Ad

Anzeige

Zurück zur Übersicht

20.01.2020

Gletscher im Projektgebiet Pitztal-Ötztal könnten schon in 30 Jahren Geschichte sein

Neuer Uni-Bericht: Nur etwa ein Drittel des heutigen Gletschervolumens ist bis 2050 noch zu retten - WWF fordert Schutz für Naturerbe statt Verbauung für Massentourismus.

Kurz vor der anstehenden UVP-Verhandlung belasten neue Auswertungen der Universität Innsbruck die umstrittene Gletscherverbauung Pitztal-Ötztal massiv. Denn selbst bei der optimistischsten Klima-Prognose dürften etwa zwei Drittel des Gletschereises im Projektgebiet bis 2050 verschwinden. Im umgekehrten Extremfall könnten die Gletscher um den Linken Fernerkogel in den nächsten 30 Jahren sogar zur Gänze verschwinden. Konkret geht die Auswertung der Uni Innsbruck davon aus, dass die betroffenen Gletscher "bis zum Jahr 2050 82 ± 18 Prozent beziehungsweise bis zum Jahr 2100 95 ± 5 Prozent ihres Volumens verlieren werden". Für den WWF Österreich belegen diese dramatischen Daten die Kurzsichtigkeit des geplanten Skiprojekts.

"Hier soll Großinfrastruktur mit einer Nutzungsdauer von 50 Jahren und mehr in eine Naturlandschaft gebaut werden, die sich schon in den nächsten 30 Jahren vollkommen verändern wird. Weil sich die Gletscher immer weiter zurückziehen, müsste das Gelände für einen Skibetrieb mit immer neuen baulichen Eingriffen und zusätzlicher Infrastruktur umgebaut werden. Mit der Genehmigung von Pitztal-Ötztal würde somit ein unberührter Naturraum zerstört und durch eine teure Dauerbaustelle ersetzt werden", warnt Josef Schrank, Landschaftsökologe beim WWF. Die Umweltschutzorganisation fordert den Stopp des Megaprojektes Pitztal-Ötztal und stattdessen die Eingliederung des Linken Fernerkogels in das bestehende Ruhegebiet Ötztaler Alpen. "Der Ausverkauf der letzten intakten Alpenlandschaften für den schnellen Profit muss ein Ende haben", bekräftigt Schrank.

"So schmerzlich der Verlust dieser jahrtausendealten Gletscherlandschaften durch die Klimakrise ist, so wichtig ist der Schutz einer natürlichen Entwicklung dieser ursprünglichen Gebiete", erklärt Josef Schrank. "Der Rückgang der Gletscher gibt Gelände frei, das seit der letzten Eiszeit vor rund 10.000 Jahren vollkommen unbeeinflusst geblieben ist. Das ist die letzte echte Wildnis, die wir in Zentraleuropa haben, ein elementarer Bestandteil unseres Naturerbes, den wir nicht wie Bauschutt behandeln dürfen. Denn die heutigen Gletschergebiete werden in Zukunft zu wichtigen Rückzugsräumen für kälteangepasste Tier- und Pflanzenarten, die aufgrund des Temperaturanstiegs in höhere Regionen ausweichen müssen." 

Auch im Hinblick auf Niederschlags- und Schneeentwicklung im Hochgebirge zeichnet der Uni-Bericht ein deutliches Bild. Demnach würden seltenere Schneefälle und häufigere Schmelzbedingungen künftig auch in Höhen über 2.500 Metern dazu führen, dass die mittlere saisonale Schneedecke im Herbst, Winter und Frühjahr abnimmt und im Sommer auch in diesen Höhen gänzlich verschwindet. Eine Skisaison wie in heutigen Gletscherskigebieten wird in Zukunft auch im Hochgebirge immer teurer erkauft werden müssen. Angesichts dieser alarmierenden Erkenntnisse fordert der WWF Österreich endlich mutige Klimaschutzmaßnahmen, ein Umdenken in der Tourismusbranche und einen effektiven rechtlichen Schutz für die letzten unerschlossenen Landschaftsräume. 

Hintergrund: Die Stellungnahme des Forschungsschwerpunkts "Alpiner Raum" der Universität Innsbruck erfolgte auf eine Anfrage der Umweltorganisation WWF an das Climate Change Center Austria (CCCA) in Bezug auf das Projekt "Schigebietserweiterung und -zusammenschluss Pitztal-Ötztal". Selbst in über 3.000 Metern ist im Laufe des Jahrhunderts ganzjährig von einem Rückgang der Schneefälle von bis zu 80 Prozent im Sommer auszugehen. Die Mitteltemperatur in den europäischen Alpen oberhalb von 2.500 Metern dürfte im Zeitraum 2031 bis 2050 um etwa 0,5 bis 1,5 Grad (Szenario mit deutlichen Anstrengungen im Klimaschutz) beziehungsweise um 1,5 bis 2,5 Grad ("Weiter-wie-bisher"-Szenario) steigen im Vergleich zu 1986 bis 2005. Im Zeitraum 2080 bis 2099 dürfte die Mitteltemperatur je nach Treibhausgas-Emissionsszenario um 0,8 bis 2 Grad beziehungsweise sogar um 4 bis 8 Grad steigen. Zahlen der Universität Innsbruck zeigen darüber hinaus, dass Gletschervorfelder eine atemberaubende Biodiversität mit weit über 100 Gefäßpflanzen beherbergen. Auf dem Gletschervorfeld des Rotmoosferners im hinteren Ötztal konnten etwa über 600 Arten an Gefäßpflanzen, Moosen, Flechten, Algen, Pilzen und mikrobiellen Organismen festgestellt werden.

Zurück zur Übersicht

Quelle   oekonews.at | 2020

Das könnte sie auch interessieren