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10.12.2019

„Ökologischer Strukturwandel“ oder „Green New Deal“ (1/2)

Diverse Wege nachhaltiger Entwicklung | Eine retrospektive und zugleich prospektive Betrachtung von Professor Udo E. Simonis.

Wenn Begriffe und Konzepte wie „wirtschaftlicher“ und „gesell-schaftlicher Strukturwandel“, „Weltwirtschaftspolitik“ und „New Deal“ etabliert werden konnten, sollte es auch möglich sein, äquivalente ökologische Begriffe und Konzepte zu begründen. Schon wären wir beim Thema „Ökologischer Strukturwan-del“ und beim „Green New Deal“, den die neue EU-Kommission und ihre Präsidentin zur speziellen Aufgabe machen wollen. Doch wie steht es um die Interpretation dieser Begriffe und die Möglichkeiten der umfassenden ökologischen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft? 

Zur Genese des Begriffs Ökologischer Strukturwandel

Die Geschichte des Begriffs „Ökologischer Strukturwandel“ ist noch nicht geschrieben. Er steht aber, das ist gewiss, für den Grundkonflikt zwischen Ökonomie und Ökologie, für die Umweltkrise des industriewirtschaftlichen Entwicklungsmodells, wie aber auch für die Suche nach Nachhaltigkeit und Lebensqualität. Wissenschaftshistorisch kamen mehrere Umstände zusammen, die seine Begründung möglich und unumgänglich machten:

  • Soziologen hatten den Begriff des gesellschaftlichen Wandels in funktionaler und struktureller Weise interpretiert, die Gesellschaft als ein Subsystem neben anderen (miss)verstanden, nicht aber als Subsystem des globalen ökologischen Systems. Die Natur, das war was für Naturwissenschaftler.
  • Ökonomen hatten zwar die Strukturfrage erkannt und in ihre Makro-Modelle eingebaut; wirtschaftlicher Strukturwandel reduzierte sich dabei jedoch auf die Veränderung der Anteile von drei (oder vier) Sektoren am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Diesem „sektoralen Strukturwandel“ wurde viel Aufmerksamkeit gewidmet. Die Wirtschaftswissenschaft – der Mainstream, um genauer zu sein - blieb aber weiterhin blind gegenüber der Ökologie; solange, bis es zu gravierenden Grenzüberschreitungen kam, im materiellen wie im methodischen Sinne des Wortes.
  • Politologen hatten neben dem konstatierten „Marktversagen“ in der Wirtschaft den Verdacht des „strukturellen Politikver-sagens“ formuliert. Selbst wenn Korrekturnotwendigkeiten erkannt sind und mit konkreten Politikkonzepten gebannt werden sollen, ist der Erfolg keineswegs garantiert – die Implementation kann scheitern.

In dieser Gemengelage der allgemeinen methodischen Verunsicherung und nicht mehr bestreitbarer Schäden an der Natur bedurfte es nur noch einer Initialzündung zur Erweiterung der wissenschaftlichen Perspektive. Doch es war nicht einer, es waren mehrere Zündfunken, die erfolgen mussten. Im Nachhinein betrachtet sehe ich deren vier: (1) eine Wiedergeburt, (2) eine finale Vermutung, (3) eine fundamentale Hypothese und (4) einen methodischen Durchbruch, die sich jeweils mit den Namen einzelner WissenschaftlerInnen verbinden.

Eine Wiedergeburt

Ernst Haeckel hatte (1866) die Ökologie als biologische Fachdisziplin begründet – als Lehre vom Haushalt der Natur. Unter natürlichen Bedingungen entwickelt sich durch die Beziehungen der Organismen untereinander ein funktionelles Wirkungsgefüge in der Lebensgemeinschaft und mit ihrem Lebensraum – dem Ökosystem. In reifen Ökosystemen findet man Populationen von Arten, die ihr Populationswachstum an das spezielle Ressourcenangebot anpassen. Dadurch entsteht ein ökologisches Gleichgewicht, das sich auch an andere externe Faktoren und Störungen anpasst.

Die Begriffserweiterung und Anwendung der Haeckel’schen Ökologie seit den 1970er Jahren hat sich als äußerst fruchtbar erwiesen, zumal Mensch und Natur heute in viel höherem Maße als früher aufeinander einwirken (Zeitalter des Anthropozän), aber auch, weil ökologische Prinzipien des Naturhaushalts auf Kulturlandschaften, Wirtschaftsräume und die Gesellschaft übertragen werden können.

Eine finale Vermutung

Rachel Carson, Biologin und Schriftstellerin, hatte (1962) eine erstaunliche Beobachtung über die ökologischen Effekte von Insektiziden, chlorierten Kohlenwasserstoffen und organischen Phosphorverbindungen gemacht und zu einem finalen Begriff verdichtet: Ausrottung höherer Lebewesen – der Stumme Frühling. Dieses Buch hat weltweit Laien wie Wissenschaftler sensibilisiert. Es war nicht unterhaltend aber erweckend und wirkte so nützlich und sozial belehrend.

Eine fundamentale Hypothese

In den Sozialwissenschaften wurde es zu Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre spannend – besonders mit den Arbeiten von Kenneth E. Boulding, Herman E. Daly und Nicholas Georgescu-Roegen. Boulding hatte (1966) ein starkes Bild geprägt: „Spaceship Earth“ – das Modell einer Ökonomie, die auf knappen Ressourcen, begrenzten Assimilationskapazitäten und fragilen Trägersystemen beruht; so kamen Ressourcenschonung, Umweltschutz und Resilienz des Ökosystems in den Blick. Daly schrieb (1973) ein Buch über steady-state economics, in dem er von der prä-analytischen Vision ausging, dass die Wirtschaft in ihren physischen Dimensionen ein offenes Subsystem eines endlichen, nicht wachsenden und materiell geschlossenen Gesamtsystems ist – des Ökosystems Erde. Es dauerte alletrdings zweieinhalb Jahrzehnte (1999), bis sein Buch auch ins Deutsche übersetzt wurde. Georgescu-Roegen erging es noch schlechter. Sein fundamentales Werk The Entropy Law and the Economic Process (1971) ist von den Ökonomen bis heute nicht hinreichend gewürdigt und auch nie ins Deutsche übersetzt worden. Die Meinungen darüber gehen auseinander: Die einen sagen, wachstumsfixierte Ökonomen müssten den 2. Hauptsatz der Thermodynamik (Entropiegesetz) strikt negieren, weil sonst ihr Theoriegebäude ins Wanken geriete; andere sagen, Thermodynamiker verstünden zu wenig von den Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie.

Aus kommunikativen Gründen, aber wohl auch aus Gründen der individuellen Profilierung, sind später viele andere Metaphern in die Diskussion eingebracht worden, die ähnliche Botschaften in Richtung ökologisch orientierter Ökonomie senden, wie „Ko-Evolution“, „Öko-Design“, „Öko-Effizienz“ oder „Null-Emission“.

Ein methodischer Durchbruch

Der Club of Rome hatte kurz nach seiner Gründung (1968) eine Forschergruppe am Massachusetts Institute of Technology (MIT) damit beauftragt, mit Hilfe der von Jay W. Forrester entwickelten „Systems Dynamics“ (1971) Antworten auf die Frage des globalen Zusammenhangs von Bevölkerungswachstum, Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung zu finden. Auf der Grundlage eines hoch-komplexen Computerprogramms (Weltmodell World 3) legten Donella und Dennis Meadows und Mitarbeiter (1972) dem Club ihre Studie The Limits to Growth vor, die rasch zu einem Welt-Bestseller wurde und leidenschaftliche Diskussionen in Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft auslöste.

Anders als vielfach unterstellt, enthält dieses Buch keine Prognose und beschreibt auch keine vorherbestimmte Zukunft. Es präsentiert vielmehr zwölf (!) Zukunftsszenarien im Sinne unterschiedlicher Optionen für die Menschheit. In Szenario 1 („Standardlauf“) und Szenario 12 („Aktive Politik“) sind die beiden extremen Entwicklungstrends der Modellparameter beschrieben. Das Buch schließt mit drei summarischen Folgerungen:

  • a)    Wenn die Zunahme von Weltbevölkerung, Industrialisierung, Umweltverschmutzung und Ausbeutung natürlicher Ressourcen anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe des 21. Jahrhunderts erreicht und überschritten.
  • b)    Es ist möglich, diese Trends zu ändern und einen ökologisch-ökonomischen Gleichgewichtszustand herbeizuführen.
  • c)    Je eher sich die Menschheit entschließt, diesen Zustand anzustreben und je rascher sie damit beginnt, umso größer die Chancen, ihn auch zu erreichen. 

Während die erste Meadows-Studie (1972) die Grenzen des Wachstums primär in der Ressourcenfunktion der Natur sieht, stellt die zweite Studie (1992) die Senkenfunktion der Natur in den Fokus, mit den Grenzüberschreitungen, die dabei erfolgen – was sich im englischen Titel des Buches (Beyond the Limits), nicht jedoch im deutschen Titel (Die neuen Grenzen des Wachstums) ankündigt. Die dritte Studie (2004, in Deutsch: 2006) pointiert die Diskussion auf die Grenzüberschreitungen mit dem Begriff Overshoot.

Empirische Forschung zum ökologischen Strukturwandel

Irreversible Schäden, Überschreiten von Grenzen, ökosystemare Instabilitäten – so kann man die Anlässe der empirischen Forschung zum ökologischen Strukturwandel von Wirtschaft und Gesellschaft charakterisieren. Es geht dabei um positive und normative Forschung, um Analysen von Trends und von Möglichkeiten der Trendumkehr. Diese Forschung ist umfangreich, hat vielfältige Facetten und unterschiedliche Ausprägungen erfahren (vgl. Mol & Sonnenfeld 2000; Siebenhüner 2001; Simonis 1980/1994). Bilder und Metaphern spielen dabei eine wichtige Rolle (vgl. Isenmann 2003). Systematisch sind die zahlreichen umweltpolitischen Instrumente katalogisiert worden, die der Förderung des ökologischen Strukturwandels dienen können: in verbietende, vorschreibende und animierende Instrumente, in informative, strukturelle und prozedurale Instrumente – differenziert nach Akteursrelationen, Zielobjekten und operationalen Ebenen (Huppes & Simonis 2009).

Ökologischer Strukturwandel der Volkswirtschaft

Der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum, Strukturwandel der Wirtschaft und Belastung bzw. Entlastung der Umwelt lässt sich theoretisch relativ leicht postulieren; der empirische Nachweis dieses Zusammenhangs ist dagegen schwierig (vgl. Jänicke et al. 1993). Zwei spezielle Fragen standen bei den betreffenden Forschungen im Blickpunkt:

  • a) Welche Schadstoffemissionen sind mit dem Wachstum und dem Strukturwandel der Wirtschaft verbunden?
  • b) Welche Energie- und Materialverbräuche (Stoffströme) führen zur Belastung oder Entlastung der natürlichen Umwelt?

Beide Fragen, Emissions- wie Stoffstrom-Muster, sind auf Basis starker Hypothesen untersucht worden, der „Environmental Kuznets-Curve“ (EKC) und der „Intensity-of-Use“ (IOU) – analoge Hypothesen, die beide eine inverse U-Form der Beziehung zwischen Ökonomie und Ökologie unterstellen. Das heißt: Die Umweltschäden nehmen im Zeitverlauf mit steigendem Einkommen zu, dann aber aufgrund sozioökonomischer Veränderungen wieder ab. Die daraus ableitbare politische Lösung hieße: „Durch mehr Wachstum zum Umweltschutz!“

So einfach sind die Dinge aber nicht, die empirische Evidenz ist vielmehr gemischt. Was die EKC-Hypothese betrifft, sind zwar für einige wichtige Emissionsarten entsprechende Kurvenverläufe festgestellt worden, keineswegs aber für alle. In Bezug auf einzelne Verschmutzungsaktivitäten hat es eine Entkopplung vom Wachstum des BIP gegeben (z.B. bei der Schwefeldioxidbelastung), bei anderen aber nicht. Vergleichende Länderstudien kamen dementsprechend zur Unterscheidung in „Vorreiter“, „Nachzügler“ und „Sitzenbleiber“ (vgl. Andresen & Agrawala 2002).

Was das Dreisektoren-Modell der Wirtschaft angeht, lassen die empirischen Forschungen einige allgemeine Schlussfolgerungen zu:

  • a)    Der Trend zur „Dienstleistungsgesellschaft“ ist zum Teil nur Zeichen der Auslagerung produktionsbezogener Dienstleistungen und stellt keine absolute Verringerung des Einsatzes natürlicher Ressourcen, keine absolute Reduktion der Schadstoffemissionen dar.
  • b)    Die Unterschiede in den Emissionskoeffizienten - niedrige im Dienstleistungssektor, hohe im Industriesektor - verringern sich, wenn auch die durch die Vorleistungen verursachten Schadstoffemissionen mit in die Betrachtung einbezogen werden.
  • c)    Der Dienstleistungssektor expandiert weiter, jedoch bei zunehmender Nutzung von Fläche und mit zusätzlichem Verkehr.
  • d)    Der Rückgang des Landwirtschaftsanteils am BIP geht mit einer Intensivierung der Anbautechnik und erhöhter chemisch-physi-kalischer Bodenbelastungen einher.

Zwischenfazit: Der autonome wirtschaftliche Strukturwandel ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Umweltentlastung. Aus ökologischen Gründen muss nicht nur eine relative, sondern eine absolute Reduzierung des Ressourcenverbrauchs und der Schadstoffemissionen bewirkt werden. Wie realitätsnah ist eine solche fundamentale Forderung?

Zur Dimension des Themas absolute Reduzierung von Ressourcenverbrauch und Schadstoffemissionen zunächst einige Zahlen (mit Fokus auf Deutschland):

  • a)    Der Materialverbrauch pro Kopf und Jahr liegt in Deutschland (bei weiterhin steigender Tendenz) bei rund 60 Tonnen; die energiebedingten CO2-Emissionen liegen (bei leicht sinkender Tendenz) etwas unter 10 Tonnen. Die Deutschen (aber nicht nur sie) tragen einen schweren „Ökologischen Rucksack“, der aus Gründen des Umweltschutzes und der internationalen Gerechtigkeit leichter werden muss.
  • b)    Die laufende Flächenumwandlung in Deutschland ist weiterhin sehr hoch (bei nur leicht sinkender Tendenz). Die Nationale Nachhaltigkeitsstrategie will sie von derzeit 87 auf 30 Hektar pro Tag reduzieren. Der „Ökologische Fußabdruck“ soll kleiner werden.
  • c)    Die Autobauer haben keinen genuinen Beitrag zur Umweltentlastung geleistet – und der Autos gibt es immer mehr und sie werden größer (SUV). Der Flottenverbrauch ist nicht wesentlich gesunken, sodass die EU-Kommission laufend weiter zu reduzierende Emissionswerte verordnet hat.
  • d)    Es gibt auch keine Entwarnung bei den globalen Trends. In einer frühen Studie über die globale „De-Materialisierung“ (Torras 2003) wurden die Wachstumsraten der Wirtschaft korreliert mit der sektoral differenzierten Materialintensität der Produktion (niedrig, mittel, hoch) und dem sich änderndem Anteil der drei Sektoren (Landwirtschaft, Industrie, Dienstleistungen). Ergebnis: Zwischen 1960 und 1998 ist das Weltprodukt (GDP) von 8,8 auf rund 31 Trillionen US-Dollar gestiegen. Dabei hat der Anteil der Dienstleistungen von 50,3 auf 61,8 % zugenommen; der der Landwirtschaft ist von 10,2 auf 4,5 %, der der Industrie von 39,7 auf 33,7 % zurückgegangen (relative „De-Industrialisierung“). Unter Status-quo-Bedingungen würden sich das Weltprodukt bis 2050 um das 6,1-Fache, der Produktionswert der Landwirtschaft um das 1,9-Fache, der der Dienstleistungen um das 7,3-Fache und jener der Industrie um das 4,4-Fache erhöhen. Je nach Annahme über die Materialintensität der Sektoren (Industrie gleich, größer oder viel größer als die der anderen Sektoren) müsste die Ressourcenproduktivität (Output pro eingesetzter Materialeinheit) jährlich um 3,2 bis 3,6 % zunehmen, damit der globale Materialdurchsatz gleich bleiben könnte (schwache bzw. relative De-Materialisierung) – und entsprechend mehr, wenn eine starke bzw. absolute De-Materialisierung erfolgen soll.

Was sagen uns die vielen umfangreichen Studien, die zum globalen Wandel erstellt worden sind - wie Worldwatch Institute 1990 ff.; EEA 2003 ff.; WBGU 1993 ff.; Enquete-Kommission 1994; UNEP 1997 ff.? Kurzgefasst dies: Wenn die Weltwirtschaft weiter wie gewohnt wächst und wachsen soll (?), die Stoff- und Energieströme aber aus Gründen der ökosystemaren Stabilität nicht weiter wachsen dürfen, sondern absolut sinken müssen, dann sind enorme Anstrengungen in Bezug auf die Ressourcenproduktivität erforderlich. Sollte dies als unwahrscheinlich eingeschätzt werden, dann lautet die Schlussfolgerung: De-Materialisierung und De-Karbonisierung als ökologische Perspektiven - als absolute und nicht nur relative Umweltentlastung – sind nur hinreichend, wenn man vom Ziel hoher Wachstumsraten der Weltwirtschaft abrückt und neben der Produktivitätsstrategie (Effizienz) anderen Strategien Raum gibt, wie grundlegenden Änderungen im Lebensstil (Suffizienz) und im industriellen Design (Konsistenz). Dies sind Transformationsansätze, die in einigen sektoralen Forschungsfeldern analysiert worden sind.

Ökologisierung einzelner Sektoren

Ökologische Produktion

So hieß ein frühes Projekt, das die diesbezüglichen strategischen Alternativen ausloten sollte (Zimmermann, Hartje & Ryll 1990). Die sich ergebende zentrale Handlungsanweisung lautet: Übergang von der nach-geschalteten Umweltschutztechnik zur integrierten Umwelttechnik – von der end-of-pipe-technology zur clean technology! Vorsorgende Techniken sind nachsorgenden Techniken in ökologischer Hinsicht überlegen, weil sie die Ursachen der Umweltprobleme angehen, nicht die entstandenen Umweltschäden. Schadensvermeidung statt Schadensbehandlung heißt dabei das Credo.

Es gibt in dieser Hinsicht manche Erfolge, aber auch Patt-Situationen, weil solche Techniken zumeist einen höheren Investitionsaufwand erfordern. Die ursprüngliche Forschungsfrage wurde später auch erweitert (vgl. Wallace 1995; Jänicke 2010): Wie kann welche Art von Umweltpolitik technische Innovationen beschleunigen? Hierdurch wurden „Umweltmanagement“, „Öko-Audit“, „Öko-Controlling“ zu praktischen Verfahren in der Betriebswirtschaft.

Ökologischer Konsum

Das Konsumniveau der Industrieländer ist global nicht generalisierbar. Doch der Trend zu nicht-nachhaltigem Konsumverhalten ist ungebrochen, trotz vieler Anstrengungen zur Kennzeichnung umweltfreundlicher Produkte - wie „Grüner Punkt“ und „Blauer Engel“. Andererseits wurde erkannt, dass die Konsumenten aus ganz unterschiedlichen Gruppen bestehen, die sich in ihrem Verhalten stark unterscheiden.

In einer Studie über Konsumstile im Auftrag des Umweltbundesamtes (2001) wurde schon früh eine entsprechende Typologie entwickelt, die zehn Konsumtypen umfasst und diese zu vier Zielgruppen bündelt:

  • (1) Umweltorientierte, denen die „Durchorganisierten Öko-Familien“ und die „Alltags-Kreativen“ zugerechnet werden.
  • (2) Überforderte, denen die „Konsum-Genervten“, die „Jungen Desinteressierten“ und die „Schlecht-Gestellten“ angehören.
  • (3) Traditionelle, mit den „Ländlich-Traditionellen“, den „Aktiven Senioren“ und den „Unauffälligen Familien“.
  • (4) Privilegierte, mit den „Kinderlosen Berufsorientierten“ und den „Statusorientierten Privilegierten“.

Die Schlussfolgerungen hieraus lauten: Konsumtypologie und Zielgruppenkonzepte müssen zu Kern-Elementen der Umweltkommunikation werden; die Vermarktung ökologischer Produkte und die Produktentwicklung sollten sich besser auf die Bedürfnisse und Präferenzen der verschiedenen Zielgruppen einstellen.

Ökologische Stadtentwicklung

Die Stadtökologie befasst sich mit den Umweltwirkungen der Urbanisierung, den städtischen Lebensstilen, den Ver- und Entsorgungssystemen. Eine zentrale Arbeitshypothese lautet: Die gewachsenen Siedlungsstrukturen stellen wichtige Ursachen der Umweltproblematik dar und sind vielfach nicht zukunftsfähig. Es gilt sie anzupassen: „Ökologischer Stadtumbau“ ist angesagt (Hahn 1993).

Als Handlungswissenschaft entwickelt die Stadtökologie Leitbilder, Modelle, Verfahren und Instrumente, wie der Umbau der etablierten Strukturen eingeleitet bzw. vorangebracht werden kann. Dieser Umbau betrifft vor allem das städtische Flächen- und Mobilitätsmanagement, die energetische Effizienz der Bausubstanz, die Effektivität der Ver- und Entsorgungssysteme, die Wiederentdeckung der Kultur des Wassers (Ipsen 1998) – und damit auch das soziale Miteinander in der Stadt.

Ökologischer Landbau

BSE – diese drei Buchstaben hatten in Deutschland innerhalb weniger Tage bewirkt, was der Ernährungsaufklärung in 50 Jahren nicht gelungen war: Die Verbraucher aßen weniger Fleisch! Doch dieser Bewusstseinswandel währte nicht lange. „Klasse statt Masse“ (Renate Künast) mutierte zu „Klasse und Masse“; Effizienz- und Weltmarktorientierung der Landwirtschaft gewannen wieder die Oberhand (Ratschow 2003). Der ökologische Landbau steht eher am Rande, jedenfalls nicht im Zentrum des politischen Diskurses - und von „Agrarkultur“ sind wir inzwischen weit entfernt.

Der Anteil des Ökoanbaus an der landwirtschaftlichen Produktion hat regional sehr unterschiedlich zugenommen, in Brandenburg mehr als in Niedersachsen oder Schleswig-Holstein. Den weiterhin unbefriedigenden Stand der Ökologisierung der Landwirtschaft verdanken wir allerdings nicht nur kommerziellen Verwertungsinteressen und der flächenorientierten EU-Agrarpolitik, sondern auch widersprüchlichen Positionen in der Agrarwissenschaft.

Internationaler Handel und Umwelt

Der Begriff Umwelt (environment) tauchte im Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) von 1947 noch nicht auf; nur einige Bestimmungen, wie Art. III und XX erlaubten handelsbeschränkende Maßnahmen zum Schutz des Lebens und der Gesundheit von Menschen, Tieren und Pflanzen sowie zum Erhalt erschöpfbarer natürlicher Ressourcen. In der Präambel der dann 1994 gegründeten Welthandelsorganisation (WTO) wurde hingegen festgehalten, dass die Nutzung der Weltressourcen im Einklang mit dem Ziel der nachhaltigen Entwicklung (sustainable development) geschehen solle.

Der Schutz der Umwelt ist so auch für den internationalen Handel zum Thema geworden, was angesichts der zunehmenden Globalisierung der Wirtschaft von großer Bedeutung ist. Doch welche inhaltlichen Konsequenzen sich hieraus ergeben, war lange Zeit unklar. Der ökologische Reformbedarf des GATT/WTO-Regimes musste erst neu definiert werden (Helm 2000). Wir wissen jetzt, was in Bezug auf die Ökologisierung des internationalen Handels geschehen müsste, wie internationale Handels- und internationale Umweltpolitik integriert werden könnten. Ob und wie diese Erkenntnise die Globalisierungskritik befruchten und die Gestaltung des internationalen Handels verändern werden, ist aber auch nach heftigen Auseinandersetzungen um die G 8- bzw. G 20-Treffen (in Seattle, Genua, Porto Alegre, Heiligendamm u.a.m.) weiterhin offen und höchst strittig.

Industrielle Ökologie bzw. Industrieller Metabolismus

„Natur als Ressource“, „Natur als Senke“ – diese beiden Metaphern dominieren die Empirie der Forschung zum Ökologischen Strukturwandel. Lassen sich Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum, Schadstoffbelastung und Einkommenszunahme entkoppeln, relativ oder gar absolut? Das ist die eine strategische Frage. Lassen sich die Absorptionskapazitäten der Natur bewahren, die Senken erweitern? Das ist die zweite zentrale Frage. Die dritte Metapher „Natur als Modell“ hat dann zu vielfältigen Initiativen geführt, hat die Kunst (Nils-Udo 2002), die Naturphilosophie (Meyer-Abich 1997), die Biologie beflügelt (Hannon 1997). Und sie ist auch in den Sozialwissenschaften angekommen.

„Von der Intervention in die Natur und vom Schutz der Natur hin zur Orientierung an der Natur“! So kann man umschreiben, was unter der Rubrik „Industrielle Ökologie“ gedacht und erforscht wird. Vor rund 15 Jahren entstand hierzu ein Diskurs, ausgehend von einem losen Konzept hin zu einer professionellen Gesellschaft mit einer Zeitschrift (Journal of Industrial Ecology), einem Handbuch (Ayres & Ayres 2002) und anderen Ingredienzien, die eine neue Disziplin begründen.

Dabei hat die direkte, wie auch die nur imaginative Analogie zwischen natürlichen Ökosystemen und industriellen Systemen zur Ableitung neuer theoretischer Konzepte und praktischer Handlungsanweisungen geführt: „Material Flow Analysis“, „Product Chain“, „Life Cycle Assessment“, „Cradle to Cradle“ oder „Ecological Footprint Analysis“ wurden entwickelt und getestet. Der Natur mag, wie kritisch eingewandt werden kann, der „moralische Kompass“ fehlen, den man zur Schaffung einer nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft braucht, doch verdeutlichen diese Ansätze, dass vom Menschen geschaffene industrielle Systeme natürlichen Vorbildern sehr wohl nachempfunden, und damit auch ökologisch umstrukturiert werden können.

Das Konzept „Industrieller Metabolismus“ lädt ebenfalls zu vielfältigen Assoziationen ein (Ayres & Simonis 1994). Der Stoffwechsel der Industriegesellschaft ist überhöht - in Analogie ausgedrückt: Sie leidet unter einer Reihe von Stoffwechselkrankheiten, an unvollständigem Abbau bestimmter Stoffe und fehlender Synthetisierung anderer Stoffe, was zu gravierenden Ausfallerscheinungen führt – zu Gicht, Fettsucht und Diabetes mellitus: In den Sprung-, Hand- und Kniegelenken der Industriegesellschaft ist es zu Schmerz verursachenden Ablagerungen gekommen, eine abnorme Ansammlung von Körperfett mit entsprechend vermehrter Körpermasse hat sich eingestellt, und wegen unzureichender Insulinproduktion liegt eine Störung des Kohlehydrat-, des Fett- und Eiweißstoffwechsels vor, wodurch Schäden an Leber, Nieren, Nerven und Blutgefäßen entstanden sind…

Wir sind noch auf der Suche nach der adäquaten industriegesellschaftlichen Behandlung dieser bisher nur medizinisch definierten Krankheitsbilder. Die Antwort liegt wohl irgendwo im Grundverständnis der Wirtschaft in Analogie zum biologischen Stoffwechsel (vgl. Quesnay 1758/1965).

Bei der Industriellen Ökologie bzw. beim Industriellen Metabolismus geht es also nicht nur um die Verbesserung der Wirkungsgrade der Technologie- und Produktlinien, sondern auch darum, die ökologische Qualität der industriegesellschaftlichen Stoffströme so zu verändern und zu reduzieren (!), dass sie sich dem Naturstoffwechsel besser einfügen. Diesen Aspekt der qualitativen Transformation der Stoffströme hat man mit dem Begriff „Konsistenz“ zu fassen versucht (Huber 1995) – und so bewusst den Diskurskontext mit „Effizienz“ und „Suffizienz“ hergestellt.

Effizienz, Suffizienz und Konsistenz, diese drei Strategieelemente des ökologischen Strukturwandels von Wirtschaft und Gesellschaft bedingen einander. Worauf der Schwerpunkt jeweils liegen wird und wie die Integration dieser Strategieelemente gelingen kann, ist zeitlich und räumlich weitgehend offen. Eine solche Ambivalenz zeigt sich auch bei der Diskussion um das zweite zentrale Transformationskonzept, das entstanden ist und nun zu behandeln ansteht.

Teil 2 finden Sie hier

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Quelle   Udo E. Simonis 2019 ist Professor Emeritus für Umweltpolitik am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB)   

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