Die Energiewende schafft Jobs – falls sie konsequent weitergeht
Bis 2035 könnten laut einer Analyse 270.000 zusätzliche Beschäftigte eingestellt werden. Die geplanten Energiegesetze des Bundes drohen den Boom aber stark zu bremsen.
Die Energiewende ist ein Jobmotor, und sie könnte noch weiter aufdrehen. Zuletzt hat der Umbau des Energiesystems in Deutschland so viele Menschen in Arbeit gebracht wie nie zuvor. Rund 436.300 Beschäftigte arbeiteten 2025 im Bereich der erneuerbaren Energien.
Bis 2035 könnten daraus gut 706.000 werden. Das wäre ein Plus von 270.000 – allerdings vorausgesetzt, Wind- und Solaranlagen werden entsprechend den geltenden Zielen ausgebaut und Wärmepumpen im angenommenen Umfang installiert.
Eine neue Analyse warnt jedoch: Unter den Bedingungen, die sich aus den aktuellen Gesetzesvorhaben der Bundesregierung zur Energiewende ergeben könnten, wären es nur rund 519.500 Beschäftigte. Die Differenz beträgt also über 186.000.
Die Zahlen stammen aus einer Szenarioanalyse der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) aus Osnabrück im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung.
Veröffentlicht wurde sie in einer Phase, in der die Koalition den Rechtsrahmen für Stromerzeugung, Netze und Heizungen neu ordnet. Über zentrale Stromgesetze soll der Bundestag nach den bisherigen Plänen bis Mitte Oktober entscheiden.
Für Unternehmen, die die entsprechenden Anlagen herstellen, planen, installieren oder warten, geht es dabei um die Frage, mit wie vielen Aufträgen sie in den kommenden Jahren rechnen können.
Investitionslücken vor allem bei Wärmepumpen und Windkraft
Neben der Beschäftigung bei Herstellern und Installationsbetrieben umfasst die GWS-Analyse auch Arbeitsplätze bei Zulieferern. Deutlich wird damit, welche Dimension für die Jobs ein langsamerer Ausbau haben könnte.
Zum Vergleich: In der produktionsnahen Automobilwirtschaft arbeiteten 2025 nach einer Schätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft knapp 1,2 Millionen Menschen. Für die enger abgegrenzte Automobilindustrie veranschlagte der Branchenverband VDA im Mai 2026 seit 2019 einen Rückgang um rund 100.000 Beschäftigte, bis 2035 könnten nach seiner Abschätzung weitere 125.000 Stellen wegfallen.
Am stärksten könnte im Erneuerbaren-Sektor die Beschäftigung rund um Wärmepumpen steigen. Von rund 72.000 Menschen im Jahr 2025 würde ihre Zahl bis 2035 auf 233.00 steigen. Davon profitierten neben den Herstellern vor allem das Handwerk und seine Zulieferer. Wind- und Solarprojekte schaffen ebenfalls Arbeit weit über die Anlagenproduktion hinaus, etwa bei Planung, Bau und Wartung.
Voraussetzung dafür sind Investitionen. Um den angenommenen Ausbau zu erreichen, müssten sie nach der GWS-Berechnung von jährlich fast 38 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf 79 Milliarden Euro 2035 steigen. Im Szenario eines durch die künftigen gesetzlichen Regeln gebremsten Ausbaus wären es 2035 dagegen 52 Milliarden Euro – rund 27 Milliarden weniger.
Die größte Lücke veranschlagen die GWS-Fachleute bei Wärmepumpen sowie bei Windenergie an Land und auf See. Der überwiegende Teil des Geldes käme in beiden Szenarien von privaten Investoren.
In vier Jahren sollen 80 Prozent des Stroms erneuerbar sein
Im Mittelpunkt der aktuellen Stromdebatte stehen die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und das sogenannte Netzpaket. Beim EEG geht es unter anderem darum, wie neue Anlagen künftig gefördert werden. Nach den Plänen der Bundesregierung soll für kleine neue Solaranlagen die bisherige, auf 20 Jahre ab Betriebsstart laufende Förderung entfallen und nach drei Jahren auf eine Selbstvermarktung des Stroms umgestellt werden.
Beim Netzpaket wiederum geht es darum, den Neubau von Wind- und Solarparks stärker mit den verfügbaren Netzkapazitäten abzustimmen. Aus Sicht der Bundesregierung müssen die Kosten sinken und Anlagen dort entstehen, wo ihr Strom aufgenommen werden kann.
Für Projektentwickler wird entscheidend sein, wann sie einen Anschluss erhalten und ob sie bei einer zeitweiligen Abregelung mit einer Entschädigung rechnen können. Verbände der Erneuerbaren-Branche befürchten einen starken Einbruch beim Ausbau.
Hinzu kommt die Novelle des Windenergie-auf-See-Gesetzes, die den Rahmen für künftige Offshore-Projekte verändert. Im Gebäudebereich fasst das bereits verabschiedete Gebäudemodernisierungsgesetz die Regeln für den Heizungstausch neu – hier können künftig auch wieder neue Öl- und Gasheizungen eingebaut werden.
Die Vorhaben befinden sich in unterschiedlichen Stadien, ihre endgültige Gestalt steht noch nicht fest. Gerade deshalb untersuchte die GWS, was geschehen könnte, wenn geänderte Förderbedingungen und schwerer kalkulierbare Netzanschlüsse Investoren vorsichtiger machen. Eine Verzögerung bei Netzen oder beim Heizungstausch würde dann auch Hersteller und Handwerksbetriebe treffen.
Die bestehenden Ausbauziele zeigen, was auf dem Spiel steht. Schon 2030 sollen erneuerbare Energien mindestens 80 Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs decken. Dafür sieht der geltende Rahmen 215.000 Megawatt Solarleistung, 115.000 Megawatt Windkraft an Land und 30.000 Megawatt auf See vor.
Ende 2025 waren nach Angaben der Bundesnetzagentur rund 117.000 Megawatt Solar- und 68.000 Megawatt Windkraftleistung an Land installiert. Schon um die bisherigen Ziele zu erreichen, muss der Zuwachs also hoch bleiben.
Förderkürzungen vergangener Jahre ließen Erneuerbare einbrechen
Die Sektoren Strom und Heizung sind außerdem eng mit den Klimazielen verbunden. Deutschland will seine Treibhausgas-Emissionen bis 2030 um mindestens 65 Prozent und bis 2040 um mindestens 88 Prozent gegenüber 1990 senken, 2045 soll Klimaneutralität erreicht werden.
Erneuerbarer Strom soll dabei zunehmend auch Autos, Wärmepumpen und industrielle Prozesse versorgen. Werden weniger Wind- und Solaranlagen gebaut oder weniger Heizungen umgestellt, erschwert das die Emissionsminderung.
Wie empfindlich die Erneuerbaren-Branche auf politische und wirtschaftliche Brüche reagiert, zeigt ihre Geschichte. In der Solarenergie sank die Beschäftigung laut der GWS-Analyse von 156.700 Menschen im Jahr 2011 auf 39.900 im Jahr 2017, nachdem der Bund die Förderung radikal gekürzt hatte und die heimische Produktion einbrach. In der Windbranche gingen zwischen 2016 und 2018 rund 37.000 Stellen verloren.
Auch bei Wärmepumpen schwankte die Beschäftigung zuletzt stark: Auf einen Rückgang um 28 Prozent im Jahr 2024 folgte 2025 ein Anstieg um mehr als 40 Prozent.
Jana Fingerhut von der Bertelsmann-Stiftung betonte: „Wer industrielle Wertschöpfung in Deutschland sichern will, muss den Unternehmen eine verlässliche Perspektive auf dem heimischen Markt bieten.“ Eine stabile Nachfrage solle durch Ausschreibungen, die europäische Fertigung und widerstandsfähige Lieferketten stärken, ergänzt werden.
Die neuen gesetzlichen Regelungen sollten Investitionen erleichtern und Unternehmen Planungssicherheit geben, so die Arbeitsmarktexpertin. Dafür brauche es klare Übergangsfristen, kalkulierbare Netzanschluss- und verlässliche Förderbedingungen.
Quelle
Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Joachim Wille) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden!







