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Hoffnung für Ägypten

Nachhaltigkeit und sozialkulturelle Modellarbeit am Nil

Ibrahim Abouleish, Gründer der ägyptischen SEKEM-Initiative, wurde 2003 mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt. Das Modell zieht seither weltweit wachsende Kreise. Nun stellt der Pionier sein Lebenswerk in stark erweiterter Buchform vor.

Auf Ägypten ruht ein besonderes Augenmerk, wenn es um das Schicksal der arabischen Welt geht. Das traditionsreiche Land am Nil hatte sich schon im 19. Jahrhundert auf den Weg in die Modernisierung gemacht, wurde aber auch früh zum Mutterland der islamischen Reaktion, seit Anfang der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts die „Muslimbrüder“ den Gang der Geschichte zurückdrehen wollten. An der Schnittstelle zwischen Afrika, Arabien und Europa sah sich Ägypten indessen immer wieder als Vorreiter, wenn es um technische und kulturelle Innovation ging. Mit der Annäherung an Israel und den Westen setzte es wichtige Akzente. Gegenwärtig sucht Ägypten nach dem Arabischen Frühling, der Absetzung Mubaraks, der Wahl des Muslimbruders Mursi zum Präsidenten und der anschließenden Machtübernahme durch General Sisi weiter seinen schwierigen, eigenen Weg.

Als eines der Hoffnungszeichen des nordafrikanischen Landes gilt seit längerem die SEKEM-Initiative, deren Gründer Dr. Ibrahim Abouleish 2003 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Abouleish hat mit einem wachsenden Team in vielen Jahren außerhalb von Kairo auf ehemaligem Wüstengrund eine einzigartige Oase geschaffen. Das Modell-Projekt aus Wirtschafts- und Ausbildungsbetrieben, landwirtschaftlicher Produktion, medizinischen Einrichtungen, Schulen, Therapieangeboten und Forschungsstätten sucht seinesgleichen. Weit über 2.000 Menschen arbeiten und lernen hier, seit kurzem gibt es sogar eine von SEKEM gegründete Universität.

Abouleish, der in Europa studierte und eigentlich dort leben wollte, hatte in Österreich den auf Rudolf Steiner zurückgehenden bio-dynamischen Landbau entdeckt und war mit einer landwirtschaftlich-ökonomischen und sozialkulturellen Vision Ende der 70er Jahre in seine Heimat zurückgekehrt. Dort gelang ihm gegen große Widerstände schließlich eine besondere Synthese aus europäischem Humanismus und arabischer Tradition. Insbesondere vertritt Abouleish eine Ethik, die eine moderne ökologische Ausrichtung mit der Wärme der islamischen Religiosität verbindet: „Alle Lebewesen sind Teil ökologischer Gemeinschaften, die durch ein Netz wechselseitiger Abhängigkeiten miteinander verbunden sind“, sagt Abouleish. „Wenn diese Wahrnehmungsweise zum Alltagsbewusstsein würde, dann entwickelte sich auch eine vollkommen neue Art der Spiritualität: Es würde bewusst werden, dass der Geist, der in der Welt waltet, und ich eins sind. Das Prinzip der Fürsorge ergibt sich ganz natürlich, wenn das Selbst erweitert und vertieft wird, so dass der Schutz der freien Natur als Schutz unseres tieferen Selbst empfunden und verstanden wird“, ist er überzeugt.

In den letzten Jahren hat SEKEM als ein geschätztes Modell für die nachhaltige Integration von Wirtschaft, Bildung und Kultur nicht nur in Ägypten, sondern auch auf internationaler Ebene Anerkennung gefunden. Die Stimme SEKEMS wird etwa auf dem weltbekannten Wirtschaftsforum in Davos und im „Weltzukunftsrat“ gehört. Hohe Erwartungen verbindet Abouleish auch mit seinem jüngsten Projekt, der Heliopolis Universität, in der junge Menschen im Sinne der SEKEM-Philosophie auf praktische Einsatzmöglichkeiten im Land vorbereitet werden.

„Mit der Gründung dieser Universität verbindet sich meine ganz persönliche Hoffnung auf Zukunft, auf die Entwicklung einer demokratiefähigen Gesellschaft in Ägypten“, schreibt Abouleish jetzt in der stark erweiterten Neuausgabe seiner Autobiographie mit dem Titel „Die Sekem-Symphonie“, die insbesondere die Geschehnisse in der jüngsten Gegenwart Ägyptens und SEKEMS berücksichtigt. Abouleish beschreibt hier unter anderem, wie die Wirtschaft des Landes während der Mursi-Präsidentschaft praktisch zum Erliegen kam und auch SEKEM schwer unter den Fundamentalisten zu leiden hatte. Er setzt nun große Hoffnungen auf die unter der neuen Regierung verabschiedete Verfassung, bei deren Beratung auch Abouleish beteiligt war, wie er erzählt: „Ich begrüße die neue Verfassung außerordentlich, denn sie enthält viele wesentliche moderne Elemente wie die Garantie der Menschenwürde. Auch der Aspekt der Nachhaltigkeit wurde berücksichtigt“, so der SEKEM-Gründer.

Auch zum Problem des Islamismus äußert sich Abouleish wiederholt in seinem Buch und kritisiert dabei unter anderem die Weigerung der Fundamentalisten, den Koran auf moderne, spirituell vertiefte Weise zu verstehen: „Insgesamt sehe ich meinen Beitrag in einer Reihe anderer Bemühungen im islamischen Kulturkreis, die mir heute den Eindruck vermitteln, dass der Islam vor einer grundlegenden Reform steht. Der islamischen Welt und damit auch Ägypten fehlt eigentlich etwas Vergleichbares, was einst Martin Luther für den christlichen Kulturkreis geleistet hat. Das ganze Schicksal der gegenwärtigen Welt scheint mir auf diese Aufgabe hinzudeuten.“

Ibrahim Abouleish „Die SEKEM-Symphonie“ – Nachhaltige Entwicklung für Ägypten in weltweiter Vernetzung
aktualisierte und stark erweiterte Neuauflage – Info3-Verlag, April 2015 (bisheriger Titel: Die Sekem-Vision)
 Hier direkt beim Verlag bestellen

Quelle

Dr. Jens Heisterkamp 2015 | Jens Heisterkamp hat diesen Beitrag am 20. April 2015 in Zeitgeschehen gepostet

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