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26.10.2019

Die Änderung des Lebensstils reicht nicht aus

"Heutzutage wird sehr viel über die Notwendigkeit gesprochen, einen kohlenstoffärmeren Lebensstil zu entwickeln. Oftmals gehen die Ratschläge mit Schuldzuweisungen oder Appellen an die Tugend einher," Klimawissenschaftler Michael E. Mann.

Der renommierte Klimawissenschaftler Michael E. Mann, Professor für Atmosphärenwissenschaft und Direktor des Earth System Science Center an der Penn State University, Autor des Buches „The Madhouse Effect: How Climate Change Denial Is Threatening Our Planet, Destroying Our Politics, and Driving Us Crazy“ (auf Deutsch hier erschienen) veröffentlichte am 12. September im US-amerikanischen Nachrichtenmagazin „TIME“ den Artikel: „Lifestyle Changes Aren’t Enough to Save the Planet. Here’s What Could“, den wir hier frei für Sie übersetzt haben.

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"Ein jeder von uns steht jeden Tag vor Entscheidungen, die Auswirkungen auf das Klima mit sich bringen: Schalten wir das Licht am Morgen ein oder reicht das Tageslicht aus um die passenden Socken zu finden? Genießen wir Speck und Eier zum Frühstück oder reicht eine Schale Haferflocken? Denn es wird heutzutage sehr viel über die Notwendigkeit gesprochen, einen kohlenstoffärmeren Lebensstil zu entwickeln. Oftmals gehen die Ratschläge mit Schuldzuweisungen oder Appellen an die Tugend einher.

Aber von wem wird der Klimawandel wirklich verursacht. Ist es der Fleischesser, der nicht fliegt oder der Veganer, der reist um seine Familie im Ausland zu sehen? Wer ohne „Kohlenstoffsünde“ ist, möge den ersten Klumpen Kohle werfen! Würde von allen Klimaaktivisten erwartet werden, dass sie stromautark leben, nur das essen, was sie selbst anbauen und nur die Kleidung tragen, die sie selbst gestrickt haben, gäbe es wohl keine große Klimabewegung. Denn dieses Ausmaß an Opferbereitschaft ist für die meisten inakzeptabel.

So müssen wir Autos nicht verbieten, sondern vielmehr elektrifizieren. Dazu benötigen wir Strom aus sauberer Energie. Auch müssen wir fleischhaltiges Fast Food nicht verbieten, wir benötigen stattdessen beispielsweise klimafreundliches Rindfleisch. Um diese Veränderungen voranzutreiben, müssen wir den Preis für CO2 erhöhen und Schadstoffverursacher dazu bewegen, in diese Technologien zu investieren. Auch sollte berücksichtigt werden, dass der Flugverkehr mit 2% nur einen geringen Anteil an den globalen Emissionen hat. Trotzdem muss ich weit mehr als 2% meiner Zeit bei Twitter aufwenden um darüber zu diskutieren ob denn nun Klimawissenschaftler fliegen sollten oder besser vielleicht nicht. Um Wissenschaft zu betreiben, müssen aber nun mal große Entfernungen zurückgelegt werden und wir haben nicht immer die Zeit oder die Möglichkeit, langsamere, CO2-ärmere Optionen zu wählen.

Wir als Wissenschaftler haben schließlich eine Aufgabe zu bewältigen. Und selbst wenn ein einzelner oder sogar Hunderte von Wissenschaftlern sich entscheiden, nie wieder zu fliegen, würde sich das System nicht ändern. Deshalb ist der Erwerb von CO2-Ausgleichszertifikaten durchaus ein probates Mittel, um den CO2-Ausstoß der eigenen Flugreise zu verringern. Die wahre Lösung, die Einführung einer adäquaten CO2-Abgabe, erfordert jedoch einen Politikwechsel.

Es gibt eine lange Tradition industriell finanzierter Kampagnen, die darauf abzielen, die Aufmerksamkeit von den großen Verursachern abzulenken und den Einzelnen zu belasten. Das soll nicht heißen, dass individuelles Handeln nicht wichtig ist, wir sollten uns alle dafür einsetzen. Aber es ist politisch gefährlich, Menschen zu zwingen auf Fleisch zu verzichten, das Reisen zu verbieten oder andere grundlegende Aspekte des Lebensstils, für den sich jemand entschieden hat, zu sehr zu reglementieren: Damit spielt man direkt in die Hände von Klimaschutzverweigerern, deren Strategie eher darin besteht, die Klimaschützer als freiheitshassende Totalitaristen darzustellen.

Das größere Problem ist, dass wir den „Gorilla im Raum“ aus den Augen zu verlieren, wenn wir uns zu sehr auf individuelle Entscheidungen rund um den Flugverkehr und den Rindfleischkonsum konzentrieren. Denn es ist die Abhängigkeit der Zivilisation von fossilen Brennstoffen für Energie und Verkehr als solches, die etwa zwei Drittel der globalen CO2-Emissionen ausmacht. Wir brauchen systemische Veränderungen, die den CO2-Fußabdruck aller verringern, egal ob sie sich darum kümmern oder nicht. Die gute Nachricht ist, dass wir die Möglichkeit haben, umweltfreundliche (und nicht lebensstilbrechende) Optionen zu verwirklichen: die Preisgestaltung für CO2-Emissionen und die Schaffung von Anreizen für Erneuerbare Energien und einen geringeren Verbrauch. Indem man den CO2-Preis festlegt, können Menschen tatsächlich Geld verdienen, indem sie die Emissionen reduzieren und ihre Dienstleistungen an Unternehmen verkaufen, die noch auf der Suche nach Möglichkeiten zur Kostensenkung sind. Unterschätzen Sie niemals den Einfallsreichtum, wenn es um das Geldverdienen geht! Jedoch muss der Preis für CO2 so gestaltet werden, dass benachteiligte Bevölkerungsgruppen, welche am stärksten von Klimaauswirkungen bedroht sind, nicht auch noch wirtschaftlich beeinträchtigt werden.

Deshalb brauchen wir einen echten politischen Wandel auf allen Ebenen, von der kommunalen Führungsebene bis hin zur Bundesgesetzgebung. Wir brauchen Veränderungen nicht nur am Frühstückstisch, sondern auch an der Wahlurne."

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Quelle   Der Bericht wurde von der Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie e.V. (Mattias Hüttmann) 2019 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung von Matthias Hüttmann weiterverbreitet werden! | SONNENENERGIE 03/2019 | Das Inhaltsverzeichnis zum Download!

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