Stromverbrauch: KI saugt die Energiewende auf
Zwar boomen Erneuerbare, doch die Anwendungen von künstlicher Intelligenz und andere Stromfresser halten die fossilen Kraftwerke weiter am Netz. Dagegen helfen altbekannte Lösungen und eine Diskussion um Dateneffizienz.
Die Klimaberichterstattung hält selten gute Nachrichten parat. In der Regel geht es um besorgniserregende Studien, zerstörerische Extremereignisse oder politische Versäumnisse.
Doch es gibt die eine Ausnahme, den Silberstreif am Horizont: die erneuerbaren Energien.
In zahllosen bitterernsten Essays, Analysen und Büchern über die Klimakrise stehen als Mutmacher am Ende noch ein paar Zahlen zu dem scheinbar unaufhaltsamen Siegeszug der Stromerzeugung mit Sonne und Wind.
Und das zu Recht. Über 90 Prozent der weltweiten Investitionen in Stromerzeugung fließen inzwischen in die Erneuerbaren. Auch Washington kann diesen Trend nicht mehr umkehren. Das Zugpferd ist China, aber auch in Europa und Deutschland geht es voran.
Erst kürzlich zeigte eine Auswertung des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg: Wind- und Solarenergie sind die beiden wichtigsten Energiequellen in Deutschland und decken gemeinsam 56 Prozent des Strombedarfs ab.
Um Kohle, Öl und Gas aus den Stromnetzen zu drängen, reicht das allerdings nicht aus. Die Erneuerbaren müssten dazu schneller wachsen als die Stromnachfrage. Genau davon sind Expert:innen vor wenigen Jahren auch noch ausgegangen. So prognostizierte die Internationale Energieagentur IEA in ihrem Jahresbericht 2023, der Ausbau der Erneuerbaren werde den Anstieg der Nachfrage bis 2028 überflügeln.
Spielverderber künstliche Intelligenz
Tatsächlich war 2025 das erste Jahr, in dem sich diese Prognose bewahrheitete. Wie eine jetzt im Fachjournal Nature Reviews Clean Technology erschienene Analyse der neuesten globalen Stromdaten zeigt, wuchs die Stromerzeugung mit Erneuerbaren in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres etwas stärker als der Bedarf – um 635 gegenüber 603 Terawattstunden.
Ob diese Bilanz auch für das gesamte Jahr gilt, muss aber bezweifelt werden. Das erste und letzte Quartal eines Jahres erzeugen stets deutlich weniger grünen Strom als die Sommermonate der Nordhalbkugel.
Zudem nehmen warnende Prognosen zu, dass wichtige Nachfragetrends zulegen. Einer der großen Spielverderber ist die künstliche Intelligenz.
„KI erfordert enorme Mengen an Energie, und das ist äußerst besorgniserregend“, sagte Studienautorin Diana Ürge-Vorsatz, Physikerin und stellvertretende Vorsitzende des Weltklimarates IPCC. Die Welt und besonders Europa habe sich in den vergangenen Jahrzehnten in eine vielversprechende Richtung bewegt.
In einigen Industrienationen habe sich der Trend einer sinkenden Stromnachfrage in den letzten beiden Jahren aber wieder umgekehrt, so die ungarische Klimaforscherin.
Der Rekordausbau der Erneuerbaren wird laut Studie zu einem großen Teil vom rasch wachsenden Energiebedarf der Rechenzentren für künstliche Intelligenz aufgesogen. „Die Erstellung eines nur einminütigen Online-Videos – und das dreimalige Ausprobieren – kann so viel Energie erfordern wie eine Autofahrt über 100 Kilometer“, erklärte Ürge-Vorsatz in einem Interview mit dem Fernsehsender RTL.
Rechenzentren, deren Kühlung energieaufwendig ist, verbrauchten 2024 bereits rund 415 Terawattstunden, was 1,5 Prozent des globalen Stromkonsums entspricht. Durch die rasante Entwicklung von KI geht die IEA mittlerweile davon aus, dass sich dieser Wert innerhalb der kommenden fünf Jahre mehr als verdoppelt.
Ein Erneuerbaren-Boom ist noch keine Energiewende
Die künstliche Intelligenz ist nicht allein für den Nachfrageboom verantwortlich. Die Urbanisierung und die Erderwärmung selbst treiben den Bedarf an Gebäudekühlung hoch – um etwa vier Prozent jedes Jahr. Auch die Elektrifizierung des Verkehrs wird in den kommenden Jahren weitergehen.
Während Elektrofahrzeuge nach den jüngsten verfügbaren Zahlen von 2024 erst rund 0,7 Prozent des gesamten Stromverbrauchs ausmachen, könnte sich auch dieser Anteil in den kommenden fünf Jahren mehr als verdoppeln.
Es reiche deshalb nicht, nur die Angebotsseite in den Blick zu nehmen, warnen Diana Ürge-Vorsatz und Mitautor Felix Creutzig, Energieexperte am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
Der Ausbau der Erneuerbaren hätte die Emissionen längst sinken lassen, wäre da nicht der gegenläufige Trend der steigenden Nachfrage, die die fossilen Erzeuger am Netz hält.
In der Tat hat sich die weltweite Stromerzeugung aus Wind und Sonne seit dem Pariser Klimaabkommen 2015, der Geburtsstunde des 1,5-Grad-Ziels, vervierfacht. Gleichzeitig war aber der Anstieg des Verbrauchs fast doppelt so hoch – mit dem Resultat, dass die Strom-Emissionen in dem Zeitraum um 1,8 Milliarden Tonnen CO2 gestiegen sind.
Sinkende Stromnachfrage hat es auch in kapitalistischen Wachstumsökonomien schon gegeben. In der Europäischen Union ging der Stromverbrauch seit 2008 um zehn Prozent zurück, während das Bruttoinlandsprodukt um 24 Prozent wuchs. Doch genau hier hat sich in einigen Ländern der Trend eben wieder umgekehrt.
Außerdem müsste eine ganzheitliche Analyse einbeziehen, wie viel Stromverbrauch von der EU in andere Länder ausgelagert wurde. So stehen etwa die großen Rechenzentren überwiegend in den USA und China.
Die Autor:innen führen diverse Maßnahmen an, wie sie Energiewende-Fachleute seit Jahren fordern. So hätte die Flexibilisierung des Stromverbrauchs ein hohes Potenzial. Allein die Verschiebung der Nachfrage um zwei Stunden, um sie besser an die Solar-Stromproduktion anzupassen, könnte den Bedarf um knappe vier Prozent senken.
Ein weiterer Hebel sei eine Stadtplanung, die Verkehrsoptionen jenseits des Autos priorisiert. In vielen Städte hat dieser Trend schon begonnen. In London und Paris nutzen etwa deutlich mehr Menschen das Fahrrad. Die wirksamste aller Maßnahmen ist die simple Ausweisung von räumlich abgetrennten Fahrradstreifen auf den Fahrbahnen, wie Analysen zeigen.
Eine oft übersehende Option – auch für ländliche Gebiete – sei die gemeinschaftliche Nutzung von Autos. Für Berlin kam eine Modellstudie zu dem Ergebnis, dass gerade mal 2,6 Prozent der Autos nötig wären, um den Umfang des heutigen Pkw-Individualverkehrs abzudecken. Durch die gemeinschaftliche Nutzung von Autos ließe sich die gesamte Fahrdistanz in Berlin um 60 Prozent senken.
Tägliche Terabytes an Tiervideos?
Zum KI-Verbrauch finden sich keine Politik-Empfehlungen in der Studie. Dazu wäre eine eigene Studie nötig, sagt Ürge-Vorsatz im Gespräch mit Klimareporter°. Natürlich habe KI auch das Potenzial, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, etwa durch die Optimierung von Energiesystemen. Bislang gebe es allerdings keine Zahlen zur Klima-positiven Wirkung von KI.
Grundsätzlich sei zu diskutieren, ob neben Energieeffizienz nicht auch Dateneffizienz in Zukunft ein wichtiges Thema sein müsse, sagt Ürge-Vorsatz, die in Wien zu nachhaltiger Energienutzung forscht. „Wir wollen nichts vorschreiben, aber die Frage muss gestellt werden: Können wir es uns leisten, die Erde substanziell zu erwärmen, damit täglich riesige Datenmengen für Tiervideos hoch- und runtergeladen werden können?“
Ein möglicher Hebel sei irgendeine Form der Bepreisung von Datenströmen. Darüber müsse man gesamtgesellschaftlich debattieren, fordert Ürge-Vorsatz.
Die Autor:innen betonen, dass es ihnen nicht um Fragen des Lebensstils geht, sondern um wirksame politische Ansätze, die in vielen Fällen zusätzlich die Lebensqualität steigern könnten. Viele dieser Ansätze fallen im deutschsprachigen Diskurs unter den Dachbegriff Suffizienz.
Während Suffizienz im wissenschaftlichen Diskurs längst als unvermeidbar gehandelt wird, um die Klima- und Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, spielt sie in der öffentlichen und vor allem politischen Debatte kaum eine Rolle.
Die Vorstellung von Obergrenzen beim Konsum ist schwer mit einem Wirtschaftssystem vereinbar, das sich vor allem an Wachstumskennzahlen orientiert und strukturell auf Expansion ausgelegt ist. Allein der Finanzmarkt und die Investitionslogik sind ohne Wachstum kaum vorstellbar. Welcher Investmentfonds würde in ein Unternehmen investieren, das keine Wertsteigerung seiner Aktien verspricht? Und welche Bank würde Kredite vergeben, wenn sie keine Zinsen verlangen kann?
Quelle
Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (David Zauner) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden!







