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Aus Klimakrise wird Versicherungskrise

urgewald fordert bezahlbare Lösungen für Hausbesitzer*innen.

Mit voranschreitender Klimakrise steigen die wirtschaftlichen Schäden durch Extremwetterereignisse immer weiter an. Allein für das Jahr 2024 bezifferte der Rückversicherer Munich Re die globalen Schäden durch Naturkatastrophen auf 320 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig wächst die Lücke zwischen dem Bedarf nach und dem Angebot von Versicherungen für Hausbesitzer*innen gegen Elementarschäden. Ein neues Hintergrundpapier von urgewald analysiert die Ursachen der Versicherungskrise. 

Während die Bundesregierung an einem neuen Modell für Elementarschadenversicherungen in Deutschland arbeiten möchte, zeigt die Analyse, wie ein solidarisches und bezahlbares Versicherungssystem aussehen kann. Der Bund der Versicherten wird sich auf seiner Wissenschaftstagung kommende Woche Dienstag und Mittwoch ebenfalls mit dem Thema befassen, unter dem Titel: „Das neue Klima – fairer und wirksamer Elementarschutz für alle?“ [1] 

Versicherungsunternehmen spielen hierbei eine zwiespältige Rolle: Sie sind von den zunehmenden Schadensfällen und steigenden Schadenssummen direkt betroffen – und heizen gleichzeitig die Klimakrise weiter an, indem sie fossile Aktivitäten versichern und in die dahinterstehenden Unternehmen investieren, wie NGO-Recherchen regelmäßig belegen. Während viele Versicherer inzwischen Ausschlüsse für ihre Geschäfte im Kohlesektor eingeführt haben, bleiben die Regelungen im Öl- und Gasbereich lückenhaft. Insbesondere Gaskraftwerke oder neue Gasinfrastruktur wie LNG-Terminals sind in der Regel nach wie vor investier- und versicherbar. 

Anna Lena Samborski, Autorin des Hintergrundpapiers und Versicherungs-Campaignerin bei urgewald, kommentiert: „Versicherer, die Klimaschäden regulieren und gleichzeitig Öl- und Gaskonzerne unterstützen, sägen an dem Ast, auf dem sie sitzen. Beispiele wie Florida oder Australien zeigen schon heute, wie die Klimakrise regionale Versicherungsmärkte zum Kippen bringt. Der Ausstieg aus fossilen Geschäften ist längst keine Frage mehr von Haltung – es ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit.“

In Deutschland gibt es bis heute kein öffentlich-privates Versicherungssystem gegen Elementarschäden. Dies trägt dazu bei, dass aktuell nur rund 57 Prozent der Wohngebäude gegen Elementarschäden wie Überschwemmungen oder Starkregen versichert sind. Diese Lücke muss die öffentliche Hand bei großen Schadensfällen immer wieder mit milliardenschweren Rettungspaketen kompensieren. Ein Beispiel ist die Ahrtal-Flutkatastrophe im Sommer 2021, in deren Folge Bund und Länder insgesamt 30 Mrd. Euro Soforthilfen bereitstellten. 

Dieses sogenannte „Samariterdilemma“ will die aktuelle Bundesregierung laut Koalitionsvertrag durch ein öffentlich-privates Versicherungssystem überwinden. urgewald fordert, dass ein solches System auf den Grundsätzen der Solidarität und Bezahlbarkeit für Verbraucher*innen basieren soll – und nicht an den Profitinteressen der Versicherungswirtschaft ausgerichtet wird, welche aktuell bereits für ein eigenes Lösungsmodell lobbyiert.

Das seit 1982 bewährte französische „CatNat“-System zeigt, wie ein solidarisches Modell auch in Deutschland aussehen könnte: Die Elementarschadenversicherung ist in Frankreich verpflichtend, als prozentualer Aufschlag auf die Grundprämie, an Gebäude- und Kfz-Versicherungen gekoppelt. Das Ergebnis ist eine Versicherungsdichte von 98 Prozent bei durchschnittlichen Jahresprämien von nur rund 42 Euro. Zum Vergleich: In Deutschland liegen die typischen Jahresprämien bei einer Selbstbeteiligung von 500 Euro und abhängig von der Gefahreneinstufung zwischen circa 60 und 1.000 Euro. 

In Frankreich wird das System durch einen staatlichen Rückversicherer abgesichert. Ein eigens eingerichteter Fonds finanziert zudem Präventionsmaßnahmen wie Deiche oder Hochwasserschutzmaßnahmen direkt aus den Versicherungsprämien. 

Im Gegensatz dazu ist das vom Lobbyverband der deutschen Versicherer GDVim Dezember vergangenen Jahres vorgeschlagene Modell „Elementar Re“ unsolidarisch und teuer. Denn nur ein kleiner Teil der Hausbesitzer*innen könnte davon profitieren und die vergleichsweise hohen Prämien auf dem deutschen Markt würden dadurch kaum sinken.

Samborski sagt: „Das GDV-Modell wäre unsolidarisch und unnötig teuer. Die deutsche Politik sollte sich an Modellen wie dem in Frankreich orientieren. Das dortige System zeigt, wie eine kostengünstige, solidarische und gleichzeitig stabile Absicherung gegen zunehmende Klimaschäden aussehen sollte.“

Ergänzend zu einem solidarischen Versicherungssystem sollten Politik und Versicherer die fossile Industrie finanziell in die Pflicht nehmen. Das Hintergrundpapier verweist auf das rechtliche Instrument der „Subrogation“ (Forderungsübergang), über das Versicherer ausgezahlte Klimaschadenssummen von fossilen Unternehmen zurückfordern könnten. Als politisches Vorbild dienen die geplanten „Climate Superfunds“ in den US-Bundesstaaten Vermont und New York. 

Samborski kommentiert: „Solche Maßnahmen können die Prämien für Hausbesitzer*innen weiter senken und die Hauptverursacher der Krise direkt in die Verantwortung nehmen.“

  1. ^ https://www.bundderversicherten.de/de/gut-beraten/veranstaltungen/wissenschaftstagung/wissenschaftstagung-2026 
Quelle

urgewald 2026

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