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Wibke Bruhns „Nachrichtenzeit“

Nachrichten und Zeitgeschichte vom ZDF über Israel, Washington zurück nach Hamburg. Zu Erinnerungen von Wibke Bruhns. Von Rupert Neudeck

Das, was das Buch für den Leser besonders auszeichnet, ist sein origineller, munterer Stil. Das ist nicht ein ordentlicher Stil, wie er sein muss, dass sind auch mal kurze Sätze, Satze, die hintereinander geschachtelt, fast einen gesprochenen Sinn ergeben.

Die Klappentexte sind dagegen manchmal von betörender Blödheit. Heute schreiben Autoren nicht mehr Bücher, es muss schon ein Bestseller sein, der Maßstäbe setzt.

So wie wenn der Quotenschwachsinn sich auf die Verlage gelegt hätte. Jedes der sechzehn  Kapitel hat einen Vorspann, der gründlich und ausgeruht formuliert daherkommt und den man nach dem Kapitel gern noch einmal sich vornimmt: Die Sätze von zwei Fernsehgranden auf dem Cover sind eher peinlich, weil sie sich auch damit beißen, dass es an einer Stelle der Stern-Skandalgeschichte im Buch anklagend heißt: „Der im Fernsehen erworbene Bekanntheitsgrad galt als Qualität“ Was soll das auch heißen: „Frauen wie sie haben das Fernsehen besser gemacht!“??

„Es gibt noch Menschen, die erinnern sich. Heute Neunzigjährige reden mit schmalen Lippen von den Entbehrungen der Nachkriegszeit…“ so beginnt das kurz Eins überschriebene erste Kapitel.

Sie war ja nun die erste Frau, die Nachrichten verkünden durfte. Sowie Carmen Thomas die erste war, die das ZDF-Sportstudio machen durfte und mit „Schalke 05“ scheiterte.

Alle Welt wird sich natürlich nach dem Enthüllungsgrad fragen, den das Buch aufweist: War sie Willy Brandts Geliebte, neben anderen, versteht sich, oder nicht?

Das beschreibt die Autorin souverän, in dem sechsten Kapitel, das noch mal bestätigt, wie schwierig der große populäre Willy Brandt war. Sie rekapituliert diese dramatischen Monate 1973ff, als dann auch noch der DDR-Spion Guillaume verhaftet wurde. Sie kann sich gar nicht genug über die „Idioten“ des Verfassungsschutzes ereifern. Das möchte man wirklich nach dem totalen Versagen aller Dienste nach der Mordserie der Zwickau Neonazis bestätigen.

„Diese Dilettanten! Diese Anfänger! Diese Idioten, die fast ein Jahr lang hinter einem Spion im Kanzleramt her waren, ohne ihn zu fangen.“. Sie wird selbst noch zwei Tage von „Hanseln in den Trenchcoats befragt, die“ – wie sie so schön schreibt – „nichts dafür können, dass sie für eine törichte Behörde saublöde Aufträge ausführen sollten“.

Das, was man sich heute nach dem ähnlichen Staatsversagen im Fall Zwickau auch fragt: Warum tritt denn der Chef des Verfassungsschutzes nicht zurück? „Warum hat sich Günther Nollau nicht verabschiedet und wieso nicht der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher?“ Die Skandalgeschichte reduziert sich in dem Buch auf eine Seite. Wibke Bruhns behauptet immer noch, es gab die Liste mit Frauen nicht, die Klaus Kinkel, damals BND Chef, dem Innenminister vorlegte. „Dass keine der angeblich ‚zugeführten’ Damen greifbar wurde, hat vermutlich die klatschsüchtige Konkurrenz veranlasst, sich an mir festzuknäueln.“

Die Autorin: „Da war niemand sonst!“ Es habe jede Menge Fotos von Wibke Bruhns mit Brandt auf dem Markt gegeben. Und viele machten sich (bis heute) ein Fest daraus, den „linken Lotterladen auszuleuchten. Immer noch waren damals 1974 eigenständige Frauen suspekt. Man nimmt der Autorin das ab als Leser.

Spannend die Kapitel über Israel und die Palästinenser, sehr unorthodox und mit Herzblut geschrieben. Sie hat vielleicht als erste Israel-kritische Töne drauf. Wie am Pfingstmontag 1981 Ministerpräsident Begin die israelischen Kampfbomber den Atomreaktor in der Nähe von Bagdad bombardieren ließ und dadurch möglicherweise im Endergebnis den Ägypter-Präsident tötete. Drei Tage vor dem Angriff lud Begin seinen „Freund Anwar“ nach Ofira bei Sharm el Sheik ein.

„Sie führten Eintracht vor. Zuschauer waren alle arabischen Brüder. Drei Tage später flog der irakische Reaktor in die Luft“. Wibke Bruhns fielen ihre ägyptischen Partner ein. „Ihre Sorge, dass der Frieden nicht halten könnte, weil das Maß der Demütigung voll sei… Kein Krieg hieße noch nicht Freundschaft, und wie schwer die israelischen Touristengruppen zu ertragen waren, die lärmend ihr Selbstbewusstsein durch Kairos Strassen trügen“.

Vielleicht hatte sie die größte Nähe zu den Kulturen auch der Palästinenser. Sie war befreundet mit der stolzen, ungeheuer klugen und selbstbewussten Raymonda Tawil, deren Tochter Suha dann später, oh Schreck, den 34 Jahre älteren Jassir Arafat heiraten sollte. Sie erzählt die Begegnungen in der Männerwelt der Orientländer, in der es passieren kann, dass jemand seine Hand umwickelt, um die Frauenhand nicht berühren zu müssen. Wibke Bruhns: „Ich nahm es nicht persönlich. Kann ich die arabische Welt umerziehen?“

Gute Beobachtungen der Welt der verschiedenen Religionen, sie hat einen Sinn für das was Religion ist, ist „religiös musikalisch“, wie Max Weber gesagt haben würde. Sie berichtet von einer Mitternachtsmesse in der Dormition Abbey auf dem Zionsberg in Jerusalem. Drei Stunden, Texte in Deutsch, Englisch, Hebräisch und Arabisch. Die eigene Tochter Meike schlief auf ihrem Schoß. „Warum, so ging mir durch den kopf feierten Menschen mit Inbrunst und Dankbarkeit die Erlösung der Menschheit, obwohl ein Blick vor die Tür sie hier eines anderen belehrte?“

Sie hatte nach fünf Jahren genug gesehen. Und sie konnte sich an die Gewalt und den Hass, den es auf beiden Seiten heftig gibt, nicht gewöhnen. Anfangs habe sie noch zugeschaut als Journalistin. Sie bemühte die „gottverdammte Geschichte zur Erklärung des unlösbaren Konflikts. Später war ich nur noch betroffen, böse. Ich wollte nicht vergessen, dass jeder Tote ein Mensch gewesen war.“

Sie hatte auch genug davon, dass sie ganze Welt „auf ihre Verwertbarkeit für Israel hin zu beurteilen sei“. Weltpolitik reduzierte sich auf Vor- und Nachteile für Israel. Immer noch schreibt Bruhns – hänge ihr im Ohr, hundertmal gehört: „Is it good for Israel or bad?“ Israels Bürger bevölkern den Nabel der Welt. „In solcher Enge gedeiht der Hochmut der Provinz“.

Sie beschreibt in großen, langen Kapiteln die Skandalgeschichte der Hitler-Tagebücher. Das ist im Einzelnen dramatisch und genau. Aber die waren angelegt in der Struktur des „stern“-Journalismus. Wer einmal mit einem Stern-Team unterwegs war, wird nie vergessen, dass nie die Realität interessierte, sondern die Geschichte, die man bei der Redaktion erwartete, die den Auftrag gegeben hat. Sie sagt es einmal: Für politische Größen war sie Vertreterin eines großen Blattes. Das war der „stern“ nicht mehr nach den Hitler Tagebüchern. Er hat sich danach nie mehr richtig erholen können.

Am Schluss gibt das Buch dann nur die Weltnachrichten summierend wieder, ohne noch dabei gewesen zu sein. Nelson Mandela, der Völkermord von Ruanda und vieles andere. Aber die Gabe der zupackenden Beschreibung bleibt. Wenn sie die lahme Polizei in den neuen Bundesländern beschreibt, die lange Jahre – bis heute – müssen wir sagen – auf dem rechten Auge blind war.

„Es dauerte eine Weile bis ich begriffen hatte, wie unglaublich reaktionär der Sozialismus in der DDR gewesen ist. Solche Prägungen abzuwerfen war offenbar nicht leicht“. Seit Zwickau ist das  nicht leichter geworden.

Ein spannendes Stück Zeitgeschichte in einer Art von „unfertigen Erinnerungen“. Es lohnt, das Buch zu lesen.

Quelle

Rupert Neudeck 2012Grünhelme 2012

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