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24.08.2019

Bringt uns Angst zum Handeln?

Warum wir so viel über die Klimakrise wissen und dennoch so wenig tun – Erklärungsversuche aus der Forschung. Von Simone Regina Adams

Warum wir so viel über die Klimakrise wissen und dennoch so wenig tun – Erklärungsversuche dazu finden sich in einem Artikel von Armin Lehmann (tagesspiegel, 24.01.2019), der das Problem sehr anschaulich und anhand von Forschungsergebnissen erläutert:

„Unser Gehirn wie unsere Sinnesorgane sind von der Evolution nicht zum Erkennen der Welt, sondern zum Überleben entwickelt worden“, heißt es darin. Das heißt: Wir lassen uns zunächst einmal – wenn wir unser eigenes Verhalten nicht erkennen und reflektieren – von unseren Urängsten leiten. Und in einer Zeit, in der die Bedrohung zu groß und eigentlich unvorstellbar wird, „funktionieren wir quasi verkehrt herum: Wir ignorieren, dass uns eine unaushaltbare Situation erwarten könnte.
Wir tun dies aus einem Schutzimpuls heraus. Und aus Angst.

Dies entspricht, so eine der Aussagen der Forscher, unserer genetischen Grundausstattung: „Wir können nur auf das reagieren, was wir gut kennen oder gelernt haben, und was uns unmittelbar betrifft und vor allem sinnlich erfahrbar ist. Alles andere wird zunächst verdrängt. Wie der Klimawandel. Zu abstrakt, zu komplex, zu weit weg, zu wenig nachfühlbar.

… Angst kann lähmen

Studien wie die der Umweltpsychologin Isabella Uhl-Hädicke an der Universität Salzburg zeigen: „Je existenzieller die Bedrohung, desto geringer ist die Bereitschaft, das Verhalten zu ändern.“

Das führe dazu, dass Menschen, die sich von Fragen zum Klimawandel bedroht fühlen, sich besonders abschottend verhalten. Sie haben große Angst vor Kontrollverlust. Dies ist, laut Armin Lehmann in seinem Artikel, die größte Barriere für konstruktives Verhalten: „Stattdessen reagieren sie mit typischen Verteidigungsstrategien: Aufwertung der eigenen Ethnie, Nationalismus, Abwertung fremder Gruppen, Schuldzuweisungen, Forderung nach massiver Bestrafung vermeintlich Schuldiger. Das kennen wir auch aus der Debatte über Geflüchtete. Der weltweite Spin zurück in die Nationalismen, die Auflösung von multinationalen Kooperationen sind auch ein Ausdruck unserer psychischen Instabilität. Das ist gefährlich genug.“

Von der Strategie des Wachrüttelns durch Bedrohungsszenarien, so Isabella Uhl-Hädicke, sei daher dringend abzuraten.

Was die Klimakommunikation betrifft, gibt es jedoch Hinweise auf Effekte in verschiedene Richtungen. Der Klimaforscher Michael Mann warnte in der Washington Post„Angst motiviert nicht“. Angst könne auch dazu führen, dass Menschen an der alarmierenden Botschaft zweifeln, und so den Klimaschutz lähmen. 

In einem Experiment australischer Forscher (Hornsey und Fielding) zeigte sich jedoch, dass Probanden weniger zum Klimaschutz motiviert waren, nachdem sie einen positiven Bericht darüber gelesen hatten, dass 2014 die globalen Emissionen erstmals nicht weiter angestiegen sind. Hier führte die entlastende Information also eher zu Passivität. 

… oder motivieren

Aus der Medizin kennen wir allerdings Beispiele dafür, das Angst motiviert – so dass wir uns impfen lassen oder das Rauchen aufgeben. Hier sind die Warnungen verbunden mit konkreten Maßnahmen, die den Einzelnen nahegelegt werden, um sich zu schützen. Warnungen dieser Art haben, so die Forschung, einen gewissen positiven Effekt auf die Motivation, der in zahlreichen Studien belegt werden konnte.

Auch in der Klimakommunikation kann es solche Effekte geben. Riffreporter Alexander Mäder schreibt: „Die Apokalypse auszumalen, kann Menschen motivieren“, und er zitiert Beispiele aus der jüngeren deutschen Geschichte, als die Angst vor dem Waldsterben und vor einem Atomkrieg die Menschen auf die Straße brachte. 

Allerdings deuten manche Menschen den Erfolg von damals mittlerweile um. Das Waldsterben, heißt es mitunter, habe man damals auch „dramatisiert“, es sei dann letztlich alles „halb so wild gewesen“ – was jedoch daran lag, dass die Regierung Kohl ein umfassendes Programm umgesetzt hatte: Kohlekraftwerke wurden entschwefelt, Katalysatoren wurden zur Pflicht, hunderte Millionen D-Mark wurden in die Forschung zum Waldsterben investiert. So verringerte sich  der Ausstoß von Schwefeldioxid in fünf Jahren, von 1983 und 1988 um 70 Prozent. 

In Erinnerung ist vielen jedoch offenbar nur geblieben, dass „die Prophezeiungen damals ja alle nicht eingetroffen sind.“ Statt dass das damalige Engagement uns Hoffnung macht, wird es also von manchen genutzt, um den gegenwärtigen Stand der Klimaforschung in Frage zu stellen. 

Und : Im Fall des Waldsterbens und des drohenden Atomkrieges richteten sich die Handlungsappelle an die Politik. Jetzt, in der Klimakrise sind wir alle gefragt. Um den Temperaturanstieg auf weniger als zwei Grad zu begrenzen, wie es der Weltklimavertrag von Paris vorsieht, ist eine beispiellose Umstellung auch unseres eigenen Lebensstils und der Wirtschaftsweise nötig. 

Was also ist die richtige Strategie, um Menschen zum Handeln zu bewegen?

Eine „neue Erzählung“

Umweltaktivist George Marshall, der das Climate Outreach and Information Network mitbegründet hat, befasst sich in seinem Buch „Don’t even think about it. Why Our Brains Are Wired To Ignore Climate Change“ laut eigener Aussage mit der „Psychologie des Klimawandels, den Erzählungen, der Kommunikation und der Verrücktheit unserer kollektiven Reaktion.“ Er fordert eine „positive Kommunikation“, eine „neue Erzählung“. 

Als Experten des Klimawandels galten bislang ausschließlich die Wissenschaftler, dementsprechend haben wir lange geglaubt, dass nur von dort – durch neue Technologien – Lösungen kommen können. Nun zeigt sich, dass wir das Wissen verschiedenster Fachrichtungen brauchen.

Wir brauchen das Wissen der Psychologie, der Linguistik und der Kommunikationswissenschaft, ebenso wie einen Journalismus, der neu und anders zu Klimafragen berichtet. So wie im Projekt KlimaSocial von Riffreporter.de: KlimaSocial, so die Autoren, steht für einen Perspektivwechsel und richtet den Blick weder auf Physik noch Technik, sondern auf soziale Prozesse.

Alexander Mäder kommt in seinem Artikel zu dem Schluss:
„Alle Beteiligten in der Klimakommunikation haben viel Arbeit vor sich:
Sie müssen zeigen, wie viel teurer das Festhalten an der Wachstumslogik des Kapitalismus wäre. Sie müssen zeigen, dass zwischen zwei und drei Grad geophysikalische Prozesse wie das Abschmelzen der Eispanzer Grönlands und der Antarktis angestoßen werden können, die nicht mehr aufzuhalten wären. Und sie müssen zeigen, dass die Deutschen das Leiden in anderen Teilen der globalisierten Welt nicht ausblenden dürfen. Vielleicht käme dann auch zur Sprache, welche Verantwortung die Deutschen für dieses Leiden tragen? Es wäre nur recht und billig.“

Und Armin Lehmann fasst zusammen:
Wir könnten also lernen! Lernen, das in unserer Psyche und in den Genen unsere Verhaltensweisen tief verankert sind; dass wir sie aber durch neue Reize, neue Erzählungen, neue Kodierungen verändern können. Das ist vielleicht die beste Botschaft, die Marshall und andere Wissenschaftler für uns haben.

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