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10.01.2020

Ein neues Kohlekraftwerk im Tausch gegen fünf alte?

Der Kohlekonzern Uniper versucht sein neues Kohlekraftwerk Datteln 4 doch noch in Betrieb zu nehmen und schlägt offenbar einen Deal vor: Seine alten Kohlemeiler gegen den neuen. Eine Analyse zeigt: Für den Klimaschutz wäre mehr verloren als gewonnen.

Seit Monaten arbeitet die Bundesregierung an einem Gesetzentwurf für den Kohleausstieg und kommt in den Verhandlungen mit den Kohlekonzernen kaum voran. Ein Streitpunkt ist das Kohlekraftwerk Datteln 4 am Dortmund-Ems-Kanal. Seit 2007 baute dort zunächst der Energiekonzern E.ON und nun Nachfolger Uniper die neue Anlage mit einer beachtlichen Leistung von über 1.000 Megawatt. Aufgrund etlicher Pannen und fehlender Genehmigungen war lange nicht klar, ob das Kraftwerk jemals in Betrieb gehen würde. Doch nun ist es soweit.

Faktisch ist Datteln 4 bereits am Netz, der Probetrieb hat vor Wochen begonnen und das Kraftwerk läuft aktuell mit einer Leistung von 600 Megawatt, berichtet die WAZ. Es ist bereits jetzt einer der größten Stromproduzenten Nordrhein-Westfalens. Damit Uniper die Anlage ab dem Sommer in den kommerziellen Betrieb überführen kann, schlägt der Düsseldorfer Kohlekonzern nun offenbar einen Deal vor, wie die Rheinische Post schreibt.

Demnach erwäge Uniper, seine übrigen fünf Kohlekraftwerke stillzulegen oder auf Gas umzurüsten. Das beträfe die Kohlemeiler an den Standorten Heyen und Scholven in Nordrhein-Westfalen, Staudinger in Hessen, Wilhelmshaven in Niedersachsen und Schkopau in Sachsen-Anhalt. Zusammen kommen sie auf eine Leistung von 3.822 Megawatt.

Nur auf den ersten Blick ein guter Deal

Gut 1.000 Megawatt gegen 3.800, das wirkt zunächst wie ein guter Tausch. Bei näherer Betrachtung zeigen sich aber die Tücken eines solchen Deals. Denn die meisten Kohlekraftwerke in Deutschland, allen voran die Steinkohlekraftwerke, laufen nicht auf Hochtouren, die angegebenen Megawatt-Zahlen spiegeln also nicht die Wirklichkeit wider.

So lief das 900-Megawatt-Braunkohlekraftwerk Schkopau in diesem Jahr die meiste Zeit auf Sparflamme. Im Herbst lag die Auslastung bei nur 38 Prozent. Zudem plant Uniper Medienberichten zufolge ohnehin eine Stilllegung bis zum Jahr 2026 und eine mögliche Umrüstung auf Gas. Auch das Kraftwerk Scholven mit 760 Megawatt soll von Steinkohle auf Gas umgerüstet werden, mit oder ohne die Inbetriebnahme von Datteln 4.

Dem Umweltverband BUND zufolge waren die Kohlekraftwerke mit 3.800 Megawatt Leistung im vergangenen Jahr mit nur durchschnittlich 919 Megawatt am Markt. Bei Datteln 4 rechnen die Umweltschützer dagegen mit einer hohen Auslastung, da langjährige Abnahmeverträge bereits bestehen.

Bis zu acht Millionen Tonnen mehr CO2

Damit ist das Argument des Kohlekonzerns Uniper und seiner Unterstützer, unter anderem NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), kaum noch zu halten. Sie hatten argumentiert, durch die Inbetriebnahme von Datteln 4 könnten ältere Kohlemeiler abgeschaltet werden, die mehr Treibhausgase als das moderne Kohlekraftwerk ausstoßen. Doch viele dieser Anlagen dürften ohnehin in den nächsten Jahren vom Netz gehen, aufgrund des Kohleausstiegs oder weil ihr Betrieb unrentabel geworden ist.

Datteln 4 würde dagegen bis zum endgültigen Kohleausstieg 2038 weiterlaufen und Emissionen produzieren, die wir dringend vermeiden müssen. Experten befürchten, dass es Gaskraftwerke verdrängen könnte, die weniger Emissionen ausstoßen. Brisant ist zudem: Einer Analyse des BUND zufolge, waren Unipers Gaskraftwerke in Deutschland im vergangenen Jahr nur zu 1,4 Prozent ausgelastet. „Grund für den Quasi-Stillstand war die ‚Kannibalisierung‘ durch die noch preiswerter am Markt platzierten Steinkohlekraftwerke“, heißt es beim Umweltverband. Mehr Kohlestrom braucht also niemand. Ginge Datteln 4 ans Netz, müssten „mit Mehremissionen von 6 bis 8 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr gerechnet werden“, erklärte Thomas Krämerkämper, stellvertretender NRW-Vorsitzender des BUND.

Datteln soll der Bahn Kohlestrom liefern

Um das zu verhindern hatte die Kohlekommission sogar eine eigene Formulierung in ihren Kohlekompromiss geschrieben, eine sogenannte „Lex Datteln“. Im Kommissionsbericht steht ein ausdrückliches Verbot neuer Stein- und Braunkohleanlagen. „Es sei denn, für die Kohleanlage wurde bereits zum Zeitpunkt des Inkrafttretens eine immissionsschutzrechtliche Genehmigung erteilt.“ Das trifft nur auf Datteln 4 zu. Eine Hintertür der Kohlekommission, um dem Betreiber Uniper in Verhandlungen mit der Bundesregierung eine entsprechende Entschädigung zu ermöglichen.

Doch Uniper will nicht. Der Energiekonzern möchte möglichst viel seiner 1,5 Milliarden Euro wiederhaben, die das Kraftwerk gekostet hat. Und dafür stehen Möglichkeiten bereit, denn Abnahmeverträge für seinen Kohlestrom hat der Konzern bereits vor Jahren festgemacht. RWE und die Deutsche Bahn werden den Großteil abnehmen, auch wenn sie wohl am liebsten raus wollen aus ihrer teuren Kohle-Verpflichtung

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Quelle   Der Bericht wurde von der Redaktion “energiezukunft“ (cw) 2020 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung weiterverbreitet werden! | energiezukunft | Heft 27 / 2019 | "Europas Energiewende" | Jetzt lesen Download | (Foto: ©  Arnoldius / Wikimedia.Commons, CC BY-SA 3.0)

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