Global Justice Report: Gerechtigkeit als Klimaplan
Weniger Ungleichheit, weniger fossile Energie, weniger Überkonsum – und trotzdem mehr Wohlstand für die meisten Menschen. Ein Team um den Ökonomen Thomas Piketty legt eine Vision für das Überleben des Planeten vor.
Die Welt könnte bis zum Ende des Jahrhunderts deutlich gerechter und zugleich klimaverträglicher werden.
Nicht ein bisschen, nicht nur in Modellregionen, nicht nur für die schon Wohlhabenden, sondern global – mit steigenden Einkommen für die Mehrheit der Menschheit, weniger Arbeitszeit, stark ausgebauter Bildung und Gesundheitsversorgung, einem Ende der fossilen Energien und einer Erderwärmung, die bei etwa 1,8 Grad gestoppt würde.
Das ist die Kernbotschaft des neuen „Global Justice Report“ des World Inequality Lab, der jetzt auf einer Konferenz des Thinktanks in Paris vorgelegt wurde.
Der Bericht ist kein übliches Klimapapier. Er rechnet nicht nur Windräder, Solaranlagen, Stromnetze und CO2-Preise durch. Er setzt bei der Machtfrage an.
Wer besitzt? Wer konsumiert? Wer zahlt? Wer entscheidet? Und wer trägt die Folgen, wenn die Weltwirtschaft weiter auf Wachstum, fossile Energie und die Wünsche der Superreichen zugeschnitten bleibt?
Genau darin liegt die Provokation. Das World Inequality Lab, angesiedelt an der Paris School of Economics, verbindet Verteilungsforschung, Klimadaten und Szenarien für eine neue Weltfinanzordnung. Koordiniert wurde das Projekt unter anderem von Lucas Chancel, Cornelia Mohren und Thomas Piketty.
Piketty ist der bekannteste Name in diesem Kreis. Der französische Ökonom lehrt unter anderem an der Paris School of Economics. International bekannt wurde er mit seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, in dem er die langfristige Konzentration von Einkommen und Vermögen analysierte und eine stärkere Besteuerung großer Vermögen forderte.
Suffizienz statt bloßer Wachstumskritik
In dem neuen Report geht es nicht nur um Verteilung, sondern um planetare Überlebensfähigkeit. Der Bericht beschreibt einen Zielpfad bis 2100.
In allen Weltregionen soll das durchschnittliche monatliche Nationaleinkommen danach pro Kopf auf umgerechnet rund 5.000 Euro steigen. Heute reicht die Spanne laut World Inequality Lab von etwa 290 Euro in Subsahara-Afrika bis 4.590 Euro in Nordamerika. Zugleich soll der Anteil der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung am globalen Vermögen von heute rund zwei auf 30 Prozent steigen.
Der Anteil der Milliardäre dagegen würde von gut sechs Prozent auf 0,05 Prozent sinken. Das wäre eine historische Umverteilung – und genau darin sehen die Autoren die Voraussetzung dafür, dass Klimapolitik politisch tragfähig wird.
Die Klimaseite des Plans ist ebenso radikal. Der Anteil fossiler Energien am weltweiten Energiemix soll bis 2050 auf unter 20 Prozent sinken und vor Ende des Jahrhunderts auf null. Strom würde Mitte des Jahrhunderts fast vollständig klimaneutral erzeugt werden und den größten Teil des Endenergiebedarfs decken.
Damit ließe sich die Erderwärmung nach den Berechnungen auf 1,8 Grad begrenzen, derzeit liegt sie bei fast 1,5 Grad.
Zugleich geht es um Suffizienz, also Genügsamkeit: weniger Rohstoffverbrauch, weniger materialintensive Produktion, weniger rotes Fleisch. Gleichzeitig soll es mehr Naturschutz, mehr Bildung, Gesundheit, soziale Arbeit und Kultur geben.
Die durchschnittliche Erwerbsarbeitszeit soll langfristig von gut 2.000 auf 1.000 Stunden im Jahr sinken. Wohlstand wird also nicht mehr vor allem als mehr Warenkonsum verstanden, sondern auch als mehr verfügbare Zeit, Gesundheit, Bildung und eine bewohnbare Erde.
Kritik an „klassenloser“ Klimapolitik
Das klingt nach Utopie. Cornelia Mohren, die Umweltkoordinatorin des Lab, hat das gegenüber der britischen Zeitung The Guardian selbst eingeräumt: Der Bericht sei „visionär und vielleicht utopisch“. Aber das sei nötig, um andere Pfade überhaupt sichtbar zu machen.
Wichtig ist den Autoren die Abgrenzung vom klassischen Degrowth-Label. Mohren sagt: Suffizienz bedeute nicht Schrumpfung, sondern weniger Arbeitszeit, andere Konsummuster und mehr Gesundheit und Bildung. Ein zusätzlicher Euro Wertschöpfung in Bildung und Gesundheit habe einen deutlich kleineren materiellen Fußabdruck als ein zusätzlicher Euro in der Industrie.
Damit formuliert der Report auch eine Kritik an Teilen der bisherigen Klimapolitik. Zu lange habe sie so getan, als könne eine „klassenlose Ökologie“ funktionieren: grünes Wachstum für alle, ohne über Verteilung, Macht und Lebensstile zu reden. Diese Illusion habe grüne Politik bei vielen Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen unpopulär gemacht, wird Piketty im Guardian zitiert.
Das Problem: Wer Wärmepumpen, CO2-Preise und Elektroautos politisch durchsetzen will, aber Mieten, Einkommen, Vermögen und globale Ungerechtigkeit ausblendet, produziert Abwehr – und überlässt das Feld denen, die Klimaschutz als Elitenprojekt denunzieren.
Robert Watson, früherer Chef des Weltklimarats IPCC, sagte dem Guardian selbstkritisch, man hätte von Anfang an die Sozialwissenschaften mehr einbeziehen müssen. Naturwissenschaftliche Daten allein hätten Regierungen nicht ausreichend zum Handeln gebracht.
Gegen techno-rechte und traditionslinke Konzepte
Der Report will allerdings auch mehr sein als eine sozialpolitische Korrektur der Energiewende. Er stellt sich gegen zwei große Konzepte. Das eine ist das der techno-fossilen Rechten, die weiter auf Öl, Gas, Kohle, KI, Datenzentren, Militärmacht und die Macht von Milliardären setzt.
Die Ideologie von Donald Trump und „all den kleinen Trumps“ weltweit werde nicht liefern, warnte Piketty. Am Ende werde es kooperative Umverteilung von Ressourcen und Macht brauchen, sonst drohten ökologische, klimatische und soziale Desaster.
Das andere Konzept ist das der traditionellen Linken, die Wohlstand weiter vor allem als mehr Bruttoinlandsprodukt, mehr Industrieproduktion und mehr Konsum versteht. Auch das funktioniere auf einem begrenzten Planeten nicht.
Die Finanzierung ist der härteste Teil in dem neuen Report. Vorgeschlagen wird ein „Global Justice Fund“, ein globaler Gerechtigkeits-Fonds, gespeist durch weltweit eingeführte Steuern auf die Reichsten, im Extremfall mit sehr hohen Vermögenssteuern auf Milliardäre und Spitzensätzen bei hohen Einkommen. Die Mittel sollen pro Kopf an Länder verteilt werden, vor allem für Energiewende, Gesundheit, Bildung und sozialen Ausgleich.
Zwischen 2026 und 2060 würden die Ausgaben des Fonds im Durchschnitt bei gut zehn Prozent des Welt-BIP pro Jahr liegen. Subsahara-Afrika könnte demnach Transfers von fast neun Prozent seines BIP erhalten, für Europa und Nordamerika wäre es deutlich weniger. Später soll ein globaler Staatsfonds die Finanzierung tragen.
Ein Plan, der gegen den Strom schwimmt
Genau hier setzt die Kritik an. Wie realistisch ist eine globale Vermögenssteuer, wenn schon nationale Vermögenssteuern politisch schwer durchsetzbar sind? Wie verhindert man Kapitalflucht und Steuervermeidung?
Warum sollten reiche Länder Macht an neue Institutionen abgeben, während Multilateralismus ohnehin unter Druck steht?
Und wie sollen Gesellschaften, die schon über Tempolimit, Heizungen oder Agrarwende erbittert streiten, eine Politik akzeptieren, die Arbeitszeit, Fleischkonsum, Industrieanteile und Vermögensverteilung verändert?
Die französische Zeitung Le Monde fasst die offene Flanke so zusammen: Der Plan schwimme gegen den Strom – in einer Zeit von Protektionismus, Trumpismus und geschwächter internationaler Kooperation.
Die Autoren bestreiten diese Einwände nicht. Sie schlagen vor, zunächst mit einer Koalition williger Staaten zu beginnen. Länder, die nicht mitmachen, könnten mit Ausgleichszöllen belegt werden. Piketty nennt die Architektur selbst „unvollkommen“ und als Arbeitsgrundlage gedacht.
Doch der Gegencheck lautet: Wie realistisch ist das Weiter-so?
Eine Welt, in der die ärmere Hälfte kaum Vermögen besitzt, die Reichsten überproportional viele Emissionen verursachen, fossile Konzerne weiter klotzig verdienen und Klimaschäden in einer Drei-Grad-Welt zuerst jene treffen, die am wenigsten dazu beigetragen haben, ist, gelinde gesagt, ebenfalls ziemlich unvollkommen.
Quelle
Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Joachim Wille) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden!







