Geothermie könnte Wärmebedarf des Berliner Olympiastadions vollständig decken
Der Wärmebedarf des Berliner Olympiastadions könnte rechnerisch vollständig durch oberflächennahe Geothermie gedeckt werden.
Das zeigen Modellberechnungen, die Forschende des LIAG-Instituts für Angewandte Geophysik aus Hannover und der Universität Göttingen gemeinsam mit Partnern für den Olympiapark Berlin durchgeführt haben. Dafür nutzen sie Daten und Analyseverfahren aus dem Forschungsprojekt WärmeGut, darunter digitale Werkzeuge des bundesweiten Geothermischen Informationssystems GeotIS. Die Ergebnisse zeigen zugleich, welches Potenzial große Sportflächen für die Wärmewende in Städten bieten können. In Deutschland gibt es rund 230.000 Sportanlagen, von denen ein großer Teil energetisch saniert werden muss.
Erdwärmesondenfeld für das Berliner Olympiastadion
Für das bestehende Olympiastadion und das angrenzende Maifeld untersuchte das Forschungsteam unter anderem den Einsatz von Erdwärmesonden. Nach den Modellberechnungen könnten dort über 500 Sonden mit einer Länge von jeweils circa 110 Metern installiert werden. Die dadurch gewinnbare Heizenergie würde rechnerisch ausreichen, um den Wärmebedarf des Olympiastadions vollständig zu decken.
Der gesamte Olympiapark Berlin weist derzeit einen Wärmebedarf von rund 23 Gigawattstunden und einen Strombedarf von sieben Gigawattstunden pro Jahr auf. Allein auf das Olympiastadion entfallen jährlich etwa fünf Gigawattstunden für Wärme und Strom. Der Energieverbrauch des Olympiaparks verursacht dem Fachbeitrag zufolge gegenwärtig Treibhausgasemissionen von rund 6.740 Tonnen pro Jahr.
„Wenn im Berliner Olympiapark jetzt über Neubau und langfristige Entwicklung entschieden wird, ist das eine gute Gelegenheit, auch die künftige Wärmeversorgung von Anfang an mitzudenken. Unsere Modellberechnungen auf Basis von geowissenschaftlichen Daten im Geothermischen Informationssystem GeotIS und unsere Methodik zur Potenzialanalyse im Forschungsvorhaben WärmeGut zeigen, dass oberflächennahe Geothermie sowohl für das bestehende Olympiastadion als auch für einen möglichen Neubau am Reiterstadion hier erhebliches Potenzial bietet“, sagt Prof. Dr. Inga Sigrun Moeck, Forschungsabteilungsleiterin am LIAG-Institut für Angewandte Geophysik und Professorin für Angewandte Geothermik und Geohydraulik an der Universität Göttingen.
Neubau im Bereich des alten Reiterstadions
Die Untersuchungen gehen über das bestehende Olympiastadion hinaus. Auch einen möglichen Stadionneubau im Bereich des alten Reiterstadions bezog das Forschungsteam in die Modellierungen ein. Dort könnten nach den Berechnungen ebenfalls über 500 Erdwärmesonden zu einem Erdwärmesondenfeld installiert werden. Die günstigen geologischen Bedingungen im Bereich des alten Reiterstadions ermöglichen etwa 10 bis 20 Meter längere Erdwärmesonden als unter dem Olympiastadion. Bei Großanlagen wie einem Stadionneubau kann ein Erdwärmesondenfeld zudem als Großwärmespeicher und nicht nur als reine Erzeugungsanlage geplant werden, da der Bedarf an saisonaler Wärmespeicherung für die Fernwärme wächst und entsprechend gefördert wird.
„Ein großes Erdwärmesondenfeld könnte als saisonaler Wärmespeicher dienen. Überschüssige Wärme, etwa aus der Gebäudekühlung, könnte im Sommer im Untergrund gespeichert und später wieder genutzt werden“, so Moeck. Die Forschenden empfehlen deshalb, geothermische Anlagen bei der Weiterentwicklung des Olympiaparks in ein übergreifendes Wärme- und Kältekonzept einzubinden.
Zusätzlich untersuchten die Forschenden Horizontalfilterbrunnen zur energetischen Nutzung, die unter geeigneten Bedingungen Wärmeleistungen im Megawattbereich ermöglichen könnten. Ob sich damit langfristig sogar der Wärmebedarf des gesamten Olympiaparks decken ließe, müsste jedoch weiter untersucht werden. Eine weitere im Fachbeitrag angeführte Beispielrechnung mit Erdwärmekollektoren zeigt zudem, dass ein Sportplatz mit einer Fläche von rund 7.140 Quadratmetern je nach Auslegung mit Erdwärmekollektoren Wärme für 50 bis 80 Einfamilienhäuser oder mehrere öffentliche Gebäude wie Schulen, Kitas oder Sporthallen bereitstellen könnte. Mit Erdwärmesonden oder Horizontalfilterbrunnen lassen sich laut den Forschenden noch größere Wärmemengen erschließen, so dass mehrere Hundert bis Tausend Haushalte mit Wärme und Kälte versorgt werden.
Forschung für konkrete Planungsfragen zur Nutzung des geothermischen Potenzials von Sportanlagen
Die Berechnungen basieren auf Forschungsarbeiten aus dem Verbundprojekt WärmeGut. Darin werden geologische Daten aus den Bundesländern vereinheitlicht und über das frei zugängliche Geothermische Informationssystem GeotIS bereitgestellt. Für die Untersuchung des Olympiaparks nutzte das Forschungsteam am LIAG verschiedene digitale Analyseverfahren und entwickelte zusätzlich einen GIS-basierten Ansatz, mit dem mögliche Flächen für Erdwärmesondenfelder unter Berücksichtigung bestehender Gebäude, Verkehrsflächen und weiterer Einschränkungen automatisiert analysiert werden können. Damit lassen sich geothermische Potenziale für konkrete Standorte bereits in einer frühen Planungsphase abschätzen. Der Olympiapark zeigt beispielhaft, wie solche Daten und Verfahren für große Sportflächen eingesetzt werden können.
Sportflächen sind für die Nutzung oberflächennaher Geothermie besonders interessant, weil sie große, weitgehend unbebaute Flächen bieten. Bei einer Erneuerung des Spielfelds würden zudem ohnehin umfangreiche Erdarbeiten anfallen, sodass sich geothermische Anlagen mit vergleichsweise geringem Zusatzaufwand integrieren lassen. Je nach geologischen Standortbedingungen kommen Erdwärmekollektoren, Erdwärmesonden oder Horizontalfilterbrunnen infrage. Bei Erdwärmesonden bleibt die Fläche oberirdisch anschließend uneingeschränkt nutzbar.
Die Forschenden kommen deshalb zu dem Schluss, dass Sportstätten künftig eine stärkere Rolle für die Wärmewende im urbanen Raum übernehmen könnten – sowohl bei der energetischen Sanierung bestehender Anlagen als auch bei Neubauten.
Hintergrundinformationen
Die Ergebnisse sind im September 2026 in der Fachzeitschrift Geothermische Energie, Heft 115, unter dem Titel „Energiewende im Stadion mit Geothermie am Beispiel des Berliner Olympiaparks“ erschienen. Verfasst wurde der Beitrag von Inga Sigrun Moeck und Jens-Olaf Delfs vom LIAG gemeinsam mit Fabian Neth von der Hochschule Biberach und Nico Oesemann von H. Anger’s Söhne Bohr- und Brunnenbaugesellschaft mbH.
Quelle
LIAG-Institut für Angewandte Geophysik 2026 | Prof. Dr. Inga Moeck







