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Mojib Latif: „Wir steuern auf drei Grad Erwärmung zu“

Klimaschutz geht für Mojib Latif auch ohne große Konferenzen – aber nur durch Energiewende, nicht durch CO2-Entnahme. Nach 30 weitgehend erfolglosen UN‑Gipfeln fordert der Klimaforscher neue Formate.  Interview: Joachim Wille

© Geomar / Mojib Latif

Klimareporter°: Herr Latif, wie bewerten Sie den UN-Klimagipfel COP 30 in Belém? Hat es sich gelohnt, 50.000 Delegierte und Beobachter:innen dafür zum Amazonas-Regenwald zu fliegen? 

Mojib Latif: Der Gipfel war ein Offenbarungseid, wie so viele vor ihm. Die Staatengemeinschaft versagt komplett bei der Begrenzung der Erderwärmung. Die Weltklimakonferenzen verkommen zu einem Ritual und Spektakel, ohne dass man in Sachen Klimaschutz nennenswert vorankäme. 

Wie kann es denn sein, dass in der Abschlusserklärung eines Klimagipfels ein zentrales Thema, der Fahrplan zum Ausstieg aus den fossilen Energien, nicht einmal auftaucht? 

Das liegt an der Struktur der UN-Konferenzen. Abschlusserklärungen müssen einstimmig verabschiedet werden, jedes Land hat ein Vetorecht. Gerade die ölproduzierenden Länder haben kein Interesse an dem Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen und verhindern Fortschritte. Außerdem fallen jetzt auch noch die USA beim Klimaschutz aus und fördern verstärkt die fossilen Energien. 

Hätten die Befürworter des Ausstiegsplans, darunter die meisten EU-Staaten und auch Deutschland, den Gipfel da nicht besser scheitern lassen? Um zu signalisieren: So geht es nicht. 

Das hätte nichts gebracht. Die internationale Klimadiplomatie liegt am Boden. Wir müssen uns neue Strategien überlegen, um eine gefährliche globale Erwärmung noch zu verhindern. Mit den Weltklimakonferenzen allein kommen wir nicht weiter. Ich fordere schon lange, dass Länder, denen Klimaschutz wichtig ist, eine „Allianz der Willigen“ bilden und vorangehen. So ein Bund kann wirtschaftlich erfolgreich sein, muss sich aber gegen Länder wehren, die dreckig produzieren. 

Haben Sie bei der Verabschiedung des Pariser Weltklimavertrages vor zehn Jahren gedacht, dass es so mühsam werden würde, die Emissionen herunterzubringen? Diese sind seither ja nicht gesunken, sondern sogar angestiegen. 

Ja, das war mir klar. Das Pariser Klimaabkommen ist eine Absichtserklärung. Den Worten müssen Taten folgen. Um die Treibhausgasemissionen deutlich zu senken, braucht es systemische Veränderungen wie den Umstieg von den fossilen Brennstoffen auf die erneuerbaren Energien. Dabei handelt es sich um eine Herkulesaufgabe.

Immerhin hat der weltgrößte Klima-Einheizer, China, vor dem Belém-Gipfel erstmals ein Sinken des CO2-Ausstoßes zugesagt. Das Land produziert allein ein Drittel der Emissionen weltweit. Das ist doch ein Hoffnungszeichen, oder? 

Die Welt versteht die Dimension der Herausforderung nicht. CO2 verschwindet nicht einfach, es verweilt über Jahrhunderte bis Jahrtausende in der Atmosphäre. Das heißt, dass selbst weniger Emissionen den CO2-Gehalt weiter ansteigen lassen. Mit etwas weniger ist es nicht getan. 

Sehen Sie die Chance, dass China und die EU dem Klimaschutz-Prozess neuen Schwung geben? Die USA fallen ja auf absehbare Zeit aus. 

Es wäre wünschenswert. Ich bin aber skeptisch. Wir sehen gerade in der EU eine Rückwärtsbewegung, Klimaziele werden aufgeweicht.

Wie bewerten Sie Deutschland? 

Das gilt auch für Deutschland. Die Bundesregierung hat den Rückwärtsgang eingelegt. 

Gibt es denn andere Signale, die Hoffnung machen? 

Die erneuerbaren Energien boomen global betrachtet. Schon heute fließen mehr Investitionen in saubere Energietechnologien als in konventionelle, womit fossile Energien und Atomkraft gemeint sind.

Meine Hoffnung wäre, dass sich am Ende die überlegene und auch billigere Technologie durchsetzt und die Weltklimakonferenzen überflüssig macht. Technologiewandel ist in der Vergangenheit sehr schnell vonstattengegangen. 

Das Ziel, die globale Erwärmung möglichst noch irgendwo nahe 1,5 Grad Celsius zu stoppen, ist also unrealistisch? 

Ich gehe davon aus, dass die Welt auch die Zwei-Grad-Marke reißen wird. Weil einerseits wegen der physikalischen Trägheit noch ein paar Zehntelgrad Erwärmung hinzukommen und weil wir auch in den kommenden Jahrzehnten noch riesige Mengen Treibhausgase ausstoßen werden. 

Am Ende vor allem Fassade: Die 30. Weltklimakonferenz in Brasilien enttäuschte genauso wie drei letzten Gipfel in fossilen Autokratien. (Bild: Christian Mihatsch)

Welches Temperaturniveau ist wahrscheinlich? 

Wenn man das gegenwärtige weltweite Rollback einbezieht, steuern wir auf mindestens drei Grad globale Erwärmung zu. 

Was wären die Folgen? 

Das ist eine Welt, die die Menschen nicht kennen. Wetterextreme werde sich weiter häufen und auch intensivieren. Der Anstieg des Meeresspiegels wird sich noch beschleunigen, bis auf mehrere Meter, wobei sich das über mehrere Jahrhunderte erstreckt.

Wichtig ist mir aber zu betonen, dass wir ein Experiment mit unserem Planeten anstellen, dessen Ausgang wir nicht in allen Details kennen. Wollen wir dieses Wagnis eingehen? 

Es wird diskutiert, überschüssiges CO2 wieder aus der Atmosphäre zu entfernen, um schwere Klimaschäden zu verhindern. Wie realistisch ist das? 

Das ist unrealistisch und soll nur vom Versagen der Weltpolitik ablenken. Man will den Menschen vorgaukeln, dass es eine Lösung für das Klimaproblem gibt, ohne dass große Veränderungen nötig wären. Es kann nur einen sinnvollen Weg geben: schnell runter mit den Emissionen. 

In Belém ist ein neuer Tropenwaldfonds ins Leben gerufen worden, und Deutschland hat dafür immerhin eine Milliarde Euro angekündigt. Kann das die Trendwende beim Wald bringen? 

Der Beitrag Deutschlands klingt größer, als er tatsächlich ist, weil er sich über zehn Jahre erstreckt. Ich hoffe, dass der neue Fonds die Waldzerstörung stoppen kann. Fürs Klima bringt er aber nicht viel, denn das meiste CO2 gelangt durch die Nutzung der fossilen Brennstoffe in die Atmosphäre. 

Ein weiteres zentrales Thema war die Finanzierung von Energiewende und Klimaanpassung in den Entwicklungsländern. Bis 2035 sollen die jährlichen Gelder dafür immerhin 1,3 Billionen Dollar erreichen, das hat letztes Jahr die COP 29 beschlossen. Hat die COP 30 hier etwas bewegt? 

Diese Unterstützung ist schon wichtig. Mich beschleicht aber das Gefühl, dass sich die Industrieländer mit Geld aus der Verantwortung stehlen wollen. Auch sie müssen ihre Emissionen drastisch verringern.

Unter dem Strich: Sollten die COPs weitergehen? Oder braucht es etwas Neues? 

Es braucht auf jeden Fall etwas Neues. Ob die COPs weitergehen sollen? Da bin ich zwiegespalten. Miteinander sprechen ist immer gut. Wir brauchen aber sicherlich nicht Zigtausende, die an den Konferenzen teilnehmen.

Quelle

Das Interview wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Joachim Wille) 2025 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden! Mojib Latif ist Professor für Ozean­zirkulation und Klima­dynamik am Helmholtz-Zentrum für Ozean­forschung Kiel (Geomar) und an der Universität Kiel, außerdem Präsident der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome.

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