Ad

Anzeige

Zurück zur Übersicht

09.04.2020

Waldbrand in Tschernobyl-Sperrzone

Seit dem letzten Wochenende sorgt ein Waldbrand in der radioaktiv kontaminierten Sperrzone rund um das Atomkraftwerk Tschernobyl für Probleme. Auch 34 Jahre nach der Reaktorkatastrophe können erhebliche Mengen an Radioaktivität durch Brände freigesetzt werden, wenn sie einen großen Teil der 2600 Quadratkilometer großen Sperrzone erfassen.

Der ukrainische Umweltinspektionsdienst spricht bisher davon, dass 100 Hektar (0,1 Quadratkilometer) in Flammen gestanden hätten. Rettungsdienste meldeten, dass das Feuer inzwischen unter Kontrolle sei. Windböen sorgten indes noch am Dienstag für eine weitere Ausbreitung der Brände.

Um das Schlimmste zu verhindern waren am Sonntag nach Angaben der ukrainischen Behörden zwei Flugzeuge, ein Hubschrauber und gut hundert Feuerwehrmänner im Einsatz, um das am Samstagabend ausgebrochene Feuer zu bekämpfen. Am Montagmorgen soll es aber noch gebrannt haben. Am Dienstag hat sich das Feuer offenbar wegen Windböen nochmals auf trockenen Grasflächen ausgebreitet, 35 Hektar stünden in Flammen. Rettungsdienste geben an, dass in der Luft keine erhöhte Radioaktivität gemessen worden sei und in den umliegenden Dörfern oder der ukrainischen Hauptstadt Kiew keine Gefahr bestehe. Am Sonntag schrieb Jegor Firsov, der Leiter des ukrainischen Umweltinformationsdienstes auf Facebook von Schwierigkeiten: „Es gibt schlechte Neuigkeiten: Im Zentrum des Brandes ist die Radioaktivität überdurchschnittlich hoch.“ Firsov veröffentlichte ein Video, auf dem ein Geigerzähler nahe des Brandherdes eine Strahlung von 2,1 Mikrosievert pro Stunde anzeigt. Dies sei das 16-fache des Normalwertes. Diese Aussagen wurden offenbar später von Firsov zurückgezogen.

Firsov fordert zudem ein schärferes Vorgehen gegen Brandstiftung, die er als Brandursache angibt. Die Polizei hat bereits einen Verdächtigen gefasst.

Welche Gefahren bestehen für die Gesundheit?

Bei den aktuellen Waldbränden kann es zumindest für am Einsatz beteiligte Feuerwehrleute durch erhöhte Radioaktivität zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommen. Sollte die Strahlung am Brandherd tatsächlich 16-fach erhöht sein, dann summieren sich die 2,1 Mikrosievert pro Stunde bei einer angenommenen Einsatzdauer von 48 Stunden auf 0,1 Millisievert (also 100 Mikrosievert) – dies entspricht etwa drei bis fünf Röntgenaufnahmen des Brustkorbes. Direktstrahlung stellt aber nur einen Teil der Bedrohung dar – eine größere Rolle spielen eventuell eingeatmete radioaktive Partikel im Rauch.

In Deutschland liegt die Hintergrundstrahlung zwischen 0,05 und 0,3 Mikrosievert pro Stunde, der Mittelwert liegt etwa bei 0,1 Mikrosievert pro Stunde. Auswirkungen des aktuellen Waldbrandes in Tschernobyl auf diesen natürlichen Hintergrundwert sind derzeit nicht festzustellen und werden auch nicht erwartet, zudem derzeit süd-westliche Winde vorherrschen.

Bei größeren Waldbränden besteht allerdings die Gefahr einer erheblichen radioaktiven Kontamination in Mitteleuropa. So haben Modellrechnungen von 2014 ergeben, dass Waldbrände auf 10, 50 oder 100 Prozent der Waldfläche in der Tschernobyl-Sperrzone in ihren Auswirkungen auf Menschen vergleichbar mit der Reaktorkatastrophe von Fukushima sein könnten. Im Jahre 2015 ereigneten sich tatsächlich zwei große Waldbrände in der Sperrzone, die insgesamt mehr als 5000 Hektar Wald vernichteten. Das Feuer näherte sich sogar einem Lager für radioaktive Abfälle und Trümmer. Eine Untersuchung des Norwegian Institute for Air Research ergab, dass die radioaktive Freisetzung bei diesen Bränden zumindest vergleichbar mit größeren Störfällen in Nuklearanlagen sind (Stufe 3 der INES-Skala).

Lehren aus Tschernobyl - Atomausstieg jetzt!

Auch Jahrzehnte nach der Explosion des Atomkraftwerks in Tschernobyl ist es also immens wichtig, Waldbrände frühzeitig einzudämmen. Und das besonders in einer Region die teilweise nur schwer zugänglich ist. In Zeiten der Klimakrise werden Waldbrände durch anhaltende Dürreperioden und Hitzewellen immer wahrscheinlicher. Dies erhöht noch einmal das Gefährdungspotenzial der Tschernobyl-Katastrophe – auch heute noch. Sollte sich ein nuklearer Super-GAU in Ballungszentren in Mitteleuropa ereignen – die Konsequenzen wären unabsehbar.

Daher betreiben wir am Umweltinstitut neben einer Messstelle für Radioaktivität in Lebensmitteln auch eine unabhängige Messstation zur Überwachung der Umgebungsradioaktivität in München und setzen uns für den Atomausstieg in Deutschland und weltweit ein. Sollten wir eine Gefährdungssituation feststellen, werden wir unverzüglich darüber informieren.

Die Messungen können Sie hier einsehen

Zurück zur Übersicht

Quelle   

Das könnte sie auch interessieren