeisig, weichen zunächst in größere Höhen aus. Doch dem sind geografische Grenzen gesetzt.

Vom frühen Start und verpassten Insekten
Im Garten oder auch im Wald machen sich bereits die überwinternden Singvögel lautstark bemerkbar: Kohlmeisen, Blaumeisen und Kleiber beginnen nach anhaltend milden, sonnigen Tagen mit ihren Reviergesängen. Einige Hausrotschwänze, Bachstelzen und Zilpzalpe kundschaften bereits günstige Nistmöglichkeiten aus. Auch mancher Star zeigt bereits erste Frühlingsgefühle. „Eigentlich sollten sie jetzt in Südspanien oder Marokko sein. Doch weil die Temperaturen günstig waren und es genügend Nahrung gab, sind dieses Jahr mehr Stare als sonst hier geblieben und können so früher in die Brutsaison starten“, sagt der Vogelkundler. Wer da bleibt, hat gewisse Vorteile gegenüber ziehenden Artgenossen, kann günstige Nistplätze besetzen oder sogar zweimal brüten.

Zwar sind Langstreckenzieher, wie Störche, Nachtigall und Kuckuck, stärker genetisch auf eine bestimmte Zugzeit geprägt, doch auch sie kehren im Frühjahr etwa drei Wochen früher aus ihren Winterquartieren zurück als vor 40 Jahren und brüten früher. Die Vögel rasten nur kurz und fliegen schnell nordwärts weiter. Trotzdem kommt der Kuckuck in manchen Gebieten zu spät zurück, wenn die Brut der Wirtsvögel schon zu weit fortgeschritten ist. Dann kann ihnen das Kuckucksweibchen kein Ei mehr unterschieben und geht leer aus.

Auch der Trauerschnäpper, der etwa erst Mitte April aus dem Winterquartier zurückfliegt, hat Probleme: Er verpasst das Nahrungsmaximum an Insekten für die Jungenaufzucht und findet in den lichten Laub- und Mischwäldern, die er bevorzugt, nur noch bereits besetzte Bruthöhlen vor. Die Bestände sind in den meisten Gebieten so anhaltend stark zurückgegangen, dass der kleine Vogel als stark gefährdet in der Roten Liste des Landes steht. Sein Bestand ist in den letzten Jahrzehnten in manchen europäischen Gebieten um mehr als 90 Prozent gesunken.

Klimaschutz ist Vogelschutz
Schon kurz- bis mittelfristig wird der Klimawandel zur Gefährdung der Bestände einiger dieser Arten führen. „Klimaschutz ist auch Vogelschutz“, sagt Bosch. Viele NABU-Gruppen und Privatpersonen unterstützen Vogelarten auch ganz direkt mit Nisthilfen im Wald, im Garten und auf Streuobstwiesen, damit Arten wie der Trauerschnäpper weiter eine Chance haben.

Artenportraits

Gewinner: Der Bienenfresser (Merops apiaster)

  • Verwandtschaft: Eisvogel, Wiedehopf, Blauracke
  • Aussehen: Etwa Amselgroß (27-29 cm). Papageienbunt mit schwarzem, spitzem Schnabel, roter Iris, schwarzem Augenstreif, Oberseite bei Altvögeln braun-gelb-grün-türkis, Unterseite türkis mit gelber Kehle, bis 3 cm lange Schwanzspieße bei Altvögeln, Jungvögel mit grünlicher Oberseite und fehlenden Spießen
  • Ruf: Lautes und im Flug häufig geäußertes „prrüt prrüt“
  • Nahrung: Insekten, wie Hummeln, Bienen, Libellen, Käfer, Schmetterlinge, welche im Flug erbeutet werden
  • Lebensraum: blütenreiche Brachen, Wiesen oder Weinberge, Streuobstbestände oder Gewässernähe. Zur Anlage von Bruthöhlen werden Böschungsabbrüche, Erdanrisse und Steilufer und -wände benötigt.
  • Zugverhalten: Langstreckenzieher, verlässt das Brutgebiet ab August, spätestens Ende September/Anfang Oktober. Fliegt rund 5.000 Kilometer ins Winterquartier (Senegal bis Ghana, Ost-Afrika bis Südafrika)
  • Vorkommen: In Baden-Württemberg brütet der Bienenfresser seit den 1990ern wieder am sonnigen Kaiserstuhl. Am Oberrhein gibt es ungefähr 100 Brutpaare.

 

Verlierer: Der Kuckuck (Cuculus canorus)

  • Ruf: Vor allem im Mai und Juni ist sein meist zweisilbiger Ruf „gu-kuh“ zu hören, in unterschiedlicher Tonhöhe. Die Männchen verfolgen die Weibchen oft mit heiserem „hach hachhach“. Die Weibchen haben ein laut trällerndes „Kichern“.
  • Aussehen: Turteltaubengroß (34 cm) mit blaugrauer Oberseite und schwarz-weiß gebänderter Unterseite, einige sind dunkel rotbraun. Weibchen mit rostbraunem Überzug an Brust und Bürzel. Kleiner Kopf, der schwarze Schnabel ist dünn und spitz, Füße und Augen sind gelb. Auffällig langer Schwanz. Erinnert im Flug an einen Sperber.
  • Nahrung: Der Insektenfresser verspeist gern Schmetterlingsraupen, Heuschrecken, Käfer und Libellen. Weibchen verzehren auch Singvogeleier.
  • Lebensraum: Kuckucke sind flexibel, sie rufen aus dem Wald, von Waldrändern, Lichtungen, aus Heide und Moor sowie mit Bäumen und Büschen durchsetztem Kulturland.
  • Besonderheit: Sie bauen kein Nest, sondern schieben ihr einzelnes Ei anderen Vogeleltern unter. In Europa ziehen rund 45 Arten erfolgreich den Kuckuck groß, darunter Teich- und Sumpfrohrsänger, Mönchsgrasmücke, Hausrotschwanz oder Heckenbraunelle.
  • Zugverhalten: Die Langstreckenzieher überwintern südlich des Äquators, ein kleinerer Teil in Westafrika. Sie verlassen uns ab Anfang August und kehren meist in der zweiten Aprilhälfte zurück. Sie ziehen überwiegend nachts.
  • Vorkommen: In Baden-Württemberg kam der Vogel nahezu flächendeckend vor. Heute noch 8.000 bis 10.000 Kuckuck-Paare, seit 1980 hat sich der Bestand mehr als halbiert.

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Quelle    NABU Baden-Württemberg | 2020

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