Selbst Denken statt Rache
Am Tag nach dem 11. September 2001, also vor 25 Jahren, drückte der Dalai Lama in einem Brief an den damaligen US-Präsidenten George W. Bush seine tiefe Trauer und sein Mitgefühl aus und plädierte eindrücklich für eine gewaltfreie Reaktion.
Bin Laden war der Hauptverantwortliche für den Terroranschlag in New York, dem beinahe 3.000 Menschen zum Opfer gefallen waren. Man stelle sich nur einmal kurz vor, wie die Welt heute aussehen könnte, wenn der US-Präsident den Dalai Lama mit seiner Bitte um eine „gewaltfreie Reaktion“ verstanden hätte und auf Dialog, Diplomatie und Gespräche anstatt auf Rache und Krieg gesetzt hätte.
Wie hat die „zivilisierte Welt“ auf den 11. September reagiert?
George W. Bush plante den „Krieg gegen den Terror“. Sein Motto und sein Ziel: Rache, Rache, Rache; Krieg, Krieg, Krieg. Auch der damalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte: „Das ist eine Kriegerklärung an die gesamte zivilisierte Welt.“
Wenn etwas so Schreckliches passiert wie am 11. September 2001, rechnen die Terroristen damit, dass der „Feind“ mit Rache reagiert. Das ist ihr eigentliches Kalkül. Und George W. Bush und Gerhard Schröder haben genau so reagiert und liefen damit voll in die Falle der Terroristen und des Terrors. Die Geschichte ist voller Terrorakte, denen fast immer weiterer Terror folgte.
Einen Ausweg aus diesem Teufelskreis zeigte der renommierte US-Historiker Timothy Snyder am 10. September 2026 in der Süddeutschen Zeitung: „Die naheliegende Antwort auf den 11. September hätte darin bestanden, uns von den fossilen Brennstoffen zu befreien. Ohne unsere Abhängigkeit vom Öl wären wir schließlich nie in den Strudel des Nahen Ostens geraten. Hätten wir uns auf saubere Energiequellen konzentriert, hätten wir die globale Erwärmung eindämmen, weitere Kriege im Nahen Osten verhindern und den Aufstieg der von Kohlewasserstoffen getragenen Oligarchie des russischen Präsidenten Putin verhindern können.“
Das neue Feindbild: der islamistische Terrorist
Doch es kam – wie wir heute wissen – ganz anders – nämlich genau so wie von den Terroristen geplant: Rache, Krieg und Massenmord: „War on terror – Krieg gegen den Terror“, wovor der Dalai Lama gewarnt hatte. Und so entstand im Westen auch ein neues Feindbild: der islamistische Terrorist. Und für viele waren „die Muslime“ plötzlich Feinde.
Nach einer Studie starben in den anschließenden Antiterror-Kriegen in Afghanistan, dem Irak, im Jemen, in Pakistan und Syrien 940.000 Menschen. An indirekten Kriegsfolgen wie Hunger, Seuchen, Zerstörung starben noch viel mehr (Die Zeit, 11. Sept. 2026).
Dank der US-Rachepolitik habe die Terroristen wieder einmal ihr Ziel erreicht. Der Massenmord hat die USA und die NATO-Verbündeten mehr als zwei Billionen ( das sind 2.000 Millionen) Dollar gekostet (Die Zeit, 10. September 2026). Das Drehbuch der Terroristen ist voll aufgegangen.
Mit dem 11. September 2001 endete auch die Phase der demokratischen Erneuerung nach dem Kalten Krieg. Den US-Kriegen folgte Putin mit seinem Terror-Krieg gegen die Ukraine. Putins Kalkül: Wenn die USA sich nicht ans Völkerrecht halten, dann brauche ich das auch nicht. Heute benutzen Putin und Trump dieselben Argumente gegen ihre „Feinde“.
Um dem Teufelskreis des ewigen Terrors zu entkommen, schlägt Timothy Snyder etwas ganz Einfaches vor: „Die beste Waffe gegen Terrorismus ist selbst denken… Genau das müssen Amerikanerinnen und Amerikaner heute tun, an diesem schrecklichen Jahrestag. Sich nicht provozieren lassen, nicht in die mentale Welt des Terrorismus eintreten, sondern selbst denken. Nur dann besteht die Hoffnung, dass das nächste Vierteljahrhundert besser wird als das vergangene.“






