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Depositphotos | fotokostic | Der enorme Anstieg der Toxizität in der US-Agrarlandschaft ist auf Neonicotinoide zurückzuführen.

© Depositphotos | fotokostic | Der enorme Anstieg der Toxizität in der US-Agrarlandschaft ist auf Neonicotinoide zurückzuführen.

USA: Agrarlandschaft 48-mal giftiger als vor 25 Jahren

Die US-Agrarlandschaft ist heute für Insekten 48-mal giftiger als vor 25 Jahren. Schuld sind vor allem Neonicotinoid-Pestizide.

Die US-Agrarlandschaft ist heute 48-mal giftiger für Honigbienen – und sehr wahrscheinlich auch für andere Insekten – als noch vor 25 Jahren. Diese erschreckende Erkenntnis ist auf den weit verbreiteten Einsatz der sogenannten Neonicotinoid-Pestizide zurückzuführen. Das belegt eine neue Studie, die in der Zeitschrift «PLOS One» veröffentlicht wurde.

Zwei der drei Neonicotinoid-Pestizide, die gemäss der Studie am meisten zur Gesamttoxizität beigetragen haben, werden von «Bayer-Monsanto» hergestellt. Das dritte erwähnte Produkt stammt von «Syngenta/ChemChina» mit Hauptsitz in der Schweiz.

Probleme auch in der Schweiz

Die Schweiz hat den Einsatz der hochgiftigen Neonicotinoid-Pestizide im Freiland Ende 2018 verboten, womit sie auf einen entsprechenden EU-Entscheid reagierte. Bis es soweit war, musste aber einiges geschehen. Es ist immer dasselbe Spiel: Pestizid-Konzerne stellen sich auf den Standpunkt, ihre Produkte seien «bei vorschriftsmässiger Anwendung» harmlos. Drohende Verbote bekämpfen sie bis vor Gericht.

Werden die entsprechenden Produkte dann endlich verboten, ist bereits viel Unheil angerichtet. So ergab eine Studie der Universität Neuenburg, dass 93 Prozent der Äcker von Biobauern im Schweizer Mittelland mit Neonicotinoiden verseucht sind. Rückstände, welche durch Verfrachtungen von herkömmlichen Betrieben auf die Bio-Äcker gelangten. Bei herkömmlichen Betrieben fanden die Forscher sogar flächendeckend Rückstände des Insektengifts. Rückstände von Neonicotinoiden wurden auch in Honigproben aus der ganzen Welt gefunden. Werden die Grenzwerte dabei nicht überschritten, sind sie für den Menschen ungefährlich. Nicht aber für Honigbienen, die sich daran vergiften.

Mit dem Verbot von Neonicotinoiden in der Schweiz ist die Problematik aber keineswegs gelöst. Wie «Infosperber» berichtete, sind neue Bienengifte schon seit längerem im Anflug – die Verharmlosungsstrategien von Pestizid-Industrie und -Lobby gehen weiter. Und das, obwohl diverse Studien und Forschungsarbeiten die Gefährlichkeit der Nachfolge-Produkte untermauern – wie etwa beim Wirkstoff Sulfoxaflor.

Ein weiteres Problem in der Schweiz ist das Zulassungsverfahren für Pestizide, das noch immer eine Black-Box ist. Ein Umstand, den «Infosperber» seit Jahren kritisiert. Immerhin gibt es seit Februar 2018 einen Lichtblick: Laut Bundesgericht gilt das Verbandsbeschwerderecht der Umweltorganisationen auch bei Bewilligungsverfahren für Pestizide.

USA: Neonicotinoide machen 92 Prozent der erhöhten Toxizität aus

Der enorme Anstieg der Toxizität in der amerikanischen Agrarlandschaft ist gemäss der Studie, zu 92 Prozent auf Neonicotinoide zurückzuführen. Wie Kendra Klein, Co-Autorin der Studie und leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin bei «Friends of the Earth» im Magazin «National Geographic» sagte, seien Neonicotinoide nicht nur unglaublich giftig für Honigbienen, sie könnten auch für mehr als 1000 Tage in der Umwelt giftig bleiben.

«Die gute Nachricht ist, dass wir keine Neonicotinoide brauchen», sagt sie. «Wir haben vier Jahrzehnte Forschung und Beweise dafür, dass unsere Nahrung mit agroökologischen Anbaumethoden angebaut werden kann, die keine Bestäuber dezimiert.» Neben «National Geographic» berichtete auch «The Guardian» über die Problematik.

Mit einem neuen Instrument, das die Toxizität für Honigbienen, die Dauer der Toxizität eines Pestizids und die in einem Jahr verbrauchte Menge misst, stellten Klein und Forscher aus drei anderen Institutionen fest, dass die neue Generation von Pestiziden die US-Landwirtschaft für Insekten viel giftiger gemacht hat. Dabei werden Honigbienen als Stellvertreter für alle Insekten verwendet. Ein Vorgehen, das auch die US-Bundesbehörde «Environmental Protection Agency» (EPA) anwende.

Die Studie von Klein und ihren Mitforschern ist gemäss «National Geographic» die erste Studie, die quantifiziert, wie giftig landwirtschaftliche Flächen in den USA für Insekten geworden sind. Sie stelle auch einen zeitlichen Zusammenhang zwischen der Behandlung von Saatgut mit Neonicotinoiden und der Beobachtungen von Imkern her, die einen Rückgang der Bienenvölker feststellten.

Beschleunigung des Artensterbens

Das Insektizid Neonicotinoid wird bei über 140 verschiedenen landwirtschaftlichen Kulturen in mehr als 120 Ländern eingesetzt. Das Gift greift das zentrale Nervensystem von Insekten an und verursacht eine Überreizung ihrer Nervenzellen, Lähmung und Tod.

Eine globale Analyse von 452 Insekten-Arten im Jahr 2014 ergab, dass das Insektenvorkommen in 40 Jahren um 45 Prozent zurückgegangen ist. Gemäss «National Geographic» ist in den USA zum Beispiel die Anzahl des Monarch-Schmetterlings in den letzten 20 Jahren um 80 bis 90 Prozent gesunken. Zudem komme eine kürzlich veröffentlichte Studie zum Schluss, dass 81 Schmetterlings-Arten in Ohio in den letzten 20 Jahren um durchschnittlich 33 Prozent zurückgegangen sind. Eine Studie aus dem April 2019 warnt, dass 40 Prozent aller Insektenarten aufgrund von Pestiziden, des Klimawandels und der Zerstörung von Lebensräumen bedroht sind.

Da die Anzahl der Insekten zurückgegangen sind, ist die Anzahl der insektenfressenden Vögel in den letzten Jahrzehnten stark gesunken.

Neonicotinoide sind systemische Insektizide, was bedeutet, dass sie von Pflanzen aufgenommen werden und dass sich das Gift in ihrem gesamten Gewebe befindet. Das heisst auch, dass Neonicotinoide überall in der Pflanze enthalten sind: in Samen, in Ernteerträgen, in abgestorbenen Blättern. Die Rückstände des Giftes landen auch in der Erde und der Umwelt. Neonicotinoide lösen sich leicht im Wasser auf, was bedeutet, dass das Gift nicht einfach auf der Farm bleibt, in der es verwendet wurde. Es verschmutzt umliegende Böden, Bäche, Teiche und Feuchtgebiete.

Quelle

Der Bericht wurde von
der Redaktion „INFOsperber.ch“ (Tobias Tscherrig) 2019 verfasst –
der Artikel darf nicht ohne Genehmigung weiterverbreitet werden! 

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