‹ Zurück zur Übersicht
pixabay.com | PublicDomainPictures | Arktis Eis

© pixabay.com | PublicDomainPictures | Meereis stabilisiert die großen Eisschilde, indem es das Abfließen und Kalben der Eismassen bremst. Ist es einmal verschwunden, erholt es sich selbst bei sinkenden Temperaturen nur über Jahrzehnte bis Jahrhunderte.

Der Mythos vom harmlosen Overshoot

Schon ein vorübergehendes Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze richtet beim Eis der Erde bleibende Schäden an, warnt ein neuer UN-Bericht vor dem Klimagipfel COP 31. Was einmal in Bewegung ist, lässt sich kaum zurückholen. Ein „Overshoot“ müsse deshalb so gering und so kurz wie möglich ausfallen.

Die Eisschilde Grönlands und der Antarktis sind so gewaltig, dass sie auf Veränderungen des Klimas erst mit großer Verzögerung reagieren. Das klingt beruhigend, ist es aber nicht: Was erst einmal in Bewegung geraten ist, lässt sich selbst mit konsequentem Klimaschutz nicht ohne Weiteres wieder aufhalten.

Würde die Erderwärmung sofort enden, schmelzen die Eismassen noch Jahrhunderte bis Jahrtausende weiter, wie es in einem neuen UN‑Bericht heißt. Mehrere Meter Meeresspiegelanstieg gelten deshalb schon heute langfristig als unvermeidbar.

Wie hoch und wie schnell das Wasser steigt, habe die Menschheit aber weiterhin in der Hand, betonen die Autor:innen. Davon hängt ab, ob sich Küstenregionen noch anpassen können.

Verfasst haben den Bericht 80 Wissenschaftler:innen im Auftrag des UN-Umweltprogramms Unep und der International Cryosphere Climate Initiative (ICCI), einer unabhängigen Forschungsorganisation.

Es halte sich „hartnäckig der Mythos“, ein Überschreiten des 1,5-Grad-Ziels bis auf zwei, drei oder mehr Grad sei beherrschbar, schreiben sie. Ein Blick auf die Kryosphäre – das gesamte feste Wasser der Erde von den Eisschilden über Gletscher und Schnee bis zum Permafrost – zeige, dass das nicht einmal für die nahe Zukunft stimme.

Das 1,5-Grad-Limit nicht wenigstens zweitweise zu überschreiten ist quasi unmöglich geworden. Das hat vor wenigen Wochen erstmals auch ein UN‑Bericht anerkannt. In der Klimawissenschaft heißt das „Overshoot“.

Der neue Bericht zur Kryosphöre erscheint wenige Tage vor Beginn der 31. Weltklimakonferenz (COP 31) im türkischen Antalya, die als „Umsetzungs-COP“ gelten soll. Seine Botschaft an die Delegierten: Jeder Bruchteil eines Grads zählt.

„Jeder zusätzliche Bruchteil eines Grads und jedes Jahr, in dem der Schwellenwert überschritten wird, bedeutet verheerendere Auswirkungen“, sagte James Kirkham, Chefwissenschaftler bei der ICCI.

Bei drei Grad würde fast der gesamte Permafrost auftauen

Wie diese Auswirkungen aussehen, zeigt der Bericht für einen Erwärmungshöhepunkt von knapp drei Grad, auf den die derzeitige Klimapolitik zusteuert. Fast der gesamte oberflächennahe Permafrostboden würde dann auftauen.

Das heizt die Erderwärmung weiter an und erhöht zugleich das Risiko für Katastrophen, denn der zuvor dauerhaft gefrorene Boden verliert seine Stabilität. Berghänge kommen ins Rutschen, Felswände brechen leichter ab. Dasselbe gilt für instabile Gletscher.

pixabay.com | derwiki | Arktis
© pixabay.com | derwiki | Arktis

Wie das aussehen kann, zeigte sich in diesem Jahr an der Grenze zwischen Nepal und China. Dort ging eine der größten und tödlichsten Eis- und Felslawinen nieder, die je dokumentiert wurden, mit Tausenden Toten.

Hinzu kämen womöglich abrupte Störungen der Meeresströmungen und eine weitreichende Versauerung der Ozeane, besonders an den Polen.

Schon jetzt schmelzen die polaren Eismassen sechsmal schneller als noch in den 1990er-Jahren. Das treibt den Meeresspiegel nach oben und bedroht laut Bericht Hunderte Millionen Menschen sowie Ökosysteme entlang der Küsten weltweit.

Zwei Milliarden Menschen sind vom Schmelzwasser abhängig

Auch die Gebirgsgletscher überstehen einen Overshoot nicht unbeschadet. Selbst ein vorübergehendes Überschreiten reicht aus, damit ihre Eis- und Schneereserven unwiderruflich schrumpfen.

Bei knapp drei Grad Erwärmung verschwänden die Gletscher in den Rocky Mountains, den Alpen, Island und Skandinavien fast vollständig. Nur zwei bis sieben Prozent ihrer heutigen Eismasse blieben erhalten. Gelänge es, die Erwärmung bei 1,5 Grad zu halten, wären es immerhin 20 bis 35 Prozent.

Im zentralen und östlichen Himalaya blieben bei knapp drei Grad noch 16 Prozent der Gletschermasse übrig, bei 1,5 Grad wären es 37 Prozent. Im westlichen Himalaya, im Karakorum und im Hindukusch lägen die Werte bei 41 beziehungsweise 83 Prozent.

Fast zwei Milliarden Menschen in Asien sind auf dieses Schmelzwasser angewiesen. 

Die Forschenden richten sich mit eindringlichen Worten an die Politik. Um extreme Folgen für die Kryosphäre und damit für einen Großteil der Menschheit zu vermeiden, müsse der Overshoot so gering und so kurz wie möglich ausfallen.

Zudem schreiben sie: „Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass eine wirklich ’sichere‘ langfristige Temperaturgrenze für die polaren Eisschilde viel näher bei einem Grad über vorindustriellem Niveau liegt und möglicherweise sogar noch darunter.“

Eine Rückkehr zu 1,5 Grad bis 2100 und zu 1,0 Grad bis 2150 bleibe möglich, heißt es im Bericht. Um die schlimmsten Folgen zu vermeiden, müsse der Overshoot zudem auf insgesamt höchstens 1,7 Grad begrenzt werden und dürfe maximal zwei Jahrzehnte dauern.

Laut den Berechnungen des Unep müssten die weltweiten Treibhausgasemissionen dazu bis 2030 um 18 Prozent und bis 2035 um 45 Prozent sinken, jeweils gegenüber dem Vergleichsjahr 2025. Danach seien große Mengen negativer Emissionen nötig, in die laut den Gletscherforscher:innen investiert werden sollte.

Der Blick geht nach Antalya

Die ICCI fasst seit 2021 jeweils kurz vor den COP-Verhandlungen die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Zustand der Kryosphäre zusammen. Ob sich die Staaten beim Klimagipfel in Antalya zu einer konkreten Begrenzung des Overshoots verpflichten, ist noch völlig offen.

In den bislang kursierenden Agenda-Entwürfen spielt das Thema keine Rolle – zumindest nicht als separater Tagesordnungspunkt.

Wichtiger wird ohnehin sein, ob die COP 31 ihrem Anspruch als Umsetzungskonferenz gerecht wird, etwa indem sie konkrete Fahrpläne für den Ausstieg aus den fossilen Energien erarbeitet.

Nach Ansicht von Bill Hare, Klimaforscher und Leiter des Politikinstituts Climate Analytics, muss der Bericht ein Weckruf sein. Er war an der UN-Studie nicht beteiligt. „Wir wissen, wie wir den Overshoot minimieren und die globale Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts wieder deutlich unter 1,5 Grad senken können: Die Reduzierung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe steht im Mittelpunkt der Lösung.“

Die zentrale Aufgabe der beiden COP‑31-Vorsitze, der Türkei und Australiens, sei es daher, den Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen maßgeblich zu beschleunigen.

Und er geht noch weiter: „Jeder Minister und jeder Manager aus der fossilen Brennstoffindustrie, dem es jemals gelungen ist, Klimaschutzmaßnahmen zu verwässern, kann sich diesen Bericht ansehen und erkennen, wie seine Handlungen der Welt, in der wir leben, grundlegenden Schaden zugefügt haben.“

Quelle

Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (David Zauner) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden! 

Diese Meldung teilen

‹ Zurück zur Übersicht

Das könnte Sie auch interessieren