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Die Sendung mit dem neuen Kohlekraftwerk

Der Chef der ZDF-Umweltredaktion greift anlässlich des neuen Weltklimaberichts in die energiepolitische Mottenkiste und fordert den Ersatz alter durch neue Kohlekraftwerke – im Ausland. Eine plausible Begründung dafür bleibt Volker Angres bisher schuldig.

Einer der schönsten Glaubenssätze im Klimaschutz ist der, dass neue Technik die Probleme der alten Technik löst. Alte Kohlekraftwerke killen das Klima? Kein Problem. Wir nehmen neue.

Der Glaube findet sich beispielsweise in einer Rede, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor 13 Jahren in Hamm, im Herzen des Ruhrgebiets, hielt. Der Anlass: Für zwei neue 800-Megawatt-Steinkohleblöcke wurden die Grundsteine gelegt.

Es dürfe nicht zu einer Verknappung von Strom kommen, begründete Merkel damals den Neubau, weil dann auch „Altanlagen länger am Netz bleiben müssten, als es im Sinne einer vernünftigen Klimapolitik zu verantworten wäre“. Deshalb sei eine Ablehnung neuer Kraftwerksbauten „umwelt- und klimapolitisch kontraproduktiv“.

Man solle sich vor Augen halten, so Merkel weiter, dass die neue Anlage in Hamm einen Wirkungsgrad von 46 Prozent haben werde, während der Wirkungsgrad der Kohlekraftwerke, die in China am Netz seien, im Schnitt bei 22 Prozent liege. Angesichts dessen könnte die deutsche Kohletechnik zu einem Exportschlager werden, so die Kanzlerin.

Spätestens in Zeiten, wo die Welt bis Mitte des Jahrhunderts besser bei null CO2-Emissionen landen sollte, kann der Export fossiler Technik schwerlich noch als Schlager gelten. Auch Deutschland hat sich vom Glauben verabschiedet, neue Kohlekraftwerke würden die Probleme der alten lösen, und steigt aus der Kohle aus, wenn auch ziemlich spät.

Volker Angres, seit 1990 Chef der ZDF-Umweltredaktion, ist der Glaube an moderne deutsche Kohlekraftwerke offenbar noch nicht abhandengekommen. Kaum war am Montag der neue Weltklimabericht in den Schlagzeilen, sinnierte der Redaktionsleiter in der 16-Uhr-heute-Sendung darüber, wie man mit einer Milliarde Euro den meisten Klimaschutz bekommt.

Das sei nicht zu schaffen, indem bei uns die Inlandsflüge eingestellt werden, betonte Angres, sondern man nehme besser ein modernes deutsches Kohlekraftwerk und baue es in Indien oder in Afrika.

Angres wörtlich: „In Südafrika könnte man locker drei bis vier alte Kraftwerke stilllegen, die deutschen sind so gut mit guten Wirkungsgraden, das würde Klimaschutz großskalig voranbringen, und genau das fordert der Weltklimarat.“ In den Abendnachrichten wiederholte er den Vorschlag.

Auf Nachfragen keine Antwort

In Deutschland erwies sich die Idee „Alt gegen Neu“ als totaler Flop. Erst ein Kohlebeendigungsgesetz und Milliarden-Entschädigungen sorgen dafür, dass sich die Branche von ihren lukrativen Altanlagen trennt.

Aber warum die Sache nicht noch einmal für Länder wie Indien oder Südafrika aufwärmen, die manch einer bekanntlich für die viel schlimmeren Verschmutzer hält? Damit zeigt so ein Chef der Umweltredaktion des ZDF doch auch, dass der öffentlich-rechtliche Funk keineswegs so linksgrün gepolt ist, wie seine Kritiker immer meinen.

Dennoch hätte man natürlich gern gewusst, auf welche Fakten Angres seine Ansicht stützt. Wie schnell könnte ein neues deutsches Kraftwerk im Ausland in Betrieb gehen? Wie kann das Empfängerland verpflichtet werden, alte Meiler dafür vom Netz zu nehmen? Und wäre es nicht besser, für die ins Spiel gebrachte Milliarde die Welt mit erneuerbaren statt fossilen Energien zu beglücken? Die haben bekanntlich einen wirklichen Effekt beim Klimaschutz.

Auf entsprechende Fragen von Klimareporter° wolle Volker Angres nicht antworten, teilte die ZDF-Presseabteilung gestern mit. Das lag wohl auch an dem veritablen Shitstorm, den seine Werbung für neue Kohlekraftwerke unter anderem bei Twitter losgetreten hat.

Dort wundert sich die Klimaschutzorganisation Parents for Future: „Bei ZDF heute schwadroniert ZDF-‚Umweltexperte‘ Volker Angres davon, ‚modernste Kohlekraftwerke‘ nach Indien und Afrika zu liefern.“ Und der vielfach geteilte Aufruf zu einer Programmbeschwerde beim Sender ist noch die mildeste Form der Kritik.

Ein Fall für den Faktencheck

Sprach sich vor einigen Jahren der Chef der Kohlegewerkschaft IG BCE, Michael Vassiliadis, für neue Kohlekraftwerke aus, um ältere stilllegen zu können, weil das „der schnellste Weg“ zum Klimaschutz sei, dann wusste jeder: Hier spricht ein astreiner Kohlelobbyist.

Erklärte noch vor Kurzem der größte europäische Fossilstromerzeuger Uniper sein neues Steinkohlekraftwerk Datteln 4 zum „Teil der Energiewende“, weil alte Anlagen stillgelegt und die CO2-Emissionen des Konzerns in Deutschland gesenkt würden, war klar, dass es hier vor allem um private Gewinninteressen ging.

Es ist auch legitim, privat zu glauben, dass die kalte Kernfusion uns Energie in Hülle und Fülle bescheren wird oder dass elektrifizierte 2,5-Tonnen-SUV irgendwas mit Klimaschutz zu tun haben.

Privat kann man auch der Ansicht sein, dass Volker Angres in den letzten Jahren energiepolitisch nichts dazugelernt hat und nicht einmal davor zurückschreckt, den Weltklimabericht für sich und für neue Kohlekraftwerke zu vereinnahmen. All das ist von der Meinungsfreiheit gedeckt.

Es ist aber keinesfalls eine private Meinung, wenn sich ein Redaktionschef eines großen öffentlich-rechtlichen Senders hinstellt und mit dem lächerlichen Hinweis auf „gute Wirkungsgrade“ den Bau neuer Kohlekraftwerke fordert. Das ist mit dem Wissen von heute allerhöchstens ein Glaubenssatz und ein klarer Fall für den ZDF-Faktencheck.

Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Jörg Staude) 2021 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden! 

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