{"id":7419,"date":"2019-08-17T08:06:00","date_gmt":"2019-08-17T06:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sonnenseite.com\/wissenschaft\/de-karbonisierung-plus-re-naturierung.html"},"modified":"2019-08-17T08:06:00","modified_gmt":"2019-08-17T06:06:00","slug":"de-karbonisierung-plus-re-naturierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sonnenseite.com\/de\/wissenschaft\/de-karbonisierung-plus-re-naturierung\/","title":{"rendered":"\u201eDe-Karbonisierung\u201c plus \u201eRe-Naturierung\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Debatte um eine neue Klimapolitik hat in den letzten Wochen an Fahrt aufgenommen, doch sie ist einseitig auf das Thema CO<sub>2<\/sub>-Bepreisung ausgerichtet. Das ist nicht falsch, doch dies allein darf es nicht gewesen sein, meint Professor Udo E. Simonis. <\/p>\n<p> <!--more--> <\/p>\n<p><strong>Das Problem<\/strong>: In der Klimawissenschaft wie in der Klimapolitik haben sich Gruppen gebildet, die nicht miteinander kommunizieren, sondern sich voreinander abschotten. Im Ergebnis werden der technische Weg zum Klimaschutz &ndash; die &bdquo;De-Karbonisierung&ldquo; &ndash; und der nat&uuml;rliche Weg &ndash; die &bdquo;Re-Naturierung&ldquo; &#8211; von Wissenschaftlern wie von Politikern nicht als zwei Wege zum gleichen Ziel gesehen, obwohl es viele gute Gr&uuml;nde f&uuml;r eine solche Doppelstrategie gibt.<\/p>\n<p>Die j&uuml;ngste, von der <a href=\"http:\/\/www.fridaysforfuture.de\/\">&bdquo;Friday for Future&ldquo;-<\/a>Bewegung befl&uuml;gelte Suche nach einer neuen Klimapolitik best&auml;tigt diese schon lang anhaltende Denkblockade. So hat die deutsche Regierung im Fr&uuml;hjahr 2019 zwar ein &bdquo;Klima-Kabinett&ldquo; ins Leben gerufen, dem aber international so bedeutende Akteure wie das Au&szlig;enministerium und das Entwicklungshilfeministerium nicht angeh&ouml;ren. So hat die Bundesumweltministerin im Juli 2019 zwar drei externe Gutachten zur Reform der Klimapolitik entgegengenommen, in denen die Re-Naturalisierung aber nicht thematisiert wird. Auch in dem Sondergutachten der sog. Wirtschaftsweisen ist zum Thema Re-Naturierung nichts zu finden. Selbst in dem kompetentesten Klimagutachten von PIK-MCC (<em>Optionen f&uuml;r eine<\/em> <em>CO<sub>2<\/sub>-Preisreform<\/em>) findet sich dazu nichts.<\/p>\n<p>Dort hei&szlig;t es zwar, dass die Klimapolitik eine grundlegende Neuausrichtung ben&ouml;tige, weil die Unzufriedenheit mit dem unzureichenden klimapolitischen Fortschritt in breiten Teilen der Gesellschaft wachse. Daraus wird aber nur gefolgert, dass im Zentrum dieser Neuausrichtung eine umfassende und koordinierte Bepreisung der CO<sub>2<\/sub>-Emissionen stehen m&uuml;sse. Von Natur auch hier kein Wort.<\/p>\n<p>Der entscheidende Grund f&uuml;r diese partielle Blindheit von Theorie und Praxis d&uuml;rfte darin bestehen, dass die konventionelle Strategie der Klimapolitik auf &bdquo;Emissionsminderung&ldquo; fokussiert ist. Das ist zwar wichtig, weil es ja in weiterer Zukunft um CO<sub>2<\/sub>-Null-Emission von Wirtschaft und Gesellschaft gehen muss. Doch wo bleibt bei dieser Sicht die Rolle der Natur?<\/p>\n<p>Die Natur, insbesondere der Wald, Weidefl&auml;chen, Moore und andere Feuchtgebiete haben eine enorme &ouml;kologische Kapazit&auml;t &ndash; die der Absorption von Schadstoffen; sie nehmen gro&szlig;e Mengen an Kohlendioxid auf und wandeln sie in der Photosynthese in Zucker und Sauerstoff um. Neben der technischen <em>Emissionsminderung<\/em> in allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Sektoren m&uuml;sste es also bei einer grundlegenden Neuausrichtung der Klimapolitik auch um die naturbasierte <em>Absorptionserh&ouml;hung <\/em>gehen.<\/p>\n<p>Hierauf hat das Crowther Lab der ETH Z&uuml;rich Ende Juni 2019 mit einer global angelegten Wald-Studie aufmerksam gemacht und damit eine weltweite Debatte angesto&szlig;en (Bastin et al. 2019). Die quantitativen Details dieser Studie sind umstritten, doch an der Grundaussage kann kein Zweifel bestehen: Die weltweite Aufforstung bzw. Wiederaufforstung von W&auml;ldern ist grunds&auml;tzlich m&ouml;glich; es k&ouml;nnten Milliarden vom B&auml;umen gepflanzt werden, die &uuml;ber l&auml;ngere Zeit hin einen gro&szlig;en Teil der globalen CO-Emissionen absorbieren w&uuml;rden.<\/p>\n<p>Die ETH-Autoren gehen davon aus, dass der derzeit global vorhandene Waldbestand ohne gr&ouml;&szlig;ere Fl&auml;chenkonflikte (wie Ern&auml;hrung und Siedlung) um 0,9 Milliarden Hektar auf insgesamt 4,4 Milliarden Hektar aufgestockt werden k&ouml;nnte. Wo das gr&ouml;&szlig;te Potenzial dieser globalen Neu-Bewaldung mit mehr als 500 Milliarden zus&auml;tzlichen B&auml;umen liegen k&ouml;nnte, wird in der Studie unter Ber&uuml;cksichtigung verschiedener topografischer Merkmale nach L&auml;ndern und Regionen vorsichtig eingesch&auml;tzt.<\/p>\n<p>Man mag bedauern, dass diese Studie f&uuml;r die in Deutschland derzeit diskutierten Klimagutachten zu sp&auml;t kam, doch f&uuml;r die Wieder- bzw. Neuentdeckung der damit beschriebenen &bdquo;Waldoption&ldquo; kommt sie gerade zur rechten Zeit.<\/p>\n<p><strong>Vor nunmehr 20 Jahren hatten n&auml;mlich 80 Professoren und Praktiker ein Manifest zu einer zus&auml;tzlichen klimapolitischen Option ver&ouml;ffentlicht (Jahrbuch &Ouml;kologie 2000), die ergriffen werden sollte, um den CO<sub>2<\/sub>-Anstieg in der Atmosph&auml;re zu reduzieren und Wirtschaft und Gesellschaft Zeit und Gelegenheit f&uuml;r eine sozio&ouml;konomisch vertr&auml;gliche &Auml;nderung von Produktion und Lebensweise zu geben: die <em>Wald- und Holzoption.<\/em> Dieses Manifest zielte auf sechs strategische Komponenten:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Emissionsminderung durch verst&auml;rkten Waldschutz,<\/li>\n<li>Kohlenstoffbindung durch Erh&ouml;hung der Biomasse in den W&auml;ldern,<\/li>\n<li>Bindung von Kohlenstoff in neu zu schaffendem Wald,<\/li>\n<li>Bindung von Kohlenstoff durch verbesserte Waldwirtschaft,<\/li>\n<li>Emissionsminderung bei Ersatz fossiler Energietr&auml;ger durch Holz,<\/li>\n<li>Emissionsminderung bei Ersatz energieaufwendiger Materialien durch Holz.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wie l&auml;sst sich auf dieser (oder einer &auml;hnlich definierten) Basis die notwendige Doppelstrategie einer Klimapolitik begr&uuml;nden, welche die De-Karbonisierung der Wirtschaft &#8211; insbesondere die &bdquo;Energieoption&ldquo; &#8211; und die Re-Naturierung der Gesellschaft &#8211; insbesondere die &bdquo;Waldoption&ldquo; &#8211; integriert und zu einem allgemeing&uuml;ltigen politischen Postulat macht? Vier Gr&uuml;nde d&uuml;rften hierbei besonders wichtig sein:<\/p>\n<p><strong><em>1.Machbarkeit und Realisierungschancen <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Minderung der laufenden CO<sub>2<\/sub>-Emissionen und die Absorption der zu hohen CO<sub>2<\/sub>-Konzentration in der Atmosph&auml;re m&uuml;ssen parallel angegangen werden; mit technischen Ma&szlig;nahmen allein l&auml;sst sich das Ziel des Paris-Abkommens nicht erreichen.<\/p>\n<p><strong><em>2.Gerechtigkeit und internationale Kooperation <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Der Gro&szlig;teil der akkumulierten wie der laufenden CO<sub>2<\/sub>-Emissionen stammt aus den alten Industriel&auml;ndern, die dementsprechend nach Kriterien der internationalen und intergenerativen Gerechtigkeit die gr&ouml;&szlig;ten Reduktions- und Absorptionspflichten haben. Ein gro&szlig;er Teil der zu erhaltenden wie der zu mehrenden W&auml;lder liegt aber in den Schwellen- und Entwicklungsl&auml;ndern. Deshalb verspricht nur internationale Kooperation einen h&ouml;chstm&ouml;glichen Beitrag zum Klimaschutz.<\/p>\n<p><strong><em>3.&nbsp; Multiple Effekte und intersektorale Synergien<\/em><em> <\/em><\/strong><strong><\/strong><\/p>\n<p>Die Energieoption zielt prim&auml;r auf betriebswirtschaftliche Effizienzsteigerung und f&uuml;hrt nur bei &bdquo;Ressourcenwechsel&ldquo; auf Erneuerbare Energien zu wichtigen multiplen Effekten (wie Arbeitsmarkt, Regional&ouml;konomie, Armutsreduzierung, usw.). Die Waldoption hat <em>per se<\/em> multiple Effekte und f&uuml;hrt zu vielf&auml;ltigen intersektoralen Synergien (wie Wasserschutz, Ern&auml;hrungssicherung, Erh&ouml;hung der Holzquote im Bauwesen, usw.).<\/p>\n<p><strong><em>4. Sinkende Leistungsf&auml;higkeit der W&auml;lder<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Immer mehr B&auml;ume sterben durch D&uuml;rre, Krankheiten und falsche Bewirtschaftung &ndash; und den Klimawandel. Es muss daher quantitativ um Waldmehrung und qualitativ um Waldumbau gehen, weil beim technisch bedingten Klimawandel die existierenden W&auml;lder nicht mehr so leistungsf&auml;hig als Senke f&uuml;r Schadstoffe sind bzw. sein werden, wie bisher &ndash; ein weiteres starkes Argument f&uuml;r eine klimapolitische Doppelstrategie.<\/p>\n<p>Wie aber steht es um die &Auml;quivalenz von <em>Energieoption<\/em> und <em>Waldoption <\/em>in der historischen Entwicklung der nationalen und internationalen Klimadebatte? Zur umfassenden Beantwortung dieser Frage m&uuml;ssten viele wissenschaftliche Studien und politische Dokumente zitiert werden. F&uuml;r diesen kurzen Artikel muss ich mich auf einige wenige Quellen beschr&auml;nken.<\/p>\n<p><strong>Zur Geschichte der Klimadebatte: <\/strong>Die <em>UN-Klimarahmenkonvention<\/em> (1994) ist ein v&ouml;lkerrechtlich verbindlicher Vertrag, der nach heftigen Debatten und vielen Umwegen 2015 vielversprechend konkretisiert wurde (das Paris-Abkommen). Noch 1993 hatte sich aber ein strategischer Konsens abgezeichnet, wonach im Rahmen dieser Konvention zwei Umsetzungsprotokolle formuliert werden sollten: ein Waldprotokoll und ein Energieprotokoll. Dazu kam es leider nicht &ndash; vor allem aus Gr&uuml;nden stark divergierender Nord &#8211; S&uuml;d und West &#8211; Ost- Interessen.<strong><\/strong><\/p>\n<p><em>Der dritte Sachstandsbericht des Weltklimarates<\/em> (IPCC<em> <\/em>2001)<em> <\/em>gab einen ersten guten &Uuml;berblick zum Stand der Wissenschaft &uuml;ber den Klimawandel (WG I), die Notwendigkeiten der Anpassung an diesen Wandel (WG II) und die M&ouml;glichkeiten zur Begrenzung des Klimawandels (WG III). Die wald-bezogenen Aussagen dieses Berichts waren aber eher d&uuml;rftig. Man stand sich selber im Wege: Man war skeptisch bez&uuml;glich der erfolgreichen Umsetzung der Energieoption, reflektierte aber nicht die Rolle, die dem nat&uuml;rlichen Weg zukommen k&ouml;nnte, wenn sich der technische Weg als steinig oder gar blockiert erweisen sollte.<\/p>\n<p>Diese pessimistische Sicht des nat&uuml;rlichen Absorptionspotentials der W&auml;lder &auml;nderte sich erst mit dem im August 2019 vorgelegten Sonderbericht des IPCC &uuml;ber die Rolle der Land- und Forstwirtschaft beim Klimawandel. Nur wenige Monate nach dem Weckruf des Weltbiodiversit&auml;tsrates schrillen nun auch beim Weltklimarat die Alarmglocken. Das Ausma&szlig; der Naturzerst&ouml;rung sei so gro&szlig;, dass die W&auml;lder und B&ouml;den es nicht mehr schafften, das CO<sub>2<\/sub> hinreichend zu binden. &bdquo;Der umsichtige Umgang mit Mutter Erde ist oberstes Gebot&ldquo; &ndash; hei&szlig;t es da auf einmal. Der neue Bericht wolle nicht nur die Politiker aufr&uuml;tteln, sondern auch die &ouml;ffentliche Meinung beeinflussen.<\/p>\n<p><strong>Die Vermutung ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass es gerade umgekehrt sein d&uuml;rfte: Die &ouml;ffentliche Meinung hat die Sicht des Weltklimarates ver&auml;ndert. Ein weiteres Beispiel des Greta-Effekts?<\/strong> <\/p>\n<p>Ein<em> Sondergutachten des WBGU <\/em>(2003) sah &bdquo;&#8230; die Grenze, ab der die Sch&auml;den am globalen Naturerbe nicht mehr hinnehmbar sind, &#8230; im Bereich von 2&deg;C globaler Erw&auml;rmung gegen&uuml;ber vor-industriellen Werten&ldquo;. Daraus wurde gefolgert, dass zur Absicherung eine CO<sub>2<\/sub>-Konzentration in der Atmosph&auml;re unterhalb von 450 ppm angestrebt werden sollte. Hierzu h&auml;tte bis zum Jahr 2050 eine Minderung der globalen CO<sub>2<\/sub>-Emissionen von 45 bis 60 % gegen&uuml;ber dem Jahr 1990 angestrebt werden m&uuml;ssen. <\/p>\n<p>Die erforderlichen Ma&szlig;nahmen zur Emissionsminderung sah der WBGU auf drei Gebieten: Verst&auml;rkte Energieeinsparungen; Einsatz erneuerbarer Energien und kohlenstoffarmer Technologien; geologische CO<sub>2<\/sub>-Speicherung. <\/p>\n<p>Kein Platz oder keine Notwendigkeit f&uuml;r eine aktive &bdquo;Waldoption&ldquo; &ndash; auch nicht bei 60 % Reduktionserfordernis? Sehr sp&auml;t konzedierte der WBGU aber doch, dass die terrestrische Biosph&auml;re im globalen Kohlenstoffkreislauf eine gro&szlig;e Rolle spielt: &bdquo;Naturnahe W&auml;lder, Feuchtgebiete und Grasland sind wichtige Speicher f&uuml;r Kohlenstoff, solange sie nicht gerodet, entw&auml;ssert oder umgepfl&uuml;gt werden&ldquo;. <\/p>\n<p>Der WBGU empfahl dann die internationale Vereinbarung eines &bdquo;Protokolls zur Erhaltung der Kohlenstoffvorr&auml;te terrestrischer &Ouml;kosysteme&ldquo;, einschlie&szlig;lich der Einrichtung eines Systems handelbarer Nutzungsverzichtsverpflichtungen. Dazu ist es aber nicht gekommen &ndash; und diese Empfehlung wurde bis heute nicht wiederholt. <\/p>\n<p><strong>Auch andere Fragen blieben unbeantwortet: <\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Wie kommt es, dass &ndash; physikalisch &ndash; nur &uuml;ber die Erhaltung, nicht aber &uuml;ber die Mehrung und Verbesserung der Kohlenstoffspeicher terrestrischer &Ouml;kosysteme r&auml;soniert wird? <\/li>\n<li>Wie kommt es, dass &ndash; politisch &ndash; eine zus&auml;tzliche zwischenstaatliche Verpflichtung vorgeschlagen wird, statt vor allem und zuerst die Umsetzung der bestehenden Verpflichtungen einzufordern? <\/li>\n<\/ul>\n<p>Der Vorschlag des WBGU ber&uuml;hrt immerhin die Logik der Architektur der internationalen Umweltpolitik &ndash; im konkreten Fall die der Waldpolitik. <\/p>\n<p><em>Die Institutionalisierung der internationalen Waldpolitik<\/em> ist, man kann es nicht anders sagen, eine Geschichte des Misserfolgs. Insofern k&ouml;nnte jeder neue Vorschlag ein Beitrag zur Revitalisierung des Themenfeldes sein. Doch wie steht es damit? <\/p>\n<p><strong>Auf der Rio-Konferenz (UNCED 1992) hatte man sich &ndash; anders als bei den Themen Klima, Biodiversit&auml;t und Desertifikation &ndash; nicht auf eine globale Wald-Konvention einigen k&ouml;nnen. Mehrere Jahre lang herrschte Funkstille. Nach 1995 entstanden dann drei, jeweils tempor&auml;re internationale Wald-Institutionen:<\/strong> <em><\/em><\/p>\n<ul>\n<li>das Intergovernmental Panel on Forests (IPF), 1995 &#8211; 1997; <\/li>\n<li>das Intergovernmental Forum on Forests (IFF), 1997 &#8211; 2000; <\/li>\n<li>das United Nations Forum on Forests (UNFF), 2001 &#8211; 2005. <\/li>\n<\/ul>\n<p>IPF wie IFF generierten eine breite Palette an Vorschl&auml;gen zu nachhaltigem Forstmanagement, fanden aber keinen Konsens f&uuml;r eine aktive globale Waldstrategie. Das UNFF hatte einen h&ouml;heren Status (universelle Mitgliedschaft, Multi-Stakeholder-Dialog), doch zu einer v&ouml;lkerrechtlich verbindlichen Wald-Konvention, die nicht nur dem Schutz und der nachhaltigen Nutzung der bestehenden W&auml;lder, sondern auch und vor allem der globalen Mehrung von W&auml;ldern dienen m&uuml;sste, kam es nicht. UNFFinished business &ndash; sozusagen. <\/p>\n<p><strong><em>Wie aber sieht die Lage auf der nationalen Ebene aus?<\/em><\/strong><strong> <\/strong><\/p>\n<p>Ergibt sich in Deutschland vielleicht ein hoffnungsvolleres Szenario f&uuml;r die Waldoption? Hier gilt es zun&auml;chst an zwei Initiativen von 2004 zu erinnern, an <\/p>\n<ul>\n<li>das &bdquo;Nationale Waldprogramm&ldquo; und <\/li>\n<li>die &bdquo;Nationale Nachhaltigkeitsstrategie&ldquo;. <\/li>\n<\/ul>\n<p>Das &bdquo;Nationale Waldprogramm&ldquo; war Ergebnis eines l&auml;ngeren Verst&auml;ndigungsprozesses dar&uuml;ber, wie nachhaltige Waldbewirtschaftung aussehen k&ouml;nnte, die den forstlichen Anspr&uuml;chen Rechnung tr&auml;gt und den internationalen Vereinbarungen zur Nachhaltigkeit entspricht. Doch zur Formulierung einer effektiven nationalen Waldpolitik hat es nicht gef&uuml;hrt. Die konstitutive Schw&auml;che der Waldoption im deutschen Regierungssystem ist seither eklatant. Man schaue sich nur einmal das Organigramm der zwei potenziell gefragten Bundesministerien an:<\/p>\n<p>Im Bundesumweltministerium (BMU) gibt es eine Abteilung K: Internationales, Europa, Klimaschutz und die Abteilung N: Naturschutz und nachhaltige Naturnutzung. Eine Waldabteilung gibt es nicht. <\/p>\n<p>Beim Bundesministerium f&uuml;r Ern&auml;hrung und Landwirtschaft (BMEL), in dem schon 2001 die Abteilung &bdquo;Forsten&ldquo; verschwand, gibt es heute die Gliederungspunkte Nationale Waldwirtschaft und Internationale Waldpolitik, beide mit h&ouml;chst widerspr&uuml;chlichen Aussagen. Zum Punkt Nationale Waldwirtschaft hei&szlig;t es zum Beispiel: &bdquo;Der Wald in Deutschland ist in einem guten Zustand&ldquo;, sowie: &bdquo;Ziel der Bundesregierung in der Waldpolitik ist es, den Wald zu bewahren und nachhaltig zu nutzen&ldquo;. In der Rubrik Aktuelles, unmittelbar unter diesen Feststellungen steht dann: &bdquo;Massive Sch&auml;den &ndash; W&auml;lder ben&ouml;tigen schnelle Hilfe&ldquo;. Zum Punkt Internationale Waldpolitik hei&szlig;t es: &bdquo;Mit knapp vier Milliarden Hektar (sic!) bedecken &hellip;die W&auml;lder noch 30 Prozent der Erdoberfl&auml;che. &hellip;Und doch ist es bis heute nicht gelungen, ihre fortschreitende Zerst&ouml;rung und Degradierung aufzuhalten&ldquo;.<\/p>\n<p>Fehlerbehaftete Webseiten der Regierung zum Thema Wald oder Beleg einer eigentlich nicht-existenten staatlichen Waldpolitik &ndash; das ist hier die Frage! <\/p>\n<p><strong>Dazu nur eine weitere Anmerkung:<\/strong> Nach neuesten Erhebungen sind nach laufenden Verlusten nur noch 29,7% der deutschen Landesfl&auml;che von Wald bedeckt. Walderhalt und nachhaltige Nutzung des Waldes seien wichtig, so liest man zwar allenthalten &#8211; doch gro&szlig;angelegte Waldmehrung ist das Thema nicht! <\/p>\n<p>So gibt es denn nicht einmal eine Ausrichtung am europ&auml;ischen Durchschnitt des Waldbestandes, der (in der EU 15) immerhin bei rund 37% liegt. Da man f&uuml;r eine prospektive Politik immer auch anspruchsvolle Vorgaben braucht, w&auml;re f&uuml;r Deutschland zumindest das Erreichen des europ&auml;ischen Durchschnitts eine empfehlenswerte Zielgr&ouml;&szlig;e. Doch dar&uuml;ber hat es selbst nach der provokanten ETH-Studie bisher keine breit angelegte Diskussion gegeben.<\/p>\n<p>Immerhin, etwas gibt es doch: Es gibt eine spektakul&auml;re nationale Resonanz und eine Reihe regionaler Absichtserkl&auml;rungen. Im Juli 2019 sind im absolut waldarmen &Auml;thiopien bei gro&szlig;er Teilnahme der Bev&ouml;lkerung an einem einzigen Tag 353 Millionen B&auml;ume gepflanzt worden, was weltweite Aufmerksamkeit erregt hat. Das relativ waldarme Schleswig-Holstein, das derzeit den Vorsitz im Bundesrat inne hat, will zur n&auml;chsten Deutschlandfeier 40.000 B&auml;ume pflanzen (auf Vorlage einer Spende der Fa. Fielmann von 10.000 B&auml;umen) und hat die Bev&ouml;lkerung zu entsprechenden Spenden aufgerufen (f&uuml;nf Euro f&uuml;r einen Setzling). Der bayerische Ministerpr&auml;sident hat k&uuml;rzlich einen &bdquo;Wald-Pakt&ldquo; mit den Waldbesitzern des Landes geschlossen und die Pflanzung von 30 Millionen B&auml;umen in den n&auml;chsten f&uuml;nf Jahren versprochen. Einen angesichts der anhaltenden Klimastreiks der Jugendlichen (<em>Fridays for Future<\/em>) erwarteten flammenden Aufruf unserer Umweltministerin an alle Bundesb&uuml;rger (83 Millionen !) zur Pflanzung eines Baums zur Rettung des Klimas habe ich bisher nicht vernommen. Zwar wird immer wieder &uuml;ber den globalen Entwaldungsprozess, &uuml;ber Urwaldzerst&ouml;rung und illegalen Holzeinschlag geklagt, doch die Chance, den Wald bei uns und weltweit als wichtigen Klimastabilisator zu begreifen, wurde immer wieder verpasst. <\/p>\n<p>Wenn vorhandene Chancen allzu lange nicht genutzt werden, kann aber neuer politischer Druck entstehen. So hat der Bund Deutscher Forstleute (BDF) im Juni 2019 mit deutlichen Worten einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs &uuml;ber den Wald eingefordert und daf&uuml;r einen perspektivischen Begriff verwendet: den &bdquo;<em>Carlowitz-Plan<\/em>&ldquo;. <\/p>\n<p>Auch in der<em> Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie <\/em>(2014) findet sich ein Text, der neugierig macht: &bdquo;Waldwirtschaft als Modell f&uuml;r nachhaltige Entwicklung: ein neuer Schwerpunkt f&uuml;r die nationale Nachhaltigkeitsstrategie&ldquo;. In gewisser Ann&auml;herung an obige Definition der &bdquo;Waldoption&ldquo; wurden zwei politische Postulate vorgebracht &ndash; und als &Uuml;berschriften auch angemessen formuliert: <\/p>\n<p> <strong><em>1. Wald- und Holzwirtschaft dienen der Klimavorsorge<\/em><\/strong><\/p>\n<ol> <\/ol>\n<p>In den W&auml;ldern Deutschlands sind nach Auswertung der j&uuml;ngsten Kohlenstoffinventur (2017) durch das Th&uuml;nen-Institut f&uuml;r Wald&ouml;kosysteme rund 1,23 Milliarden Tonnen Kohlenstoff in der lebenden Biomasse gespeichert; hinzu kommen rund 34 Millionen Tonnen Kohlenstoff im Totholz. Die deutschen W&auml;lder haben die Atmosph&auml;re zuletzt j&auml;hrlich um mehr als 62 Millionen Tonnen CO<sub>2<\/sub> entlastet. Das ist in etwa die Gr&ouml;&szlig;enordnung dessen, was die deutsche Industrie an Treibhausgasen emittiert (2017: 64 Millionen Tonnen CO<sub>2<\/sub>-&Auml;quivalente). Bei nachhaltiger Bewirtschaftung kann Holz dem Wald-Speicher klimaneutral entnommen und zu Produkten verarbeitet werden. Durch Wieder- und Weiterverwendung von Holzprodukten l&auml;sst sich die Nutzungsdauer und damit die Dauer der CO<sub>2<\/sub>-Fixierung erheblich verl&auml;ngern. Eine strategische Gr&ouml;&szlig;e ist hierbei die sog. Holzquote, der Anteil von Holz an der Gesamtsubstanz von Hausbauten. Diese Quote lag in Deutschland bei der letzten Erhebung allerdings gerade mal bei 14 %, in den Niederlanden dagegen bei 33 % &#8211; in den skandinavischen L&auml;ndern sogar bei mehr als 50 % ! <em><\/em><\/p>\n<p><strong><em>2.<\/em> <\/strong><strong><em>Die deutsche Waldwirtschaft muss mehr internationale<br \/> Verantwortung &uuml;bernehmen<\/em><\/strong><em> <\/em><\/p>\n<p>Der Rat f&uuml;r nachhaltige Entwicklung (RNE) hat die Meinung ge&auml;u&szlig;ert, dass Deutschland einen nicht unerheblichen Einfluss darauf haben k&ouml;nnte, wie W&auml;lder in anderen Teilen der Welt bewirtschaftet werden. Deutschland ist ein einflussreicher Verhandlungspartner in der Welthandelsorganisation, ein wichtiger Geldgeber in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit &#8211; und die deutsche Forstwissenschaft genie&szlig;t ein hohes Ansehen in der Welt. Diese M&ouml;glichkeiten sollten daher genutzt werden. Der RNE hat leider nicht gesagt, wie das am besten geschehen k&ouml;nnte. Die vorgeschlagenen Pilotprojekte &bdquo;Innovationsinitiative Holz&ldquo;, &bdquo;Nachhaltigkeitsbildung&ldquo; und &bdquo;Vermarktungsinitiative Holz&ldquo; sind sehr allgemein und nicht strategisch formuliert. <\/p>\n<p>Doch diese Geschichte lie&szlig;e sich auch ganz anders erz&auml;hlen: &bdquo;B&auml;ume sind unverzichtbare Partner im Kampf gegen den Klimawandel&ldquo;, so las ich vor kurzem im Arboretum Ellerhoop. Oder: &bdquo;Der Wald ist zum Opfer des Klimawandels geworden, er wird aber dringend ben&ouml;tigt, diesen Klimawandel einzud&auml;mmen, denn er ist eine h&ouml;chst bedeutende CO<sub>2<\/sub>-Senke&ldquo;. Vielleicht k&ouml;nnte so aus individueller Betroffenheit und gesellschaftlicher Aktionsbereitschaft &ndash; aus Empathie mit der Natur &ndash; eine neue Wald-Bewegung entstehen unter dem traditionsreichen Motto: &bdquo;Mein Freund, der Wald&ldquo; (Alexandra 1968). Oder wird dies vielleicht ein zus&auml;tzliches Aktionsfeld f&uuml;r &bdquo;Fridays for Future&ldquo;? <\/p>\n<p><strong>Schlussfolgerungen: <\/strong>Zum Klimaschutz gibt es nicht nur den technischen Weg, die De-Karbonisierung der Wirtschaft, insbesondere die <em>Energieoption<\/em>. Es gibt auch den nat&uuml;rlichen Weg, die Re-Naturierung der Gesellschaft, insbesondere die <em>Waldoption<\/em>.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Die ungleiche Beachtung, Bewertung und Anwendung der beiden zentralen Optionen in Theorie und Praxis der Klimapolitik haben unterschiedliche Gr&uuml;nde: solche informatorischer, konzeptioneller und macht- bzw. interessengeleiteter Art, aber auch solche wie Einfallslosigkeit, Fantasielosigkeit und Zukunftspessimismus. <\/p>\n<p>Die Informationsbasis verbessern, neue Konzepte entwickeln, Machtblockaden &uuml;berwinden, Interessen kommender Generationen (der Jugend) ernstnehmen, einfallsreicher und fantasievoller werden, animierende Zukunftsszenarien entwickeln &ndash; dies sind die allgemeinen Schlussfolgerungen f&uuml;r die erforderliche Doppelstrategie der Klimapolitik. <\/p>\n<p>Die besonderen Schlussfolgerungen sind institutioneller Art. Es bedarf durchgreifender institutioneller Innovationen: auf der nationalen Ebene die Installation einer eigenst&auml;ndigen, starken Waldpolitik; auf der internationalen Ebene die explizite Einbindung der Doppelstrategie der Klimapolitik in die Umsetzung des Paris-Abkommens, die Fortentwicklung des UN-Forums f&uuml;r W&auml;lder zu einer v&ouml;lkerrechtlich verbindlichen Wald-Konvention, die dem Schutz und der nachhaltigen Bewirtschaftung der vorhandenen W&auml;lder, der Mehrung und dem Umbau der W&auml;lder sowie dem fairen Vorteilsausgleich aus der Nutzung der W&auml;lder gewidmet sein sollte.<\/p>\n<div class=\"article-images\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"349\" src=\"https:\/\/www.sonnenseite.com\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Waldsterben_Hans.jpg\" class=\"alignleft\" alt=\"pixabay.com | Hans\" srcset=\"https:\/\/www.sonnenseite.com\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Waldsterben_Hans.jpg 770w, https:\/\/www.sonnenseite.com\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Waldsterben_Hans-300x164.jpg 300w, https:\/\/www.sonnenseite.com\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Waldsterben_Hans-768x419.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"349\" src=\"https:\/\/www.sonnenseite.com\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/udo_simonis770_privat.jpg\" class=\"alignleft\" alt=\"privat | Dr. Dr. h.c. 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Simonis 2019<\/a>&nbsp;ist Professor Emeritus f&uuml;r Umweltpolitik am&nbsp;<a class=\"contentLink\" href=\"http:\/\/www.wzb.eu\/de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wissenschaftszentrum Berlin (WZB)<\/a><\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-flex-start shariff-widget-align-flex-start\"><div class=\"ShariffHeadline\">Diese Meldung teilen<\/div><ul class=\"shariff-buttons theme-round orientation-horizontal buttonsize-medium\"><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8;border-radius:1%\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fwww.sonnenseite.com%2Fde%2Fwissenschaft%2Fde-karbonisierung-plus-re-naturierung%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\";border-radius:1%; background-color:#3b5998; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" 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