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pixabay.com | Wilfried Pohnke | Ukraine Krieg Zerstörung

© pixabay.com | Wilfried Pohnke | Ukraine Krieg Zerstörung

Krieg in der Ukraine schädigt die Umwelt nachhaltig

Sprengungen und Raketen verschmutzen Böden, Wasser und Luft und befeuern den Klimawandel. All das schädigt gewaltig die Umwelt.

Odessa, 3. April: Über der ukrainischen Hafenstadt wabern gewaltige schwarze Rauchwolken. Wie das russische Verteidigungsministerium mitteilte, trafen in den frühen Morgenstunden mehrere Raketen Treibstofflager. Weithin waren Explosionen zu hören.

Perm, 1. Mai: Nahe dem Ural kam es in einer russischen Munitions- und Schiesspulverfabrik zu einer massiven Explosion. Über brennenden Gebäude stiegen riesige schwarze Qualmwolken in den Himmel. Bereits wenige Tage vorher war in einem der Öldepots im russischen Brjansk, rund 100 Meilen von der ukrainischen Grenze entfernt, ein Feuer ausgebrochen. Auch hier zeigen Bilder rund 100 Meter hohe schwarze Rauchsäulen.

Mariupol, Anfang April: Riesige schwarze Rauchschwaden sind über einem Industriegelände zu sehen. Einschläge durch Raketen und Luftabwehrraketen erhöhten die ohnehin starke Luftverschmutzung in der Hafenstadt um ein Vielfaches.

Mariupol, 3. Mai: Das belagerte Stahlwerk Asowstal wird von der russischen Armee mit Artillerie, Flugzeugen und Raketen beschossen.

Anfang Mai waren gleich mehrere Städte unter Beschuss, unter anderem Lwiw im Westen des Landes. Drei Umspannwerke sollen hier beschädig worden sein.

In der ostukrainischen Region Luhansk wurden durch Angriffe zwölf Wohnhäuser, ein Umspannwerk und ein Komplex kommerzieller Gebäude in mehreren Städten entlang der befestigen ukrainischen Frontlinie beschädigt.

Angriffe auf Städte und Fabriken emittieren Feinstaub und giftige Dämpfe

Ob Angriffe auf Stahlwerke, Munitionsdepots oder Treibstofflager: Stets lodern hohe Flammen aus Raketen oder beschossenen Gebäuden und Objekten, verbunden mit gigantischen wehenden Qualmwolken.

Nicht zu unterschätzen sei die Gefahr durch Ammoniumnitrat, das in Odessa eingelagert ist, schrieb die «TAZ» am 20.3.2022. Vor dem Krieg produzierte das Unternehmen Odessa Port Plant hier Düngemittel und Chemikalien für die Lebensmittelindustrie. Im Falle eines Angriffs könnten herumfliegende Schrapnellen Granaten oder Raketen eine ähnliche Explosion auslösen.

Fotolia.com | grandfailure
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Über Zerstörungen und Opfer wird durch die Medien hinreichend berichtet. Was aber ist mit Verschmutzung der Luft, von Wasser und Böden?

Wie sehr Mensch und Natur darunter leiden, findet selten Erwähnung, obwohl gerade für die Umwelt immense Schäden entstehen, und das in mehrfacher Hinsicht:

  • Giftige Gase und Russpartikel belasten die Atemluft und verschmutzen das Trinkwasser: Mit dem Beschuss von Städten steigen die Feinstaubbelastungen. Anwohner atmen die Dämpfe vieler Baustoffe und Chemikalien wie Beton und Asbest in hoher Konzentration noch im Umkreis von Kilometern ein. Wo Fabriken beschossen werden, mischen sich giftige Schwermetalle mit Staub und Russ. Wer die Angriffe überlebt, muss die giftigen Gase mit der Luft einatmen. Die Partikel reichern sich in der Lunge an. Infolge dessen wird das Immunsystem geschwächt, so dass sich Infektionskrankheiten besser ausbreiten können. Überdies können die Mikropartikel Lungenkrebs verursachen und die Lebenserwartung um Jahre verkürzen.
  • Neben brennenden Objekten emittieren auch Panzer und Raketen beim Abschuss Kohlendioxid. Alle Emissionen zusammen genommen addieren sich zu Hunderten Tonnen Treibhausgasen, die den Klimawandel weiter anheizen.
  • Moderne Waffen verursachen nicht nur gigantische Explosionen, sie enthalten auch eine Vielzahl von Chemikalien. Die Aerosole werden vom Wind Hunderte Kilometer weitergetragen und von Menschen in der weiteren Umgebung eingeatmet.
  • Vermintes Gelände: Tausende nicht explodierte Granaten, Munition und Landminen sind eine potenzielle Gefahr für Wildtiere, Pflanzen und Böden. Werden Soldaten, die sich in Wäldern verstecken, Opfer von Artillerie und Luftschlägen, hat dies auch schlimme Folgen für Flora und Fauna. Ein Beispiel sind die Wälder an der belarussischen-ukrainischen Grenze, wo das russische Militär Minen und Sprengstoff einlagerte.
  • Durch den Beschuss auf Kernkraftwerke besteht die Gefahr radioaktiver Verstrahlung grosser Regionen über Ländergrenzen hinweg.
Ökozid: Angriff auf Kernkraftwerke
Depositphotos.com | zateev | AKW Saporischschja Ukraine
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Der zuletzt genannte Punkt birgt besonders grosse Gefahren: So bezeichnet die britische Organisation Conflict and Environment Observatory (CEOBS) die kurzzeitige russische Besetzung des Standorts Tschernobyl als zunehmend gefährlich. Als Anfang März russische Truppen das Atomkraftwerkin Saporischschja beschossen, sei das Risiko einer nuklearen Katastrophe so real wie nie gewesen. Zum Glück konnte das Feuer, das auf dem Gelände ausbrach, gelöscht werden. Wäre stattdessen durch die schützende Hülle ein Atomreaktor getroffen worden, wären gigantische Mengen an Radioaktivität ausgetreten. Nicht ohne Grund wurde die Besetzung des Kernkraftwerks von der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft als terroristischer Akt eingestuft – ähnlich wie der Beschuss des Nationalen Wissenschaftlichen Zentrums für Physik und Technik in Charkiv, wo nukleare Elemente als Teil eines Forschungskernkraftwerks eingelagert sind.

Fotolia.com | bptu
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Auch die Besetzung von Tschernobyl war nicht ungefährlich. Denn als russische Soldaten mit ihren Panzern durch den Wald fuhren, wirbelten sie nicht nur radioaktiven Staub auf, sie schädigten sich auch selbst, indem sie wochenlang in verstrahlten Wäldern kampierten. Die Arbeiter am Kraftwerk leisteten keinen Widerstand, denn wäre dabei der Sarkophag, unter dem sich der explodierte Reaktor mitsamt radioaktivem Müll befindet, beschädigt worden, wäre bei Schäden an der Schutzhülle Radioaktivität in die Umwelt gelangt – mit weitreichenden Folgen.

Daneben gibt es noch andere Arten radioaktiver Verseuchungen, eine geht auf den Krieg im Donbass zurück: Seit Kriegsbeginn 2014 wurden dort die alten Kohleschächte nicht mehr ordnungsgemäss ausgepumpt und gewartet. Infolge dessen wurden rund 200 Minen überflutet, die teilweise mit nuklearen Sprengungen gegraben wurden, so dass sich Chemikalien wie Quecksilber und Arsen im Grundwasser ausbreiteten. Wie Messungen des ukrainischen Umweltministeriums bereits 2016 ergaben, lagen in der gesamten Region die Strahlungswerte in den Brunnen um ein Zehnfaches über dem Grenzwert.

Hoffnung auf Wiedergutmachung

Neben Russland ist die Ukraine eine von wenigen Staaten, die den «Ökozid» durch nationale Gesetzgebung unter Strafe stellen. Definiert wird dieser laut Artikel 441 des Strafgesetzbuches als «Massenvernichtung von Flora und Fauna, Vergiftung von Luft- oder Wasserressourcen sowie alle anderen Handlungen, die eine Umweltkatastrophe verursachen können». Käme es jemals zu einer innerstaatlichen Strafverfolgung, könnte dieser Artikel auf besonders zerstörerische Aktivitäten des Militärs angewendet werden.

Militärische Angriffe und deren Auswirkungen auf die Umwelt in der Ukraine wurden vielfach dokumentiert – zum Beispiel durch Eoghan Darbyshire vom Environment Observatory (CEOBS). Die Liste der gefährlichen Umweltverschmutzungen ist lang, sagt der Umweltwissenschaftler. Allerdings zeige sie nur die Spitze des Eisbergs.

Auf längere Sicht könnte die Einbeziehung von Umweltschäden in künftige Strafverfolgungsmassnahmen die Tür zur Hilfe und Wiedergutmachung für Opfer in der Ukraine öffnen, schreibt Rachel Killean in ihrer Analyse für CEOBS. Werden die Täter identifiziert, könnten diese im optimistischsten Fall zu entsprechenden Entschädigungen verurteilt werden, zum Beispiel, indem sie sich an Umweltsanierungsprojekten beteiligen.

Wann und wie auch immer der Krieg in der Ukraine enden wird – er hinterlässt eine für Jahrzehnte zerstörte Umwelt, mit der heutige und kommende Generationen leben müssen.

Quelle

Der Bericht wurde von der Redaktion „INFOsperber.ch“ (Susanne Aigner) 2022 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung weiterverbreitet werden! 

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