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„Die Gas-Abhängigkeit von den USA ist gefährlich“

Etwa 60 Prozent der Flüssiggaseinfuhren Europas kamen 2025 aus den USA. Der Berliner Energieexperte Raffaele Piria fordert, den LNG-Import wirklich zu diversifizieren und die Energiewende schneller voranzutreiben. Interview: Joachim Wille

Klimareporter°: Herr Piria, Deutschlands Erdgasversorgung ist in diesem Winter ziemlich knapp. Hat die Bundesregierung das Problem unterschätzt?

Raffaele Piria: Zu Beginn dieses Winters waren die deutschen Gasspeicher nur zu 75 Prozent gefüllt, weit unter dem EU-Ziel von 90 Prozent. Nur im Krisenjahr 2021 war es weniger, als Russland versuchte, Europa vor seinem Angriff auf die Ukraine gefügig zu machen. Zum Glück ist dieser Winter insgesamt moderat kalt. Physische Knappheit ist derzeit nicht absehbar.

Mit einem strengen Winter und dazu einer größeren Störung oder einem Angriff hätte es eng werden können – und Europa wäre noch erpressbarer gewesen. Die Bundesregierung hat die Befüllung offenbar nicht erfolgreich verfolgt. Ob aus Unterschätzung oder aus zu großem Vertrauen in die Marktkräfte, kann ich nicht beurteilen.

Sollte die Regierung eine nationale Gasreserve anlegen, so wie es sie in Österreich gibt?

Wir leben in einer sehr volatilen Welt. Selbst extreme Szenarien sind denkbar – Krieg im Persischen Golf, massive Angriffe auf Infrastruktur in Europa, gar ein Angriff der USA auf Grönland. Um Risiken abzufedern, braucht es zu Winterbeginn einen ausreichenden Puffer in Deutschland und der EU.

Deutschland hat eine strategische Ölreserve. Das sollte man für Gas ernsthaft prüfen, wie in mehreren EU-Ländern bereits umgesetzt. Wichtig ist, den absehbaren Rückgang der Nachfrage einzubeziehen, europäische Lösungen zu finden und die Kosten zu minimieren.

Die EU hat fast vier Jahre nach Beginn des Ukraine-Kriegs endlich beschlossen, komplett aus russischen Gas- und Ölimporten auszusteigen. Wäre das nicht früher möglich gewesen und hätte das nicht die Alternativen schneller nutzbar gemacht?

Vor 20 Jahren begann Russland, seine Rolle als Gaslieferant zu nutzen, um andere europäische Länder unter Druck zu setzen. Hätten Deutschland und die EU seitdem die Energiewende konsequenter vorangebracht – Erneuerbare, Wärmepumpen, Effizienz –, wären die Kosten des sehr schnellen Ausstiegs ab 2022 deutlich milder gewesen.

Die Öl- und Gasimporte sollen laut EU-Ansage künftig „diversifiziert“ werden, also nicht mehr vornehmlich aus einem Land kommen. Man will also Abhängigkeiten vermeiden, wie Deutschland sie im Fall Russland hatte. Kann das klappen?

Diversifizierung muss sinnvoll definiert werden. Die nationalen Diversifizierungspläne sollten alle dominanten Anbieter berücksichtigen, nicht nur Russland, wie es derzeit vorgesehen ist.

Könnten Deutschland und die EU dadurch von den USA so abhängig werden wie früher von Russland?

Unsere neue Studie zeigt: 2025 kamen knapp 40 Prozent der Gasimporte des Europäischen Wirtschaftsraums – also inklusive Norwegen – aus den USA. Bei verflüssigtem Erdgas, sprich LNG, waren es etwa 60 Prozent, Tendenz stark steigend.

Früher glaubte man, Washington würde diese starke Rolle nie politisch nutzen. Heute ist klar: Solche Abhängigkeiten machen erpressbar.

Die EU hat Trump doch zugesagt, den LNG-Import stark hochzufahren. Kommt sie da überhaupt heraus?

Auch unter starkem Druck aus Deutschland, um einen Handelskrieg zu vermeiden, hat die EU-Kommission im Sommer die unerfüllbare Zusage gemacht, die EU-Importe von Öl, Gas und Kernkraftprodukten aus den USA massiv zu steigern – auf 750 Milliarden Dollar bis 2028. Die Zusage ist unrealistisch, weil Europa solche Importmengen nicht benötigt.

Sollte sich die EU einer Erfüllung ernsthaft nähern, entstünde fast ein Energie-Monopol der USA, das sich die EU nicht leisten kann. Daher ist es für mich nicht nachvollziehbar, dass das Europäische Parlament erwägt, dem Handelsdeal mit den USA dennoch zuzustimmen, ohne die Klausel zu ändern.

Was wäre eine bessere Strategie?

Der Königsweg ist die Beschleunigung der Energiewende: Erneuerbare, Energieeffizienz, Elektrifizierung von Wärme, Verkehr und Industrie. Kurzfristig allerdings darf die Gasversorgungssicherheit nicht vernachlässigt werden.

Bundeskanzler Merz und Wirtschaftsministerin Reiche waren auf Tour, um LNG und perspektivisch auch Wasserstoff aus Ländern wie Saudi-Arabien und Katar zu besorgen. Gute Strategie – oder neue Abhängigkeit?

Abhängig von Gasimporten sind wir, solange die Energiewende die strukturelle Lösung nicht bringt. Da wir nicht nur auf die USA setzen sollten, sind andere LNG-Lieferanten unerlässlich.

Wichtig ist aber, keine Verträge abzuschließen, die europäischen Verbraucher zwingen, Gas abzunehmen oder zu bezahlen, das wir künftig nicht mehr brauchen. In den nächsten Jahren ist ein Überangebot auf den globalen Gasmärkten absehbar. Daher kann und muss die EU auf seiner Regelung zu den Methanemissionen aus der Öl- und Gasförderung in den Exportländern bestehen, um die Klimafolgen zu begrenzen.

Müsste die Bundesregierung nicht mehr tun, um den Erdgas- und Erdölverbrauch schneller zu senken – auch aus Klimagründen?

Ja, deutlich mehr. Die Klimakrise ist nicht einfach weg, nur weil die Medien derzeit mit anderen Themen beschäftigt sind. Ohne frühere Fortschritte der Energiewende hätte Europa die Gaskrise der letzten Jahre nicht überstanden. Es ist nicht nachvollziehbar, dass die Bundesregierung sie nun bremsen will – gerade jetzt, wo die Nachteile der Abhängigkeit Europas von importierten fossilen und nuklearen Rohstoffen so offensichtlich sind.

  • Der Beitrag wurde aktualisiert (Antwort zum LNG-Import aus den USA).
  • Raffaele Piria ist Energieexperte beim Thinktank Ecologic Institute in Berlin. Der Politik­wissen­schaftler mit 25‑jähriger Erfahrung in der europäischen und inter­nationalen Energie- und Klimapolitik leitete sechs Jahre lang ein Konsortium zur Umsetzung der deutschen Energie­partner­schaften mit den USA, Kanada und Australien im Auftrag des Bundes­wirtschafts­ministeriums.
Quelle

Das Interview wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Joachim Wille) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden! 

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