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Rohstoffe für Deutschland

Deutschlands wichtigster Rohstoff ist das Wissen. Weitere Rohstoffe wie Metalle, Seltene Erden oder Erdgas müssen größtenteils importiert werden. Das stellt deutsche Unternehmen vor mehrere Herausforderungen: Der Rohstoffhunger der aufstrebenden Schwellen- und Entwicklungsländer führt vielfach zu einer Verknappung des Angebots mit steigenden Preisen.

Der Welthauptlieferant für Seltene Erden, China, will nicht länger die Hightech-Metalle zu wiedrigsten Umweltbedingungen und Dumpinglöhnen abbauen und verknappt daher sukzessive seine Ausfuhrquoten – für Teile der Wirtschaftspresse ein nicht nachvollziehbarer staatlicher Eingriff. Aber auch andere große Minen weltweit, wie beispielsweise beim Kupferabbau in Südamerika, sind mit der Forderung einer größeren Partipitation der Arbeiter an den Gewinnen (Streiks) und der Bevölkerung an dem Reichtum (Umweltzerstörungen / höhere Besteuerung der Minen) konfrontiert.

Das größte Problem für die Realwirtschaft ist aber auch bei dem Thema Rohstoffversorgung die ungezügelte Finanzwirtschaft: Haben die Exzesse der Finanzjongleure mit ihrer Krise 2008 die Realwirtschaft ins Mark getroffen und durch die staatlichen Rettungsaktionen die Staatsschuldenkrise initiiert (an der prächtig verdient werden konnte), geht es nun um die Rohstoffspekulation in Billionenhöhe. Hier werden per Mausklick über die Spekulation mit wertvollen Rohstoffen gigantische Gewinne erzielt, die über den höheren Preis 1 zu 1 von den Unternehmen und den Verbrauchern gezahlt werden müssen. Hart erarbeitete Unternehmensgewinne und Lohnsteigerungen der Konsumenten wandern so über die künstlich verteuerten Preise in die Taschen der Spekulanten.

Das Ausmaß und der Schaden durch die Rohstoffspekulation sind gigantisch

Der Rohstoffmarkt kennt spätestens seit 2008 nur eine Richtung: steigende Preise. Laut dem WDR-Magazin „Monitor“  hat sich die Spekulationssumme allein im Jahr 2008 um 600% vervielfacht. Die DIHK hat die Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft allein durch diese Spekulation mit 30 Milliarden Euro Mehrausgaben im Jahr 2010 für die deutschen Unternehmen beziffert. Bei den Hightech-Metallen der Gruppe Seltene Erden kommen noch eine weltweit steigende Nachfrage und ein sinkendes Angebot aufgrund von Exportbeschränkungen Chinas hinzu, wodurch sich beispielsweise ein Kilogramm Dysprosium (für Mobiltelefone und Hybrid-Fahrzeuge benötigt) in dem Zeitraum Januar bis September 2011 von 400 Dollar auf rund 2.840 Dollar versiebenfacht hat.

Laut dem Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) war das Jahr 2011 mit 12,4% Preisanstieg bei Rohstoffen ohne Energie und mit 22,4% inklusive der energetischer Rohstoffe das teuerste Rohstoffjahr der Geschichte. Die Erklärung des HWWI für die Teuerung: „Durch die niedrigen Zinsen der Notenbanken, besonders der Fed, stand Anlegern und Hedgefonds viel Liquidität zur Verfügung, die zur Portfoliodiversifikation und Inflationsabsicherung in Rohstoffe investiert wurden.“ Oder anders ausgedrückt: Banken wurde Geld nahe Null Prozent Zinsen geliehen, die damit dann zu Lasten der Realwirtschaft gewettet und spekuliert haben, um damit die astronomischen Gewinne vor der Krise wieder zu erreichen – also um an die Spitze ihrer Blase wieder nahtlos anzuknüpfen.

Studie der Handelskonferenz der Vereinten Nationen

Eine Studie der Handelskonferenz der Vereinten Nationen (UNCTAD) hat Mitte 2012 die Struktur der Rohstoffspekulation untersucht und kam zu dem Ergebnis: Der computergestützte Hochfrequenzhandel habe zu einem „Strukturbruch“ an den Rohstoffbörsen geführt, mit dem Ergebnis einer Destabilisierung der Rohstoffpreise, mit plötzlichen und scharfen Korrekturen der Preise – meist nach oben. Laut der UNCTAD-Studie haben Spekulationsgeschäfte die Preise für Öl oder Mais seit dem Jahr 2008 deutlich stärker beeinflusst als die tatsächlichen wirtschaftlichen Daten. Dadurch sind die Preise von ihren Fundamentaldaten losgelöst und verhalten sich ähnlich wie andere Spekulationsobjekte, beispielsweise Aktien. Für die Gewinne der Spekulanten müssen dann die Unternehmer und Verbraucher der realen Wirtschaft aufkommen, die die virtuelle Arbeit der häufig institutionellen Spekulanten (Banken, Hedgefonds etc.) mit Milliarden teuer und ungewollt bezahlen müssen.

Geld, das dadurch an anderer Stelle fehlt und über die hohe Teuerungsrate Unternehmensgewinne und Lohnsteigerungen auffrisst – und statt dessen die Konten in den Finanzzentren und Offshore-Paradiesen füllt. Laut den UNCTAD-Ökonomen hat es vor dem Jahr 2008 statistisch keinen Zusammenhang zwischen den Rohstoff- und den Aktienmärkten gegeben. Erst seit dem Krisenjahr 2008, als Billionengelder aus den destabilisierten Finanzmärkten in alternative „Anlagemöglichkeiten“ wie Gold oder Rohstoffmärkte flüchteten, sei die Korrelation deutlich gestiegen.

Laut der Studie hat dabei nun vor allem der Hochfrequenzhandel innerhalb der Spekulation einen großen Anteil. Mittlerweile werden rund 70% der Börsengeschäfte in den USA und bis zu 40% der Geschäfte in der EU nur noch von Computern gesteuert. (Zur vollständigen Studie der UNCTAD; siehe auch weitere Details und Hintergrundinformationen in dem längeren Artikel zu dieser Studie, “UN-Studie belegt: Hochfrequenzhandel der Börsenspekulanten verzerrt Rohstoffmarkt und ist Preistreiber zulasten der Realwirtschaft“.)

Verbesserung der Versorgung der Bundesrepublik Deutschland mit kritischen Rohstoffen

Seit den Turbulenzen aufgrund der entarteten Finanzwirtschaft wird das Thema der Rohstoffversorgung in Deutschland offensiver angegangen. So wurde beispielsweise im Oktober 2010 die deutsche Rohstoffagentur gegründet. Damit sollen Großkonzerne wie auch kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in vielfältiger Weise unterstützt werden, ihre Rohstoffbezugsquellen zu diversifizieren. Die staatliche KfW hat dann Ende 2011 eine Studie über die Risiken der Versorgung Deutschlands mit mineralischen Rohstoffen (Metalle, Industriemineralien, Steine und Erden) unter Berücksichtigung der weltweit steigenden Nachfrage durch Zukunftstechnologien herausgegeben. Darin werden 52 Rohstoffe hinsichtlich ihrer Risiken für die Rohstoffversorgung und der Verletzbarkeit der deutschen Wirtschaft bei Eintritt einer Versorgungsstörung analysiert.

Anfang Februar 2012 gaben dann zwölf deutsche Großkonzerne unter Federführung des BDI bekannt, ein gemeinsames, schlagkräftiges Rohstoffunternehmen zu gründen. Sie wollen nicht länger von Rohstofflieferungen abhängig sein, sondern über ein Gemeinschaftsunternehmen direkt an die Quellen im Ausland vorstossen. Der „Allianz zur Rohstoffsicherung“ gehören derzeit Aurubis, BASF, Bayer, BMW, Chemetall, Daimler, Evonik Industries, Georgsmarienhütte Holding, Bosch, Stahl-Holding-Saar, ThyssenKrupp und Wacker Chemie an.

Im Rahmen der Rohstoff-Offensive der Bundesregierung wurden weitere Maßnahmen initiiert, von verbesserter Forschung in diesem Bereich bis hin zu bilateralen Übereinkommen mit Lieferländern für einen besseren Zugang deutscher Unternehmen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) unterstützt nun aktuell die Durchführung von Vorhaben zur Exploration kritischer Rohstoffe im In- und Ausland. Zu den kritischen Rohstoffen zählen insbesondere Antimon, Beryllium, Kobalt, Fluorit, Gallium, Germanium, Graphit, Indium, Magnesium, Niobium, Platinmetalle, seltene Erden, Tantal und Wolfram.

Gefördert werden:

  • der Erwerb von Aufsuchungsrechten sowie die projektbezogene Beteiligung an Unternehmen, die bereits im Besitz von Aufsuchungsrechten sind,
  • die über- und untertägige Exploration,
  • Studien über die technische und wirtschaftliche Durchführbarkeit zur Vorbereitung der Entscheidung über die bergbauliche Investition (einschließlich aufbereitungs- und verarbeitungstechnischer Versuche im Pilotmaßstab und ingenieurmäßiger Planungsarbeiten) und
  • der Erwerb von Optionen auf Übernahme von oder Beteiligung an Aufsuchungsrechten, Gewinnungs- und Aufbereitungsanlagen sowie Anlagen der ersten Verarbeitungsstufe einschließlich Durchführung der dafür notwendigen Machbarkeitsstudien (mehr zu dem Förderprogramm hier).

Rohstoffe: Knappheit oder Mythos

Auch die Unternehmensberatung Roland Berger Strategy Consultants hat sich in ihrer aktuellen Ausgabe des Kundenmagazins COO dem Thema gewidmet. Im Editorial heit es: “Knappe Rohstoffe sind die Achillesferse der Industrie. Das klassische Beispiel: Öl. Wer kann sagen, wie lange es bezahlbar bleibt? Wie sieht es mit Seltenen Erden aus? Können überraschende Funde in Deutschland oder Japan Chinas Quasimonopol brechen? Rohstoffe und Energiepreise sind die größten Unternehmensrisiken. Sich auf den nächsten Lieferengpass und die nächste Krise vorzubereiten, ist die Königsdisziplin des Managements. Überlegte Reaktionen und vorausschauendes Handeln sorgen für Sicherheit und Kalkulierbarkeit in Zeiten extremer Volatilität.” (Download hier)

Quelle

AGITANO | mb 2013

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