Verbrenner-Aus und düstere Ölprognosen
Während die EU-Kommission und die Bundesregierung das fossile Zeitalter der Automobilindustrie unbedingt verlängern wollen, legt die Internationale Energieagentur (IEA) furchterregende Zukunftsszenarien vor: Die Ölförderung bricht in naher Zukunft ein. Ein Bericht von Jörn Schwarz
Die EU-Kommission hat am 16. Dezember 2025 vorgeschlagen, das Verbrenner-Aus ein klein wenig aufzuweichen. Alle Neuwagen eines Herstellers sollen ab 2035 im Jahresschnitt nicht 100 Prozent weniger CO₂ ausstoßen, sondern nur noch 90 Prozent, und die dadurch verfügbaren 10 Prozent sollen mit anderen CO₂-Emissionseinsparungen verrechnet werden. Diese Vorschläge gehen nun in die Verhandlungen ins EU-Parlament und in den -Rat, die einige Monate dauern und höchstwahrscheinlich angenommen werden.
Einer der Auslöser für diesen klimapolitischen Rückschritt war ein Schreiben von Bundeskanzler Friedrich Merz, der für eine „Flexibilisierung“ des Verbrenner-Aus‘ plädiert hatte. Als Argument dafür bemühte er den seit Jahren strapazierten Begriff der „Technologieoffenheit“, in diesem Fall u. a. im Hinblick auf Plug-in-Hybride und hocheffiziente Verbrenner. Doch diese Scheinlösungen sind de facto ineffizient und haben unverhältnismäßig hohe Kosten zur Folge, was politisch offensichtlich ausgeblendet wird. Stattdessen wird nur das kurzfristige Interesse der Automobilindustrie und das der nachgelagerten fossilen Wirtschaft gesehen.
Stillschweigend vorausgesetzt wird dabei eine kostengünstige und langfristige Verfügbarkeit von Rohöl, aus dem herkömmliche Kraftstoffe raffiniert werden. Der Glaube an den fossilen Supermarkt, der rund um die Uhr bis in alle Ewigkeit geöffnet hat, ist aktuell wie eh und je.
World Energy Outlook 2025
Im November 2025 hat die Internationale Energieagentur ihren jährlich erscheinenden „World Energy Outlook“ (WEO) veröffentlicht, in dem neueste globale Energiedaten, Technologie- und Markttrends sowie Projektionen bis 2050 dargestellt sind. Dieser Bericht zählt zu den wichtigsten und meist zitierten Veröffentlichungen in der Energiewirtschaft mit dem hohen Anspruch, die Lage auf den Energiemärkten und ihre zukünftige Entwicklung präzise zu analysieren.
In den Hauptkapiteln befasst er sich im Hinblick auf Öl und Erdgas mit zwei Szenarien des globalen „Bedarfs“ gemäß der aktuellen und der angekündigten Energie- und Klimaschutzpolitik der knapp 200 Nationen der Weltgemeinschaft. Dieser lag 2025 bei knapp 103 Millionen Barrel pro Tag (Mb/d) und soll bis 2050 je nach Szenario entweder um 11 Prozent steigen oder um 6 Prozent sinken (1 Barrel entspricht 159 Liter).
In einem Folgekapitel, aus dem Abbildung 1 entnommen ist, wird dargestellt, aus welchen Quellen das Öl bis 2050 stammen soll. Die vorgelegten Projektionen sind gleichermaßen spektakulär wie alarmierend:
- Ein dramatischer Förderrückgang aus den gegenwärtig existierenden Ölfeldern wird als „natürliche“ Entwicklung charakterisiert (und ist dementsprechend grün dargestellt). Bis 2050 geht er um 86 Prozent auf 14 Mb/dzurück. Das wäre ein Einbruch der Ölförderung bis zur Jahrhundertmitte, der fast schon als Zusammenbruchzu bezeichnen wäre.
- Um dem entgegenzuwirken, müssten erhebliche Investitionen in existierende und genehmigte Förderprojekte getätigt werden, die aber nach Darstellung der IEA nicht verhindern können, dass die Ölförderung bis2050 mindestens um 50 Prozent zurückgeht, sich also glatt halbiert.
- Um trotz dieser Einbrüche die künftige Ölversorgung sicherzustellen, müssten extrem viele neue Ölfelder gefunden und erschlossen werden, die bis dato noch gar nicht bekannt sind. Die IEA-Grafik zeigt, dass damitnoch im Jahr 2025, also sofort, begonnen werden muss. Der künftige Ölbedarf der Weltgemeinschaft wird inzwei Szenarien dargestellt, die beide weit entfernt sind vom „natürlichen“ Förderrückgang. Im Klartext: Es offenbart sich eine riesige Lücke zwischen möglicher Förderung und Bedarf, sofern keine Wunder geschehenund plötzlich im großen Stil neue Ölfelder entdeckt und schnell ausgebeutet werden.Weil, wie Abbildung 2 zeigt, die Neufunde an Ölvorkommen in den vergangenen Jahrzehnten aber immer weiter zurückgingen, sind Wunder allerdings nicht zu erwarten.
Das alles ist aber nicht wirklich neu. Bereits in früheren WEOs hatte die IEA vor einem Rückgang der Ölförderung aus existierenden Feldern ab 2025 gewarnt. Im WEO 2020 wurde er bis 2040 auf ca. 18 Mb/d und im WEO 2024 für 2050 auf ca. 15 Mb/d beziffert. Leider sind diese Projektionen zwar veröffentlicht, aber in der Öffentlichkeit nicht diskutiert worden.
Billionen-Investitionen
Die IEA beziffert den Investitionsbedarf 2025 für die Entwicklung neuer Ölfelder auf 567 Milliarden USDollar und für die zehn Folgejahre bis 2035, je nach Bedarf, mit durchschnittlich 606 Milliarden bzw. 672 Milliarden US-Dollar für jedes Jahr. Eine Sicherheit allerdings, dass genügend Öl gefunden und auch gefördert werden kann, gibt es nicht ansatzweise. Wenn die Investitionen in existierende und genehmigte Projekte getätigt werden, besteht bereits 2035 eine Deckungslücke von 23 – 33 Prozent und 2050 sogar von 90 – 124 Prozent. Über die erforderlichen Investitionen für den Folgezeitraum bis 2050 werden keine Angaben gemacht.
Fazit
So zeigt denn der World Energy Outlook 2025, dass die zukünftige Ölversorgung aus existierenden Feldern dramatisch schnell zurückgeht und dass dringend neue Ölfelder gefunden werden müssen, um auch nur den Status Quo aufrechtzuerhalten. Die bis 2035 erforderlichen Investitionen dafür sind mit insgesamt 6,6 bis 7,3 Billionen US-Dollar gigantisch und werden, wenn das Öl tatsächlich gefunden wird, unweigerlich Preisanpassungen nach sich ziehen. Wenn nicht, wird es einen globalen Mangel an dem derzeit weltweit immer noch wichtigsten Energieträger geben, was ebenfalls Preisexplosionen auslösen dürfte.
Vor diesem Hintergrund erscheint nicht nur die Flexibilisierung des Verbrenner-Aus’ als Irrweg. Ein schneller fossiler Abschied ist, wenn man den World Energy Outlook ernst nimmt, unausweichlich. Dass solch‘ kritische Zukunftsentwürfe von einer Organisation kommen, die eher für Heile-Welt-Szenarien bekannt ist, erhöht ihre Glaubwürdigkeit und Dringlichkeit.
Quelle
Jörn Schwarz 2026 | 17.12.2025










