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02.04.2020

Temperaturrekord: Ost-Antarktis heizt sich auf

Lange Zeit war die Ostantarktis kälter als der westliche, kleinere Teil des Kontinents. Forscher:innen aus Australien haben jetzt auch dort an mehreren Tagen in Folge außergewöhnlich hohe Temperaturen gemessen.

Hitzewellen in der Antarktis sind selten. Im Gegensatz zu anderen Regionen in der Welt wurden dort bislang kaum länger anhaltende höhere Temperaturen dokumentiert. 

Der Deutsche Wetterdienst definiert eine Hitzewelle als ein Extremereignis, bei dem eine ungewöhnlich hohe Wärmebelastung über mehrere Tage anhält.

Ein solches Ereignis haben australische Forscher:innen jetzt in der Ostantarktis dokumentiert. An der Forschungsstation Casey lagen die Tageshöchsttemperaturen Ende Januar an vier Tagen über 7,5 Grad. Am 24. Januar wurde mit 9,2 Grad die höchste dort jemals gemessene Temperatur erreicht, beinahe sieben Grad über dem 30-jährigen Monatsmittel. 

"Alles, was die australischen Kollegen berichten, ist ein neuer Hitzerekord in Teilen der östlichen Antarktis", ordnet der Klimaforscher Hartmut Graßl den Artikel ein, der jetzt im Fachmagazin Global Change Biology erschien. Bei einer höheren Lufttemperatur, wie sie in der Antarktis insgesamt beobachtet werde, sei ein solches Ereignis zu erwarten, ähnlich wie die neuen Rekorde in Europa im Jahr 2018. "Aufregend wäre das Ausbleiben solcher Rekorde", meint Graßl.

Nur wenige Tage nach dem Casey-Rekord, nämlich am 9. Februar, stiegen die Temperaturen denn auch auf der Seymour-Insel in der Westantarktis auf 20,75 Grad und damit erstmals über die Schwelle von 20 Grad.

Der Temperaturanstieg infolge des erhöhten CO2-Ausstoßes der Menschen verläuft in der größeren Ostantarktis im Allgemeinen langsamer als in der Westantarktis und auf der Antarktischen Halbinsel. 

Warum ist das so? Das Ozonloch hatte die Wettermuster – genauer die atmosphärische Zirkulation – auf der Südhalbkugel dramatisch verändert. Der polare Jetstream hatte sich nach Süden verlagert und verstärkt. Dadurch blieben weite Teile der Antarktis isoliert und kalt, was ein Abschmelzen des Meereises bislang verhinderte. Doch im vergangenen Jahr hat eine starke Erwärmung der Stratosphäre über der Antarktis die Größe des Ozonlochs deutlich verringert.

Ohne weitere Messungen lässt sich nur spekulieren

Den Eisverlust auf dem Ostantarktischen Eisschild haben Forscher:innen der britischen Universität Leeds für den Zeitraum von 2012 bis 2017 auf jährlich 28 Milliarden Tonnen beziffert. Ungleich mehr Eismasse geht in der Westantarktis verloren. Dort beläuft sich der jährliche Eisverlust im gleichen Zeitraum auf 159 Milliarden Tonnen. 

Das Abschmelzen des Westantarktischen Eisschildes gilt als Kippelement im Klimasystem. Schon jetzt könnte das vollständige Abtauen der größten Gletscher der Westantarktis, darunter der Thwaites- und der Pine-Island-Gletscher, nicht mehr aufzuhalten sein. Ein Rückzug der beiden Gletscher würde sich über die jetzigen Einzugsgebiete auch auf andere Gletscherbecken ausdehnen, was zum Kollabieren des Westantarktischen Eisschilds führen würde.

"Seit wir relativ präzise Beobachtungen der Geometrie der antarktischen Eisschilde haben, ist auch der Meeresspiegelanstieg durch die schrumpfenden Eisschilde in der Antarktis bekannt", sagt Hartmut Graßl.

Ein halber Millimeter des jährlichen Anstiegs von 3,5 Millimetern ist dem Klimaforscher zufolge auf die Antarktis zurückzuführen. "Dieser Beitrag stammt überwiegend aus der Westantarktis, deren Eisschild näher zum Schmelzen ist", sagt Graßl.

Die Ostantarktis galt dagegen als weitgehend stabil – auch trotz jüngerer Temperaturrekorde. "Sicherlich stimuliert der Bericht die Weltraumagenturen und die Wissenschaftler, auch in der Ostantarktis noch mehr ins Detail bei den mit Satelliten beobachteten Änderungen der Eismenge zu gehen", sagt Graßl.

Solange aber keine neuen Beobachtungen der Schmelzrate in den Randgebieten und der Anhäufung von Schnee im Inneren der Ostantarktis existieren, bleibt jede Antwort auf die Frage, ob die Ostantarktis kippen könnte, Spekulation.

Redaktioneller Hinweis: Hartmut Graßl ist Mitglied des Herausgeberrats von Klimareporter°.

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Quelle   Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Sandra Kirchner) 2020 verfasst - der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden! | Foto: Joshua Stevens/​NASA Earth Observatory)

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