Zur Heuristik der Furcht: Das ökologische Vernichtungsszenario
Ein Gastbeitrag von Klaus Moegling über Hans Jonas, Klimakollaps und planetare Verantwortung.
Die Zuspitzung der gegenwärtigen krisenhaften Zustände in den Bereichen der Klimaentwicklung, der Ökonomie, der internationalen Sicherheit und der Demokratieentwicklung hin zu dystopisch ausfallenden Zukunftsszenarien muss in dieser Form nicht eintreten.
Allerdings besteht eine reale Möglichkeit, dass sie eintreten können, wenn die Menschheit zu keinem Paradigmenwechsel kommt, wenn sie die falschen Entscheidungen trifft und ihr planetares Destruktionsverhalten fortsetzt.
Ein Lernen aus der ‚vorausgedachten Gefahr‘
Die Konstruktion von Negativszenarien im Sinne einer vorweggenommenen Möglichkeit dystopischer Entwicklung kann durchaus eine konstruktive Funktion haben. Der Philosoph Hans Jonas entwickelte in seinem Buch ‚Das Prinzip Verantwortung‘ eine sogenannte ‚Heuristik der Furcht‘ und meinte hiermit, dass mögliche Fehlentwicklungen in aller Schärfe und Bedrohlichkeit erkannt und in ihrer vermuteten Größenordnung drastisch beschrieben werden sollten.
Hierdurch sei es einer Gesellschaft möglich, den potenziellen Risiken direkt ins Auge zu sehen, um sich zu entschließen, die eigene Verantwortung für den Planeten und das Schicksal zukünftiger Generationen zu erkennen– so Jonas (1979/2015, 7):
„Was kann als Kompaß dienen? Die vorausgedachte Gefahr selber! In ihrem Wetterleuchten aus der Zukunft, im Vorschein ihres planetarischen Umfanges und ihres humanen Tiefgangs, werden allererst die ethischen Prinzipien entdeckbar, aus denen sich die neuen Pflichten neuer Macht herleiten lassen.“
Natürlich muss diese Negativvision anschlussfähig an die bereits analysierten Entwicklungen sein, darf also nicht aus der Luft gegriffen sein, auch wenn noch nicht alle Informationen für eine Einschätzung vorhanden sind. Heuristik ist ein kreativer Denkprozess, der von Schätzungen, Vermutungen und Berechnungen ausgeht.
Das Sich-Hineindenken in eine wahrscheinlich zu erwartende Situation und das Erfühlen einer vermutlichen zukünftigen Katastrophe kann Erkenntnisse für das präventive Handeln liefern. Möglicherweise kann die Furcht vor einem katastrophalen planetaren Szenario zum systemischen Umsteuern und zu verantwortlichen Entscheidungen führen.
Die Unzulänglichkeit der Pariser Klima-Verträge
Aus dem Spektrum multipler Krisen, die durchaus auch in einer Verbindung zueinanderstehen, soll im vorliegenden Beitrag das gestörte Verhältnis von Mensch und Natur ausgewählt und zu einem Negativszenario heuristisch entwickelt werden.
Spratt/Dunlop (2019, 6) sagen voraus, dass selbst wenn die Pariser Klima-Verträge von 2015 eingehalten werden würden, noch keine stabile Klimaentwicklung zu erwarten sei. Insbesondere klimatische Rückkoppelungseffekte würden die Erde für die menschliche Zivilisation bis zum Ende des Jahrhunderts weitgehend unbewohnbar machen. Selbst wenn die Pariser Klimaziele eingehalten würden, müsste im Jahr 2100 mit einer Erwärmung von 5 Grad Celsius mit verheerenden Folgen für das Leben auf der Erde gerechnet werden.
Hierbei muss noch berücksichtigt werden, dass nicht alle Staaten die Pariser Verträge akzeptierten bzw. inzwischen, wie die USA unter Trump, ausgetreten sind.
Feuer, Stürme, Überhitzung und Fluten
Ein Negativszenario einer derart sich zunehmend erhitzenden Biosphäre muss mit zunehmenden Waldbränden rechnen. Große Flächen der Erde werden zu brennen beginnen. Durch massive Sturmböen angetriebene Feuerwalzen werden alles verschlingen, was sich ihnen in den Weg stellt: Bäume und Büsche, Häuser, Tiere und Menschen.
Derartige Feuerstürme sind für den Menschen nicht mehr zu kontrollieren und zu bekämpfen und sind auf massive Regenfälle angewiesen, von denen man nicht weiß, ob sie gerade in den brennenden Regionen aufgrund der Klimaverschiebung fallen werden. Die Verödung ganzer Landstriche ist die Folge mit humanitären, ökologischen und finanziellen Problemen in einem globalen Maßstab. Die Feuer der Jahre 2025 und 2026 zeigen bereits in ersten Ansätzen, was hier auf die Menschheit zukommen wird.
Es wird mit zukünftigen Durchschnittstemperaturen von 50-60 Grad am Persischen Golf gerechnet, so dass hier für den Durchschnitt der Bevölkerung kein menschliches Leben mehr möglich bzw. nur noch in künstlich gekühlten Räumen möglich sein wird. Selbst in den Ländern des globalen Nordens beginnt das Massensterben aufgrund überhitzter Lebensräume. Es betrifft zunächst erst ältere und bereits erkrankte Menschen und greift dann auch auf Menschen über, die ansonsten als gesund zu bezeichnen sind. Kreislaufschocks, Überhitzung und Wassermangel erreichen dann auch jüngere Menschen.
Unbestritten wird sich durch das Abschmelzen der Pole und das sich erwärmende Meereswasser und das einhergehende Schmelzen des arktischen Eises der Meereswasserspiegel erhöhen.
Eine durchschnittliche mögliche Erhöhung um 2,5 Meter bis 2100 bildet aber nicht den Extrempunkt des Wasserstandes ab. Insbesondere bei Sturmfluten kann die Erhöhung des Meereswasserspiegels um ein Mehrfaches dieses Wertes betragen und zu einer Überflutung bis tief in die Kontinentalbereiche hineinführen. Dies wird auch den globalen Norden betreffen.
Inseln und Küstenregionen sowie tieferliegende Binnenflächen werden überflutet werden, die dortigen Lebensbedingungen vernichtet und wiederum Migration auslösen. Nicht nur Inselgruppen werden verschwinden, sondern auch Länder, wie z.B. Bangladesch und Indien, werden in weiten Teilen überschwemmt werden und Massenfluchten auslösen. Hierbei wirkt sich der Anstieg des Meereswasserspiegels in Verbindung mit dem in dieser Region bereits derzeit zunehmend verheerenden Monsunregen besonders gefährdend aus.
Das Auftauen des arktischen und sibirischen Permafrostbodens wird durch das damit verbundene Freisetzen von Kohlendioxid und Methan zu einem massiven Anstieg der Klimaerwärmung führen und alle damit in Wechselwirkung stehenden Prozesse abrupt verstärken.
In anderen Teilen der Welt führt die Klimaverschiebung zum Aufeinanderprallen von Luftmassen mit extrem unterschiedlichen Temperaturen und zu entsprechend verheerenden Stürmen in Form von Tornados und Hurrikans. Häuser, Autos, Tiere und Menschen werden durch die Luft gewirbelt und zerschmettert. Hochhäuser stürzen ein, die Infrastruktur von Elektrizität, Wasser- und Gasleitungen, Internet wird irreparabel zerstört. Aus zerstörten Atomkraftwerken wird Radioaktivität freigesetzt, die in der Atmosphäre um die Erde zieht, abregnet und zu erhöhten Krebsraten und Missbildungen bei Menschen und Tieren führen wird.
Katastrophaler Einfluss auf die gesellschaftliche und politische Entwicklung im globalen Maßstab
Massive Migration im Sinne von Massenfluchten bzw. Völkerwanderungen werden durch die Klimaverschiebung ausgelöst werden. Die bisherige Migration ist in diesem Sinne allenfalls als die Spitze des Eisbergs anzusehen, wenn im Falle weiterer ungehinderter Klimaerwärmung sich Milliarden Menschen flüchtend auf den Weg machen. Es ist unschwer vorstellbar, welche konflikthaften und auch militärischen Auseinandersetzungen sich aus diesen Verwerfungen im Kampf um die ökologisch noch intakten Regionen ergeben werden.
Die Klimaerwärmung wird zu massiven Ernteausfällen und damit verbundenen Hungersnöten führen. Das globale landwirtschaftliche Ernährungssystem wird kollabieren. Der Kampf um Lebensmittel und das Überleben wird zu massiven Preissteigerungen, Plünderungen und militärischen Auseinandersetzungen führen. Der Ruf nach der harten Hand, nach autoritären Führern und polizeistaatlichen Methoden wird auch in Demokratien lauter.
Rechtsextreme Regierungen werden im Interesse ihrer Klientel versuchen den Klimawandel zu leugnen und weiterhin auf die Ausbeutung fossiler Energien zu setzen.
Der Kampf um Trinkwasser wird sich einerseits aufgrund der zunehmenden Dürreperioden und andererseits aufgrund der sich durchsetzenden profitorientierten Privatisierung von Wasserquellen verschärfen. Privatisierte Wasserquellen werden von militärisch organisierten Sicherheitsdiensten gegen Überfälle von Gruppen durstiger Menschen bewacht werden. In den Dürregebieten wird es zum Verdursten insbesondere von Menschen kommen, die nicht mehr die finanziellen Mittel haben, das knappe und damit verteuerte Gut Wasser zu kaufen.
Spratt/Dunlop (2019, 9) beschreiben die gesellschaftlichen Konsequenzen einer Klimaverschiebung bereits auf dem 3-Grad-Niveau. Staaten und Gesellschaften werden überfordert werden und unter extremen kollektiven Stress geraten: „Die Überflutung von Küstengemeinden auf der ganzen Welt, insbesondere in den Niederlanden, den Vereinigten Staaten, Südasien und China, birgt das Potenzial, regionale und sogar nationale Identitäten in Frage zu stellen. Bewaffnete Konflikte zwischen Nationen um Ressourcen wie den Nil und seine Nebenflüsse sind wahrscheinlich, und ein Atomkrieg ist möglich. Die gesellschaftlichen Folgen reichen von verstärktem religiösem Eifer bis hin zu völligem Chaos. In diesem Szenario löst der Klimawandel eine dauerhafte Veränderung im Verhältnis der Menschheit zur Natur aus.“
Wenn es einer zu stärkenden UN zudem nicht gelingt, skrupellose Regierungen von der generationenegoistischen Vernichtung des Regenwaldes für Zwecke der Viehzucht, des Sojaanbaus, der Suche nach Bodenschätzen oder der Bodenspekulation abzubringen, dann wird auch hierdurch nicht nur die Lunge der Erde vernichtet, sondern auch eine einschneidende Klimaverschiebung bewirkt.
Global tobende Kriege und Emissionen durch Explosionen und Brände verschärfen die klimatische Entwicklung und verhindern gleichzeitig, dass wirkungsvolle Maßnahmen gegen die Dystopie des Klimas von den betroffenen Regionen getroffen werden können. Das im Einsatz befindliche Militär wird zum größten institutionellen globalen Klimazerstörer.
Hierbei sind bisher nur einige Entwicklungen angesprochen. Gefahren, wie z.B. die Temperaturveränderung und die dadurch bedingte Umlenkung des Golfstroms, die Abnahme des Temperaturunterschieds zwischen Nordpol und Äquator, die zur Abschwächung des Jetstreams führt, die Herauslösung des im Meeresboden gebundenen Methans, das Insektensterben durch den vermehrten Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft, die Vernichtung sauberen Trinkwassers durch die Überdüngung der Felder, sowie die Plastikvermüllung der Meere und das Absterben allen Lebens in zunehmend größer werdenden Meeresregionen dürften zusätzliche ökologische Kippelemente darstellen, die die angesprochenen massiven Probleme noch verschärfen werden.
Wann ist der ‚Point of no Return‘ erreicht?
Die Frage ist, wann die weltweite Situation erreicht ist, an dem es keine Rückkehr zur ökologischen Balance über viele Generationen hinweg geben wird.
Das Fortschreiten der Überbevölkerung bei ungebremstem ökonomischen Wachstumsdenken und ausuferndem Konsumverhalten führt zu einer verstärkten ökologischen Ausbeutung des Systems Erde unter den Bedingungen eines zunehmend überfüllten Planeten.
Hierbei ist allerdings zu erwarten, dass nicht der Bevölkerungsdruck primär für die Umweltzerstörung verantwortlich ist, sondern insbesondere der unverantwortliche Verbrauch der Ressourcen durch den reicheren Teil der Weltbevölkerung Roettig 2021.
Der ‚Point of no Return‘ dürfte bald überschritten sein. Wenn die planetaren Reaktionen der Biosphäre eine unkontrollierbare Eigendynamik entfalten, die sich gegen die menschliche Zivilisation und die Bedingungen allen Lebens auf der Erde wendet, ist es zu spät – sowohl für Prävention noch für Eindämmung.
Seit den letzten 20 Jahren ist die Resilienz des Planeten an ihrer Belastungsgrenze angekommen bzw. ist sie in Teilbereichen nachweisbar überschritten.
Die Doomsday-Clock macht dies deutlich. Wir stehen – laut der u.a. von Albert Einstein 1947 begründeten und rechnenden Weltuntergangsuhr – im Februar 2026 bereits 85 Sekunden vor der Zerstörung der planetaren Grundlagen. 1991 waren es noch 17 Minuten bis zur Zerstörung.
Ökoimperialistische und systemische Ursachen
Die gewalttätige Konkurrenz um die Nutzung der Ressourcen nimmt zu, je mehr Menschen in ihren Grundbedürfnissen aber auch insbesondere in ihren Luxusbedürfnissen zu befriedigen sind. Nicht nur der Kampf um sauberes Trinkwasser und Lebensmittel, auch der Kampf um Lithium, Kobalt, Uran etc., führen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Menschengruppen und Regionen. Der deutsche Politikwissenschaftler Hans-Jürgen Burchardt kritisiert, dass die reichen Industrienationen die Hauptverursacher des Klimawandels seien, aber der globale Süden die Hauptlasten zu tragen habe.
„So wird nach dem Atomausstieg die deutsche Energiewende auch über billige Steinkohleimporte aus Kolumbien ermöglicht. Dort wird im stark umweltbelastenden Tagebau gefördert, ganze Gemeinden werden dafür gewaltsam vertrieben, Menschenrechtverletzungen sind an der Tagesordnung. Auch die vielgepriesene grüne Ökonomie, die auf Elektromobilität setzt, wäre ohne die Lithiumvorräte in den Anden nicht möglich. Vor Ort raubt die Lithiumförderung den Anwohnern aber ihre Lebensgrundlagen.“
Auch der Krieg in der Ukraine ist neben geostrategischen Aspekten unter einem ökoimperialistischen Blickwinkel zu betrachten, bei dem Russland und die USA versuchen, sich die ukrainischen Rohstoffvorkommen untereinander aufzuteilen.
Fazit: Die Notwendigkeit einer positiven Vision gesellschaftlicher Entwicklung
Die hier vorgenommene Skizzierung einer Dystopie planetarer Entwicklung hinsichtlich eines ökologischen Negativszenarios dürfte sehr deutlich gemacht haben: Wenn in den aktuellen Jahren nicht die richtigen Entscheidungen getroffen und einschneidende systemische Veränderungen vorgenommen werden, lässt sich die Zerstörung planetarer Lebensräume nicht mehr aufhalten. Wenn dann zu der zurückschlagenden Biosphäre weitere Belastungsfaktoren hinzukommen, wie eine möglicherweise entfesselte generative KI, sich bekämpfende autoritäre und aggressiv agierende Nationalstaaten und ein drohendes nuklearen Inferno, wird dies wohl das Ende der Menschheit bedeuten. Nicht mehr und nicht weniger.
Die hier entwickelte ökologische Dystopie muss nicht kommen. Alles hängt davon ab, wie verantwortlich und kompetent die aktuelle Generation handeln wird, die derzeit in den globalen Machtzentren agiert, und welchen korrigierenden Einfluss zivilgesellschaftlicher Widerstand hierbei entfalten kann.
Quelle
Klaus Moegling, Politikwissenschaftler und Soziologe, Prof. Dr., i.R., er lehrte an verschiedenen Universitäten und Institutionen der Lehrerbildung, zuletzt an der Universität Kassel als apl. Professor im Fb Gesellschaftswissenschaften. Er ist Autor des Buches „Neuordnung“, das auf seiner Webseite frei lesbar zu finden ist: Zusammen mit Josef Mühlbauer Herausgabe des Bandes „Wege zum Frieden“ (Mai 2026, Verlag Westfälisches Dampfboot, als Buch und im open Access: https://www.dampfboot-verlag.de/de/buecher/wege-zum-frieden
(Eine ausführlichere Fassung dieses Artikels ist am 1.9.2026 in Telepolis erschienen: https://www.telepolis.de/article/Zur-Heuristik-der-Furcht-Das-oekologische-Vernichtungsszenario-11434989.html.)











