Globale Atomkraft-Bilanz: Renaissance mit wenig Strahlkraft
Die Zahl der Atomreaktoren ist laut einem neuen Report weltweit gesunken, während ihre Stromproduktion gleich bleibt. Taiwan hat den Atomausstieg vollzogen.
Die weltweite Atomkraft-Nutzung bleibt auf einem Plateau – mit leicht sinkender Reaktorzahl, aber nahezu stabiler Leistung. Zu Jahresbeginn waren global 404 Kernkraftwerke in Betrieb, fünf weniger als ein Jahr zuvor, listet der World Nuclear Industry Status Report (WNISR) in einer neuen Auswertung für 2025 auf.
Trotz der geringeren Zahl blieb die Gesamt-Betriebskapazität der tatsächlich am Netz befindlichen Reaktoren wegen der höheren Leistung praktisch stabil. Es waren laut dem Branchenreport 369 Gigawatt. Auch 2025 war damit kein Jahr der großen Nuklear-Renaissance, die von interessierten Kreisen immer wieder vorausgesagt wird.
Vier neue Reaktoren mit zusammen 4,4 Gigawatt gingen ans Netz – zwei in China sowie je einer in Indien und Russland. Gleichzeitig wurden sieben Anlagen mit 2,8 Gigawatt stillgelegt: je drei in Belgien und Russland sowie ein Reaktor in Taiwan.
Damit habe 2025 die niedrigste Zahl neuer Inbetriebnahmen seit 2017 gebracht – sie lag deutlich unter den zu Jahresbeginn erwarteten 13, so die aktualisierten Zahlen des Reports, der in Berlin von seinem Herausgeber Mycle Schneider und vier der 14 Autorinnen und Autoren vorgestellt wurde.
Schlagzeilen machte 2025 der Fall Taiwan: Mit der Abschaltung des letzten Reaktors im Mai ist der Atomausstieg dort vollzogen. Politisch war das Thema allerdings umkämpft: Ein Referendum zur Wiederinbetriebnahme scheiterte im August 2025 lediglich daran, dass die nötige Mindestbeteiligung verfehlt wurde.
Zahl der Reaktorblöcke in der EU sinkt unter 100
In Europa fällt vor allem Belgien ins Gewicht: Aufgrund von drei Stilllegungen 2025 in dem Land und keiner sonstigen Neu-Inbetriebnahme sank die Zahl der in der EU laufenden AKW-Blöcke laut dem Nuklear-Report unter 100, nämlich auf 98.
Belgien hat gleichzeitig die Laufzeit zweier jüngerer Reaktoren (Doel 4 und Tihange 3) bis 2035 verlängert. Die EU-Kommission genehmigte dafür 2025 staatliche Beihilfen.
AKW Cattenom an der Mosel: Westeuropäische Länder haben Probleme mit ihren Atomkraftwerken und greifen zu riskanten Laufzeitverlängerungen. (Bild: Frank Becker/Pixabay)
Mehrere Länder, darunter Frankreich, haben zwar Neubau-Pläne, deren konkrete Umsetzung ist angesichts der hohen Baukosten aber noch offen. Falls die Reaktoren kommen, werden sie aber nicht vor Mitte oder Ende des nächsten Jahrzehnts in Betrieb gehen können.
Ein Kernpunkt der WNISR-Bilanz ist der Bau neuer Anlagen. Weltweit wird demnach an 66 Reaktoren in elf Ländern gebaut, das sind fünf „Bau-Länder“ weniger als noch zwei Jahre zuvor.
China dominiert klar mit 36 aktiven Baustellen im Inland, also mehr als der Hälfte der Gesamtzahl. Auf dem gesamten amerikanischen Kontinent, so der Bericht, gebe es derzeit keinen einzigen kommerziellen Reaktor im Bau.
In der EU wiederum sei Mochovce 4 in der Slowakei das einzige Kraftwerk, an dem gearbeitet wird – ein Projekt, dessen ursprünglicher Baubeginn 40 Jahre zurückreicht. Im Nicht-EU-Land Großbritannien ist eine Doppel-Anlage in Konstruktion, Hinkley Point C, allerdings verzögert sich die Inbetriebnahme deutlich.
Fast nur noch Atomwaffenstaaten bauen neue Reaktoren
Die Bedingungen für eine echte Renaissance der Atomkraft sind damit schwierig. Um die weltweite Atomstromproduktion bis 2030 angesichts der absehbaren Stilllegung alter Reaktoren aufrechtzuerhalten, wären laut den Autoren des Reports deutlich mehr Reaktorstarts nötig, als derzeit absehbar sind.
Es sei denn, massive Laufzeitverlängerungen von Alt-Reaktoren würden die Regel. Ein Beispiel für eine solche Strategie ist Großbritannien. Dort wird laut Financial Times über eine Verlängerung der Laufzeit des Reaktors Sizewell B bis 2055 verhandelt, um eine drohende Stromlücke wegen der Verzögerung von Hinkley Point C zu vermeiden.
Geopolitisch brisant ist, dass von den 66 weltweit im Bau befindlichen Reaktoren 63 in Atomwaffenstaaten liegen oder von Unternehmen gebaut werden, die von solchen Ländern kontrolliert werden. Als AKW-Exporteure treten laut WNISR praktisch nur China, Frankreich und Russland auf, letzteres dabei als größter internationaler Lieferant mit zahlreichen Projekten außerhalb der eigenen Grenzen.
Der Bericht setzt die Atomkraft zudem in Relation zum rasanten Ausbau der Erneuerbaren – und liefert dafür ein plakatives Beispiel: In den ersten elf Monaten 2025 seien geschätzt 275 Gigawatt Solarleistung in China neu ans Netz gegangen, also mehr als das Hundertfache der 2,5 Gigawatt, die durch die zwei neuen chinesischen Reaktoren hinzukamen. Trotz der höheren Stromproduktion der AKW im Vergleich mit Solarparks gleicher Nennleistung ergibt sich daraus, dass der Atomanteil im chinesischen Strommix tendenziell schrumpft.
Der Präsident des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (Base), Christian Kühn, sagte anlässlich der Vorstellung des Reports: „Der WNSIR zeigt deutlich, dass die prognostizierte Renaissance der Atomkraft klar ausbleibt. Der Anteil der Kernenergie an der globalen Stromerzeugung sinkt seit Jahrzehnten.“
Auch die Erwartung, neuartige Mini-Reaktoren könnten die Wende bringen, werde durch den Report nicht gestützt, so Kühn. Der Bericht zeige vielmehr, dass diese Small Modular Reactors (SMR) „noch sehr weit von einer kommerziellen Realität entfernt“ seien.
Quelle
Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Joachim Wille) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden!







