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ITER Organization/EJF Riche | Die Baustelle des Kernfusion-Testreaktors Iter im Mai.

© ITER Organization/EJF Riche | Die Baustelle des Kernfusion-Testreaktors Iter im Mai.

Fusionsreaktor Iter„Zu teuer, zu spät und zu ungewiss“

In Frankreich beginnt die Montage des Kernfusion-Testreaktors Iter. Damit investiert die EU weitere Milliarden in eine Technologie, die eventuell nie funktionieren wird – und für den Kampf gegen die Klimakrise eh viel zu spät kommt.

Es klingt einfach zu schön, um wahr zu sein: Eine klimafreundliche, nahezu unendlich verfügbare Energiequelle, die praktisch keinen Abfall produziert. In der Realität befindet sich die Kernfusion jedoch noch in einem ganz anderen Entwicklungszustand: Und zwar noch immer viele Jahre vor der Testphase. Nachdem das milliardenschwere internationale Kernfusionsforschungsprojekt Iter viele Jahre auf der Kippe stand, wird nun doch im französischen Cadarche mit der Montage des Testreaktors begonnen.

Die riesige Reaktorhalle steht bereits, die Hochvakuum-Druckkammer wird gerade errichtet. Sie soll später den Reaktorkern umschließen und kühlen. Bis zum Jahr 2025 sollen die Montagearbeiten abgeschlossen werden – wenn alles nach Plan läuft. Das heißt aber nicht, dass dann der Schalter umgelegt und Energie erzeugt werden kann. Denn: Erst drei Jahre später starten die ersten Experimente mit Plasma. Ab 2035 soll der Reaktor mit Deuterium und Tritium beladen werden, wodurch weltweit zum ersten Mal Energie aus der Kernfusion entstehen könnte. Jedoch nur für wenige Sekunden.

Iter soll keinen Strom erzeugen

Selbst wenn all das wirklich funktioniert – wofür zurzeit wohl niemand seine Hand ins Feuer legen würde – erzeugt Iter nie eine einzige Kilowattstunde Strom, das ist nicht Ziel des Forschungsprojekts. Tatsächlich soll der Testreaktor der sieben Vertragspartner, darunter die EU, USA, Russland und China, bereits ab dem Jahr 2042 wieder rückgebaut werden.

Damit könnte in mehr als 20 Jahren ausschließlich die Machbarkeit der Kernfusion nachgewiesen werden. Bis eine industrielle Nutzung möglich wird, dauert es vermutlich erneut mehrere Jahrzehnte. Während die Projektverantwortlichen davon ausgehen, dass die Technologie ab dem Jahr 2055 erstmals einen Anteil an der Energieversorgung haben könnte, sehen das Kritiker ganz anders.

Kernfusion ist keine Lösung für die Klimakrise

„Die kommerzielle Anwendbarkeit dieser Technologie steht in den Sternen und wird im besten Fall gegen Ende des Jahrhunderts möglich sein“, sagt Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Grünen, der energiezukunft. So werden jetzt weitere fünf Milliarden Euro für ein Projekt ausgegeben, das auf absehbare Zeit nichts zur Lösung der akuten Klimaprobleme beitragen kann. Dieses Geld könnte viel zielgerichteter investiert werden – zumal die Preise für Erneuerbare Energien immer weiter sinken.

„ITER entpuppt sich immer deutlicher als Milliardengrab“

„Zu teuer, zu spät und zu ungewiss – ITER entpuppt sich immer deutlicher als Milliardengrab ohne Happy End“, so Kotting-Uhl weiter. „Deutschland und die EU steuern mit Vollgas in die Sackgasse, anders kann man diesen Wahnsinn nicht bezeichnen.“

Geforscht wird an den Möglichkeiten der Kernfusion schon seit den 1960er Jahren. Im Inneren der Brennkammer laufen theoretisch die gleichen Prozesse ab wie im Inneren der Sonne: Zirkulierendes Wasserstoffplasma wird auf etwa 150 Millionen Grad Celsius erhitzt und von Magneten beschleunigt sowie von den Wänden ferngehalten. Dadurch verschmelzen die Wasserstoffatomkerne zu Helium, energiereiche Neutronen werden freigesetzt. Mit dieser Energie kann dann Wasser erhitzt und Turbinen zur Energiegewinnung angetrieben werden.

Bereits im November 2019 hatte eine wissenschaftliche Analyse aufgedeckt, dass große Verzögerungen, Kostensteigerungen und stark reduzierte Erkenntnispotenziale zu einer kompletten Zielverfehlung von Iter geführt haben. Obwohl das Projekt seit Jahren nur mit Rückschlägen und Problem Schlagzeilen macht, wird es von der EU weiter gegenüber aller weiteren Energieforschung privilegiert – auch gegenüber der Energiewende.

Quelle

Der Bericht wurde von der Redaktion “energiezukunft“ (jk) 2020 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung weiterverbreitet werden! | energiezukunft | Heft 28 / 2019 | „Urbane Energiewende“ |  Jetzt lesen | Download

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