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02.03.2020

Methan – die Rechnung geht nicht auf

Als sich die erste Empörung über das Kohleausstiegsgesetz vor allem bei denjenigen Bahn brach,  die Fans der sogenannten Kohlekommission waren, kam ein Aspekt wenig bis gar nicht zur Sprache. Der Nachfolger der Kohle bei der Stromerzeugung wird nicht aus Erneuerbaren Energien bestehen, sondern aus Erdgas. Also der sogenannte Fuel Switch, wie die großen Kraftwerks- und Übertragungsnetzbetreiber dies nennen. Von Klaus Oberzig

Auch wenn es innerhalb der EU sowie mit den Amis ordentlich Zoff um die Fertigstellung der Nord Stream 2 Pipeline gibt, am Fuel Switch hält die Bundesregierung eisern fest. Jüngst verkündete Wirtschaftsminister Peter Altmaier im Rahmen seiner Wasserstoff-Strategie benötige man in Deutschland noch viel mehr Erdgas. Zeitgleich steigt der Erdgasverbrauch kontinuierlich an. Laut Statistik der AG Energiebilanzen wuchs 2019 der Erdgasverbrauch um 3,6 Prozent und übertrifft das Wachstum der Erneuerbaren. Der Erdgasanteil beim Primärenergieverbrauch beträgt 25,0 % (23,6 % in 2018), der der Erneuerbaren 14,7 % (13,8 % in 2018). Zu diesem Anstieg habe neben dem höheren Heizbedarf „vor allem der gestiegene Einsatz von Erdgas in Kraftwerken“ beigetragen.

Ganz offenbar fällt es manchen Anhängern der Erneuerbaren schwer, diesen Tatsachen ins Auge zu blicken und sich von den liebgewordenen Narrativen über eine Art Selbstlauf der Energiewende zu trennen. Es fällt darüber hinaus schwer, den Versprechungen der großen Koalition mit Fakten zu begegnen, bzw. diesen nicht mehr zu glauben. Das Versprechen der Koalitionsvereinbarung, man wolle bis zum Jahr 2030 die Erneuerbaren bis auf 60% des Primärenergieverbrauch angehoben haben, ist nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt wurde. Man kann das Festhalten an alten Ausbaufantasien als Verdrängung oder politische Naivität bezeichnen. Das mag dahingestellt bleiben. Der Blickwinkel derer, die hoffen, in absehbarer Zeit werde Erdgas durch Biogas, Biomethan oder Power-to-X ersetzt, ignoriert die herrschenden Machtverhältnisse. Die Investoren, die den Ausbau der Erdgas- und LNG-Infrastruktur vorantreiben, werden ihre Anlagen einer grünen Energiewende zu Liebe sicher nicht verschrotten und auf ihre Renditen verzichten.

Im Gegenteil, seit Mitte des Jahrzehnts, als der Ausbau von Erdgas ohne große öffentliche Kontroverse gestartet wurde und in der Energiewendebewegung noch die Mär von der Brückentechnologie Erdgas Urstände feierte, sind harte Fakten geschaffen worden. Ein krasses Licht auf die realen Veränderungen wirft der US-Schiefergas-Import in die EU. Als US-Präsident Trump im Juli 2018 den damaligen Chef der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, im Weißen Haus empfing, einigten sich beide Seiten auf eine gemeinsame Erklärung, in der beschlossen wurde, "unsere strategische Zusammenarbeit in Bezug auf Energie zu stärken“. Die EU sagte zu, mehr Flüssigerdgas (LNG) aus den USA zur „Diversifizierung der Energieversorgung" zu importieren. Seitdem hat die EU ihre LNG-Importe um nahezu 600 Prozent erhöht. Was allerdings nicht auf Kosten russischer Gaslieferungen ging, sondern ein zusätzliches Add on bedeutet. Bis zum Jahr 2023 erwartet die EU einen weiteren Anstieg um mehr als 50 Prozent.

Anfang Februar 2020 veröffentlichte das renommierte Wissenschaftsmagazin Nature einen Fachbeitrag, der ausführte, bei Förderung und Transport von Erdgas ströme zehnmal mehr Methan in die Atmosphäre, als bisher geschätzt. Zwar dringe seit Jahrmillionen Methangas über Schlammvulkane oder Sickerquellen aus dem Untergrund. Aber mit der Kohle-, Öl- und Erdgasförderung sowie der Landwirtschaft ist die Menge an Methan nun weit über das natürliche Maß gestiegen – und zwar noch viel stärker, als bisher geschätzt, schrieben Benjamin Hmiel von der University of Rochester und seine Kollegen im Fachblatt „Nature“. Demnach gelangt jedes Jahr etwa 172 bis 195 Mio. Tonnen fossiles Methan in die Atmosphäre. Davon seien aber nur

40 bis 60 Mio. Tonnen fossiles Methan auf natürlichem Wege aus dem Untergrund in der Luft. Der Differenzbetrag, der nahezu doppelt so hoch ist, stammt demnach von Emissionen aus der Infrastruktur für Förderung, Transport und Verbrauch von Methan. Also dem, was als Vorkettenemissionen bezeichnet wird. Auch das deutsche Wissenschaftsmagazin Spektrum (ehemals Bild der Wissenschaft) zog mit einem eigenen Artikel nach. Ein Wissenschaftlerteam, an dem Forscher des Karlsruher KIT beteiligt sind, sei zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Die Methanemissionen aus fossiler Brennstoffgewinnung und -nutzung seien um mindestens 40 Prozent unterschätzt worden. Die Emissionen von Methan, die aus menschlichen Quellen stammen, könnten und müssten unbedingt reduziert werden, so schwer es auch fallen mag, schreibt dazu Spektrum.

Um den Klimakiller Methan aus dem Verkehr zu ziehen, gibt es nur den Umstieg auf Erneuerbare Energien. Doch dieser Einsicht haben sich die Bundesregierung wie auch die großen internationalen Energiekonzerne bis heute verschlossen. Sie scheinen fest entschlossen, alle Öl-, Erdgas- und Kohlevorräte aus der Erde heraus zu holen. Eine rationale Diskussion darüber scheint immer weniger möglich. So lange in der Klimaschutz- und Energiewendebewegung immer noch Illusionen über die Schädlichkeit von Erdgas und Methan vorherrschen und der Glaube, mit einer effizienten Technologie ließe sich das Problem lösen, nicht verschwunden sind, werden Klimaschützer keine größere Wirkung erzielen können. In Sachen Einsicht in die Gefahr durch Erdgas ist durchaus noch Luft nach oben vorhanden. Erst auf dieser Basis kann die Auseinandersetzung mit einer Aussicht auf Erfolg geführt werden.

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Quelle   Der Bericht wurde von der Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie e.V. (Klaus Oberzig) 2020 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung weiterverbreitet werden! | SONNENENERGIE 01/2020 | Das Inhaltsverzeichnis zum Download!

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